Die Hauptwörter werden gleichsam zu einer Gruppe, zu einem Bündel zusammengeschnürt, und der Relativsatz muß an dem ganzen Bündel hängen. Es kann also nicht heißen: Lessing, Goethe und Schiller, der, sondern nur: Lessing, Goethe und Schiller, die. Das fühlt auch jeder ohne weiteres. Nun möchte man aber doch manchmal, nachdem man zwei, drei, vier Dinge aufgezählt hat, gerade über das zuletzt genannte noch etwas näheres in einem Relativsatz aussagen. Ein bloßes welcher – das fühlt jeder – ist unmöglich; es gehn ja drei voraus! Aber welcher letztere oder welch letzterer – das rettet! Also: das Bild stellt Johannes den Täufer und den Christusknaben dar, welch letzterer von dem Täufer in die Welt eingeführt wird – einen Hauptartikel des Landes bildeten die Landesprodukte, wie Kobalt, Wein, Leinwand und Tuch, welch letzteres allerdings dem niederländischen nachstand – er war Regent der weimarischen, gothaischen und altenburgischen Lande, welche letztern ihm aber erst kurz vor seinem Tode zufielen – die Summe des Intellektuellen im Menschen setzt sich zusammen aus Geist, Bildung und Kenntnissen, welchen letztern auch die Vorstellungen zugezählt werden dürfen – es gibt von dem Bilde schwarze und braune Abdrücke, welch letztere aber erst 1784 erschienen sind – den Schluß bildet der Jahresbericht und das Mitgliederverzeichnis, welch letzteres eine große Anzahl neuer Namen enthält – der Neger überflügelt zuerst seine Schulkameraden weit, besonders in der Mathematik und in den Sprachen, für welch letztere seine Begabung erstaunlich ist.

Dieses letztere ist ein bequemes, aber sehr häßliches Auskunftsmittel; ein guter Schriftsteller wird nie seine Zuflucht dazu nehmen. Es läßt sich auch sehr leicht vermeiden, z. B. indem man das letzte Glied für sich stellt: das Bild stellt Johannes den Täufer dar und den Christusknaben, der usw., oder indem man statt des Relativsatzes einen Hauptsatz bildet, worin das letzte Hauptwort wiederholt wird.

Noch schlimmer ist es freilich, wenn, wie so oft, welch letzterer selbst da geschrieben wird, wo nur ein einziges (!) Substantivum vorhergeht, eine falsche Beziehung also ganz unmöglich ist, z. B.: der Plan ist der Wiener Fachschule nachgebildet, welch letztere ihn schon seit längerer Zeit hat – der Urkunde ist die durch den Bischof von Merseburg erteilte Bestätigung beigegeben, welche letztere aber nichts besondres enthält – den gesetzlichen Bestimmungen gemäß scheiden vier Mitglieder aus, welch letztere aber wieder wählbar sind – die Menge richtet sich nach den Beamten, nicht nach dem Gesetz, welch letzteres sie selten kennt – überall wechseln üppige Wiesengründe mit stattlichen Waldungen, welch letztere namentlich die Bergkuppen und Hänge bedecken – der König nahm in dem Wagen Platz, welch letzterer aber schon nach einer Minute vor dem Hotel hielt. Welch eine Schwulst! Vier Silben, wo drei Buchstaben genügen!

Relativsätze an Attributen

Sehr vorsichtig muß man damit sein, einen Relativsatz hinter ein Hauptwort zu stellen, das ein Attribut mit einem zweiten Hauptworte (am häufigsten als abhängigen Genitiv) bei sich hat. Jedes der beiden Hauptwörter, das erste so gut wie das zweite, kann einen Relativsatz zu sich nehmen; es kommt nur darauf an, welches von beiden den Ton hat. Beide zugleich sind nie betont, entweder hat das tragende den Ton, oder das getragne, das im Attribut steht. Welches von beiden betont ist, ergibt sich gewöhnlich sofort aus dem Zusammenhange. Nur an das betonte Hauptwort aber kann sich der Relativsatz anschließen.

Es ist also nichts einzuwenden gegen Verbindungen wie folgende: mit zehn Jahren wurde ich in die unterste Klasse der Kreuzschule aufgenommen, der ich dann acht Jahre lang als Schüler angehörte – bezeichnend ist sein Verhältnis zum Gelde, das er stets wie ein armer Mann behandelte. In diesen Fällen ist das Hauptwort des Attributs betont, der Relativsatz schließt sich also richtig an. Ob man nicht trotzdem solche Verbindungen lieber meiden sollte, namentlich dann, wenn die beiden Hauptwörter gleiches Geschlecht haben, ist eine Frage für sich. Vorsicht ist auch hier zu empfehlen, ein Mißverständnis manchmal nicht ausgeschlossen. Unbedingt falsch dagegen ist folgender Satz: auch warne ich vor einer bravourmäßigen Auffassung der zweiten Variation, die dort gar nicht am Platze ist. Es ist von den Variationen in einer Beethovenschen Sonate die Rede; die erste Variation ist besprochen, nun kommt die zweite an die Reihe. Da ist es klar, daß der Relativsatz nur heißen kann: die eine solche (nämlich eine bravourmäßige Behandlung) gar nicht verträgt.

Viel öfter kommt aber nun der umgekehrte Fehler vor: daß ein Relativsatz an das zweite Hauptwort angeschlossen wird, obwohl das erste den Ton hat. In den meisten Fällen – das ist das Natürliche in jeder logisch fortschreitenden Darstellung – wird das neu Hinzugekommne, das Unterscheidende, also das zu Betonende in dem tragenden Hauptworte liegen, nicht in dem Attribut. Wenn trotzdem an das Attribut ein Relativsatz gehängt wird, so entstehen störende Verbindungen wie folgende: der Dichter dieses Weihnachtsscherzes, der vortrefflich inszeniert war – der Empfang des Fürsten, der um sieben Uhr eintraf – der Tod des trefflichen Mannes, der eine zahlreiche Familie hinterläßt – der Appetit des Kranken, der allerdings nur flüssige Nahrungsmittel zu sich nehmen darf – der linke Arm des Verschwundnen, der sich vermutlich herumtreibt – Flüchtigkeiten erklären sich aus dem körperlichen Zustande des Verfassers, dem es nicht vergönnt war, die letzte Hand an sein Werk zu legen – die folgenden Radierungen tragen schon den Namen des Künstlers, der inzwischen auch mehrere Bildnisse gemalt hatte – um den neuen Lorbeer unsers Freundes, der einen so tiefen Blick in das Leben getan hat, mit Champagner zu begießen – eine Beschränkung der Korrekturlast, die wissenschaftlich gebildete Männer täglich stundenlang bei mechanischer Arbeit festhält – die Hochzeitstorte der Prinzessin, die einen Untertanen, den Herzog von Fife heiratete – die Glanznummer der Wahrsagerin, die noch eine ziemlich junge Frau ist – nun wurde das Dach des Schlosses gerichtet, das man in wenigen Jahren zu beziehen hoffte. Bei oberflächlicher Betrachtung wird mancher meinen, das Störende in diesen Verbindungen liege nur darin, daß die beiden Hauptwörter dasselbe Geschlecht haben, und deshalb eine falsche Beziehung des Relativsatzes möglich ist. Das ist aber nicht der Fall: es sind auch solche Verbindungen nicht gut wie: das letzte Werk des russischen Erzählers, der es seiner Freundin Viardot in die Feder diktierte – die lichtvollen Ausführungen des Redners, der durch seinen Eifer für die Sache der evangelischen Vereine bekannt ist – weist nicht der Ursprung des Gewissens, das ein unveräußerliches Erbteil des Menschen ist, auf eine höhere Macht hin? Für wen der Satzbau etwas mehr ist als ein bloßes äußerliches Zusammenleimen, der wird auch solche Verbindungen meiden.

Oft sind solche falsch angeschlossene Relativsätze nicht bloß dynamisch anstößig (der Betonung wegen), sondern auch logisch; sie enthalten Gedanken, die überhaupt nicht in Relativsätze gehören, beiläufige Bemerkungen, zu denen man sich das beliebte „übrigens“ hinzudenken soll, oder Parenthesen, die eigentlich in Hauptsätzen stehen sollten. Da greifen nun auch hier wieder viele, um Mißverständnissen vorzubeugen, zu dem bequemen Auskunftsmittel welcher letztere und schreiben: die übermäßigen Aufgaben der Schauspieler, welch letztere an einzelnen Tagen dreimal aufzutreten haben – diese ausgezeichnete Landschaftsstudie aus dem Garten der Villa Medici, welch letztere der Künstler eine Zeit lang bewohnte – er mußte sich mit dem Anblick des Waschschwamms begnügen, welch letzterer am Fenster in der Sonne trocknete – eine größere Reihe von Abbildungen kirchlicher Gegenstände, welch letztere einst im Besitz der Michaeliskirche waren – die Freunde der zum Heere einberufnen Studenten, welch letztern dieser Aufruf nicht zu Gesichte kommt usw. Ein schwächliches Mittel. Eine Geschmacklosigkeit soll dazu dienen, einen Fehler zu verbergen!

Einer der schwierigsten, der oder die?

Oft wird an einen Genitiv der Mehrzahl, der von dem Zahlwort einer, eine, eins abhängt, ein Relativsatz angeschlossen, aber gewöhnlich in folgender falschen Weise: ich würde das für einen der härtesten Unfälle halten, der je das Menschengeschlecht betroffen hat – Leipzig ist eine der wenigen Großstädte, in der eine solche Einrichtung noch nicht besteht – das Buch ist eine der schönsten Kriminalgeschichten, die je geschrieben worden ist – das Denkmal ist eins der schönsten, das bis jetzt ans Tageslicht gebracht worden ist – Klopstock ist einer der ersten, der die Nachahmung des Franzosentums verwirft. In solchen Sätzen ist das einer, eine, eins völlig tonlos, es ist wie ein bloßer Henkel für den abhängigen Genitiv, und dieser Genitiv hat den Ton. Es ist aber auch ein logischer Fehler, den Relativsatz an einer anzuschließen; denn der Inhalt des Relativsatzes gilt doch nicht bloß von dem einen, aus der Menge herausgehobnen, sondern von allen, aus denen das eine herausgehoben wird. Es kann also nur heißen: einer der härtesten Unfälle, die je das Menschengeschlecht betroffen habeneine der wenigen Großstädte, in denen (besser wo) eine solche Einrichtung noch nicht besteht usw. Nur scheinbar vermieden wird der Fehler, wenn jemand schreibt: er war ein durch und durch norddeutscher Charakter, der nur die Pflicht kennt; denn hier bezeichnet ein die ganze Klasse, und der geht auf den Einzelnen. Auch hier muß es heißen: er war einer jener norddeutschen Charaktere, die nur die Pflicht kennen.[65]