Falsch fortgesetzte Relativsätze

Ein gemeiner Fehler, dem man in Relativsätzen unendlich oft begegnet, ist der, daß an einen Relativsatz ein zweiter Satz mit und, aber, jedoch angeknüpft wird, worin aus dem Relativ in das Demonstrativ oder in das Personalpronomen gesprungen oder sonstwie schludrig fortgefahren wird, z. B. eine Schrift, die er auf seine Kosten drucken ließ und sie umsonst unter seinen Anhängern austeilte – Redensarten, die der Schriftsteller vermeidet, sie jedoch dem Leser beliebig einzuschalten überläßt – die vielen Fische, die er bisweilen selbst füttert und ihnen zuschaut, wenn sie nach den Krumen schnappen – ein Bauer, mit dem ich über Feuerversicherungsgesellschaften sprach und ihm meine Bewundrung dieser trefflichen Einrichtung ausdrückte – am Schlusse gab Herr W. Erläuterungen über die Vorzüge der Neuklaviatur, welch letztere (!) übrigens in der hiesigen Akademie für Tonkunst bereits eingeführt ist und der Unterricht auf derselben (!) mit bestem Erfolge betrieben wird (das richtige Dummejungendeutsch!) – der Künstler, der dem Männergesang zu jener hohen Stelle verhalf und dieser ihm die gewaltige Bedeutung verdankte, die er heute einnimmt (ebenso!) – eine übermächtige Verbindung, welcher der Herzog schnell mürbe gemacht wich und sich zu einer Landesteilung herbeiließ – dieser Kranke, an den ich seit zwanzig Jahren gekettet war und nicht aufatmen durfte – er entwendete verschiedne Kleidungsstücke, die er zu Gelde machte und sich dann heimlich von hier entfernte – sie erhielt Saalfeld, wo sie 1492 starb und in Weimar begraben wurde – die Seuche, an der zahlreiche Schweine zugrunde gehen und dann noch verwendet werden – es geht das aus dem Testament hervor, das ich abschriftlich beifüge und von fernern Nachforschungen absehen zu können glaube – ein Augenblick, den der Verhaftete benutzte, um zu entweichen, und bis zur Stunde noch nicht wieder aufgefunden worden ist.

Es ist klar, daß durch und nur gleichartige Nebensätze verbunden werden können. Geht also ein Relativsatz voraus, so muß auch ein Relativsatz folgen; die Kraft der relativen Verknüpfung wirkt über das und hinaus fort. In den ersten Beispielen muß es also einfach heißen: und umsonst austeilte –, jedoch einzuschalten überläßt –, in den folgenden: und denen er zuschaut, und dem ich meine Bewundrung ausdrückte. In den letzten Beispielen ist der Anschluß eines zweiten Relativsatzes überhaupt unmöglich, weil der Begriff, der im Relativ erscheinen müßte, in dem zweiten Satze gar nicht wiederkehrt; es kann höchstens heißen: worauf er sich entfernte – sodaß ich absehen zu können glaube.

Steht das Pronomen der Relativsätze im Genitiv, so ist es ein beliebter Fehler, in dem zweiten Relativsatz, obwohl das Subjekt dasselbe bleibt, dieses Subjekt durch ein Relativpronomen zu wiederholen, z. B.: der Kaiser, dessen Interesse für alle Zweige der Technik bekannt ist, und das gerade bei der Berliner Ausstellung wieder klar zutage tritt – das Sprachgewissen, dessen Stimme sich nicht überhören läßt, die sich vielmehr geltend macht bei allem, was wir lesen und schreiben. Ein ebenso beliebtes Gegenstück dazu ist es dann, einen zweiten Relativsatz, der dem ersten untergeordnet ist, mit und anzuknüpfen, z. B.: eine Ehe, vor deren Sündhaftigkeit sie ein wahres Grauen hat, und das sie doch allmählich überwinden muß – er war im Frühling geboren, dessen Blumen ihm stets so lieb blieben, und die er so gern im Knopfloch trug – er sollte ihr ein Wort ins Ohr flüstern, von deren Antlitz sein Herz geträumt hatte, und von dem es sich nicht abwenden konnte. In den ersten beiden Sätzen muß das zweite Relativpronomen weichen, in den drei letzten das und; der letzte Satz bleibt freilich auch dann noch Unsinn.

Ein abscheulicher Fehler ist es, wenn man zwei Relativsätze miteinander verbindet, ohne das Relativum zu wiederholen, obwohl das Relativpronomen in dem einen der beiden Sätze Objekt, in dem andern Subjekt ist, der eine also mit dem Akkusativ, der andre mit dem Nominativ anfängt, z. B.: ein paar Kopien, die ich schon vorfand und mir viel Freude machendie Festschrift, die Georg Bötticher verfaßt hat und von Kleinmichel mit Schildereien versehen worden ist. – Dieser Fehler gehört unter die zahlreichen Sprachdummheiten, die dadurch entstehen, daß man ein Wort nicht als etwas lebendiges, sinn- und inhaltvolles, sondern bloß als eine Reihe von Buchstaben ansieht, also – durch die Papiersprache. Ob diese Buchstabenreihe das einemal Akkusativ, das andremal Nominativ ist, ist dem Papiermenschen ganz gleichgiltig. Schreibt doch eine Memoirenerzählerin sogar: Natur und Kunst lernten wir lieben und wurden in unserm Hause gepflegt!

Relativsatz statt eines Hauptsatzes

Ein schlimmer Fehler endlich, der sehr oft begangen wird, ist es, wenn ein Relativsatz gebildet wird, wo gar kein Relativsatz hingehört, sondern entweder eine andre Art von Nebensatz oder – ein Hauptsatz. Wenn jemand schreibt: Harkort erfreute sich des Rufes eines bewährten Geschäftsmannes, der als Mitbegründer der Leipzig-Dresdner Eisenbahn rastlose Energie an den Tag gelegt hatte – so ist klar, daß der Relativsatz keine Eigenschaft eines bewährten Geschäftsmannes angibt, sondern den Grund, weshalb Harkort in diesen Ruf kam; es muß also heißen: da er als Mitbegründer usw. Wenn jemand schreibt: das Steigen des Flusses erschwerte die Arbeiten, die mit größter Anstrengung ausgeführt wurden – so ist klar, daß der Relativsatz keine Eigenschaft der Arbeiten angibt, sondern eine Folge davon, daß der Fluß steigt; es muß also heißen: sodaß sie nur mit größter Anstrengung usw. Nun vollends: machen Sie einen Versuch mit dem Werke, der Sie voll befriedigen wird – kein Mittel vertreibt den Geruch, der wohl schwächer wird, aber immer bemerklich bleibt – das ersehnte Glück fand er in dieser Verbindung nicht, die nach drei Jahren wieder gelöst wurde – wie im Fluge verbreitete sich die Trauerkunde unter den Vereinsmitgliedern, die dem teuern Genossen vollzählig das letzte Geleit gaben – er widmete sich dem juristischen Studium ohne innern Drang, der ihn zur Literatur und Geschichte führte – jedes Konzert, das er nie versäumte, war ihm ein Hochgenuß – solche Sätze erscheinen wohl äußerlich in der Gestalt von Relativsätzen, ihrem Inhalte nach aber sind es Hauptsätze. Es muß heißen: kein Mittel vertreibt den Geruch; er wird wohl schwächer, bleibt aber immer bemerklich – das ersehnte Glück fand er in dieser Verbindung nicht; sie wurde nach drei Jahren wieder gelöst. Noch fehlerhafter sind folgende Sätze: die Meister sind das Ein und Alles der Kunst, die in ihren Werken und sonst nirgends niedergelegt und beschlossen ist – oder gar: das Honorar beträgt jährlich 360 Mark, welches (!) in drei Terminen zu entrichten ist. Hier ist der Relativsatz nicht bloß an das falsche Wort angeschlossen, sondern logisch falsch: er muß in einen Hauptsatz verwandelt werden.

Nachdem – zumal – trotzdem – obzwar

Verhältnismäßig wenig Fehler kommen in den Nebensätzen vor, die eine Zeitbestimmung, einen Grund oder ein Zugeständnis enthalten (Temporalsätze, Kausalsätze, Konzessivsätze). In den Kausalsätzen ist vor allem vor einem Mißbrauch des Fügewortes nachdem zu warnen. Nachdem kann nur Temporalsätze anfangen. Es ist zwar schon früh auch auf das kausale Gebiet übertragen worden (wie weil und da, die ja auch ursprünglich temporal und lokal sind); gegenwärtig aber ist das nur noch in Österreich üblich. Nachdem der Kaiser keine weitere Verwendung für seine Dienste hatnachdem für die Anschaffung nur unbedeutende Kosten erwachsen – nachdem bei günstigem Wasserstande sich die Verladungen lebhaft entwickeln werden – solche Sätze erscheinen als auffällige Provinzialismen. Falsch ist es aber auch, nachdem in Temporalsätzen mit dem Imperfekt zu verbinden, z. B. der Grund, warum Lasalle, nachdem seine Lebensarbeit zerbrach, doch immer deutlicher als historische Persönlichkeit hervortritt. Nachdem kann nur mit dem Perfekt oder dem Plusquamperfekt verbunden werden.

Ein andrer Fehler, der jetzt in Kausalsätzen fort und fort begangen wird, ist der, hinter zumal das Fügewort da wegzulassen, als ob zumal selber das Fügewort wäre, z. B.: der Zuziehung von Fachmännern wird es nicht bedürfen, zumal in der Literatur einschlägige Werke genug vorhanden sind. Zumal ist kein Fügewort, sondern ein Adverb, es bedeutet ungefähr dasselbe wie besonders, namentlich, hauptsächlich, hat aber noch eine feine Nebenfarbe, insofern es, ähnlich wie vollends, nicht bloß die Hervorhebung aus dem allgemeinen, sondern zugleich eine Steigerung ausdrückt; der Inhalt des Hauptsatzes wird, wenn sich ein Nebensatz mit zumal anschließt, beinahe als etwas selbstverständliches hingestellt. Soll nun, wie es sehr oft geschieht, der in einem Nebensatz ausgedrückte Gedanke in dieser Weise hervorgehoben werden, so muß zumal einfach davortreten, sodaß der Nebensatz nun beginnt: zumal wer, zumal wo, zumal als, zumal wenn, zumal weil, zumal da, je nachdem es ein Relativsatz, ein Temporalsatz, ein Bedingungssatz oder ein Kausalsatz ist, z. B.: das wäre die heilige Aufgabe der Kunst, zumal seit sie bei den Gebildeten zugleich die Religion vertreten soll. So wenig nun jemand hinter zumal das wer, wo, wann oder als weglassen wird, so wenig hat es eine Berechtigung, das da oder weil wegzulassen, und es ist eine Nachlässigkeit, zu schreiben: diese Maßregel erbitterte die Evangelischen, zumal sie hörten – schließlich ließ sich die Angelegenheit nicht länger aufschieben, zumal sich die Aussicht eröffnete usw. Leider ist diese Nachlässigkeit schon so beliebt geworden, daß man bald wird lehren müssen: zumal ist ein Adverb, aber zugleich ist es ein Fügewort, das Kausalsätze anfängt.