Ähnlich wie mit zumal steht es mit trotzdem; auch das möchte man jetzt mit aller Gewalt zum Fügewort pressen. Aber auch das hat keine Berechtigung. Auch trotzdem ist ein Adverb, es bedeutet dasselbe wie dennoch; soll es zur Bildung eines Konzessivsatzes dienen, so muß es mit daß verbunden werden. Zu schreiben, wie es jetzt geschieht: trotzdem Camerarius den Aufgeklärten spielte – trotzdem die Arbeiten im Innern des Hauses noch nicht beendigt sind – trotzdem es an Festlichkeiten nicht mangelte – ist ebenfalls eine Nachlässigkeit. Wir haben zur Bildung von Konzessivsätzen eine Fülle von Fügewörtern: obgleich, obwohl, obschon, wenngleich, wenn auch. Kennt man die gar nicht mehr, daß man sie jetzt alle dem fehlerhaften trotzdem zuliebe verschmäht? Sie sind wohl zu weich, zu geschmeidig, zu verbindlich, nicht wahr? Trotzdem ist gröber, „schneidiger“, trotziger, darum gefällts den Leuten.
Freilich sind alle unsre Fügewörter früher einmal Adverbia gewesen. Auch indem, seitdem, nachdem, solange, sooft, nun (nun die schreckliche Seuche glücklich erloschen ist) wurden zur Bildung von Nebensätzen anfangs gewöhnlich mit einem Fügewort gebraucht (indem daß, solange als). Aber warum soll man nicht einen Unterschied bewahren, solange das Bedürfnis darnach noch von vielen empfunden wird? Wer sorgfältig schreiben will, wird sich auch nicht mit insofern begnügen, wenn er insofern als meint.
Eine österreichische Eigentümlichkeit ist es, Konzessivsätze mit obzwar anzufangen. In der guten Schriftsprache ist das, wie alle Austriazismen, unausstehlich.
Mißbrauch des Bedingungssatzes
Das temporale Fügewort während, das zunächst zwei Vorgänge als gleichzeitig hinstellt, kommt auf sehr leichte und natürliche Weise dazu, zwei Handlungen einander entgegenzusetzen. Den Übergang sieht man an einem Satze wie folgendem: während ihr euerm Vergnügen nachgingt, habe ich gearbeitet; das Fügewort kann hier noch rein temporal aufgefaßt werden, hat aber schon einen Beigeschmack vom Adversativen. Man muß aber in der Anwendung dieser adversativen Bedeutung sehr vorsichtig sein, sonst kommt man leicht zu so lächerlichen Sätzen wie: während Herr W. die Phantasie von Vieuxtemps für Violine vortrug, blies Herr L. ein Nocturno für Flöte von Köhler – der Minister besuchte gestern (!) die Schulen zu Marienthal und Leubnitz, während er heute (!) die Besuche in den hiesigen Schulanstalten fortsetzte – König Albert brachte ein Hoch auf den Kaiser aus, während der Kaiser ihm dafür dankte.
Geradezu ein Unfug aber ist es, Bedingungssätze in adversativem Sinne zu verwenden. Es scheint das aber jetzt für eine ganz besondre Feinheit zu gelten. Man schreibt: wenn bei vielen niedrigen Völkern die Priester als Träger höherer Bildung zu betrachten sind, so ist das bei den Ephenegern nicht der Fall – wenn Adelung die Sprache hauptsächlich als Verständigungsmittel behandelt wissen wollte, so forderte Herder eine individuelle, schöpferische Empfindungssprache. Auch vergleichende Nebensätze werden schon, anstatt mit wie, mit wenn gebildet: wenn Indien die Geschichte der Philosophie in nuce enthält, so ist es an Materialien für die Geschichte der Religion gewiß reicher als ein andres Land – wenn bei uns vielfach über den Niedergang des politischen Lebens geklagt wird, so ist auch in Amerika, wo das politische Leben schon bisher nicht sehr hoch stand, ein solcher Niedergang bemerkbar – wenn der Verein schon immer bestrebt war, die reichen Kunstschätze Freibergs zu heben, so ist das in besonderm Maße in dem vorliegenden Hefte gelungen – war das Handpressenverfahren ungeeignet, so konnte das Typendruckverfahren hinsichtlich der Güte nicht genügen – war das Haus damals recht unbehaglich, so machten sich auch nach dem Umbau Übelstände bemerklich. Ebenso Kausalsätze: wenn die Macht der Sozialdemokratie in der Organisation liegt, so müssen wir uns eben auch organisieren. Ebenso Konzessivsätze: wenn die gestellte Aufgabe sich zwar (aha!) zunächst nur auf die Untersuchung der Goldlagerstellen bezog, so war es doch nötig, auch andre Minerale in den Kreis der Betrachtung zu ziehen. Sogar wo einfach zwei Hauptsätze am Platze wären, kommt man mit diesem wenn angerückt: wenn mein Herr Amtsvorgänger vorm Jahre viel gutes wünschte, so sind diese Wünsche nicht vergeblich gewesen – wenn im frühern Mittelalter die meisten Häuser einfache Holzhäuser gewesen waren, so ist man erst später aus diesem Zustande herausgekommen. Welcher Unsinn!
Wenn diese Art, sich auszudrücken, weitere Fortschritte macht, so kann es noch dahin kommen, daß der Bedingungssatz alle andern Arten von Fügewortsätzen nach und nach auffrißt.
Unterdrückung des Hilfszeitworts
Sehr verschieden sind merkwürdigerweise von jeher die Ansichten gewesen über den Gebrauch, das Hilfszeitwort und (was gleich damit verbunden werden kann) die sogenannte Kopula in Nebensätzen wegzulassen, also zu schreiben: der Bischof war bestrebt, von dem Einfluß, den er früher in der Stadt besessen (nämlich hatte), möglichst viel zurückzugewinnen, der Rat dagegen trachtete, die wenigen Rechte, die ihm noch geblieben (nämlich waren), immer mehr zu beschränken – die Wirkung der Mühlen würde noch erhöht, wenn sie beständig von Luft durchstrichen (nämlich würden) – seine Briefe blieben frei von Manier, während sich in seine spätern Werke etwas davon eingeschlichen (nämlich hat) – die Pallas trug einst einen Helm, wie aus der oben abgeplatteten Form des Kopfes zu erkennen (nämlich ist) – eine Vorstellung wird um so leichter aufgenommen, je einfacher ihr sprachlicher Ausdruck (nämlich ist) – der Ursachen sind mehrere, wenn sie auch sämtlich auf eine Wurzel zurückzuführen (nämlich sind) – verwundert fragt man, ob denn die Krankheit wirklich so gefährlich, das Übel gar so heillos geworden (ist? sei?) – so lautet das Schlagwort, womit das ideale Werk begonnen (ist? hat?) – sogar: die Lukaspassion kann nicht, wie allgemein behauptet (nämlich wird), von Bach geschrieben sein.
Dieser Gebrauch hat eine ungeheure Verbreitung, viele halten ihn offenbar für eine ganz besondre Schönheit. Manche Romanschriftsteller schreiben gar nicht anders; aber auch in wissenschaftlichen, namentlich in Geschichtswerken geschieht es fort und fort. Ja es muß hie und da geradezu in Schulen gelehrt werden, daß dieses Abwerfen des Hilfszeitworts eine Zierde der Sprache sei. Wenigstens war einmal in einem Aufsatz einer Unterrichtszeitschrift verächtlich vom „Hattewarstil“ die Rede; der Verfasser meinte damit die pedantische Korrektheit, die das hatte und war nicht opfern will. Von ältern Schriftstellern liebt es namentlich Lessing, aus dessen Sprache man sich sonst die Muster zu holen pflegt, das Hilfszeitwort wegzulassen, und Jean Paul empfiehlt es geradezu, diese „abscheulichen Rattenschwänze der Sprache“ womöglich überall abzuschneiden.