Nicht zu verwerfen ist es, wenn in Bedingungs- und Wunschsätzen anstatt des Konjunktivs ein wollte, sollte oder möchte mit dem Infinitiv erscheint. Der Satz kann hierdurch bisweilen eine feine Färbung erhalten. Wenn ich mir das erlauben wollte – ist etwas andres als das einfache: wenn ich mir das erlaubte, wenn er sich so etwas unterstehen sollte – etwas andres als das einfache: wenn er sich das unterstünde – wenn sich doch die Regierung einmal ernstlich darum kümmern möchte – etwas andres als das einfache: wenn sie sich doch einmal darum kümmerte. Eine so sinnvolle Verwendung der Hilfszeitwörter ist natürlich mit dem inhaltlosen, nichtssagenden würde nicht auf eine Stufe zu stellen.
Noch ein falsches würde
Ein abscheulicher Stilunfug, der jetzt durch unsre gesamte Erzählungsliteratur geht, ist die Schluderei, die Erzählung durch eine abhängige (indirekte) Rede zu unterbrechen, ohne ein Zeitwort des Sagens, Denkens oder Meinens vorauszuschicken oder wenigstens einzuschalten. Etwa so: Trotz solcher bittern Erfahrungen ließ H. den Mut nicht sinken. Er würde nach Berlin gehn, würde sich dort Arbeit suchen, und es würden auch wieder bessere Zeiten kommen. Jeder, der das liest, glaubt zunächst, der Erzähler spreche weiter, „Er würde“ sei der Konjunktiv des Imperfekts, und es werde nun ein Bedingungssatz folgen. Statt dessen ist der Satz als indirekte Rede dem Helden in den Mund gelegt, und „Er würde“ soll der Konjunktiv des Futurums sein (in direkter Rede: ich werde nach Berlin gehn, werde mir dort Arbeit suchen, und es werden auch wieder bessere Zeiten kommen). Ein guter Erzähler hätte etwa so geschrieben: Er wollte nach Berlin gehn, er beschloß, nach Berlin zu gehn, er hoffte, daß auch wieder bessere Zeiten kommen würden. Das unvorbereitete Umspringen in die indirekte Rede soll wohl der Darstellung etwas dramatisch lebendiges geben, es ist aber eine Liederlichkeit. Leider ist sie in neuern Erzählungen schon so verbreitet, daß sie dem gewohnheitsmäßigen Romanfresser gar nicht mehr auffällt. Woher sie stammt? Wie es scheint, aus schlecht übersetzten Erzählungen aus den skandinavischen Sprachen.
Der Infinitiv. Zu und um zu
In den Infinitivsätzen werden mannigfaltige Fehler gemacht. Vor allem reißt eine immer größere Verwirrung in dem Gebrauch von zu und um zu ein, und zwar so, daß sich um zu immer öfter an Stellen drängt, wo nur zu hingehört. Und doch ist zwischen beiden ein großer Unterschied. Der Infinitiv mit um zu bezeichnet den Zweck einer Handlung; der Infinitiv mit zu dagegen dient zur Begriffsergänzung des Hauptworts oder Zeitworts, von dem er abhängt. In einem Satze wie: die schönen Tage benutzte ich, die Gegend zu durchstreifen, um meine Gesundheit zu kräftigen – ist der Sinn von zu und um zu deutlich zu sehen. Ich benutzte die schönen Tage – das verlangt eine Ergänzung. Wozu denn? fragt man; das bloße benutzte sagt noch nichts. Die notwendige Ergänzung lautet: die Gegend zu durchstreifen. Aber das ist kein Zweck; der Zweck wird dann noch besonders angegeben: um meine Gesundheit zu kräftigen.[71]
Solche ergänzungsbedürftige Begriffe gibt es nun in Menge. Von Hauptwörtern gehören dazu: Art und Weise, Mittel, Macht, Kraft, Lust, Absicht, Versuch, Zeit, Alter, Geld, Gelegenheit, Ort, Anlaß usw., von Zeitwörtern: imstande sein, genug (groß genug, alt genug usw.) sein, genügen, hinreichen, passen, geeignet sein, angetan sein, dasein, dazu gehören, dienen, benutzen usw. Auf alle diese Begriffe darf nur der Infinitiv mit zu folgen.[72] Dennoch wird jetzt immer öfter geschrieben: es wurde eine günstige Gelegenheit benutzt, um sich einen Weg durch die Feinde zu bahnen – hierin sehen wir das beste Mittel, um einem Mißbrauch der Staatssteuer vorzubeugen – als er endlich Kraft und Lust fühlte, um sich an monumentalen Aufgaben zu versuchen – sogar eine Übung mit dem Zeitwort muß den Anlaß geben, um den Rachekrieg zu predigen – wo ist in der Türkei ein Mann, um so umfassende Aufgaben durchzuführen? – wenn man wirklich einmal die Zeit gewinnt, um ein aus dem Drange des Herzens geschaffnes Werk zu vollenden – nach den Vorbereitungen für die Schule behielt sie noch Zeit übrig, um deutsche Gedichte zu lesen – alle waren in dem Alter, um die Gefahr zu begreifen – wie viele Schulbibliotheken haben kein Geld, um sich Rankes Weltgeschichte zu kaufen! – er hatte das nötige Geld, um durch Reisen seinen Wissensdurst zu befriedigen – es gehört schon eine bedeutende Einnahme dazu, um sich eine anständige Wohnung verschaffen zu können – manche Aufzeichnungen scheinen mir nicht geeignet, um einen Platz in diesen Denkwürdigkeiten zu finden – die Zeitlage ist nicht dazu angetan, um diese Forderungen zu bewilligen – den Aufenthalt in Berlin benutzte ich, um mich auch den ältern Fachgenossen vorzustellen – die Arbeiter sind nur dazu da, um den Hausbesitzern eine möglichst hohe Grundrente zu sichern – sind diese Gründe wirklich genügend, um das Bestehen einer solchen Einrichtung zu rechtfertigen? – ist unsre Sprache noch jung genug, um (!) neue Wörter zu erzeugen? – ein Jahrhundert ist lang genug, um (!) in der Sprache erhebliche Änderungen hervorzurufen – der deutsche Geist war stark genug geworden, um(!) die fremden Ketten zu brechen – ich muß abwarten, ob ihm mein Wesen Interesse genug einflößen wird, um(!) sich mit mir abzugeben. Eine Zeitung schreibt: die englische Regierung wird nichts tun, um die Gemeinsamkeit in dem Vorgehen der Mächte zu stören. Das kann doch nur heißen: sie wird sich untätig verhalten, damit sie das gemeinsame Vorgehen der Mächte störe. Es soll aber heißen: sie wird alles unterlassen, was das gemeinsame Vorgehen stören könnte. Solches Unheil richtet das dumme um an!
Namentlich hinter den Verbindungen mit genug hat um zu gewaltig um sich gegriffen, obwohl sich die lebendige Sprache meist noch mit dem bloßen zu begnügt, und die Mutter zu ihrem Jungen ganz richtig sagt: du bist alt genug, das zu begreifen! Vollends verdrängt worden ist aber das ursprüngliche einfache zu nach den mit zu verbundnen Adjektiven: Gott ist zu hoch, um sich um die Kleinigkeiten der Welt zu kümmern – der Stoff ist viel zu umfänglich, um ihn in öffentlichen Vorlesungen zu behandeln – sie haben zu wenig Bildung, um ihre Taktlosigkeiten zu erkennen – die Mannschaft ist zu gering, um einen festen Stützpunkt für die Schulung der Rekruten abzugeben. Auch hier genügt überall das einfache zu und hat auch früher genügt. (Freilich heißt es auch schon im Faust: Ich bin zu alt, um nur zu spielen, zu jung, um ohne Wunsch zu sein.)
Wie die angeführten Beispiele zeigen, ist es nicht nötig, daß das Subjekt des Infinitivsatzes immer dasselbe sei wie das des Hauptsatzes. Doch ist es gut, dabei vorsichtig zu sein. Es braucht bei Verschiedenheit des Subjekts nicht immer solcher Unsinn herauszukommen wie in dem Satze: ohne Gefahr zu ahnen, geriet ein vom Abhange rollender Stein unter das Vorderrad des Wagens – es sind auch solche Sätze schlecht wie: die Kurfürstin ließ den Hofprediger rufen, um sie mit den Tröstungen der Religion zu erquicken; hier wird nur der Fehler durch den Gegensatz der Geschlechter verschleiert. Man setze statt der Kurfürstin den Kurfürsten, und sofort entsteht Unsinn, sofort müßte der Infinitivsatz geändert und geschrieben werden, um sich von ihm mit den Tröstungen der Religion erquicken zu lassen. Erträglich sind aber folgende Sätze: der achteckige Aufbau soll wegfallen, um Turm und Schiff in größern Einklang zu bringen – das Fechten mit der blanken Waffe sollte fleißig geübt werden, um nötigenfalls mit der eignen Person eintreten zu können – zurzeit liegt die Fregatte im Trockendock, um sie für die Winterreise vorzubereiten. Hier schwebt beim Infinitiv ein unbestimmtes Subjekt (man) vor.
Vorsichtig muß man auch mit einer Anwendung des Infinitivs mit um zu sein, die manche sehr lieben, nämlich der, von zwei aufeinanderfolgenden Vorgängen den zweiten als eine Art von Verhängnis oder Schicksalsbestimmung hinzustellen und dabei in die Form eines Absichtssatzes zu kleiden, z. B.: der Herzog kehrte nach F. zurück, um es nie wieder zu verlassen. Der Sinn ist: es war ihm vom Schicksal bestimmt, es nie wieder zu verlassen, während seine Absicht vielleicht war, es noch recht oft zu verlassen. Man kann diesen Gebrauch das ironische um zu nennen. Es entsteht aber sehr oft ein lächerlicher Sinn dabei, z. B.: er wurde in dem Kloster Lehnin beigesetzt, um später in den Dom zu Kölln an der Spree überführt (!) zu werden – er schloß sich der Emin-Pascha-Expedition an, um ein trauriges Ende dabei zu finden – täglich wird eine Masse von Konzert- und Theaterberichten geschrieben, um schnell wieder vergessen zu werden – beim Eintreffen der Feuerwehr brannte das Gebäude bereits vollständig, um schließlich einzustürzen – die Einzeichnungen beginnen im Jahre 1530, um schon im Jahre 1555 wieder abzubrechen – vor etwa dreißig Jahren sind die Niersteiner Quellen versiegt, um erst neuerdings wieder hervorzubrechen – nach einigen Jahren wandte er sich nach Magdeburg, doch nur, um dort in noch größere Bedrängnis zu geraten – die Schwestern reisten in die Schweiz, wo sie sich trennten, um sich nie wiederzusehen. Das Richtige wären hier überall zwei Hauptsätze.
Mit dem Hilfszeitwort sein verbunden kann der Infinitiv mit zu sowohl die Möglichkeit wie die Notwendigkeit ausdrücken; das ist zu erreichen heißt: das kann erreicht werden, das ist zu beklagen heißt: das muß beklagt werden. Daher muß man sich vor Zweideutigkeiten hüten, wie: ein Fräulein sucht Stelle bei einem geistlichen Herrn; gute Zeugnisse sind vorzulegen.