Eine zweite, ebenso unüberschreitbare Grenze für die Neigung, überall den Konjunktiv der Gegenwart vorzuziehen, liegt in einer gewissen Bedeutung des Konjunktivs der Vergangenheit. Der Indikativ stellt etwas als wirklich hin, der Konjunktiv nur als gedacht, gleichviel, ob diesem Gedachten die Wirklichkeit entspricht oder nicht. Es gibt aber noch einen dritten Fall. Es kann etwas als gedacht hingestellt, aber zugleich aufs bestimmteste ausgedrückt werden, daß diesem Gedachten die Wirklichkeit nicht entspreche. Diese Aufgabe kann aber nur der Konjunktiv der Vergangenheit erfüllen. Das bekannteste Beispiel dafür und eins, das niemand falsch bildet, sind die sogenannten irrealen Konditionalsätze oder Bedingungssätze der Nichtwirklichkeit. Jedermann sagt und schreibt richtig: wenn ich Geld hätte, käme ich, oder: wenn ich Geld gehabt hätte, wäre ich gekommen. Der Sinn ist in dem ersten Falle: ich habe aber keins, im zweiten: ich hatte aber keins, mit andern Worten: sowohl das Geldhaben als die Folge davon, das Kommen, wird in beiden Fällen als nichtwirklich, als „irreal“ hingestellt. Die Sprache verfährt dabei sehr ausdrucksvoll. Sie rückt den Gedanken nicht bloß aus dem Bereiche der Wirklichkeit (den der Indikativ ausdrücken würde), sondern versetzt ihn außerdem auch noch in eine größere Zeitferne: eine irreale Bedingung in der Gegenwart wird durch das Imperfekt (wenn ich hätte), eine irreale Bedingung in der Vergangenheit durch das Plusquamperfekt (wenn ich gehabt hätte) ausgedrückt. Ein Schwanken in dem Tempus des Konjunktivs ist hier völlig ausgeschlossen; Imperfekt und Plusquamperfekt sind in solchen Sätzen unerläßlich.[68]
Solche Sätze bildet ja nun jeder richtig, wenn er auch vielleicht nie darüber nachgedacht hat, warum er sie so bildet. Die Bedingungssätze sind aber keineswegs die einzigen Nebensätze, die irrealen Sinn haben können. Etwas sehr gewöhnliches sind auch Relativsätze, Objektsätze, Kausalsätze, Folgesätze mit irrealem Sinn. In allen diesen Sätzen verfährt die lebendige Sprache genau so wie in den irrealen Bedingungssätzen, jedermann bildet auch sie in der Umgangssprache ganz richtig, ohne sich einen Augenblick zu besinnen, und sagt: ich kenne keinen Menschen, den ich lieber hätte als dich – ich weiß nichts davon, daß er verreist gewesen wäre – ich will nicht sagen, daß ich keine Lust gehabt hätte[69] – er ist zu dieser Arbeit nicht zu brauchen, nicht etwa weil er zu dumm dazu wäre – ich bin nicht so ungeduldig, daß ich es nicht erwarten könnte usw. Aber der Papiermensch getraut sich solche Sätze nicht zu schreiben, er stutzt, zweifelt, wird irre, schreibt schließlich – den Indikativ, und so laufen einem denn täglich auch solche Sätze über den Weg wie: ich kenne keine zweite Fachzeitschrift auf diesem Gebiete, die so allen Ansprüchen entgegenkommt (käme!) – die Geschichte kennt keine Musiker, die auf rein autodidaktischem Wege zur Bedeutung gelangt sind (wären!) – es dürfte heute kein Physiker zu ermitteln sein, der an die Möglichkeit eines absolut leeren Raumes glaube (glaubte!) – bei Shakespeare selbst findet sich kein Wort, das auf eine solche Anschauung seines Helden deutet (deutete!) – es gibt kein Stück Shakespeares, worin die Charaktere klarer entwickelt sind (wären!) – es gibt kein zweites Industrieprodukt, das eine derartige Verbreitung gefunden hat (hätte!) – es gibt heute keine Sängerin von Ruf, die diese Lieder nicht singt (sänge!), kein Publikum, das sie nicht begeistert aufnimmt (aufnähme!) – Wien ist gegenwärtig kein Platz, wo goldne Sporen zu verdienen sind (wären!) – es fehlte bisher an einem Buche, das dem Laien verständlich war (gewesen wäre!) und zugleich auf der Höhe der Wissenschaft stand (gestanden hätte!) – es gibt keinen, der die Entwicklung der politischen Verhältnisse kennt (kennte!), keinen, der sagen kann (könnte!): morgen wird es so sein – nie hat er etwas getan, was mit seiner Untertanenpflicht in Widerspruch stand (gestanden hätte!) – wir haben seit langen Jahren kein Abgeordnetenhaus gehabt, worin diese Partei so stark vertreten war (gewesen wäre!) – wir hören nichts davon, daß die weniger betroffnen Gemeinden den Notleidenden die Hand boten (geboten hätten!) – ich gebe diese Auslassung wörtlich wieder, nicht weil ich sie für sehr bedeutend halte (hielte!), sondern weil usw. – gewiß sind manche Fehler begangen worden, nicht etwa weil unsre Vorfahren unverständige Leute waren (gewesen wären!) und ihre Pflicht nicht getan haben (hätten!), sondern weil eine solche Entwicklung nicht vorauszusehen war – wie selten sind diese Kenntnisse ein so sichrer Besitz geworden, daß mit Freiheit darüber verfügt wird (würde!) – die Summe gewährt ihm keine genügende Unterstützung, daß er während seiner Studentenzeit sorgenfrei leben kann (könnte!) – so dumm sind unsre Schauspieler nicht, daß man ihnen das alles haarklein vorschreiben muß (müßte!) – die Sache ist damals beanstandet worden, ohne daß über den Grund aus den Akten etwas zu ersehen ist (wäre!) – ach, es war eine schöne Zeit, zu schön, als daß sie lange dauern konnte (hätte dauern können!) – zum Glück war ich noch zu klein, als daß mir der Inhalt des Buches großen Schaden zufügen konnte (hätte zufügen können!) – die Hauswirte lassen lieber die Wohnungen leer stehen, als daß sie sie billig vermieten (vermieteten!) – anstatt daß eine Beruhigung eintrat (eingetreten wäre!), bemächtigte sich vielmehr des ganzen Landes eine tiefe Aufregung.
In allen diesen Sätzen drückt der Nebensatz etwas Nichtwirkliches aus. Zu allen diesen Nebensätzen ist gleichsam im Geist ein irrealer Bedingungssatz zu ergänzen: nie hat er etwas getan, was mit seiner Untertanenpflicht in Widerspruch gestanden hätte (nämlich wenn er es getan hätte, was eben nicht der Fall war). Also müssen sie auch alle in den Modus der Nichtwirklichkeit treten. Es würde ganz unbegreiflich sein, wie jemand solche Nebensätze in den Indikativ setzen kann, wenn nicht, wie so oft, die leidige Halbwisserei dabei im Spiele wäre. Man ist nicht unwissend genug, den richtigen Konjunktiv aus der lebendigen Sprache unangezweifelt zu lassen, aber man ist auch nicht wissend, nicht unterrichtet genug, den Zweifel niederzuschlagen und das richtige aufs Papier zu bringen.
Vergleichungssätze. Als wenn, als ob
Zu diesen Nebensätzen, die sehr oft irrealen Sinn haben, gehören nun auch die Vergleichungssätze, die mit als ob, als wenn, wie wenn anfangen. Sehr oft kann oder muß man zu solchen Sätzen im Geiste den Gedanken ergänzen: was nicht der Fall ist oder: was nicht der Fall war, z. B.: er geht mit dem Gelde um, als ob er (was nicht der Fall ist) ein reicher Mann wäre. Auch diese Sätze werden in der lebendigen Sprache wie alle andern irrealen Nebensätze behandelt, d. h. in der Gegenwart stehen sie im Konjunktiv des Imperfekts, in der Vergangenheit im Konjunktiv des Plusquamperfekts. Auf dem Papier ist aber jetzt auch hier Verwirrung eingerissen. Man schreibt z. B.: er tut, als habe er schon damals diese Absicht gehabt – er sah mich verwundert an, als ob ich irre rede oder Fabeln erzähle. Es muß heißen: als hätte er – als ob ich irre redete oder Fabeln erzählte – ganz abgesehen davon, daß sich in dem zweiten Beispiel die Konjunktive der Gegenwart nicht von den Indikativen unterscheiden. Die Verwirrung geht so weit, daß solche Sätze jetzt sogar in den Indikativ gesetzt werden, z. B.: es will uns scheinen, als ob die mißgünstige Kritik einen sehr durchsichtigen Grund hat – es macht den Eindruck, als ob das Stück der Zensurbehörde vorlag, aber nicht die Sanktion erhielt – es war, als ob seit dem Einzuge der verwitweten Tochter ein unheimlicher Druck auf dem ganzen Hause lag.[70]
Soll nicht angedeutet werden, daß der in dem Vergleichungssatze stehende Gedanke nicht wirklich sei, so kann (nach einem Präsens im Hauptsatze) natürlich auch im Nebensatze der Konjunktiv der Gegenwart stehen, z. B.: es will mir scheinen, als ob er geflissentlich die Augen dagegen verschließe – es gewinnt den Anschein, als wolle der Verfasser das sittliche Gefühl des Zuschauers absichtlich verletzen – ich habe die Empfindung, als ob ihm die Welt zuweilen recht verzerrt erschienen sei.
Würde
Wieviel zu der herrschenden Unsicherheit im Gebrauche der Modi die Unsitte beiträgt, die Hilfszeitwörter wegzulassen, ist schon gezeigt worden (vgl. [S. 139]). Nicht nur der Unterricht sollte darauf halten, sondern auch jeder Einzelne sich selbst so weit in Zucht nehmen, daß gerade da, wo ein Zweifel über den Modus entstehen kann, das bequeme Auskunftsmittel, das Hilfszeitwort zu unterdrücken, verschmäht würde, der Gedanke stets reinlich und bestimmt zu Ende gebracht würde. Für den Konjunktiv des Imperfekts aber und seinen richtigen Gebrauch ist insbesondere noch der Umstand verhängnisvoll geworden, daß man ihn in Hauptsätzen zu Bedingungssätzen durch den sogenannten Konditional (würde mit dem Infinitiv) umschreiben kann (ich würde bringen statt: ich brächte). Das hat nicht nur dazu geführt, daß sich viele Leute von gewissen Zeitwörtern kaum noch einen wirklichen Konjunktiv des Imperfekts zu bilden getrauen, daß sie sich überall da, wo sie zweifeln (vgl. [S. 62]), mit dem kläglichen würde behelfen, anstatt sich die Kenntnis der richtigen Verbalform zu verschaffen, sondern sie hat auch schon eine bedenkliche Verwirrung im Satzbau angerichtet. Von Süddeutschland und namentlich von Österreich aus hat sich aus dem fehlerhaften Hochdeutsch der Halbgebildeten immer mehr die Unsitte verbreitet, den Konditional auch in Bedingungs- und Relativsätzen, Vergleichungs- und Wunschsätzen anzuwenden.
Man schreibt: ich würde mich nicht wundern, wenn ich in einer Zeitung lesen würde (läse!) – von großer Bedeutung wäre es, wenn sich der Leserkreis des Blattes erweitern würde (erweiterte) – wir könnten eine monumentale Sprache wiedergewinnen, wenn wir unser Denkmalschema verlassen würden (verließen!) – wie schematisch würde eine historische Darstellung ausfallen, wenn sie immer nur diese Maßstäbe anlegen würde (anlegte!) – weniger Sauberkeit und Regelmäßigkeit wäre dichterisch wertvoller, wenn sich eine starke Natur, eine glühende Leidenschaft, ein hoher Sinn offenbaren würden (offenbarten!) – der Christ, der sich einbilden würde (einbildete!), daß seine Religion die Menschen zu Engeln gemacht habe, wäre ein Utopist – der Stil seiner Abhandlung wird oft so hoch, als wenn er über Goethe schreiben würde (schriebe!) – hat die Kochstunde geschlagen, so muß das Feuer flackern, als ob es auf Kommando gehen würde (ginge!) – er fuhr mit den Händen auf und ab, als ob er buttern würde (butterte!) – wenn man diese Arbeit eines Spezialisten auf therapeutischem Gebiete durchstudiert, so bekommt man den Eindruck, als wenn man das Urteil eines Richters lesen würde (läse!), der in eigner Sache entscheidet – diese Romane tun, als würden sie die Laster nur der Sittlichkeit wegen schildern (schilderten!) – es wäre zu wünschen, er würde dieser Feier einmal beiwohnen (wohnte bei!) – es wäre dringend erwünscht, daß das Polizeiamt dieser Anregung Folge geben würde (gäbe!) – es gibt keine Sphäre des Lebens, deren Anfänge nicht im Unbewußten liegen würden (lägen!) – wenn nur wenigstens künstlerische Form ihre Darstellung adeln würde (adelte!) – der Engländer ist zu sachlich und zu praktisch, als daß er selber beleidigend auftreten würde (aufträte!) – der Ernst des militärischen Lebens läßt es sich ab und zu gefallen, daß das Blümlein Humor an ihm emporwuchert, ohne daß sich dadurch das feste Gefüge der Disziplin lockern würde (lockerte!).
Ein wahres Wunder, daß wir den Kehrreim bei Mirza Schaffy und Rubinstein: ach, wenn es doch immer so bliebe! nicht längst verschönert haben zu: ach, wenn es doch immer so bleiben würde! Ein wahres Wunder, daß wir das alte Volkslied: wenn ich ein Vöglein wär und auch zwei Flüglein hätt! noch nicht umgestaltet haben zu: wenn ich ein Vöglein sein würde und auch zwei Flüglein haben würde! Denn so müßte es doch eigentlich in dem schönen österreichischen Zeitungshochdeutsch heißen! Im Volksdialekt heißt es freilich ganz richtig: Wann i a Vögerl war (= wär) und a zwoa Flügerln hätt.