Die sogenannte consecutio temporum

Daß ich sei oder: daß ich wäre! Oder? Was heißt oder? Ist es gleichgiltig, was von beiden gesetzt wird? oder richtet sich das nach dem Tempus des regierenden Hauptsatzes? Mit andern Worten: gibt es nicht auch im Deutschen etwas ähnliches wie eine consecutio temporum, die vorschreibt, daß auf die Gegenwart im Hauptsatz auch die Gegenwart im Nebensatze, auf die Vergangenheit im Hauptsatz auch die Vergangenheit im Nebensatze folgen müsse?

Das Altdeutsche hat seine strenge consecutio temporum gehabt. Die hat sich aber schon frühzeitig gelockert, und zwar ist in den nieder- und mitteldeutschen Mundarten der Konjunktiv der Vergangenheit, in den oberdeutschen der Konjunktiv der Gegenwart bevorzugt worden. Dort ist die Vergangenheit auch nach Hauptsätzen der Gegenwart, hier die Gegenwart auch nach Hauptsätzen der Vergangenheit vorgezogen worden. Eine weitere Entwicklungsstufe, auf der wir noch stehen, ist die, daß die Eigentümlichkeit der oberdeutschen Mundarten, die Bevorzugung der Gegenwart, weiter um sich griff und mit der Eigentümlichkeit der mittel- und niederdeutschen in Kampf geriet. Schon Luther schreibt (Ev. Joh. 5, 15): der Mensch ging hin und verkündigte es den Juden, es sei Jesus, der ihn gesund gemacht habe. Der gegenwärtige Stand ist der – was namentlich auch für Ausländer gesagt sein mag –, daß es in allen Fällen, mag im regierenden Satze die Gegenwart oder die Vergangenheit stehen, im abhängigen Satze unterschiedslos sei und wäre, habe und hätte, gewesen sei und gewesen wäre, gehabt habe und gehabt hätte heißen kann. Es ist ebensogut möglich, zu sagen: er sagt, er wäre krank – er sagt, er wäre krank gewesen – er sagte, er sei krank – er sagte, er sei krank gewesen – wie: er sagt, er sei krank – er sagt, er sei krank gewesen – er sagte, er wäre krank – er sagte, er wäre krank gewesen. In der Schriftsprache ziehen viele in allen Fällen den Konjunktiv der Gegenwart als das Feinere vor und überlassen den Konjunktiv der Vergangenheit der Umgangssprache. Wenn sich aber jemand in allen Fällen lieber des Konjunktivs der Vergangenheit bedient, so ist auch dagegen nichts ernstliches einzuwenden. Wer vollends durch die Verwirrung der Tempora in seinem Sprachgefühl verletzt wird, wem es Bedürfnis ist, eine ordentliche consecutio temporum zu beobachten, den hindert nichts, das auch jetzt noch zu tun. Das alles ist nun freilich eine Willkür, die ihresgleichen sucht; aber der tatsächliche Zustand ist so.

Glücklicherweise hat aber diese Willkür doch gewisse Grenzen, und daß von diesen Grenzen die wenigsten eine Ahnung haben, ist wieder ein trauriger Beweis von der fortschreitenden Abstumpfung unsers Sprachgefühls.

Der unerkennbare Konjunktiv

Die eine Grenze liegt in der Sprachform unsrer Konjunktive. Der Konjunktiv der Gegenwart hat nämlich jetzt im Deutschen nur zwei (oder drei) Formen, in denen er sich von dem Indikativ unterscheidet: die zweite und die dritte Person der Einzahl (und allenfalls die zweite Person in der Mehrzahl); in allen übrigen Formen stimmen beide überein. Nur das Zeitwort sein macht seine Ausnahme, und die Hilfszeitwörter müssen, dürfen, können, wollen, mögen und sollen; die haben einen durchgeführten Konjunktiv des Präsens: ich sei, du seist, er sei, ich müsse, du müssest, er müsse. Im Plural unterscheiden sich aber die beiden Modi auch bei den Hilfszeitwörtern nicht. Nur in der zweiten Person heißt es im Indikativ wollt, müßt, im Konjunktiv wollet, müsset; eigentlich sind aber auch diese Formen gleich, man hat nur im Konjunktiv das e bewahrt, das man im Indikativ ausgeworfen hat. Die Formen nun, in denen der Konjunktiv nicht erkennbar ist, weil er sich vom Indikativ nicht unterscheidet, haben natürlich nur theoretischen Wert, sie stehen gleichsam nur als Füllsel in der Grammatik (um das Konjugationsschema vollzumachen), aber praktische Bedeutung haben sie nicht, im Satzbau müssen sie durch den Konjunktiv des Imperfekts ersetzt werden. Das geschieht denn auch in der lebendigen Sprache ganz regelmäßig, so regelmäßig, daß es beinahe ein Unsinn ist, wenn unsre Grammatiken lehren: Conj. praes.: ich trage, du tragest, er trage, wir tragen, ihr traget, sie tragen. Solche Schattenbilder sollten gar nicht in der Grammatik stehen, es könnte einfach gelehrt werden: Conj. praes.: ich trüge, du tragest, er trage, wir trügen, ihr trüget, sie trügen. Dieser Gebrauch steht schon lange so fest, daß er selbst dann gilt, wenn das regierende Verbum in der Gegenwart steht, also – gegen die consecutio temporum. Unsre guten Schriftsteller haben ihn denn auch fast immer beobachtet. Nicht selten springen sie in einer längern abhängigen Rede scheinbar willkürlich zwischen dem Konjunktiv des Präsens und dem des Imperfekts hin und her; sieht man aber genauer zu, so sieht man, daß das Imperfekt immer nur dazu dient, den Konjunktiv erkennbar zu machen – ganz wie in der lebendigen Sprache. Nun unterscheidet sich zwar der Konjunktiv des Imperfekts, zu dem man seine Zuflucht nimmt, bisweilen auch nicht von dem Indikativ des Imperfekts. Wenn er aber in der abhängigen Rede zwischen erkennbaren Konjunktiven der Gegenwart und abwechselnd mit ihnen erscheint, so wird er eben nicht als Indikativ gefühlt, sondern hier ist er das einzige Mittel, das Konjunktivgefühl aufrecht zu erhalten. Ganz dasselbe gilt natürlich von dem Konjunktiv des Perfekts und des Plusquamperfekts; der erste ist, abgesehen von den zwei erkennbaren Formen: du habest gesagt, er habe gesagt, für die lebendige Sprache so gut wie nicht vorhanden, er muß überall durch den des Plusquamperfekts ersetzt werden: ich hätte gesagt, wir hätten gesagt usw.

Nun vergleiche man damit die klägliche Hilflosigkeit unsrer Papiersprache! Da wird geschrieben: es ist eine Lüge, wenn man behauptet, daß wir die Juden nur angreifen, weil sie Juden sind. Es muß unbedingt heißen: angriffen, denn es muß der Konjunktiv stehen, und das Präsens angreifen wird nicht als Konjunktiv gefühlt. Zu folgenden falschen Sätzen mag das richtige immer gleich in Klammern danebengesetzt werden: es ist ein Irrtum, wenn behauptet wird, daß sich die Ziele hieraus von selbst ergeben (ergäben!) – wie oft wird geklagt, daß die Diener des Staats und der Kirche von der Universität nicht die genügende Vorbildung für ihren Beruf mitbringen (mitbrächten!) – von dem Gedanken, daß in Lothringen ähnliche Verhältnisse vorliegen (vorlägen!) wie in Posen, muß ganz abgesehen werden – es war eine ausgemachte Sache, daß ich in Kriegsdienst zu treten habe (hätte!) – es gibt noch Leute, die ernstlich der Meinung sind, daß die Nationalliberalen 1866 das Deutsche Reich haben (hätten!) gründen helfen – es wird mir vorgeworfen, daß ich die ursprüngliche Reihenfolge ohne zureichenden Grund verlassen habe[66] (hätte!) – H. Grimm geht von der Voraussetzung aus, daß ich den Unterricht in der neuern Kunstgeschichte an der Berliner Universität bekrittelt habe (hätte!) – am Tage meiner Abreise konnte ich schreiben, daß ich die Taschen voll gewichtiger Empfehlungen habe (hätte!) – da mußte ich erkennen, daß ich für mein wissenschaftliches Streben nicht die gehoffte Förderung zu erwarten habe (hätte!) – der Verfasser ist der Meinung, das Verbrechen müsse als gesellschaftliche Erscheinung betrachtet und bekämpft werden, zu seiner Ergründung müssen (müßten!) die Ergebnisse der Gesellschaftswissenschaft berücksichtigt werden – man behauptet, daß die Lehren des Talmud veraltet seien und nicht mehr befolgt werden (würden!) – ich schrieb ihm, daß ich die Verantwortung nicht übernehmen könne, sondern die anstößigen Stellen beseitigen werde (würde!)[67] – er erhebt den Vorwurf gegen uns, daß wir damit ein bloßes Wahlmanöver bezwecken (bezweckten!) – er hatte vor seinem Tode den Wunsch geäußert, die Soldaten mögen (möchten!) nicht auf seinen Kopf zielen – der Verfasser sucht nachzuweisen, daß die behaupteten Erfolge nicht bestehen (bestünden!) – durch die Städte und Dörfer eilte die Schreckenskunde, daß Haufen französischer Freischärler den Rhein überschritten haben (hätten!) und sich sengend und brennend über das Land ergießen (ergössen!) – ich hatte ihm bei der letzten Besprechung gesagt, ich begreife (begriffe!) sehr wohl, daß unser Verhältnis nicht wieder angeknüpft werden könne usw.

Daß die Verfasser dieser Sätze den Indikativ hätten gebrauchen wollen, ist nicht anzunehmen; sie haben ohne Zweifel alle die redliche Absicht gehabt, einen Konjunktiv hinzuschreiben. Aber sie haben alle jenes Papiergespenst erwischt, das in der Schulgrammatik, um das Kästchen der Konjugationstabelle zu füllen, als Konjunktiv des Präsens oder des Perfekts dasteht, aber in der Satzbildung dazu völlig unbrauchbar ist.

Ganz entsetzlich zu lesen sind Zeitungsberichte über „stattgefundne“ Versammlungen und die dabei „stattgefundnen“ Debatten. Was die Redner da gesagt haben, erscheint ja in den Berichten in abhängiger Rede. Aber von Anfang bis zu Ende wird alles mechanisch in den Konjunktiv der Gegenwart gesetzt, dazwischen noch so und so viel Indikative. Da aber mindestens fünfzig von hundert solchen Konjunktiven gar nicht als solche gefühlt werden können, so taumeln die Berichte nun unausgesetzt zwischen Konjunktiv und Indikativ hin und her. Auch Protokolle werden jetzt zum größten Teil so abgefaßt.

Der Konjunktiv der Nichtwirklichkeit