Gewiß gibt es zwischen den unbedingt nötigen Indikativen und den unbedingt nötigen Konjunktiven verschiedne Arten von zweifelhaften Fällen. Es gibt doppelsinnige Verba, wie z. B. finden, sehen, zeigen, die ebensogut eine Erkenntnis wie eine Meinung ausdrücken können; darnach hat sich der Modus des Nebensatzes zu richten. Als der erste Schrecken überwunden war, sahen die Römer, daß sich der Aufstand nicht bis zum Rhein ausdehne – man erwartet den Indikativ: ausdehnte; aber der Schreibende hat mit sehen vielleicht mehr den Gedankengang, die Erwägung der Römer ausdrücken wollen. So ist auch beweisen wollen, zu beweisen suchen etwas andres als beweisen; Hamerling hat beweisen wollen, daß man als Atheist auch ein edler und tüchtiger Mensch sein könne – das wäre richtig, ebenso wie: er will beweisen, daß weiß schwarz sei. Ein Bigotter könnte aber auch sagen: beweisen läßt sich alles mögliche; hat nicht Hamerling sogar bewiesen, daß ein Atheist ein edler Mensch sein könne? Dann wäre der Sinn: trotz seines Beweises glaube ich es nicht. Und andrerseits kann man wieder sagen: warum willst du erst noch beweisen, daß zwei mal zwei vier ist? Man vergleiche noch folgende Sätze: darin geben wir dem Verfasser Recht, daß es unerklärlich ist, wie der gütige Gott eine mit Übeln erfüllte Welt schaffen konnte; aber wir bestreiten, daß es deshalb logisch geboten sei, dem Wesen, das die sittliche Norm in sich enthält, die Weltschöpfung abzusprechen. Auch in dem ersten Satze ist der Konjunktiv möglich, mancher würde ihn vielleicht auch dort vorziehen. Bei guten Schriftstellern, bei denen man das angenehme Gefühl hat, daß sie jedes Wort mit Bedacht hinsetzen, macht es Vergnügen, solchen Dingen nachzugehen. Aber wie oft hat man dieses Gefühl? Meist lohnt es nicht der Mühe, hinter plumpen Schnitzern nach besondern Feinheiten zu suchen.

Wenn das Verbum des Hauptsatzes im Präsens steht und das Subjekt die erste Person ist, so ist auch nach den Verben des Meinens und Sagens wohl allgemein der Indikativ üblich und auch durchaus am Platze. Wenn der Hauptsatz heißt: ich glaube oder wir behaupten, so hätte es keinen Sinn, den Inhalt des Nebensatzes als bloße Vorstellung hinzustellen und ein Urteil über seine Wirklichkeit abzulehnen, denn ich und der Redende sind ja eine Person. Daher sagt man am liebsten: ich glaube, daß du Unrecht hast. Und sogar wenn der Hauptsatz verneint ist: ich glaube nicht, daß sie bei so rauher Jahreszeit noch in Deutschland sind – ich glaube nicht, daß der freie Wille der Gesellschaft heute schon stark genug ist – wir sind nicht der Ansicht, daß man die bestehende Welt willkürlich ändern kann. In den beiden letzten Sätzen würde vielleicht mancher den Konjunktiv vorziehen; aber schwerlich wird jemand sagen: ich glaube nicht, daß sie bei so rauher Jahreszeit noch in Deutschland seien. Selbst in Wunsch- und Absichtssätzen steht in solchen Fällen der Indikativ, zumal in der Umgangssprache. Jedermann sagt: spann deinen Schirm auf, daß du nicht naß wirst! Werdest würde hier so geziert klingen, daß der andre mit Recht erwidern könnte: du sprichst ja wie ein Buch. Wenn man aber einen Bibelspruch anführt, sollte man ihn nicht so anführen: Richte nicht, damit du nicht gerichtet wirst!

Genau so wie mit den Objektsätzen, die mit dem Fügewort daß anfangen, verhält sichs mit denen, die die Form eines abhängigen Fragesatzes haben: sie müssen im Konjunktiv stehen, wenn der Redende oder Schreibende kein Urteil darüber abgeben kann, ob ihr Inhalt wirklich sei oder nicht, weil es sich um Dinge handelt, die eben in Frage stehen, sie können im Indikativ stehen, wenn der Redende ein solches Urteil abgeben kann und will, sie müssen im Indikativ stehen, wenn es gar keinen Sinn hätte, ein solches Urteil abzulehnen, weil es sich um eine einfache Tatsache handelt. Richtig sind folgende Sätze: man darf sich nicht damit begnügen, zu behaupten, etwas sei Recht, sondern man muß doch wenigstens angeben, weshalb es Recht sei, und welches Ziel ein solches Recht verfolge – nicht darum handelt sichs in der Politik, ob eine Bewegung revolutionär sei, sondern ob sie eine innere Berechtigung habe – die Frage, ob der Angeklagte den beleidigenden Sinn eines Schimpfwortes erkannt habe, wird meist leicht zu bejahen sein – man sollte sich fragen, ob man nicht selbst die Mißstände zum Teil verschuldet habe, die man beklagt – es sollte nicht gefragt werden, ob die Zölle überhaupt zweckmäßig seien, sondern ob im einzelnen Fall ein Zoll angebracht sei, und ob damit erreicht werde, was erstrebt wird. Liederlich ist es dagegen, zu schreiben: die Verhandlung hat keine Klarheit darüber gebracht, ob die Klagen berechtigt sind oder nicht. Wie kann man etwas als gewiß hinstellen, wovon man eben gesagt hat, daß es noch unklar sei? Falsch sind aber auch – trotz ihres schönen Konjunktivs – folgende Sätze: wie weit das Gebiet sei, das K. bearbeitet, zeigen seine Bücher – ältere Zuhörer, die mehr oder weniger schon wissen, wovon die Rede sei – es ist vom Schüler zu verlangen, daß er wisse, was eine Metapher sei – es wäre interessant, zu wissen, was Goethe mit dieser Bezeichnung gemeint habe.

Schuld an der traurigen Verrohung des Sprachgefühls, die sich in den falschen Indikativen kundgibt, ist zum Teil sicherlich die Unsitte, die Hilfszeitwörter in den Nebensätzen immer wegzulassen; das stumpft das Gefühl für die Bedeutung der Modi so ab, daß man sich schließlich auch dann nicht mehr zu helfen weiß, wenn das Verbum gesetzt werden muß. Daneben aber ist noch etwas andres schuld, nämlich die unter dem verwirrenden Einflusse des Englischen immer ärger werdende Unkenntnis, welche Konjunktive und welche Indikative im Satzbau einander entsprechen, d. h. in welchen Konjunktiv im abhängigen Satz ein Indikativ des unabhängigen Satzes verwandelt werden muß; es scheint das geradezu nicht mehr gelernt zu werden. Man erinnert sich wohl dunkel einer Konjugationstabelle, worin die Indikative und Konjunktive einander so gegenübergestellt waren:

ich bin ich sei
ich war ich wäre
ich bin gewesen ich sei gewesen
ich war gewesen ich wäre gewesen

oder:

ich nehme ich nehme
ich nahm ich nähme
ich habe genommen ich habe genommen
ich hatte genommen ich hätte genommen

Aber daß einem diese Gegenüberstellung aus der Formenlehre für den Satzbau gar nichts helfen kann, das weiß man nicht. Die Gegenüberstellung der Modi für die Inhaltssätze sieht so aus:

er trägt

daß er trage oder: daß er trüge

er trug

daß er getragen habe oder: daß er getragen hätte

er hat getragen

ich bin

daß ich sei oder: daß ich wäre

ich war

daß ich gewesen sei oder: daß ich gewesen wäre

ich bin gewesen

Daß sich gerade der Indikativ des Imperfekts jetzt so oft findet, wo ein Konjunktiv des Perfekts oder des Plusquamperfekts hingehört (Friedmann ist den Beweis dafür schuldig geblieben, daß dieser Verdacht haltlos und sinnwidrig war), zeigt deutlich, daß man einen richtigen Konjunktiv in abhängigen Sätzen zu bilden vollständig verlernt hat.