Ebenso wie mit den Adverbien ist es auch mit den Objekten. Man kann wohl schreiben: die notleidende Landwirtschaft, aber falsch ist es, im Infinitiv zu schreiben: notleiden; denn es gibt kein Zeitwort: ich notleide.
Es handelt sich hier durchaus nicht bloß um einen „orthographischen“ Fehler oder gar bloß um eine gleichgiltige orthographische Abweichung, sondern in der falschen Schreibung verrät sich ein grober Denkfehler.
Partizipium statt eines Neben- oder Hauptsatzes
Wie es oft geschieht, daß ein Gedanke, der eigentlich durch einen Hauptsatz ausgedrückt werden müßte, unlogischerweise in einen Relativsatz gebracht wird (vgl. [S. 130]), so packt man oft auch einen Hauptgedanken in ein attributives Partizip und schreibt: hier ist das bisher noch von keiner Seite bestätigte Gerücht verbreitet – die neue Auflage hat die von dem Verfasser getreulich benutzte Gelegenheit gegeben, manches nachzutragen – ich sandte ausführliche, in freundlichster Weise beantwortete Fragebogen an folgende Bibliotheken – der Mörder nahm die Nachricht von seiner gestern früh erfolgten Hinrichtung gefaßt entgegen – mit klopfendem Herzen betrat ich das Auditorium, um die in der Bohemia abgedruckte Antrittsrede zu halten – die anonym einzureichenden Bewerbungsschriften sind in deutscher, lateinischer oder französischer Sprache zu verfassen. Da fragt man doch: in welcher Sprache sind denn die nicht anonym einzureichenden zu verfassen? Und war denn die Antrittsrede wirklich schon gedruckt, als der Verfasser das Auditorium betrat? Natürlich soll es heißen: um die Antrittsrede zu halten, die dann in der Bohemia abgedruckt wurde – die Bewerbungsschriften sind anonym einzureichen und in deutscher Sprache abzufassen.
Nicht viel besser ist es, wenn ein Partizipsatz statt eines Hauptsatzes gesetzt wird, z. B.: im Jahre 1850 in den Generalstab zurücktretend (getreten!), wurde B. 1858 zum persönlichen Adjutanten des Prinzen Friedrich Karl ernannt – er ging zunächst nach Paris, dann nach London, an beiden Plätzen im Bankfach arbeitend – oder gar: in der Einleitung stellt Friedländer die Entwicklung des deutschen Liedes dar, hierauf (!) eine übersichtliche Bibliographie bringend – Jürgen lief in die Apotheke, nach wenig Augenblicken (!) mit einer großen Medizinflasche zurückkehrend. Während in den zuerst angeführten Beispielen eine Art von Schnelldenkerei vorliegt – die Verfasser haben es gleichsam nicht erwarten können, zu sagen, was sie sagen wollten –, handelt sichs in den letzten nur um einen ungeschickten Versuch, in den Ausdruck Abwechslung zu bringen. Der Sinn verlangt statt dieser Partizipialsätze Hauptsätze.
Falsch angeschloßnes Partizipium
Noch größer als bei Infinitivsätzen mit um zu ist bei Partizipialsätzen die Gefahr eines Mißverständnisses, wenn das Partizip an ein anderes Wort im Satze als an das Subjekt angelehnt wird; das nächstliegende wird es auch hier immer sein, es auf das Subjekt des Hauptsatzes zu beziehen. Entschieden schlecht sind also Verbindungen wie folgende: angefüllt mit edelm Rheinwein, überreiche ich Eurer Majestät diesen Becher – kaum heimgekehrt, wandte sich die engherzigste Philisterei gegen ihn – einmal gedruckt, kehre ich dem Buche den Rücken – erhaben über Menschenlob und dessen nicht bedürftig, wissen wir, was wir an unserm Fürsten haben – an der Begründung unsers Unternehmens wesentlich beteiligt und während der ganzen Dauer desselben an der Spitze des Aufsichtsrates stehend, verdanken wir der Tatkraft und Geschäftskenntnis des verehrten Mannes unendlich viel – abstoßend, schroff, von der mildesten Güte, verschlossen und hingebend, konnte man ganz irre an ihm werden – durch Rotationsdruck angefertigt, sind wir in der Lage, das Verzeichnis zu einem Spottpreis zu liefern – mich umdrehend grüßt mich im Osten Schloß Johannisberg. Besonders beliebt ist es jetzt, das Partizip anschließend so zu verbinden, daß man eine Zeit lang im Satze suchen muß, worauf es sich eigentlich beziehen soll, z. B.: schon in Ingolstadt hatte er sich, anschließend an seine astronomischen Arbeiten, optischen Studien gewidmet. Das anschließend soll hier auf Studien gehen: er schloß die optischen Studien an seine astronomischen Arbeiten an. Ebenso: anschließend an diese allgemeine Einführung, dürfte es zweckmäßig sein, einmal das Gebiet der Einzelheiten zu übersehen. Das schlimmste ist es, vor den Hauptsatz ein absolutes Partizip zu stellen, für das man sich dann vergebens in dem Satze nach einem Begriff umsieht, auf den es bezogen werden könnte, z. B.: wiederholt lächelnd und lebhaft grüßend, fuhr das Kriegsschiff vorüber. Die Partizipia sollen sich auf – den Kaiser beziehen! Es braucht nicht immer ein so lächerlicher Sinn zu entstehen wie hier, auch so beliebte Partizipia wie: dies vorausgesetzt, dies vorausgeschickt, dies zugegeben u. ähnl. sind nicht schön. Ja man kann noch weiter gehen und sagen: das unflektierte Partizip überhaupt, wenigstens das der Gegenwart (1870 wandte er sich an Richard Wagner, ihn fragend – er schlich sich feige davon, nur ein kurzes Wort des Abschieds zurücklassend – der Vorsitzende entbot den Versammelten ein herzliches Willkommen, dankbar des Erscheinens der Ehrengäste gedenkend und seiner Freude über die Zuwendung reicher Preise Ausdruck gebend), hat im Deutschen immer etwas unlebendiges, steifes; die Sprache erscheint darin wie halb erstarrt.
In Ergänzung
Wie Ungeziefer hat sich in den letzten Jahren eine Ausdrucksweise verbreitet, die die verschiedenartigsten Nebensätze und ganz besonders auch den Infinitiv und das Partizip ersetzen soll: die Verbindung von in mit gewissen Hauptwörtern, namentlich auf ung. Den Anfang scheinen in Erwägung und in Ermanglung gemacht zu haben[80]; diese beiden haben aber schon ein ganzes Heer ähnlicher Verbindungen nach sich gezogen, und das Ende ist noch nicht abzusehen, jede Woche überrascht uns mit neuen. Briefe von Beamten und Geschäftsleuten fangen kaum noch anders an als: in Beantwortung oder in Erwiderung Ihres gefälligen Schreibens vom usw., ein Aufsatz wird geschrieben in Anlehnung oder in Anknüpfung an ein neu erschienenes Buch, ein Abschied wird bewilligt in Genehmigung eines Gesuchs, eine Zeitungsmitteilung wird gemacht in Ergänzung oder in Berichtigung einer frühern Mitteilung oder in Fortsetzung des gestrigen Artikels, der Polizeirat vollzieht eine Handlung in Vertretung oder in Stellvertretung des Polizeidirektors, ein Vereinsmitglied leitet die Verhandlungen in Behindrung des Vorsitzenden, eine Auszeichnung wird jemand verliehen in Anerkennung seiner Verdienste, ein Mord wird begangen in Ausführung früherer Drohungen, eine Bibliothek wird gestiftet in Beschränkung auf gewisse Fächer usw.; man schreibt: in Erledigung Ihres Auftrags – in Würdigung der volkswirtschaftlichen Wichtigkeit des Sparkassenwesens – in Anspielung auf eine frühere Reichstagsrede – in Wahrung meiner Interessen weise ich jeden solchen Versuch zurück – in Vervollständigung der Zirkularnote des Ministeriums – in Veranlassung des 25jährigen Geschäftsjubiläums – in Begründung der Anklage beantragte der Staatsanwalt – in Überschätzung dieses Umstandes oder in Entstellung des Sachverhalts behauptete er – in Ausführung von § 14 des Ortsstatuts bringen wir zur Kenntnis – man gebe den Behörden in Ausdehnung von § 39 die Befugnis – in Verfolgung dieses Zieles hatte Schliemann die obere Schicht zerstört – in Befolgung seiner Befehle wurden noch weitere Gebietsteile unterworfen – die Schauspielkunst hat es, in Abweichung von dem eben gesagten, mit Gehör und Gesicht zugleich zu tun – in Nachahmung einer bei der Kreuzschule bestehenden Einrichtung wurden zwei Diskantistenstellen begründet – der in Verlängerung des Neumarkts durch die Promenade führende Fußweg usw. Vor einigen Jahren ging sogar eine Anekdote aus den Memoiren der Madame Carette durch die Zeitungen, wonach Bismarck dieser Dame auf einem Ball am Hofe Napoleons eine Rose überreicht haben sollte, mit den Worten: wollen Sie diese Rose annehmen in Erinnerung an den letzten Walzer, den ich in meinem Leben getanzt habe.
Wer ein wenig nachdenkt, sieht, daß hier die verschiedensten logischen Verhältnisse in ganz mechanischer Weise gleichsam auf eine Formel gebracht sind, wie sie so recht für denkfaule Leute geschaffen ist. In einem Teile dieser Verbindungen soll in den Beweggrund ausdrücken, der doch nur durch aus oder wegen bezeichnet werden kann; in Ermanglung, in Anerkennung, in Überschätzung, in Behindrung – das soll heißen: aus Mangel, aus Anerkennung, aus Überschätzung, wegen Behindrung. Wenn Nebensätze dafür eintreten sollten, so könnten sie nur lauten: weil es mangelt, weil er behindert ist, weil wir anerkennen, weil er überschätzt. In einem andern Teile soll in den Zweck bezeichnen, der doch nur durch zu ausgedrückt werden kann; in Ergänzung, in Berichtigung, in Vervollständigung, in Erinnerung – das soll heißen: zur Ergänzung, zur Berichtigung, zur Vervollständigung, zur Erinnerung. Mit einem Nebensatze könnte man hier nur sagen: um zu ergänzen, um zu berichtigen, um zu vervollständigen, damit Sie sich erinnern. Wieder in andern Fällen wäre als am Platze statt in: ein Weg wird als Verlängerung des Neumarkts durch die Promenade geführt, ein Brief wird geschrieben als Antwort auf einen andern, der Polizeirat unterschreibt als Stellvertreter des Polizeidirektors. Nur in wenigen Fällen bezeichnet das in wirklich einen begleitenden Umstand, wie man ihn sonst durch indem oder durch das Partizip ausdrückt: ich schreibe einen Aufsatz, anknüpfend an ein neues Buch, oder indem ich an das Buch anknüpfe; dafür ließe sich ja zur Not auch sagen: in Anknüpfung, wiewohl auch das nicht gerade schön ist. Indem der Staatsanwalt die Anklage begründete, beantragte er das höchste Strafmaß – auch dafür kann man sagen: in seiner Begründung (seiner darf nicht fehlen).[81] Aber wie ist es möglich, das alles in einen Topf zu werfen: Ursache, Grund, Zweck, begleitende Umstände, vorübergehende oder dauernde Eigenschaften? Wie können wir uns solchem Reichtum gegenüber freiwillig zu solcher Armut verurteilen? Es handelt sich hier um nichts als eine Modedummheit, die unter dem Einflusse des Französischen und des Englischen (en conséquence, en réponse, in remembrance, in reply, in answer, in compliance with, in his defence u. ähnl.) aufgekommen ist, und die nun gedankenlos nachgemacht und dabei immer weiter ausgedehnt wird. Es wird noch dahin kommen, daß jemand 1000 Mark erhält in Bedingung der Rückzahlung oder in Belohnung treuer Dienste oder in Entschädigung für einen Verlust oder in Unterstützung seiner Angehörigen; es ist nicht einzusehen, weshalb nicht auch das alles durch in und ein Hauptwort auf ung sollte ausgedrückt werden können.