Das Attribut

Unter den Erweiterungen, die ein Satzglied erfahren kann, stehen obenan das Attribut und die Apposition.

Ein Attribut kann zu einem Hauptwort in vierfacher Form treten: als Adjektiv (ein schöner Tod), als abhängiger Genitiv (der Tod des Kriegers), als Bestimmungswort einer Zusammensetzung (der Heldentod), endlich in Form einer adverbialen Bestimmung (der Tod auf dem Schlachtfelde, der Tod fürs Vaterland). Auch gegen die vierte Art ist, wie ausdrücklich bemerkt werden soll, nichts einzuwenden; es ist untadliges Deutsch, wenn man sagt: das Zimmer oben, eine Wohnung in der innern Stadt, der Weg zur Hölle, die Tötung im Duell, die preußische Mobilmachung im Juni usw. Manche getrauen sich zwar nicht, solche Attribute zu schreiben, sie meinen immer ein befindlich, belegen (be!), stattgefunden, erfolgt oder dgl. dazusetzen zu müssen; aber das ist eine überflüssige und häßliche Umständlichkeit.

Bisweilen kann man ja nun zwei solche Attributarten miteinander vertauschen, ohne daß der Sinn verändert wird, aber durchaus nicht immer. Auf wenigen Gebieten unsrer Sprache herrscht aber jetzt eine so grauenvolle Verwirrung wie auf dem der Attributbildung; hier wird jetzt tatsächlich alles durcheinander gequirlt.

Leipzigerstraße oder Leipziger Straße?

Wie würde man wohl über jemand urteilen, der ein Fremdenbuch nicht von einem fremden Buch, einen kranken Wärter nicht von einem Krankenwärter, eine Gelehrtenfrau nicht von einer gelehrten Frau, Bekanntenkreise nicht von bekannten Kreisen, ein liebes Lied nicht von einem Liebeslied, eine Hoferstraße (nach Andreas Hofer genannt) nicht von einer Hofer Straße (nach der Stadt Hof in Bayern genannt) unterscheiden könnte? Genau dieselbe Dummheit ist es, wenn jemand Leipzigerstraße schreibt statt Leipziger Straße.

Die von Ortsnamen (Länder- und Städtenamen) abgeleiteten Bildungen auf er sind unzweifelhaft eigentlich Substantiva. Österreicher und Passauer bedeutet ursprünglich einen Mann aus Österreich oder aus Passau. Als Adjektiva hat die ältere Sprache solche Bildungen nicht gebraucht, die Adjektiva bildete sie von Länder- und Städtenamen auf isch: meißnisch (meißnische Gulden), torgisch (von Torgau, torgisches Bier), lündisch (von London, lündisches Tuch), parisisch (parisische Schuhe schreibt noch der junge Goethe statt Pariser Fuß). Nun ist freilich zwischen diesen beiden Bildungen schon längst Verwirrung eingerissen: die Formen auf er sind schon frühzeitig auch im adjektivischen Sinne gebraucht worden. Lessing schrieb noch 1768 eine Hamburgische Dramaturgie, Goethe aber schon 1772 Rezensionen für die Frankfurter Gelehrten Anzeigen. Natürlich sind nun die Bildungen auf er dadurch, daß sie adjektivisch gebraucht werden, nicht etwa zu Adjektiven geworden (vgl. [S. 38]); sie können aber doch vor andern Substantiven wie Adjektiva gefühlt werden, wie am besten daraus hervorgeht, daß manche Leute Adverbia dazusetzen, wie echt Münchner Löwenbräu, statt echtes Münchner oder echt Münchnisches Löwenbräu, echt Harzer Sauerbrunnen.[82] Dennoch haben sich im Laufe der Zeit zwischen den Bildungen auf er und denen auf isch auch wieder gewisse Grenzen festgesetzt. Von manchen Länder- und Städtenamen gebrauchen wir noch heute ausschließlich die echt adjektivische Form auf isch, von andern ebenso ausschließlich die Bildung auf er, wieder von andern beide friedlich nebeneinander. Niemand sagt: der Österreicher Finanzminister, der Römer Papst, aber auch niemand mehr das Leipzigische Theater, die Berlinischen Bauten. Dagegen sprechen alle Gebildeten noch von Kölnischem Wasser, holländischem Käse, italienischen Strohhüten, persischen Teppichen, amerikanischen Äpfeln. Warum von dem einen Namen die Form auf isch, von dem andern die auf er bevorzugt wird, kann niemand sagen; der Sprachgebrauch hat sich dafür entschieden, und dabei muß man sich beruhigen.

Nur in gewissen Kreisen, die von dem wirklichen Verhältnis der beiden Bildungen zueinander und von der Berechtigung des Sprachgebrauchs keine Ahnung haben, besteht die Neigung, das Gebiet der Bildungen auf er mehr und mehr zum Nachteil derer auf isch zu erweitern. So empfiehlt mancher Geschäftsmann beharrlich seine Amerikaner Öfen, obwohl alle Gebildeten, die in seinen Laden kommen, seine amerikanischen Öfen zu sehen wünschen. An einer alten Leipziger Weinhandlung konnte man vor kurzem ein Schild am Schaufenster liegen sehen: Italiener Weine! Leipziger Teppichhandlungen preisen Perser Teppiche, sogar echt Perser Teppiche an! Aber auch Holländer Austern und Holländer Käse werden schon empfohlen, ja sogar Kölner Wasser, und der Kölnischen Zeitung hat man schon mehr als einmal zugemutet, sich in Kölner Zeitung umzutaufen – ein törichtes Ansinnen, dem sie mit Recht nicht nachgegeben hat und hoffentlich nie nachgeben wird. Auf den echten Adjektivbildungen auf isch liegt ein feiner Hauch des Altertümlichen und – des Vornehmen, manche sind wie Stücke schönen alten Hausrats; die unechten auf er, namentlich die neugeprägten, sind so gemein wie Waren aus dem Fünfzigpfennigbasar. Unbegreiflich ist es, wie sich gebildete, namentlich wissenschaftlich gebildete Leute solchen unnötigen Neuerungen, die gewöhnlich aus den Kreisen der Geschäftsleute kommen, gedankenlos fügen können. Ein deutscher Buchhändler in Athen hat vor kurzem ein Werk über das Athener Nationalmuseum herausgegeben! Greulich! Auf der Leipziger Stadtbibliothek gibt es eine berühmte Handschrift aus dem Anfange des sechzehnten Jahrhunderts: den Pirnischen Mönch, genannt nach der Stadt Pirna (eigentlich Pirn) an der Elbe in Sachsen. Den nennen jetzt sogar Historiker den Pirnaer Mönch! In Plauen im sächsischen Vogtlande gibt es jetzt ein Plauener Realgymnasium, einen Plauener Altertumsverein, man hat sogar ein Plauener Stadtbuch veröffentlicht; die gute alte Adjektivform Plauisch scheint also dort niemand mehr zu kennen. Und in neuern Werken über die Befreiungskriege wird in den Schilderungen der Schlacht bei Leipzig gar von der Erstürmung des Grimmaer Tores geredet (statt des Grimmischen)![83] Einem Leipziger kehrt sich der Magen um, wenn er so etwas liest.

Nun ist aber doch so viel klar, daß, wenn ein Wort wie Dresdner in zwei verschiednen Bedeutungen gebraucht wird, als Hauptwort und auch als Eigenschaftswort, es nur in seiner Bedeutung als Hauptwort mit einem andern Hauptworte zusammengesetzt werden kann. Wenn nun eine Straße in Leipzig die Dresdner Straße genannt wird, ist da Dresdner als Substantiv oder als Adjektiv aufzufassen? Ohne Zweifel als Adjektiv. Es soll damit dasselbe bezeichnet sein, was durch Dresdnische Straße bezeichnet sein würde: die Straße, die von Dresden kommt oder nach Dresden führt. Sowie man den Bindestrich dazwischensetzt und schreibt: Dresdner-Straße oder auch in einem Worte: Dresdnerstraße, so kann Dresdner nichts andres bedeuten als Leute aus Dresden, es wird Substantiv, oder vielmehr es bleibt Substantiv, und die Zusammensetzung rückt auf eine Stufe mit Bildungen wie Fleischergasse, Gerbergasse, Böttchergasse und andre Gassennamen, die in alter Zeit nach den Handwerkern genannt worden sind, die auf den Gassen angesessen waren. Eine Dresdnerstraße kann also nichts andres bezeichnen als eine Straße, auf der Dresdner, womöglich lauter Dresdner wohnen, ein Potsdamerplatz nur einen Platz, auf dem sich die Potsdamer zu versammeln pflegen. Wir haben in Leipzig eine Paulinerkirche und eine Wettinerstraße. Das sind richtige Zusammensetzungen, denn die Paulinerkirche war wirklich die Kirche der Pauliner, der ehemaligen Dominikaner Leipzigs, und die Wettinerstraße ist nicht nach dem Städtchen Wettin genannt, wie die Berliner Straße nach der Stadt Berlin, sondern nach den Wettinern, dem sächsischen Herrschergeschlecht.[84] Aus demselben Grunde ist der Wittelsbacherbrunnen in München eine richtige Zusammensetzung. Eine Berliner Versammlung ist eine Versammlung, die in Berlin stattfindet, eine Berlinerversammlung eine Versammlung, zu der lauter Berliner kommen. Die Herrnhuter Gemeinde ist die Gemeinde der Stadt Herrnhut, eine Herrnhutergemeinde kann in jeder beliebigen andern Stadt sein.

Die Verwechslung der adjektivischen und der substantivischen Bedeutung der von Ortsnamen abgeleiteten Bildungen auf er grassiert gegenwärtig in ganz Deutschland und wird von Tag zu Tag ärger. Sie beschränkt sich keineswegs, wie man wohl gemeint hat, auf die Gassen- und Straßennamen, sie geht weiter. Schenkwirte, Kaufleute, Buchhändler, sogar Gelehrte schreiben: Wienerschnitzel, Berlinerblau, Solenhoferplatten, Schweizerfabrikanten, Tirolerführer, obwohl hier überall der Ortsname als Adjektiv verstanden werden soll; denn nicht die Tiroler sollen geführt werden, sondern die Fremden durch Tirol. Ein Wienerschnitzel aber – entsetzliche Vorstellung! – kann doch nur ein Stück Fleisch bedeuten, das man von einem Wiener heruntergeschnitten hat.