Ganz ähnlich wie mit den Bildungen Leipziger, Dresdner verhält sichs mit den von Zahlwörtern abgeleiteten Bildungen auf er: Dreißiger, Vierziger, Achtziger. Auch das sind natürlich zunächst Hauptwörter; wir reden von einem hohen Dreißiger, einem angehenden Vierziger (vgl. [S. 67]). Aber auch sie können als Adjektiva gefühlt werden; wir sagen: das war in den vierziger Jahren, in den achtziger Jahren. Auch da aber druckt man neuerdings: in den Vierzigerjahren, in den Achtzigerjahren, ein Ölgemälde aus den Neunzigerjahren, als ob von menschlichen Lebensaltern und nicht von dem Jahrzehnt eines Jahrhunderts die Rede wäre!

Eine andre Spielart der hier behandelten Verwirrung tritt uns in Ausdrücken entgegen wie: Gabelsberger Stenographenverein, Meggendorfer Blätter, Nordheimer Schuhwaren (der Geschäftsinhaber heißt Nordheimer!). Hier werden umgekehrt wirkliche Substantiva auf er, und zwar Personennamen, wie Adjektiva behandelt. Ein Gabelsberger Stenographenverein – das klingt wie ein Verein aus Gabelsberg; natürlich soll es ein Gabelsbergerscher sein. Die Meggendorfer Blätter – das klingt, als erschienen sie in Meggendorf; natürlich sollen es Meggendorfers oder Meggendorfersche Blätter sein.

Aber die Verwirrung geht noch weiter. Wie jede Sprachdummheit, wenn sie einmal losgelassen ist, wie Feuer um sich frißt, so auch die, kein Gefühl mehr für den adjektivischen Sinn der Bildungen auf er zu haben. Nachdem unsre Geschäftsleute aus der Dresdner Straße eine Dresdnerstraße gemacht haben, schrecken sie auch vor dem weitern Unsinn nicht zurück, die Bildungen auf isch, über deren adjektivische Natur doch wahrhaftig kein Zweifel sein kann, mit Straße zu einem Worte zusammenzusetzen; immer häufiger schreiben sie Grimmaischestraße, Hallischestraße (oder vielmehr Halleschestraße!), und um das Maß des Unsinns voll zu machen, nun auch Langestraße, Hohestraße und Kurzegasse, und wer in einer solchen Gasse wohnt, der wohnt natürlich nun in der Langestraße, in der Hohestraße, in der Kurzegasse.[85] In frühern Jahrhunderten war die Sprache unsers Volks so voll überquellenden Lebens, daß sich in den Ortsbezeichnungen die casus obliqui in den Nominativ drängten; daher die zahllosen Ortsnamen, die eigentlich Dative sind (Altenburg, Weißenfels, Hohenstein, Breitenfeld). Heute ist sie so tot und starr, daß der Nominativ, dieser langweilige, nichtssagende Geselle, die casus obliqui verdrängt. Man wohnt in der Breite Gasse,[86] und Sommerwohnungen sind auf Weißer Hirsch bei Dresden zu vermieten!

Aber selbst damit ist die Verwirrung noch nicht erschöpft. In Leipzig gibt es auch Ortsbezeichnungen, bei denen einer Örtlichkeit einfach der Name des Erbauers oder Besitzers im Genitiv vorangestellt ist, wie Auerbachs Keller, Hohmanns Hof, Löhrs Platz, Tscharmanns Haus, Czermaks Garten. Bis vor wenig Jahren hat niemand daran gezweifelt, daß alle diese Bezeichnungen aus je zwei getrennten Wörtern bestehen, so gut wie Luthers Werke, Goethes Mutter, Schillers Tell. Jetzt fängt man an, auch hier den Bindestrich dazwischenzuschieben, den Artikel davorzusetzen und zu schreiben: im Auerbachs-Keller, am Löhrs-Platz, im Czermaks-Garten. Man denke sich, daß jemand schreiben wollte: in den Luthers-Schriften, bei der Goethes-Mutter, im Schillers-Tell!

Zum guten Teil tragen die Schuld an der grauenvollen Verwirrung, die hier herrscht, die Firmenschreiber und die Akzidenzdrucker, die ganz vernarrt in den Bindestrich sind, aber nie wissen, wo er hingehört, und wo er nicht hingehört, nie wissen, ob sie ein zusammengesetztes Wort oder zwei Wörter vor sich haben.[87] Aber nicht sie allein. Warum lassen sich die Besteller, Behörden wie Privatleute, den Unsinn gefallen?

Fachliche Bildung oder Fachbildung?

In beängstigender Weise hat in neuerer Zeit die Neigung zugenommen, statt des Bestimmungswortes einer Zusammensetzung ein Adjektiv zu setzen, also z. B. statt Fachbildung zu sagen: fachliche Bildung. Sie hat in kurzer Zeit riesige Fortschritte gemacht, wie sie sich nur daraus erklären lassen, daß diese Ausdrucksweise jetzt für besonders schön und vornehm gilt. Früher sprach man von Staatsvermögen, Gesellschaftsordnung, Rechtsverhältnis, Kriegsereignissen, Junkerregiment, Soldatenlaufbahn, Bürgerpflichten, Handwerkstraditionen, Geschäftsverkehr, Verlagstätigkeit, Sonntagsarbeit, Kirchennachrichten, Kultusordnung, Gewerbeschulen, Betriebseinrichtungen, Bergbauinteressen, Forstunterricht, Steuerfragen, Fachausdrücken, Berufsbildung, Amtspflichten, Schöpferkraft, Gedankeninhalt, Körperpflege, Lautgesetzen, Textbeilagen, Klangwirkungen, Gesangvorträgen, Frauenchören, Kunstgenüssen, Turnübungen, Studentenaufführungen, Farbenstimmung, Figurenschmuck, Winterlandschaft, Pflanzennahrung, Abendbeleuchtung, Nachtgespenstern, Regentagen, Landaufenthalt, Gartenanlagen, Nachbargrundstücken, Elternhaus, Endresultat usw. Jetzt redet man nur noch von staatlichem Vermögen, gesellschaftlicher Ordnung, rechtlichem Verhältnis, kriegerischen Ereignissen, junkerlichem Regiment, soldatischer Laufbahn, bürgerlichen Pflichten, handwerklichen Traditionen, geschäftlichem Verkehr, verlegerischer Tätigkeit, sonntäglicher Arbeit, kirchlichen Nachrichten, kultischer (!) Ordnung, gewerblichen Schulen, betrieblicher Einrichtung, bergbaulichen Interessen, forstlichem Unterricht, steuerlichen Fragen, fachlichen Ausdrücken, beruflicher Bildung, amtlichen Pflichten, schöpferischer Kraft, gedanklichem Inhalt, körperlicher Pflege, lautlichen Gesetzen, textlichen Beilagen, klanglichen Wirkungen, gesanglichen Vorträgen, weiblichen (!) Chören, künstlerischen Genüssen, turnerischen Übungen, studentischen Aufführungen, farblicher Stimmung, figürlichem Schmuck, winterlicher Landschaft, pflanzlicher Nahrung, abendlicher Beleuchtung, nächtlichen Gespenstern, regnerischen Tagen, ländlichem Aufenthalt, gärtnerischen Anlagen, nachbarlichen Grundstücken, dem elterlichen Hause, dem endlichen (!) Resultat usw. Eine von Offizieren gerittne Quadrille wird als reiterliche (!) Darbietung gepriesen; statt, wie früher, vernünftige Zusammensetzungen mit Volk zu bilden, quält man sich ab, auch davon Adjektiva zu bilden (die einen sagen volklich, die andern völkisch), die „Pädagogen“ reden sogar von schulischen Verhältnissen und unterrichtlicher Methode, und in Schulprogrammen kann man lesen, nicht als schlechten Witz, sondern in vollem Ernste, daß Herr Kand. X im verflossenen Jahre mit der Schule „in unterrichtlichem Zusammenhange gestanden“ habe.[88] Aber auch da, wo man früher den Genitiv eines Hauptwortes oder eine Präposition mit einem Hauptwort oder – ein einfaches Wort setzte, drängen sich jetzt überall diese abgeschmackten Adjektiva ein; man redet von kronprinzlichen Kindern, behördlicher Genehmigung, erziehlichen Aufgaben, gedanklicher Großartigkeit, gegnerischen Vorschlägen, zeichnerischen Mitteln, einer buchhändlerischen Verkehrsordnung, gesetzgeberischen Fragen, erstinstanzlichen (!) Urteilen, stecherischer Technik, gemischtchörigen Quartetten, stimmlicher Begabung, textlichem Inhalt, baulicher Umgestaltung, seelsorgerischer Tätigkeit, wo man früher Kinder des Kronprinzen, Genehmigung der Behörden, Aufgaben der Erziehung, Großartigkeit der Gedanken, Vorschläge des Gegners, Mittel der Zeichnung, Verkehrsordnung des Buchhandels, Fragen der Gesetzgebung, Urteile der ersten Instanz, Technik des Stechers, Quartette für gemischten Chor, Stimme, Text, Umbau, Seelsorge sagte. Ein Choralbuch wurde früher zum Hausgebrauch herausgegeben, jetzt zum häuslichen Gebrauch; eine Bildersammlung hatte früher Wert für die Kostümkunde oder Kunstwert oder Altertumswert, jetzt kostümlichen (!), künstlerischen oder altertümlichen (!) Wert. Die Sprachwissenschaft redete früher von dem Lautleben der Sprache und vom Lautwandel, jetzt nur noch von dem lautlichen Leben und dem lautlichen (!) Wandel; die Ärzte sprachen sonst von Herztönen des Kindes und von Gewebeveränderungen, unsre heutigen medizinischen Journalisten schwatzen von kindlichen (!) Herztönen[89] und geweblichen (!) Veränderungen. Auch Fremdwörter mit fremden Adjektivendungen werden mit in die alberne Mode hineingezogen; schon heißt es nicht mehr: Stilübungen, Religionsfreiheit, Kulturaufgabe und Kulturfortschritt, Maschinenbetrieb, Finanzlage, Inselvolk, Kolonieleitung, Artilleriegeschosse, Infanteriegefechte, Theaterfragen, Solo-, Chor- und Orchesterkräfte, sondern stilistische Übungen, religiöse Freiheit, kulturelles Problem und kultureller Fortschritt (scheußlich!), maschineller Betrieb (scheußlich!), finanzielle Lage, insulares Volk, koloniale Leitung, artilleristische Geschosse, infanteristische Gefechte (alle Wörter auf istisch klingen ja äußerst gelehrt und vornehm), solistische, choristische und orchestrale Kräfte. Auch von Alpenflora wird nicht mehr gesprochen, sondern nur noch von alpiner (!) Flora. Am Ende kommts noch dahin, daß einer erzählt, er habe in einer alpinen Hütte in sommerlichen Hosen sein abendliches Brot nebst einem wurstlichen Zipfel verzehrt.

Was soll die Neuerung? Soll sie der Kürze dienen? Einige der angeführten Beispiele scheinen dafür zu sprechen. Aber die Mehrzahl spricht doch dagegen; man könnte eher meinen, sie solle den Ausdruck verbreitern, ein Bestreben, das sich jetzt ja auch in vielen andern Spracherscheinungen zeigt. Man fragt vergebens nach einem vernünftigen Grunde, durch den sich diese Vorliebe für alle möglichen und unmöglichen Adjektivbildungen erklären ließe: es ist nichts als eine dumme Mode. Wenn so etwas in der Luft liegt, so steckt es heute hier, morgen da an; ob das Neugeschaffne nötig, richtig, schön sei, danach fragt niemand, wenns nur neu ist! Um der Neuheit willen schlägt man sogar gelegentlich einmal den entgegengesetzten Weg ein. Da es bis jetzt silberne Hochzeit geheißen hat, so finden sich natürlich nun Narren, die mit Vorliebe von Silberhochzeit reden. Dazu gehört natürlich nun auch ein Silberpaar: der Bürgermeister schloß mit einem Hoch auf das Silberpaar.[90] In einer Lebensbeschreibung Bismarcks ist gleich das erste Kapitel überschrieben: Unter dem Zeichen des Eisenkreuzes. Also aus dem geschichtlichen Eisernen Kreuz, das doch für jeden unantastbar sein sollte, wird ein Eisenkreuz gemacht – aus bloßer dummer Neuerungssucht.

Die Adjektiva auf lich bedeuten eine Ähnlichkeit; lich ist dasselbe wie Leiche, es bedeutet den Leib, die Gestalt; daher auch das Adjektivum gleich, d. i. geleich, was dieselbe Gestalt hat. Königlich ist, was die Gestalt, die Art oder das Wesen eines Königs hat. Will man nun das mit den kronprinzlichen Kindern sagen? Gewiß nicht. Man meint doch die Kinder des Kronprinzen, und nicht bloß kronprinzenartige Kinder. Was kann eine Arbeit sonntägliches haben? eine Bewegung körperliches? eine Wirkung farbliches? eine Pflicht bürgerliches? ein Herzton kindliches? eine Frage theatralisches? Gemeint ist doch wirklich die Arbeit am Sonntage, die Bewegung des Körpers, die Wirkung der Farben usw.[91] Und hat man denn gar kein Ohr für die Häßlichkeit vieler dieser neugeschaffnen Adjektiva (fachlich, beruflich, volklich, farblich, klanglich, stimmlich, forstlich, pflanzlich, prinzlich, erziehlich)?

Hie und da mag ja ein Grund für die Neubildung zu entdecken sein. So mag zwischen Regentagen und regnerischen Tagen ein Unterschied sein: an Regentagen regnets vielleicht von früh bis zum Abend, an regnerischen (früher: regnichten) Tagen mit Unterbrechungen. Der Chordirektor, der zuerst von einem Terzett für weibliche Stimmen anstatt von einem Terzett für Frauenstimmen gesprochen hat, hatte sich vielleicht überlegt, daß unter den Sängerinnen auch junge Mädchen sein könnten. Und der Ratsgärtner, der seiner Behörde zuerst einen Plan zu gärtnerischen Anlagen am Theater vorlegte, hatte wohl daran gedacht, daß ein eigentlicher Garten, d. h. eine von einem Zaun oder Geländer umschlossene Anpflanzung nicht geschaffen werden sollte. Aber bedeutet denn Frau, wo sichs um die bloße Gegenüberstellung der Geschlechter handelt, nicht auch das Mädchen? Kann sich wirklich ein junges Mädchen beleidigt fühlen, wenn es aufgefordert wird, einen Frauenchor mitzusingen?[92] Und können denn nicht Gartenanlagen auch Anlagen sein, wie sie in einem Garten sind? müssen sie immer in einem Garten sein? Gärtnerische Anlagen möchte man einem Jungen wünschen, der Lust hätte, Gärtner zu werden, wiewohl es auch dann noch besser wäre, wenn er Anlagen zum Gärtner hätte. Nun vollends von gärtnerischen Arbeiten zu reden statt von Gartenarbeiten (die Rekonvaleszenten der Anstalt werden mit gärtnerischen Arbeiten beschäftigt), ist doch die reine Narrheit.