Erstaufführung
Ein Gegenstück zu dem fachlichen Unterricht bilden die schönen neumodischen Zusammensetzungen, mit denen man sich jetzt spreizt, wie: Fremdsprache, Fremdkörper und Falschstück (ein gefälschtes Geldstück!), Neuauflage, Neuerscheinung und Neuerwerbung (die Neuerscheinungen des Buchhandels und die Neuerwerbungen der Berliner Galerie), Neuerkrankung und Leichtverwundung, Deutschunterricht, Deutschbewußtsein und Deutschgefühl, Erstaufführung, Erstausgabe und Erstdruck, Jüngstvergangenheit, Einzelfall, Einzelpersönlichkeit und Allgemeingesang, Mindestmaß, Mindestpreis und Mindestgehalt, Höchstmaß, Höchstpreis, Höchstgehalt, Höchstarbeitszeit und – Höchststundenzahl! Hier leimt man also einen Adjektivstamm vor das Hauptwort, statt einfach zu sagen: fremder Körper, neue Auflage, einzelner Fall, erste Aufführung, allgemeiner Gesang, höchste Stundenzahl usw.
Worin liegt das Abgeschmackte solcher Zusammensetzungen? gibt es nicht längst, ja zum Teil schon seit sehr alter Zeit ähnliche Wörter, an denen niemand Anstoß nimmt? Gewiß gibt es die, sogar in großer Fülle. Man denke nur an: Fremdwort, Edelstein, Schwerspat, Braunkohle, Neumond, Weißwein, Kaltschale, Süßwasser, Sauerkraut, Buntfeuer, Kurzwaren, Hohlspiegel, Hartgummi, Trockenplatte, Schnellzug, Glatteis, Rotkehlchen, Grünschnabel, Freischule, Vollmacht, Hochverrat, Eigennutz, Halbbruder, Breitkopf, Rothschild, Warmbrunn und viele andre. Was ist aber das Eigentümliche solcher Zusammensetzungen? Es sind meist Fachausdrücke oder Kunstausdrücke aus irgendeinem Gebiete des geistigen Lebens, aus dem Handel, aus irgendeinem Gewerbe, einer Kunst, einer Wissenschaft, aus der Rechtspflege, oder es sind – Eigennamen.[93] Nun stecken aber dem Deutschen zwei Narrheiten tief im Blute: erstens, sich womöglich immer auf irgendein Fach hinauszuspielen, mit Fachausdrücken um sich zu werfen, jeden Quark anscheinend zum Fachausdruck zu stempeln; zweitens, sich immer den Anschein zu geben, als ob man die Fachausdrücke aller Fächer und folglich die Fächer auch selbst verstünde. Wenn es ein paar Buchhändlern beliebt, plötzlich von Neuauflagen zu reden, so denkt der junge Privatdozent: aha! Neuauflage – schöner neuer Terminus des Buchhandels, will ich mir merken und bei der nächsten Gelegenheit anbringen. Der Professor der Augenheilkunde nennt wahrscheinlich ein Eisensplitterchen, das einem ins Auge geflogen ist, einen Fremdkörper. Da läßt es dem Geschichtsprofessor keine Ruhe, er muß doch zeigen, daß er das auch weiß, und so erzählt er denn bei der nächsten Gelegenheit: die Germanen waren ein Fremdkörper im römischen Reiche. Und wenn er Wirtschaftsgeschichte schreibt, dann redet er nicht von den fremden Kaufleuten, die ins Land gekommen seien, sondern von den Fremdkaufleuten! Wie gelehrt das klingt! Der gewöhnliche Mensch lernt in der Schule, Evangelium heiße auf deutsch: frohe Botschaft. Der Theolog aber sagt dafür neuerdings Frohbotschaft! Wie gelehrt das klingt! Der gewöhnliche Mensch sehnt sich nach frischer Luft. Wenn aber ein Techniker eine Ventilationsanlage macht, so beseitigt er die Abluft (!) und sorgt für Frischluft! Im gewöhnlichen Leben spricht man von einem großen Feuer. Das kann aber doch die Feuerwehr nicht tun; so gut wie sie ihre Spritzen und ihre Helme hat, muß sie auch ihre Wörter haben. Der „Branddirektor“ kennt also nur Großfeuer. Sobald das aber der Philister weggekriegt hat, sagt er natürlich auch am Biertisch: Bitte, meine Herren, sehen Sie mal hinaus, da muß ein Großfeuer sein, und der Zeitungschreiber berichtet: Diese Nacht wurde das Gut des Gutsbesitzers Sch. durch ein Großfeuer eingeäschert. So bilden sich denn auch die gewerbsmäßigen Theaterschreiber ein, mit Erstaufführung den Begriff der ersten Aufführung aus der gewöhnlichen Alltagssprache in die vornehme Region der Fachbegriffe gehoben zu haben. In Wahrheit ist es weiter nichts als eine schlechte Übersetzung von Premiere,[94] wie alle die wahrhaft greulichen Zusammensetzungen mit Höchst und Mindest nichts als schlechte Übersetzungen von Wörtern mit Maximal und Minimal sind. Für solches Deutsch doch lieber keins! Der Katarrh hat den höchsten Stand überschritten – das klänge ja ganz laienhaft; den Höchststand – das klingt fachmännisch. Wenn aber bei einer Epidemie Ärzte und Zeitungen berichten, daß an einem Tage hundert Neuerkrankungen vorgekommen seien, so kann das geradezu zu Mißverständnissen führen. Eine Neuerkrankung würde ich es nennen, wenn jemand, der krank gewesen und wieder gesund geworden ist, von neuem erkrankt, ebenso wie eine Neuordnung voraussetzt, daß die Dinge schon vorher geordnet gewesen seien. Erstausgabe! Es ist so unsäglich häßlich; aber der große Haufe ist ganz versessen auf solche Narrheiten.
Besonders beliebt ist jetzt der Altmeister, und eine Zeit lang war es auch der Altreichskanzler. Hier ist aber zweierlei zu unterscheiden. Der Altreichskanzler stammte aus Süddeutschland und der Schweiz, wo man den alten, d. h. den ehemaligen, aus dem Amte geschiednen (ancien) so bezeichnete, und wo man z. B. auch vom Altbürgermeister spricht (bei Schiller: Altlandammann). Altmeister dagegen bedeutet wie Altgesell nicht den ehemaligen, sondern den ältesten, d. h. bejahrtesten unter den vorhandnen Meistern und Gesellen. Man konnte also wohl Franz Liszt, solange er lebte, den Altmeister der deutschen Musik nennen, aber Johann Sebastian Bach einen Altmeister zu nennen, wie es unter den Musikschwätzern jetzt Mode ist, ist Unsinn. Bach ist ein Meister der alten Zeit, der Vergangenheit; das ist aber ein alter Meister, kein Altmeister. Sehr beliebt sind jetzt auch Zusammensetzungen wie Altleipzig, Altweimar, Altheidelberg. Sie haben einen poetischen Beigeschmack, wie man sofort fühlt, wenn man an jung Siegfried, jung Roland denkt. Wie abgeschmackt also, von einem Junggoethedenkmal, einem Jungwilhelmdenkmal, einem Jungbismarckdenkmal zu reden! Zu einem logischen Verstoß führen überdies gewisse Zusammensetzungen, mit denen sich jetzt die Kunstgewerbegelehrten spreizen: Altmeißner Porzellan, Altthüringer Porzellan. Denn nicht darauf kommt es an, daß das Porzellan aus Altmeißen ist, sondern nur darauf, daß es aus Meißen ist, aber altes Porzellan aus Meißen! Mancher wird das für Haarspalterei halten, es ist aber ein großer Unterschied.
Sedantag und Chinakrieg
Noch überboten an Geschmacklosigkeit werden Zusammensetzungen wie Erstaufführung durch die Roheit, mit der man jetzt Eigennamen (Ortsnamen und noch öfter Personennamen) vor ein Hauptwort leimt, anstatt aus dem Namen ein Adjektiv zu bilden.
Die Herkunft einer Sache wurde sonst nie anders bezeichnet als durch ein von einem Städte- oder Ländernamen gebildetes Adjektiv oder durch eine Präposition mit dem Namen, z. B.: sizilische Märchen, bengalisches Feuer, Kölnisches Wasser, Berliner Weißbier, Emser Kränchen, Dessauer Marsch, Motiv aus Capri, Karte von Europa. Jetzt redet man aber von Japanwaren, einer Chinaausstellung, Smyrnateppichen, Olympiametopen, Samosausbruch, Neapelmotiven, Romplänen (das sollen Stadtpläne von Rom sein!), einem Leipzig-Elbe-Kanal und einer Holland-Amerika-Linie. Wenn solche Zusammenleimungen auch zu entschuldigen sein mögen bei Namen, von denen man sich kein Adjektiv zu bilden getraut, wie Bordeauxwein, Jamaikarum, Havannazigarren, Angoraziege, Chesterkäse, Panamahut, Suezkanal, Sedantag (in Leipzig Seedangtag gesprochen), so ließe sich doch schon eine Bildung wie Maltakartoffeln vermeiden, denn niemand spricht von einem Maltakreuz oder Maltarittern. Oder klingt Malteser für Kartoffeln zu vornehm? Auch das Selterser Wasser, wie man es richtig nannte, als es bekannt wurde, hätte man getrost beibehalten können und nicht in Selterswasser (oder gar Selterwasser! es ist nach dem nassauischen Dorfe Nieder-Selters genannt) umzutaufen brauchen. Aber ganz überflüssig sind doch die angeführten Neubildungen, denn das Adjektiv japanisch (oder meinetwegen japanesisch!) ist doch wohl allbekannt, jeder Archäolog oder Kunsthistoriker kennt auch das Adjektiv olympisch, auch von samischem Wein hat man früher lange genug gesprochen, und auch von Leipzig und von Holland wird man sich doch wohl noch Adjektiva zu bilden getrauen? Leipzig-Elbe-Kanal! Es ist ja fürchterlich! Einen Städtenamen so vor einen Flußnamen zu leimen, der selber nur angeleimt ist! Vor fünfzig Jahren hätte jeder zehnjährige Junge auf die Frage: wie nennt man einen Kanal, der von Leipzig nach der Elbe führen soll? richtig geantwortet: Leipziger Elbkanal; wie nennt man eine Dampferlinie zwischen Holland und Amerika? Holländisch-amerikanische Linie. Und warum nicht: Smyrnaer Teppiche? Sagt man doch: Geraer Kleiderstoffe. Sachkenner behaupten, die echten nenne man auch so; nur die unechten, in smyrnischer Technik in Deutschland angefertigten nenne man Smyrnateppiche. Mag sein. Aber warum nicht: Motive aus Neapel? Japanwaren, Neapelmotive – wer verfällt nur auf so etwas! Man denke sich, daß jemand Italienwaren zum Kauf anbieten oder von Romruinen reden wollte! Ein Wunder, daß noch niemand darauf gekommen ist, den Cyperwein und die Cyperkatze in Cypernwein und Cypernkatze umzutaufen. Die Insel heißt doch Cypern! Jawohl, aber der Stamm heißt Cyper – das ist so gut wie ein Adjektiv, und der ist zum Glück den plumpen Fäusten unsrer Sprachneuerer bis jetzt noch entgangen. Die Italienreisenden haben wir freilich auch, wie die Schweizreisenden und die Afrikareisenden und neuerdings die Weimarpilger und den Chinakrieg. Schön sind die auch nicht (zu Goethes und Schillers Zeit sprach man von italienischen, Schweizer und afrikanischen Reisenden), aber man läßt sie sich zur Not gefallen; der Ortsname bezeichnet da nicht den Ursprung, die Herkunft, sondern das Land, auf das sich die Tätigkeit des Reisenden erstreckt. Im allgemeinen aber kann doch das Bestimmungswort eines zusammengesetzten Wortes nur ein Appellativ, kein Eigenname sein. Von Eisenwaren, Sandsteinmetopen, Stadtplänen, Fluß- und Waldmotiven kann man reden, aber nicht von Japanwaren, Olympiametopen, Romplänen und Neapelmotiven. Das ist nicht mehr gesprochen, es ist gestammelt.
Gestammelt? O nein, es ist ja das schönste Englisch! Der Engländer sagt ja: the India house, the Oxford Chaucer (das soll heißen: die Oxforder Ausgabe von Chaucers Werken), the Meier Madonna; das muß natürlich wieder nachgeplärrt werden. Wir kommen schon auch noch dahin, daß wir die Weimarische Ausgabe von Goethes Werken den Weimar-Goethe nennen oder gar den Weimar Goethe (ohne Bindestrich).
Shakespearedramen, Menzelbilder und Bismarckbeleidigungen
Das wäre nicht möglich? Wir haben ja den Unsinn schon! Wird nicht täglich von Gastwirten Tucher Bier (so!) empfohlen? Und das soll Bier aus der Freiherrl. Tucherschen Brauerei in Nürnberg sein!