Auch Personennamen können nur dann das Bestimmungswort einer Zusammensetzung bilden, wenn der Begriff ganz äußerlich und lose zu der Person in Beziehung steht, aber nicht, wenn das Eigentum, die Herkunft, der Ursprung oder eine sonstige engere Beziehung bezeichnet werden soll; das ist in anständigem Deutsch früher stets durch den Genitiv[95] oder ein von dem Personennamen gebildetes Adjektiv geschehen.
Wenn, wie es in den letzten Jahrzehnten tausendfach vorgekommen ist, neue Straßen und Plätze großen Männern zu Ehren getauft und dabei kurz Goethestraße oder Blücherplatz benannt worden sind, so ist dagegen grammatisch nichts einzuwenden. Auch eine Stiftung, die zu Ehren eines verdienten Bürgers namens Schumann durch eine Geldsammlung geschaffen worden ist, mag man getrost eine Schumannstiftung nennen, ebenso Gesellschaften und Vereine, die das Studium der Geisteswerke großer Männer pflegen, Goethegesellschaft oder Bachverein; auch Beethovenkonzert und Mozartabend sind richtig gebildet, wenn sie ein Konzert und einen Abend bezeichnen sollen, wo nur Werke von Beethoven oder Mozart aufgeführt werden. Auch die Schillerhäuser läßt man sich noch gefallen, denn man meint damit nicht Häuser, die Schillers Eigentum gewesen wären, sondern Häuser, in denen er einmal gewohnt, verkehrt, gedichtet hat, und die nur zu seinem Gedächtnis so genannt werden. Bedenklicher sind schon die Goethedenkmäler, denn die beziehen sich doch nicht bloß auf Goethe, sondern stellen ihn wirklich und leibhaftig dar; noch in den dreißiger und vierziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts hätte sich niemand so auszudrücken gewagt, da sprach man in Leipzig nur von Bachs Denkmal, von Gellerts Denkmal. Sind einmal die Goethedenkmäler richtig, dann sind es auch die Goethebildnisse, dann ist es auch die Goethebüste, der Goethekopf und – die Goethebiographie. Nun aber das Goethehaus auf dem Frauenplan in Weimar und die Weimarer Goetheausgabe – da meint man doch wirklich Goethes Haus und die Gesamtausgabe von Goethes Werken. Etwas andres ist es mit einer Elzevirausgabe; das soll nicht eine Ausgabe der Werke eines Mannes namens Elzevir sein, sondern eine Ausgabe in dem Format und der Ausstattung der berühmten holländischen Verlagsbuchhandlung. Ist die Goetheausgabe richtig, dann kommen wir schließlich auch zu den Goethefreunden (d. h. Goethes Freunden zu seinen Lebzeiten), den Goetheeltern und den Goetheenkeln. Es ist nicht einzusehen, weshalb man nicht auch so sollte sagen dürfen, und man sagt es ja auch schon. Stammelt man doch auch schon von einem Lutherbecher (einem Becher, den einst Luther besessen hat) und einem Veltheimzettel (einem Theaterzettel der Veltheimschen, richtiger Veltenschen Schauspielertruppe aus dem siebzehnten Jahrhundert), von einer Böttgerperiode (der Zeit Böttgers in der Geschichte des Porzellans!) und einer Schlüterzeit, von Kellerfreunden (Freunden des Dichters Gottfried Keller!) und Pilotyschülern, von einem Grillparzersarg und einem Brahmsgrab.
Noch ärger ist es, wenn man zur Bezeichnung von Schöpfungen, von Werken einer Person, seien es nun wissenschaftliche oder Kunstschöpfungen, Entdeckungen oder Methoden, Vereine oder Stiftungen, Erfindungen oder Fabrikate, den Personennamen in solcher Weise vor das Hauptwort leimt. In anständigem Deutsch hat man sich in solchen Fällen früher stets des Genitivs oder der Adjektivbildung auf isch bedient. In Dresden ist die Brühlsche Terrasse, in Frankfurt das Städelsche Institut, und noch vor dreißig Jahren hat jedermann von Goethischen und Schillerschen Gedichten gesprochen. Jetzt wird nur noch gelallt; jetzt heißt es: Goethegedichte und Shakespearedramen, Mozartopern und Dürerzeichnungen, Bachkantaten und Chopinwalzer, Goethefaust und Gounodfaust, Bismarckreden und Napoleonbriefe, Schopenhauerworte und Heimburgromane, Schweningerkur und Horneffervorträge. Der von Karl Riedel gegründete Leipziger Kirchengesangverein, der jahrzehntelang ganz richtig der Riedelsche Verein hieß, ist neuerdings zum Riedelverein verschönert worden, und wie die Herren Fabrikanten, diese feinfühligsten aller Sprachschöpfer und Sprachneuerer, hinter allen neuen Sprachdummheiten mit einer Schnelligkeit her sind, als fürchteten sie damit zu spät zu kommen, so haben sie sich auch schleunigst dieser Sprachdummheit bemächtigt und preisen nun stolz ihre Pfaffnähmaschinen und Drewsgardinen, ihre Jägerpumpen und Steinmüllerkessel, ihren Kempfsekt und ihr Auergasglühlicht, ihre Rönischpianos und Feurichpianinos, ihre Langeuhren, Zeißobjektive und Ernemanncameras an, und das verehrte Publikum schwatzt es nach und streitet sich über die Vorzüge der Blüthnerflügel und der Bechsteinflügel.[96] In Leipzig nannte eines Tags eine Bierbrauerei (die Riebeckische) ihr Bier Riebeckbier. Flugs kamen die andern hinterdrein und priesen Ulrichbier, Naumannbier und Sternburgbier an (das nun freilich eigentlich Speckbier heißen müßte!). Dieses Schandzeug aus unsrer Kaufmannssprache habt ihr auf dem Gewissen, ihr Herren, die ihr die Shakespearedramen und die Dürerzeichnungen erfunden habt! Wenn man in vornehmen Fachzeitschriften von Bürgerbriefen (Briefen des Dichters der Lenore!) und einem Lenznachlaß (Nachlaß des Dichters Lenz), einem Kuglerwerk und einem Menzelwerk, einem König Albert-Bild, einem Mörike-Schwind-Briefwechsel, einer Rudolf Hildebrand-Erinnerung lesen muß, kann man dann – andern Leuten einen Vorwurf machen, wenn sie von Kathreiners Kneipp-Malzkaffee, Junker- und Ruh-Öfen und August Lehr-Fahrrädern reden? Alle diese Zusammensetzungen zeugen von einer Zerrüttung des Denkens, die kaum noch ärger werden kann. Von Lichtfreunden kann man reden, von Naturfreunden, Kunstfreunden und Musikfreunden, von Zinnsärgen und Marmorsärgen, von Konzertflügeln und Stutzflügeln, aber nicht von Kellerfreunden, Grillparzersärgen und Blüthnerflügeln. Das ist schlechterdings kein Deutsch.
Das Unkraut wuchert aber und treibt die unglaublichsten Blüten. Weißt du, was Kriegerliteratur ist, lieber Leser? ein Senfkatalog? eine Schleicherskizze? ein Pfeilliederabend? Du ahnst es nicht, ich will dirs sagen. Kriegerliteratur sind die Schriften über den Komponisten des siebzehnten Jahrhunderts Adam Krieger, ein Senfkatalog ist ein Briefmarkenverzeichnis der Gebrüder Senf in Leipzig, eine Schleicherskizze eine Lebensbeschreibung des berühmten Philologen Schleicher, ein Pfeilliederabend ein Abendkonzert, bei dem nur Lieder des Männergesangkomponisten Pfeil gesungen werden. Was ein Lenbachaufsatz ist? ein Holbeinbildnis? Das weiß ich selber nicht. Es kann ein Aufsatz von Lenbach sein, es kann aber auch einer über ihn sein, ein von Holbein gezeichnetes Bildnis, aber auch eins, das ihn darstellt. Daß läßt sich in dem heutigen Deutsch nicht mehr unterscheiden.
Es braucht übrigens nicht immer ein Eigenname zu sein, der solche Zusammensetzungen unerträglich macht; sie sind auch dann unerträglich, wenn an die Stelle eines Eigennamens ein Appellativ tritt, unter dem eine bestimmte Person verstanden werden soll. Da hat einer, der den Feldzug von 1870 als Kürassier mitgemacht hat, seine Briefe unter dem Titel Kürassierbriefe drucken lassen. Das können aber niemals Briefe eines bestimmten Kürassiers sein, sondern immer nur Briefe, wie sie Kürassiere schreiben. In allerjüngster Zeit ist das neue Wort Kaiserhoch aufgekommen. Es stammt natürlich aus der Telegrammsprache. Irgendeiner telegraphierte: „Professor Ö. Festrede Kaiserhoch“; daraus machte ein dummer Zeitungschreiber: Professor Ö. hielt die Festrede, die in ein Kaiserhoch ausklang. Ein Kaiserhoch kann aber auf jeden beliebigen Kaiser ausgebracht werden, und wenn die Zeitungen vollends statt ein Kaiserhoch schreiben das Kaiserhoch – die Herabwürdigung einer persönlichen Huldigung, die aus dem Herzen quellen soll, zu einem gewohnheitsmäßigen Bestandteil jeder beliebigen Esserei oder Trinkerei, kann gar keinen schlagendern Ausdruck finden. Ähnlich ist es mit der Königsbüste. Professor Seffner ist damit beschäftigt, eine Königsbüste anzufertigen. Ob von Ramses oder Romulus oder Ludwig dem Vierzehnten, wird nicht verraten. Das Ärgste dieser Art sind wohl die Herrenworte und das Herrenmahl, das die Theologen jetzt aufgebracht haben. Das sollen Aussprüche Christi und das heilige Abendmahl sein! Man denkt doch unwillkürlich an ein Herrenessen.
Den Gipfel der Sinnlosigkeit erreichen solche Zusammenleimungen, wenn das Grundwort ein Verbalsubstantiv ist, gebildet von einem transitiven Verbum. Solche Zusammensetzungen können schlechterdings nicht mit Eigennamen vorgenommen werden, sondern nur mit Appellativen; sie bezeichnen ja nicht eine bestimmte einzelne Handlung, sondern eine Gattung von Handlungen, Menschen, deren Tätigkeit sich nicht auf eine bestimmte einzelne Person, sondern wieder nur auf eine Gattung erstreckt. In den siebziger Jahren erfand ein boshafter Zeitungschreiber das Wort Bismarckbeleidigung. Natürlich sollte es eine höhnische Nachbildung von Majestätsbeleidigung sein. Wie viel dumme Zeitungschreiber aber haben das Wort dann im Ernst gebraucht und sogar Caprivibeleidigung darnach gebildet! Jetzt redet man aber auch von Cäsarmördern, Richardsonübersetzern, Romkennern, Goethefreunden und Schillerfeinden (unter den heute lebenden!), Beethovenerklärern, Wagnerverehrern, Zolanachahmern und Nietzscheanbetern. Entsetzliche Verirrung! Man kann von Vatermördern, Romanübersetzern, Kunstkennern, Frauenverehrern, und Fetischanbetern reden; aber ein Wagnerverehrer – das könnte doch nur ein Kerl sein, der gewerbsmäßig jeden „verehrt“, der Wagner heißt. Wer das nicht fühlt, der stammle weiter, dem ist nicht zu helfen.[97]
Schulze-Naumburg und Müller-Meiningen
Eine andre Abgeschmacktheit, auf die nicht bloß Zeitungschreiber, sondern auch Leute, denen man in Sprachdingen etwas Geschmack zutrauen sollte, ganz versessen sind, ist die Unsitte, an einen Personennamen den Wohnort der Person mit Bindestrichen anzuhängen, anstatt ihn durch die Präposition in oder aus damit zu verbinden und so ein ordentliches Attribut zu schaffen. Den Anfang dazu haben Leute wie Schulze-Delitzsch, Braun-Wiesbaden u. a. gemacht; die wollten und sollten durch solches Anhängen des Ortsnamens von einem andern Schulze und einem andern Braun unterschieden werden. Das waren nun ihrerzeit gefeierte Parlamentsgrößen, und wer möchte das nicht auch gerne sein! Wenn sich daher im Sommer Gevatter Schneider und Handschuhmacher zu den üblichen Wanderversammlungen aufmachen und dort schöne Reden halten, so möchten sie natürlich auch die Parlamentarier spielen und dann im Zeitungsbericht mit so einem schönen zusammengesetzten Namen erscheinen, sie möchten nicht bloß Müller und Meyer heißen, sondern Herr Müller-Rumpeltskirchen und Herr Meyer-Cunnewalde – das klingt so aristokratisch, so ganz wie Bismarck-Schönhausen, es könnte im freiherrlichen Taschenbuche stehen; man hats ja auch den geographischen Adel genannt. Der Unsinn geht so weit, daß man sogar schreibt: Direktor Wirth-Plötzensee bei Berlin. Was ist denn bei Berlin? Direktor Wirth-Plötzensee?
Die ganze dumme Mode ist wieder ein Pröbchen unsers schönen Papierdeutsch. Man höre nur einmal zu, wenn in einer solchen Wanderversammlung die sogenannte Präsenzliste verlesen wird: hört man da je etwas andres als Städtenamen? Man möchte gern wissen, wer anwesend ist, aber man kann es beim besten Willen nicht erfahren, denn der Vorlesende betont unwillkürlich – wie man solche traurige Koppelnamen nur betonen kann –: Herr Stieve-München, Herr Prutz-Königsberg, Herr Ulmann-Greifswald. Der Personenname geht vollständig verloren. Wenn dann die Zeitungen über eine solche Versammlung berichten, so drucken sie zwar den Personennamen gesperrt oder fett: Herr Stieve-München oder Herr Stieve-München. Das hilft aber gar nichts; gesprochen wird doch: Stieve-München (