). Dieser fett gedruckte und doch unbetonte Personenname, dieser grobe Widerspruch zwischen Papiersprache und Ohrensprache, ist geradezu ein Hohn auf den gesunden Menschenverstand. Will man beide Namen betonen, so bleibt nichts weiter übrig, als eine Pause zu machen, etwa als ob geschrieben wäre: Herr Stieve (München). Dann hat man aber doch auch Zeit, die Präposition auszusprechen. In neuester Zeit hat man angefangen, auch Fluß-, Tal- und Bergnamen auf diese Weise an Ortsnamen anzuleimen; man schreibt: Halle-Saale (statt Halle a. d. Saale), Frankfurt-Main, Sils-Engadin, Frankenhausen-Kyffhäuser. Und ein Buchhändler in dem Städtchen Borna bei Leipzig schreibt stolz auf seine Verlagswerke: Borna-Leipzig, als ob Leipzig ein unbekannter Vorort von Borna wäre. Wo ist dabei der mindeste Witz?
Die Sammlung Göschen
Während das Vorleimen von Eigennamen unter dem Einflusse des Englischen um sich gegriffen hat, beruhen andre Verirrungen unsrer Attributbildung auf Nachäfferei der romanischen Sprachen, namentlich des Französischen, vor allem der abscheuliche, immer ärger werdende Unfug, Personen- oder Ortsnamen unflektiert und ohne alle Verbindung hinter ein Hauptwort zu stellen, das eine Sache bezeichnet, als ob die Sache selbst diesen Personen- oder Ortsnamen führte, z. B. das Hotel Hauffe, der Konkurs Schmidt, die Stadtbibliothek Zürich (statt: Hauffes Hotel, der Schmidtsche Konkurs, die Züricher Stadtbibliothek). Die Anfänge dieses Mißbrauchs liegen freilich weit zurück, man braucht nur an Ausdrücke zu denken wie: Universität Leipzig, Zirkus Renz, Café Bauer; aber seinen gewaltigen Umfang hat er doch erst in der neuesten Zeit angenommen. In wirklich deutsch gedachter Form bekommt man einen Eigennamen in Attributen kaum noch zu hören: alles plärrt, die Franzosen und Italiener nachäffend (librairie Quantin, chocolat Suchard, rue Bonaparte, casa Bartholdi, Hera Farnese und ähnl.), von dem Antrag Dunger, dem Fall Löhnig, der Affäre Lindau, dem Ministerium Gladstone, dem Kabinett Salisbury, dem System Jäger, der Galerie Schack, dem Papyrus Ebers, der Edition Peters, der Kollektion Spemann und der Sammlung Göschen, von Schokolade Felsche und Tee Riquet,[98] von der Villa Meyer, dem Wohnhaus Fritzen, dem Grabdenkmal Kube, dem Erbbegräbnis Wenzel, dem Pensionat Neumann, der Direktion Stägemann, dem Patentbureau Sack, dem Sprachinstitut Bach, dem Konzert Friedheim, der Soiree Buchmayer, der Tanzstunde Marquart, dem Experimentierabend Dähne, dem Vortrag Mauerhof, dem Quartett Udel, der Bibliothek Simson, der Versteigerung Krabbe und dem Streit Geyger-Klinger, von dem Magistrat Osnabrück, der Staatsanwaltschaft Halle, der Fürstenschule Grimma, dem Kaiserl. deutschen Postamt Frankfurt, dem Schreberverein Gohlis, der Mühle Zwenkau, dem Bundesschießen Mainz, dem Löwenbräu München und dem Migränin Höchst. Sogar der Dorfwirt will nicht zurückbleiben: er läßt den Firmenschreiber kommen, die alte Inschrift an seiner Schänke: Gasthof zu Lindenthal zupinseln und dafür Gasthof Lindenthal hinmalen, und der Dorfpastor kommt sich natürlich nun auch noch einmal so vornehm vor, wenn er sich auf seine Briefbogen Pfarrhaus Schmiedeberg hat drucken lassen. Und was der Franzose nie tut, das bringt der Deutsche fertig: er setzt auch hier Vornamen und Titel zu diesen angeleimten Namen und schreibt: die Galerie Alfred Thieme, die Kapelle Günther Coblenz, der Rezitationsabend Ernst von Possart, die Villa Dr. Brüning, das Signet Galerie Ernst Arnold Dresden (das soll heißen: Signet der Galerie von Ernst Arnold in Dresden!). Manchmal weiß man nicht einmal, ob der angefügte Name ein Orts- oder ein Personenname sein soll. In Leipzig preist man Gose Nickau an. Ja, was ist Nickau? Ist es der Ort, wo dieser edle Trank gebraut wird, oder heißt der Brauer so? Der großherzogliche Bahnbauinspektor Waldshut – heißt der Mann Waldshut, oder baut er in Waldshut eine Eisenbahn?
Da kämpfen wir nun für Beseitigung der unnützen Fremdwörter in unsrer Sprache; aber sind denn nicht solche fremde Wortverbindungen viel schlimmer als alle Fremdwörter? Das Fremdwort entstellt doch die Sprache nur äußerlich; wirft man es aus dem Satze hinaus und setzt das deutsche Wort dafür ein, so kann der Satz im übrigen meist unverändert bleiben. Aber die Nachahmung von syntaktischen Erscheinungen aus fremden Sprachen, noch dazu von Erscheinungen, die die Sprache in so heruntergekommenem Zustande zeigen, wie dieses gemeine Aneinanderleimen – leimen ist noch zuviel gesagt, Aneinanderschieben – von Wörtern fälscht doch das Wesen unsrer Sprache und zerstört ihren Organismus. Es ist eine Schande, wie wir uns hier an ihr versündigen! Wie stolz mag der Inhaber der Auskunftei Schimmelpfeng gewesen sein, als er das herrliche deutsche Wort Auskunftei erfunden hatte![99] Aber für die ganz undeutsche Wortzusammenschiebung hat er kein Gefühl gehabt.
Auch hier handelt sichs um nichts als um eine dumme Mode, die jetzt, namentlich in den Kreisen der Geschäftsleute und Techniker, für fein gilt. Wenn es in einer Stadt fünf Kakaofabrikanten gibt, und einer von den fünfen schreibt plötzlich in seinen Geschäftsanzeigen: Kakao Müller (statt Müllerscher Kakao) und hat nun damit etwas besondres, so läßt es den vier andern keine Ruhe, bis sie dieselbe Höhe der Vornehmheit erklommen haben (Kakao Schulze, Kakao Meier usw.). Der fünfte lacht vielleicht die andern vier eine Zeit lang aus und wartet am längsten; aber schließlich humpelt er doch auch hinterdrein, während sich der, der mit der Dummheit angefangen hat, schon wieder eine neue ausdenkt.
Zu einer ganz besondern Abgeschmacktheit hat die neu erwachte Liebhaberei geführt, in Büchern ein Bücherzeichen mit dem Namen des Eigentümers einzukleben. Ein solches Bücherzeichen nennt man ein Exlibris, und wer sich eins anfertigen läßt, der läßt auch stets dieses Wort darauf anbringen. Da gibt es aber doch nun bloß zwei Möglichkeiten. Entweder man versteht das Wort lateinisch und in seiner eigentlichen Bedeutung (eins von den Büchern); dann kann man auch nur seinen Namen lateinisch dahinter setzen: Ex libris Caroli Schelleri. So geschah es im achtzehnten Jahrhundert. Oder man versteht Ex-Libris „deutsch“ als „Bücherzeichen“; dann kann man natürlich nur schreiben: Exlibris Karl Schellers. Das tut aber von Tausenden nicht einer! Alle setzen hinter Exlibris ihren Namen im Nominativ: Exlibris Eugen Reichardt, Exlibris Adolf von Groß, Exlibris Carl und Emma Eckhard. Das vernünftigste wäre ja, weiter nichts als seinen Namen hinzusetzen oder zu schreiben: Eigentum Oskar Leuschners oder Aus der Bibliothek (oder Bücherei) Paul Werners. Aber ohne die Worte oder das Wort Exlibris würde der ganze Sport den Leuten gar keinen Spaß machen. Man tauscht Exlibris, man tritt in den Exlibrisverein, man hält sich die Exlibriszeitschrift, und man druckt auf sein Bücherzeichen eine – Sprachdummheit.
Die Familie Nachfolger
Ebenso einfältig ist noch ein andrer Unfug, der auch auf bloße Nachäfferei des Französischen und des Englischen zurückzuführen ist. Der französische Geschäftsstil setzt père, fils und frères, der englische brothers als Apposition hinter den Personennamen: Dumas fils, Shakelford brothers. Im Deutschen ist das ganz unmöglich, wir können nur von dem Wörterbuch der Gebrüder Grimm reden, nicht der Grimm Gebrüder. Aber unsre Kaufleute müssen natürlich wieder das Fremde nachäffen; sie nennen sich Schmidt Gebrüder, Blembel Gebrüder, Ury Gebrüder. Sie gehen aber noch weiter. Während der Franzose sagt: Veuve Cliquot, schreibt der Deutsche: M. D. Schwennicke Witwe, ja selbst wo es sich gar nicht um ein Verwandtschaftsverhältnis handelt, leimt er ein Appellativ und einen Personennamen in dieser Weise zusammen, statt ein Attribut zu bilden; in unsrer Geschäftswelt wimmelt es schon von Firmen, die alle so aussehen, als ob ihre Inhaber den Familiennamen Nachfolger und dabei die seltsamsten Vornamen hätten, wie: C. F. Kahnt Nachfolger, Johann Jakob Huth Nachfolger, ja sogar Gebrüder Hinzelmann Nachfolger und Luise Werner Nachfolger. In großen Städten findet man kaum noch eine Straße, wo nicht Mitglieder dieser weitverzweigten Familie säßen. Auch daraus ist eine richtige dumme Mode geworden. Während früher ein Geschäft, wenn es den Inhaber wechselte, die alte Firma meist unverändert beibehielt, um sich deren Ruf zu erhalten – in Leipzig gibt es Firmen, die noch heute so heißen wie vor hundert und mehr als hundert Jahren, und sie befinden sich nicht schlecht dabei! –, ist jetzt oft ein Geschäft kaum zwei, drei Jahre alt, und schon prangt der „Nachfolger“ auf der Firma. Manchen will ja die Dummheit, den Personennamen dabei im Nominativ stehen zu lassen, nicht recht in den Kopf; man sieht das an der verschiedenen Art und Weise, wie sie sich quälen, sie hinzuschreiben. Die meisten schreiben freilich dreist: Ferdinand Schmidt Nachfolger. Andre schreiben aber doch mit Komma: Ferdinand Schmidt, Nachfolger, was zwischen einem Schneider und einem Fleischer so aussieht, als ob die Beschäftigung dieses Biedermanns im Nachfolgen bestünde, andre ganz klein, als ob sie sich ein bißchen schämten: Ferdinand Schmidt Nachfolger. Nur auf das einzig vernünftige: Ferdinand Schmidts Nachfolger verfällt keiner.
Namentlich auch im deutschen Buchhandel hat das fruchtbare Geschlecht der Nachfolger schon eine Menge von Vertretern. Einer der wenigen, die den Mut gehabt haben, der abgeschmackten Mode zum Trotz dem gesunden Menschenverstande die Ehre zu geben, ist der Verleger der Gartenlaube: Ernst Keils Nachfolger. Dagegen überbietet alles an Sprachzerrüttung die Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger; das soll heißen: der Nachfolger der Cottaischen Buchhandlung! In solchem Deutsch prangt jetzt die Buchhandlung, in der einst Schillers und Goethes Werke erschienen sind!