Eine ähnliche Sprachzerrüttung wie in den zuletzt angeführten Beispielen findet sich nur noch in den Namen neuer Schiffe, von denen man jetzt öfter in den Zeitungen liest: Ersatz Preußen, Ersatz Leipzig, Ersatz Deutschland. Was in aller Welt soll das heißen? Man kann es wohl ungefähr ahnen, aber ausgesprochen ist es nicht. Soll Ersatz Preußen aufzufassen sein wie Ersatztruppen, Ersatzknopf, Ersatzgarnitur, so müßte es natürlich als zusammengesetztes Wort geschrieben werden: Ersatz-Preußen. Soll es aber, was das wahrscheinlichere ist, heißen: Ersatz der (!) Preußen[100] oder Ersatz für die Preußen, so läge in dem Weglassen des Artikels oder der Präposition eine beispiellose Stammelei. Man könnte dann ebensogut sagen: Stellvertreter Direktor und sich einbilden, das hieße: Stellvertretender Direktor oder Stellvertreter des Direktors. Das mag Chinesisch sein oder Negersprache, Deutsch ist es nicht. Wahrscheinlich ist es aber – Englisch. Englisch ist ja jetzt Trumpf, zumal wenn es die Marine betrifft.
Der grobe Unfugparagraph
Viel ist schon gespottet worden über Attributbildungen wie: der musikalische Instrumentenmacher, der vierstöckige Hausbesitzer, der doppelte Buchhalter, der wilde Schweinskopf, die reitende Artilleriekaserne, die geprüfte Lehrerinnenanstalt, die durchlöcherte Stuhlsitzfabrik, die chinesische Feuerzeugfabrik, der geräucherte Fischladen, die verheiratete Inspektorwohnung, die gelben Fieberanfälle, das einjährig-freiwillige Berechtigungswesen und ähnliche, wo ein Attribut zu einem zusammengesetzten Worte gestellt ist, während es sich nur auf das Bestimmungswort der Zusammensetzung, in dem letzten Falle sogar auf einen dritten, hinzuzudenkenden Begriff (Dienst) bezieht. Dennoch wagen sich immer wieder Verbindungen dieser Art hervor wie: das alte Thomanerstipendium (das soll eine Stiftung der alten, d. h. ehemaligen Thomaner sein!), der grobe Unfugparagraph, die transportabeln Beleuchtungszwecke, der Vereinigte Staatenstaatssekretär, die Weiße Damenpartitur usw.
Solche Verbindungen werden nur dann erträglich, wenn es möglich ist, sie durch doppelte Zusammensetzung zu dreigliederigen Wörtern zu gestalten; wie: Armesünderglocke, Liebfrauenmilch, Altweibersommer, Sauregurkenzeit u. dgl.
Nicht besser, eher noch schlimmer sind solche Fälle, wo das Attribut, statt durch ein Eigenschaftswort, durch einen Genitiv oder eine Präposition mit einem Hauptworte gebildet wird wie: der Doktortitel der Philosophie, der Enthüllungstag des Geibeldenkmals, das Heilverfahren der Diphtheritis, das Schmerzstillen der Zähne, die Anzeigepflicht der ansteckenden Krankheiten, der Verhaftungsversuch des Arbeiters, eine Fälscherbande amtlicher Papiere, das Übersetzungsrecht in fremde Sprachen, der Verpackungstag nach Österreich, ein Reisehandbuch nach Griechenland, die Abfahrtszeit nach Kassel, eine Sterngruppe dritter Größe, eine Zuckerfabrik aus Rüben, Erinnerungsstätte an Käthchen Schönkopf, 100 Stück Kinderhemden von 2 bis 14 Jahren, und ähnliches.
Die teilweise Erneuerung
Mit wachsender Schnelligkeit hat sich endlich noch ein Fehler in der Attributbildung verbreitet, der für einen Menschen von feinerem Sprachgefühl etwas höchst beleidigendes hat, gegen den aber die große Masse schon ganz abgestumpft ist: der Fehler, die mit weise zusammengesetzten Adverbia wie Adjektiva zu behandeln. Man schreibt jetzt frischweg, als ob es so ganz in der Ordnung wäre: die teilweise Erneuerung, die stufenweise Vermehrung, die ausnahmsweise Erlaubnis, die bruchstückweise Veröffentlichung, die heftweise Ausgabe, die stückweise Bezahlung, die auszugsweise Abschrift, die vergleichsweise Erledigung, die leihweise oder schenkungsweise Überlassung, der glasweise Ausschank, die probeweise Anstellung, die reihenweise Aufstellung, die versuchsweise Aufhebung, die abwechslungsweise Verteilung usw. Wenn in Leipzig jemand seine Steuern nicht pünktlich bezahlt, so hat er die zwangsweise Beitreibung (!) zu gewärtigen; ja nach einer Dorfversammlung läßt man sogar die Leute in ihre beziehungsweisen (!) Behausungen zurückkehren.
Es wird einem ganz griechisch zumute, wenn man so etwas liest. Die griechische Sprache ist imstande, das zwischen Artikel und Hauptwort tretende Attribut auch durch ein Adverb oder einen adverbiellen Ausdruck zu bilden.[101] Im Griechischen kann man sagen: das jetzt Geschlecht (τὸ νῦν γένος) für: das jetzige Geschlecht, der heute Tag für: der heutige Tag, der jedesmal König für: der jedesmalige König, die dazwischen Zeit für: die dazwischenliegende Zeit, der zurück Weg für: der zurückführende Weg, die allzusehr Freiheit für: die allzu große Freiheit. Mit unsern Adverbien auf weise lassen sich im Griechischen namentlich gewisse mit der Präposition κατά und dem Akkusativ gebildete Ausdrücke vergleichen wie: κατὰ μικρόν (stückweise), κατ’ ἐνιαυτόν (jahrweise, alljährlich), καθ’ ἡμέραν (tageweise), (einer auf einmal), ἡ καθ’ ἡμέραν τροφή (die tageweise Nahrung). Im Deutschen sind derartige Verbindungen ganz unmöglich.[102] Dem, der sie gebraucht, fällt es auch gar nicht ein, in einer Verbindung wie: die schrittweise Vervollkommnung das schrittweise als Adverb aufzufassen, er meint, er schreibe wirklich ein Adjektivum hin, er dekliniert ja auch: die pfennigweisen Ersparnisse, ein teilweiser Erlaß. Das ist aber eben die Verwirrung. Die mit weise zusammengesetzten Wörter sind Adverbia, die aus Genitiven entstanden sind. Man sagte zunächst: glücklicher Weise, törichter Weise, verkehrter Weise, wie man auch sagte: gewisser Maßen (die Maße hieß es ursprünglich). Dann dachte man nicht mehr an den Genitiv, sondern wagte auch andre Zusammensetzungen (versuchsweise ist eigentlich: nach oder auf Versuchs Weise), und endlich bildete man sich ein, vielleicht verführt durch den Gleichklang mit weise (sapiens), diese Zusammensetzungen wären Adjektiva. Das sind sie aber nicht; man kann wohl etwas teilweise erneuern, ausnahmsweise erlauben, zwangsweise versteigern, bruchstückweise veröffentlichen, man kann sich schrittweise vervollkommnen, aber die schrittweise Vervollkommnung ist eine Verirrung des Sprachgefühls, die nicht um ein Haar besser ist als das entzweie Glas, der extrae Teller, der sehre Hunger und die bisweilen im Scherz gebildeten Ausdrücke, in denen man Präpositionen wie Adjektiva behandelt: ein durcher Käse, eine zue Droschke, ein auses Heft (statt: ein ausgeschriebnes).[103]
Mancher wird einwenden: daß ein Adverbium zum Adjektivum wird, ist doch kein Unglück, es ist auch sonst geschehen. Mit zufrieden, vorhanden, ungefähr ist es ebenso gegangen. Erst sagte man: ich kann mir das ungefähr vorstellen, dann wagte man auch: ich habe davon eine ungefähre Vorstellung. Andre werden einwenden: dieser Mißbrauch (wenn es einer ist) gewährt doch unleugbar eine Bequemlichkeit, wo soll man einen Ersatz dafür hernehmen? Früher sagte man: partiell (die partielle Renovation), fragmentarisch (die fragmentarische Publikation), exzeptionell, obligatorisch, relativ, provisorisch. Nun meiden wir die Fremdwörter und sagen: die teilweise Erneuerung, die bruchstückweise Veröffentlichung, und nun ist es wieder nicht recht.
Das sind hinfällige Einwände. Wer sich der adverbiellen Natur dieser Zusammensetzungen bewußt geblieben ist – und solche Menschen wird es doch wohl noch geben dürfen? –, oder wer sie sich wieder zum Bewußtsein gebracht hat, was gar nicht schwer ist, der bringt Ausdrücke wie teilweise Erneuerung weder über die Lippen noch aus der Feder.[104] Einzelne dieser Verbindungen sind ja nichts als Sprachschwulst oder Ungeschick: für schenkungsweise Überlassung eines Bauplatzes genügt doch wahrhaftig Schenkung und statt: die teilweise Veröffentlichung der Briefe kann man doch sagen: die Veröffentlichung eines Teils oder von Teilen der Briefe. Alle aber lassen sich vermeiden, wenn man sich nur von der Manier freihält oder wieder freimacht, in der unsre ganze Schriftsprache jetzt befangen ist, der greulichen Manier, zum Hauptsinnwort eines Satzes immer ein Substantiv zu machen, statt ein Zeitwort. Wenn wir wieder Verba schreiben lernten, vor allen Dingen einen Satz wieder mit dem Verbum anfangen lernten, was sich heute kaum noch jemand getraut, dann würde so mancher andre Unrat auch wieder verschwinden. Statt zu schreiben: es wurde eine Resolution angenommen, die die zeitweise Aufhebung der Kornzölle verlangte – schreibe man doch: die verlangte, die Kornzölle zeitweise aufzuheben, statt: ihre teilweise Begründung mag diese Gleichgiltigkeit darin finden – schreibe man doch: begründet mag diese Gleichgiltigkeit zum Teil darin sein – und alles ist in bester Ordnung.