Eine nagelneue besondre Abart dieses Fehlers ist das von den Kleiderfabrikanten aufgebrachte fußfreie Kleid, dem sich natürlich schleunigst der armfreie Lodenmantel, die armfreie Betätigung aller Kräfte und die kniefreien Wunderkinder angeschlossen haben. Man kann sich wohl fußfrei kleiden, d. h. so, daß die Füße frei bleiben, man kann sich auch rückenfrei setzen, aber dann kann weder der Mensch noch das Kleid fußfrei, weder der Mensch noch der Stuhl rückenfrei genannt werden.

Der tiefer Denkende, der Tieferdenkende oder der tiefer denkende?

Ein Gegenstück zu der schrittweisen Vervollkommnung, das freilich durch eine andre Sprachdummheit entsteht, bilden Verbindungen wie: das einzig Richtige, der tiefer Denkende, der mittellos Verstorbne, der mit ihm Redende u. ähnl. Da liegt der Fehler nicht im Ausdruck, sondern – in der Schreibung, nämlich in den törichten großen Anfangsbuchstaben, mit denen man ganz allgemein die Adjektiva und Partizipia solcher Verbindungen schreibt und druckt.

Gewöhnlich wird gelehrt, daß Adjektiva und Partizipia, wenn sie kein Hauptwort bei sich haben, selber zu Hauptwörtern würden und dann mit großen Anfangsbuchstaben zu schreiben seien, also: die Grünen und die Blauen, alle Gebildeten. Das läßt sich hören. Nun geht man aber weiter. Man schreibt solche Adjektiva und Partizipia auch dann groß, wenn zu dem Adjektiv ein Adverb oder ein Objekt, zu dem Partizip ein Adverb, ein Prädikat, ein Objekt oder eine adverbielle Bestimmung tritt, z. B.: so Schönes, längst Bekanntes, etwas ungemein Elastisches, der minder Arme, alles bloß Technische, das eigentlich Theatralische, der wirtschaftlich Abhängige, das dem Vaterland Ersprießliche – ein unglücklich Liebender, kein billig Denkender, der wagehalsig Spekulierende, das wahrhaft Seiende, der früh Dahingeschiedne, die mäßig Begüterten, die bloß Verschwägerten, der ergebenst Unterzeichnete, der sehnlichst Erwartete, der wahrhaft Gebildete, das glücklich Erreichte, das früher Versäumte, der hier Begrabne, das anderwärts besser Dargestellte – der beschaulich Angelegte, der gefesselt Daliegende, der unschuldig Hingerichtete, das als richtig Erkannte – die dem Gemetzel Entgangnen, die Medizin Studierenden – die zu ihm Geflüchteten, die vom Leben Abgeschiednen, die bei der Schaffung des Denkmals Beteiligten, die an der Aufführung Mitwirkenden, die auf die Eröffnung der Kasse Wartenden – auch: die von ihm zu Befördernden, das auf Grund des schon Vorhandnen noch zu Erreichende usw.

Ist das richtig? Können in solchen Verbindungen die Adjektiva und Partizipia wirklich als Substantiva angesehen werden? Ein wenig Nachdenken genügt doch, zu zeigen, daß das unmöglich ist. Wenn ich sage: der frühere Geliebte, so ist das Partizip wirklich zum Substantivum geworden; sage ich aber: der früher geliebte, so kann doch von einer Substantivierung keine Rede sein. Welchen Sinn hat es aber, Wörter äußerlich, für das Auge, zu Hauptwörtern zu stempeln, die gar nicht als Hauptwörter gefühlt werden können? Diese Fälle sollten im Unterricht dazu benutzt werden, den Unterschied zwischen einem zum Substantiv gewordnen und einem Partizip gebliebnen Partizipium klarzumachen! Wäre es richtig, zu schreiben: alles bisher Erforschte, alle vernünftig Denkenden, die im Elsaß Reisenden, die zwei Jahre lang Verbündeten, die zur Feier von Kaisers Geburtstag Versammelten, die durch die Überschwemmung Beschädigten, die auf preußischen Universitäten Studierenden, der wegen einer geringfügigen Übertretung Angeklagte, wäre es möglich, alle diese Partizipia als Substantiva zu fühlen – und nur darauf kommt es an! –, dann müßte man auch sagen können: alle bisher Forschung, alle vernünftig Denker, die im Elsaß Reise, die zwei Jahre lang Verbindung, die zur Feier von Kaisers Geburtstag Versammlung, der durch die Überschwemmung Schade, die auf preußischen Universitäten Studenten, die wegen einer geringfügigen Übertretung Anklage. Wollte man hier wirklich eine Substantivierung annehmen und äußerlich vornehmen, so könnte das nur so geschehen, daß man die ganze Bekleidung mitsubstantivierte und schriebe: die Wirklichoderangeblichminderbegabten, jeder Tieferindiegoethestudieneingedrungne. So verfährt man ja wirklich bei kurzen Zusätzen wie: die Leichtverwundeten, der Frühverstorbne, die Fernerstehenden, die Wenigerbegabten.

Nun könnte man sagen: gut, wir wollen da, wo Adjektiva und Partizipia allein stehen, sie mit großen Anfangsbuchstaben schreiben; treten sie mit irgendwelchen Zusätzen auf, so mögen sie mit dem kleinen Buchstaben zufrieden sein. Was soll aber dann geschehen, wenn beide Fälle miteinander verbunden sind, was sehr oft geschieht, z. B.: das unbedeutende, in der Eile hingeworfne – etwas selbstverständliches, mit Händen greifbares – etwas großes, der ganzen Menschheit ersprießliches – eine nach dem pikanten, noch nicht dagewesenen haschende Phantasie – mit Verzicht auf das verlorne und zu unsrer Sicherheit unbedingt notwendige? Soll man da abwechseln? das eine klein, das andre groß schreiben?

Das vernünftigste wäre ohne Zweifel, man beschränkte die großen Anfangsbuchstaben überhaupt auf die wirklichen Substantiva und schriebe alles übrige klein. Aber zu schreiben: das durch redlichen Fleiß Gewonnene, und sich und andern einzureden: Gewonnene sei hier ein Substantiv, ist doch geradezu ein Verbrechen an der Logik. Aber auch das schrittweise Gewonnene ist Unsinn. Denn wäre Gewonnene ein Hauptwort, dann könnte schrittweise nur ein Eigenschaftswort sein, und das ist es nicht, ist aber schrittweise ein Adverbium, dann kann Gewonnene nur eine Verbalform sein, und das ist es ebenfalls nicht, sowie man es mit G schreibt.

Die Apposition

Eine Regel, die schon der Quintaner lernt, lautet: eine Apposition muß stets in demselben Kasus stehen wie das Hauptwort, zu dem sie gehört. Das ist so selbstverständlich, daß es ein Kind begreifen kann. Nun sehe man sich aber einmal um, wie geschrieben wird! Da heißt es: das Gastspiel des Herrn R., erster Tenor an der Skala in Mailand – der Verfasser der Sylvia, ein Buch, das wir leider nicht kennen – es gilt das namentlich von dem mitteldeutschen Hofbau, die verbreitetste aller deutschen Bauarten – der First ist mit freistehenden Figuren, Petrus und die vier Evangelisten, geschmückt – offenbar hat Trippel von jener Skulptur, eine dem Apoll von Belvedere nicht allzufernstehende Arbeit, die Anregung erhalten – in Koblenz war ich ein Stündchen bei Bädeker, ein recht liebenswürdiger, verständiger Mann – das Grab war mit Reseda und Monatsrosen geschmückt, die Lieblingsblumen der Verstorbnen – anders verhält es sich mit dem Sauggasmotor, ein Apparat, der das erforderliche Gas selbst erzeugt. Solche Verbindungen kann man sehr oft lesen; mag der Genitiv, der Dativ, der Akkusativ vorausgehen, gleichviel: die Apposition wird in den Nominativ gesetzt. Sie wird behandelt wie eine Parenthese, als ob sie gar nicht zum Satzgefüge gehörte, als ob sie der Schreibende „beiseite“ spräche oder in den Bart murmelte.

Auch dieser Fehler ist, wie so manches in unsrer Sprache, durch Nachäfferei des Französischen entstanden. Nicht daß das Französische bei seiner strengen Logik eines solchen Unsinns fähig wäre, zu einem Hauptwort im Genitiv eine Apposition im Nominativ zu setzen. Wenn der Franzose schreibt: le faîte est orné de statues, St. Pierre et les quatre évangélistes, so empfindet er natürlich les évangélistes so gut von de abhängig wie das vorhergehende. Der Deutsche aber, der ein bißchen Französisch gelernt hat, sieht nur die unflektierte Form, bildet sich ein, das sei ein Nominativ, und plumpst nun hinter des und dem und den mit seinem der drein. Es ist wie ein Schlag ins Gesicht, ein solcher Nominativ als Genosse und Begleiter eines casus obliquus.