Auch wenn die Apposition mit als angeschlossen wird, muß sie unbedingt in demselben Kasus stehen wie das Wort, zu dem sie tritt, z. B.: ein Vortrag über Viktor Hugo als politischen Dichter (nicht politischer!) – ein Portal mit zwei gefesselten Türken als Schildhaltern (nicht Schildhalter!) – eine Zusammenfassung Schlesiens als eines Ganzen (nicht ein Ganzes!). Nur wenn sie sich an das besitzanzeigende Adjektiv anschließt, also eigentlich im Genitiv stehen müßte, nimmt man sich allgemein die Freiheit, zu sagen: mein Beruf als Lehrer, seine Bedeutung als Dichter.

Nicht zu verwechseln mit der Apposition hinter als ist das Prädikatsnomen hinter als und dem Partizip eines Zeitworts, wie gesandt, berufen, bekannt, berühmt, gefeiert, bewährt, berüchtigt usw. Beim Verbum finitum steht selbstverständlich ein Prädikatsnomen, das sich an das Subjekt anschließt, im Nominativ: der Entschlafne wurde als Mensch wie als Politiker gleich hoch geschätzt; schließt es sich an das Objekt an, so steht es im Akkusativ: ich habe den Entschlafnen als Menschen wie als Politiker gleich hoch geschätzt. Manche schreiben nun aber auch: die Stadt hat ihr als ausgezeichneten Verwaltungsbeamten bekanntes Oberhaupt verloren. Das ist des Guten zu viel. Beim Partizip steht das Prädikatsnomen stets im Nominativ, der Kasus, auf den es sich bezieht, mag sein, welcher er will, z. B.: auf die Vorstellungen des als Gesandter an ihn geschickten Tilo – an die Stelle des als Professor nach Aachen versetzten Baumeisters – als Nachfolger des als Gehilfe des Finanzministers nach Petersburg berufnen Geheimratsdem als vortrefflicher Dirigent bekannten Kapellmeister. Dieser Nominativ erklärt sich daraus, daß er eben stets hinter dem passiven Verbum finitum steht, sogar oft im Aktiv bei rückbezüglichen Zeitwörtern, wie sich zeigen, sich beweisen, sich verraten, sich entpuppen, sich bewähren, wo eigentlich der Akkusativ am Platze wäre: er hat sich als ausgezeichneter Verwaltungsbeamter bewährt. Hier ist übrigens ein Unterschied möglich; er zeigte sich als feinen Kenner – ist etwas andres als: er zeigte sich als feiner Kenner. Der Akkusativ entspricht einem Objektsatz im Konjunktiv (er zeigte, daß er ein feiner Kenner sei), der Nominativ einem Objektsatz im Indikativ (er zeigte, daß er ein feiner Kenner ist). Aber dieser Unterschied ist so fein, daß ihn die wenigsten nachfühlen werden; die meisten schreiben unwillkürlich überall den Nominativ.

Bei sein lassen und werden lassen muß ein zum Objekt gehöriges Prädikat natürlich im Nominativ stehen. Falsch heißt es in dem Gesangbuchliede: laß du mich deinen Tempel sein, falsch auch bei Uhland: laß du mich deinen Gesellen sein – so annehmbar es auch zu klingen scheint. Es muß heißen: laß du mich dein Geselle sein – laß ihn ein tüchtiger Künstler werden.

Der Buchtitelfehler

Ein besonders häufiges Beispiel einer fehlerhaften Apposition findet sich auf Buchtiteln. Gewiß auf der Hälfte aller Buchtitel wird jetzt zum Verfassernamen, der ja immer hinter von, also im Dativ steht, das Amt oder der Beruf des Verfassers im Nominativ gesetzt! Noch in den vierziger und fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts war diese Nachlässigkeit fast unbekannt; da schrieb man noch richtig; von Joseph Freiherrn von Eichendorff, von H. Stephan, kgl. preußischem Postrat. Jetzt heißt es: von C. W. Schneider, Reichstagsabgeordnetervon H. Brehmer, dirigierender Arzt – von F. Kobeker, kaiserl. russischer Geheimrat – von Egbert von Frankenberg, diensttuender Kammerherr – von Havestadt und Contag, Regierungsbaumeistervon Dr. Leonhard Wolff, städtischer Musikdirektor – von J. Hartmann, königl. preußischer Generalleutnant z. D. – von Adolf Zeller, königlicher Regierungsbaumeister – von Adolf Winds, königl. sächsischer Hofschauspieler – von Dr. Friedrich Harms, weiland ordentlicher Professor an der Universität Berlin – von L. Schmidt, korrespondierendes Mitglied des Vereins usw. Besonders häufig erscheinen der Dozent, der Privatdozent und der Architekt in solchen fehlerhaften Appositionen; es ist, als ob die Herren ganz vergessen hätten, daß sie nach der schwachen Deklination gehen (dem Dozenten, dem Architekten). Mitunter sind ja die Verfasser so vorsichtig, das Wort, auf das es ankommt, abzukürzen, z. B.: von Heinrich Oberländer, königl. Schauspieler. Namentlich der ordentl. und der außerordentl. Professor gebrauchen gern diese Vorsicht und überlassen es dem Leser, sich die Abkürzung nach Belieben zu ergänzen. Die meisten Leser ergänzen aber sicher falsch.[105] Hat außerdem noch der Name des Druckers oder des Verlegers eine Apposition, so kann es vorkommen, daß auf einem Buchtitel der Fehler zweimal steht, oben beim Verfassernamen und dann wieder unten am Fuße: Druck von Gustav Schenk, königlicher Hoflieferant!

Aber auch in andern Fällen, nicht bloß wo sich der Verfasser eines Buches nennt, wird der Fehler oft begangen. Man schreibt auch: Erinnerungen an Botho von Hülsen, Generalintendant der königlichen Schauspiele. Auf Briefadressen kann man lesen: Herrn Dr. Müller, Vorsitzender des Vereins usw. Es ist, als ob alle solche Appositionen, die Amt, Titel, Beruf angeben, zusammen mit den Personennamen als eine Art von Versteinerungen betrachtet würden. Daß von den Dativ, an den Akkusativ regiert, dafür scheint hier alles Bewußtsein geschwunden zu sein. Erst kommt die Präposition, dann der Name, und dann, unflektiert und, wie es scheint, auch unflektierbar, der Wortlaut der – Visitenkarte.

Frl. Mimi Schulz, Tochter usw.

Zu der einen Nachäfferei des Französischen bei der Apposition kommt aber jetzt noch eine zweite, nämlich die, den Artikel wegzulassen. In gutem Deutsch ist das nur dann üblich, wenn die Apposition Amt, Beruf oder Titel bezeichnet, und auch da eigentlich nur in Unterschriften, wenn man selber seinen Namen und Titel hinschreibt. Aber abgeschmackt ist es, den Artikel bei Verwandtschaftsbegriffen wegzulassen, und doch kann man das jetzt ebenso oft in Geschichtswerken wie in – Verlobungsanzeigen lesen. Historiker und Literarhistoriker schreiben: die Bekanntschaft mit Körner, Vater des Dichters Theodor Körner – die Briefe sind an die Herzogin Dorothee Susanne, Gemahlin des Herzogs Johann Wilhelm, gerichtet – Gabriele von Bülow, Tochter Wilhelm von Humboldts – sogar: Direktor Adler, Pate meiner Schwester – und der Reserveleutnant und Gymnasialoberlehrer Schmidt zeigt an, daß er sich mit Fräulein Mimi Schulz, Tochter des Herrn Kommerzienrat Schulz, verlobt habe. Diese lapidarische Kürze mag in den Augen des Reserveleutnants der Größe des Augenblicks angemessen erscheinen – deutsch ist sie nicht. Hat der Herr Kommerzienrat nur die eine Tochter, so muß es heißen: der Tochter, hat er mehrere, so muß es heißen: einer Tochter; und warum soll die Welt nicht erfahren, ob er noch mehr hat? Und wenn der Geschichtschreiber nicht wüßte, oder wenn es überhaupt unbekannt wäre, ob die Fürstin, von der er erzählt, eine oder mehrere Töchter gehabt hat, so müßte es immer heißen: eine Tochter, denn eine Tochter war es auf jeden Fall, ob sie nun die einzige war oder Schwestern hatte.

Ebenso falsch ist es natürlich, zu schreiben, der Vorwärts, Organ der sozialdemokratischen Partei. Hat die Partei mehrere „Organe“, so muß es heißen: ein Organ; hat sie nur das eine, ist das ihr anerkanntes amtliches „Organ“, so muß es heißen: das Organ. Organ allein könnte höchstens (in dem zweiten Falle) unter dem Titelkopfe der Zeitung stehen.

Bad-Kissingen und Kaiser Wilhelm-Straße