Zu Mann gibt es eine doppelte Mehrzahl: Männer und Leute. Man sagt: die Bergleute, die Hauptleute, die Spielleute, aber die Wahlmänner, die Ehrenmänner, die Biedermänner, die Ehemänner; unter Eheleuten versteht man Mann und Frau zusammen.
Ein Wort, mit dem die Leute nicht mehr recht umzugehen wissen, und das sie doch jetzt sehr gern gebrauchen, ist Gewerke (für Handwerker). Ein Gewerke ist ein zu einer Innung gehörender Meister oder ein Teilnehmer an einem gesellschaftlichen Geschäftsbetrieb (das alte gute deutsche Wort für das heutige Aktionär). Das Wort ist aber schwach zu flektieren, die Mehrzahl heißt die Gewerken (die Baugewerken). Daneben gibt es aber das Wort auch im sächlichen Geschlecht: das Gewerk (für Handwerk, Innung), und das ist stark zu flektieren; hier heißt die Mehrzahl die Gewerke. Viele gebrauchen aber jetzt fälschlich die starke Form, auch wo sie offenbar die einzelnen Personen, nicht die Handwerksinnungen meinen, z. B. heimische Künstler und Gewerke. Umgekehrt sind jetzt die Gauen beliebt: das Lied ging durch alle deutschen Gauen. Aber auch sie sind falsch; Gau, ursprünglich sächlichen Geschlechts (das Gäu), jetzt Maskulinum, bildet den Genitiv des Gaus und die Mehrzahl die Gaue.
In Leipziger Zeitungen werden oft Darlehne gesucht (Pfanddarlehne, Hypothekendarlehne), und die Geistlichen treten für ihre alten Kirchlehne ein. Die Einzahl heißt aber das Lehen, und wenn das auch kein substantivierter Infinitiv ist, wie Wesen, Schreiben, Vermögen, Verfahren, Vergnügen, Unternehmen, so wird es doch in der guten Schriftsprache so flektiert wie diese, und die Mehrzahl heißt: die Lehen, die Darlehen, die Kirchlehen, so gut wie die Wesen, die Verfahren, die Unternehmen.
Frieden oder Friede? Namen oder Name?
Bei einer kleinen Anzahl von Hauptwörtern schwankt der Nominativ zwischen einer Form auf e und einer auf en; es sind das folgende Wörter: Friede, Funke, Gedanke, Gefalle, Glaube, Haufe, Name, Same, Schade und Wille. Die Form auf en ist aber eigentlich falsch. Diese Wörter gehören der schwachen Deklination an,[3] neigen jedoch zur starken: im Genitiv bilden sie eine Mischform aus der starken und der schwachen Deklination auf ens (des Namens), und von Schade hat der Plural sogar den Umlaut: die Schäden. Da hat sich nun unter dem Einflusse jener Mischform das en aus dem Dativ und dem Akkusativ auch in den Nominativ gedrängt.[4] Die alte richtige Form ist aber doch überall daneben noch lebendig und im Gebrauch (von Schade allerdings fast nur noch in der Redensart: es ist schade). Der Gefalle (bei Lessing öfter) ist wenigstens in Sachsen und Thüringen noch ganz üblich: es geschieht mir ein großer Gefalle damit. Daher sollte die alte Form auch immer vorgezogen, also gesagt werden: der Friede von 1871, nicht der Frieden von 1871. Vollends der künstlerische Gedanken, wie man bisweilen lesen muß, ist unerträglich.[5]
Des Volkes oder des Volks, dem Volk oder dem Volke?
Ob in der starken Deklination die volle Genitivendung es oder das bloße Genitiv-s vorzuziehen sei, ob man lieber sagen solle: des Amtes, des Berufes, oder des Amts, des Berufs, darüber läßt sich keine allgemeine Regel aufstellen. Von manchen Wörtern ist nur die eine Bildung, von manchen nur die andre, von vielen sind beide Bildungen nebeneinander üblich; selbst in Zusammensetzungen stehen ältere Bildungen wie Landsmann und Landsknecht neben jüngern wie Landesherr und Landesvater. Oft kommt es nur auf den Wohlklang des einzelnen Wortes und vor allem auf den Rhythmus der zusammenhängenden Rede an: die kurzen Formen können kräftig, aber auch gehackt, die langen weich und geschmeidig, aber auch schleppend klingen, je nach der Umgebung. Ich würde z. B. schreiben: die sicherste Stütze des Throns liegt in der Liebe und Dankbarkeit des Volkes, die täglich neu aus der Überzeugung geboren werden muß, daß die berechtigten Interessen des Volks ihre beste Stütze im Throne finden.
Zu beklagen ist es, daß immer mehr die Neigung um sich greift (teils von Norddeutschland, teils von Süddeutschland aus), das Dativ-e ganz wegzuwerfen und zu sagen: vor dem König, in dem Buch, aus dem Haus, nach dem Krieg, nach dem Tod, im Jahr, im Recht, im Reich, im Wald, auf dem Berg, am Meer (statt Könige, Buche, Hause, Kriege, Jahre, Rechte usw.). Ja manche möchten das jetzt geradezu als Forderung aufstellen. Aber abgesehen davon, daß dadurch der Formenreichtum unsrer Deklination, der ohnehin im Vergleich zu der ältern Zeit schon stark verkümmert ist, immer mehr verkümmert, erhält auch die Sprache, namentlich wenn das e bei einsilbigen Wörtern überall weggeworfen wird, etwas zerhacktes. Ein einziges Dativ-e kann oft mitten unter klapprigen einsilbigen Wörtern Rhythmus und Wohllaut herstellen. Man sollte es daher sorgfältig schonen, in der lebendigen Sprache wie beim Schreiben, und die Schule sollte sich bemühen, es zu erhalten. Besonders häßlich wirkt das Abwerfen des Dativ-e, wenn das Wort dann mit demselben Konsonanten schließt, mit dem das nächste anfängt, z. B. im Goldland des Altertums. Nur wo das Wort mit einem Vokal anfängt, also ein sogenannter Hiatus entstehen würde, mag man das e zuweilen fallen lassen – zuweilen, denn auch da ist immer der Rhythmus zu berücksichtigen; eine Regel, daß jeder Hiatus zu meiden sei, soll damit nicht ausgesprochen werden. Ganz unerträglich würde das Fehlen des Dativ-e in formelhaften Wendungen erscheinen wie: zustande kommen, im Wege stehen, zugrunde gehen, zu Kreuze kriechen, ebenso unerträglich freilich die Erhaltung des Dativ-e in andern formelhaften Wendungen wie: mit Dank, von Jahr zu Jahr, von Ort zu Ort.
An den Wörtern auf nis und tum und an Fremdwörtern wirkt das Dativ-e meist unangenehm schleppend; man denke an Dative wie: dem Verhältnisse, dem Eigentume, dem Systeme, dem Probleme, dem Organe, dem Prinzipe, dem Rektorate, dem Programme, dem Metalle, dem Offiziere, dem Romane, dem Ideale, dem Madrigale, dem Oriente, dem Manifeste, dem Archive usw. Man kann nicht sagen, daß diese Formen an sich häßlich wären, denn die Plurale, die die meisten dieser Wörter bilden, klingen ja ebenso; aber als Dative des Singulars wirken sie häßlich.