Aus: „Die Grenzboten“

Zu den größten irdischen Freuden des Papiermenschen gehören die sogenannten Gänsefüßchen. Der Schulmeister, der auf Verständnis rechnen kann, wenn er dem Achtjährigen zum erstenmal in die Feder diktiert: der Vater fragte – Doppelpunkt – Gänsefüßchen unten – wo bist du gewesen, Max – Fragezeichen – Gänsefüßchen oben –, hat das stolze Gefühl, daß er seinen Zögling zu einer der wichtigsten Entwicklungsstufen seiner Geistesbildung emporgeführt habe. Aber nicht bloß Schulmeister und Schulknaben, auch andre Leute, z. B. Romanschriftsteller, haben an diesen Strichelchen eine kindische Freude; es gibt Romane, in denen man vor lauter Gänsefüßchen fast nichts vom Dialog sieht. Ein Hochgenuß beim Lesen ist es, wenn Er immer mit zweien („–“), Sie immer mit vieren („„–““) erscheint; dann flimmert es einem förmlich vor den Augen.

Die Gänsefüßchen sind, wie der Apostroph (vgl. [S. 8]), eine jener nichtsnutzigen Spielereien, die – es steht nicht fest, ob durch den Schulmeister oder durch den Druckereikorrektor – eigens für die Papiersprache erfunden worden sind. Wenn jemand einen Roman vorliest, so kann er doch die Gänsefüßchen nicht mitlesen, und doch versteht ihn der Zuhörer. Wozu schreibt und druckt man sie also? Einen Zweck haben sie nur da, wo man Wörter oder Redensarten ironisch gebraucht (um sie lächerlich zu machen), oder wo man mitten in seine eigne Darstellung eine Stelle aus der Darstellung eines andern einflicht.[119] Aber auch da sind sie überflüssig, wenn diese Stelle in fremder Sprache oder in Versen ist, sich also schon durch die Schriftgattung (Antiqua, Kursiv, Petit) von dem übrigen Text genügend abhebt. Ebenso überflüssig aber und nichts als eine Spielerei sind sie bei Namen und bei Überschriften und Titeln von Büchern, Schauspielen, Opern, Gedichten usw. Wenn man sagt: der Kaiser hatte eine Reise auf der Hohenzollern gemacht – so versteht das doch jedermann, und ebenso wenn man sagt: der Vers ist aus Goethes Iphigenie. Manche Lehrer behaupten zwar, die Iphigenie ohne Gänsefüßchen sei die Person des Schauspiels, die Iphigenie mit Gänsefüßchen sei das Schauspiel selbst; kann man aber in der lebendigen Sprache diese Unterscheidung machen?

Das ärgste aber ist es und eine der abgeschmacktesten Erscheinungen der Papiersprache, wenn Titel und Überschriften wie Versteinerungen behandelt werden, und geschrieben wird: die Redaktion des „Wiener Fremdenblatt“, des „Berliner Tageblatt“ und ebenso nach Präpositionen: Vorspiel zuDie Meistersinger“ – Ouverture zu: „Die Fledermaus“ – einzelne Bilder ausDer neue Pausias“ – Bemerkungen zu Goethes „Der getreue Eckardt“ – erweiterter Separatabdruck ausDer praktische Schulmann“ – diese Aufsätze haben zuerst inDie Grenzboten“ gestanden usw. Jedermann sagt: ich bin gestern abend in der Fledermaus gewesen, der Vers ist aus dem Neuen Pausias, ich habe das im Praktischen Schulmann gelesen, die Aufsätze haben in den Grenzboten gestanden. Versteht man das nicht? Wenn mans aber mit den Ohren versteht, warum denn nicht mit den Augen?

Einige Verlegenheit bereiten ja die jetzt so beliebten Zeitungs- und Büchertitel, die, anstatt aus einem Hauptwort, aus einer adverbiellen Bestimmung bestehen, wie: Aus unsern vier Wänden, Vom Fels zum Meer, Zur guten Stunde u. ähnl. Jedes natürliche Sprachgefühl sträubt sich doch dagegen zu sagen: ich habe das in Vom Fels zum Meer gelesen. Aber immer dazuzusetzen: in dem Buche, in der Zeitschrift – was schließlich das einzige Rettungsmittel ist – ist doch langweilig.

Nach dort

Statt hin und her schreiben unsre Kaufleute jetzt in ihren Geschäftsbriefen nach dort und nach hier: kommen Sie nicht in den nächsten Wochen einmal nach hier? Wenn nicht, so komme ich vielleicht einmal nach dort. Auch die Zeitungen berichten: Herr M. ist als Bauinspektor nach hier versetzt worden. Und wenn ein paar Handlungsreisende bei kühlem Wetter in einem Biergarten sitzen, fragen sie sich sogar: Wollen wir uns nicht lieber nach drin setzen? Diese neumodische schöne Ortsbestimmung ist freilich nicht ohne Beispiel: schon längst hat man zur Bezeichnung einer Richtung, statt die auf die Frage wohin? antwortenden Ortsadverbien zu gebrauchen, die Präposition nach mit Ortsadverbien verbunden, die auf die Frage wo? antworten, z. B. nach vorn, nach hinten, nach oben, nach unten, statt: vor, hinter, hinauf, herunter. Auch Schiller sagt im Taucher: Doch es war mir zum Heil, er riß mich nach oben. Und ebenso hat man auf die Frage woher? geantwortet: von vorn, von hinten, von oben, von unten, sogar von hier, von dort. Nur nach hier, nach dort und nach drin hatte noch niemand zu sagen gewagt. Aber warum eigentlich nicht? Offenbar aus reiner Feigheit. Wir können also dem kaufmännischen Geschäftsstil für seinen sprachschöpferischen Mut nur dankbar sein. Schade, daß Goethe das Lied der Mignon nicht mehr ändern kann; das müßte doch nun auch am Schlusse heißen: nach dort, nach dort möcht’ ich mit dir, o mein Geliebter, ziehn![120]

Bis

Viel Nachlässigkeiten und Dummheiten werden in den Zeitangaben begangen. Ein Ausdruck wie: vom 16. bis 18. Oktober soll dabei noch nicht einmal angefochten werden, wiewohl, wer sorgfältig schreiben will, hinter bis die Präposition nie weglassen, sondern schreiben wird: bis zum 18. Oktober. Denn bis ist zwar selbst eine Präposition, es ist aber auch eine Konjunktion, es ist ein Mittelding zwischen beiden, und bei Ortsbestimmungen verlangt es noch ein an, auf, in, zu, nach, nur vor Städte- und Ländernamen kann es allein stehen, aber doch auch nur dann, wenn eine Strecke, eine Ausdehnung, aber nicht, wenn ein Ziel angegeben wird. Man kann also wohl sagen: bis morgen, bis Montag, bis Ostern, sogar: bis nächste Woche, auch bis Berlin, aber nicht: bis Haus, bis Tür. Nur wer in den Straßenbahnwagen gestiegen ist, antwortet maulfaul auf die Frage des Schaffners: wie weit? Bis Kirche. Eine ganz unzweifelhafte Nachlässigkeit aber ist es, zu schreiben: von Nikolaus I. bis Gregor VII. Denn wie soll man das lesen? Bis Gregor den Siebenten? bis den? Wenn das richtig wäre, dann könnte man auch sagen: wenn wir vom Großvater noch weiter zurückgehen bis den Urgroßvater. Ebenso nachlässig ist es, zu schreiben: Ausgewählte Texte des 4. bis 15. Jahrhunderts, deutsche Liederdichter des 12. bis 14. Jahrhunderts oder mit einem Strich, den man bis lesen soll: des 12.-14. Jahrhunderts,[121] Flugschriften des 16. bis 18. Jahrhunderts, Kulturbilder aus dem 15. bis 18. Jahrhundert. Da hört man erst den Singular des, dem, und dann kommen drei oder vier Jahrhunderte hinterher. Wie kann denn ein Jahrhundert das 4. bis 15. sein! Und doch muß man den Fehler täglich lesen, oft gleich auf Titelblättern neuer Bücher. Wer sorgfältig schreiben will, wird schreiben: Flugschriften des 16., des 17. und des 18. Jahrhunderts – oder wenigstens: des 16., 17. und 18. Jahrhunderts – oder: aus der Zeit vom 16. bis zum 18. Jahrhundert. Das ist zwar etwas umständlich, aber es geht nicht anders. Wir schrecken ja sonst vor umständlicher Ausdrucksweise nicht zurück, können uns oft gar nicht breit und umständlich genug ausdrücken. Warum denn gerade da, wo sie einmal angebracht ist?

In 1870