Wie mit nach hier und nach dort, verhält sichs auch mit in 1870, das man neuerdings öfter lesen kann. Jede andre Präposition kann man so vor die Jahreszahl setzen, man kann sagen: vor 1870, nach 1870, bis 1870 – aber nicht: in 1870. Warum nicht? Weils nicht deutsch ist. Es ist eine willkürliche Nachäfferei des Französischen und des Englischen. Deutsch ist auf die Frage wann? entweder die bloße Jahreszahl ohne jede Präposition, oder: im Jahre 1870.

Bei den Angaben der Monate und der Jahreszeiten scheinen es manche jetzt für geistreich zu halten, in ganz wegzulassen und zu schreiben: das geschah Dezember 1774 – ich wurde Herbst 1874 immatrikuliert. Auch das ist undeutsch; die Monatsnamen wie die Namen der Jahreszeiten verlangen unbedingt die Präposition, denn bei ihnen ebenso wie bei dem ganzen Jahre hat man deutlich die Vorstellung eines Zeitraums, in dessen Innerm sich ein Ereignis zuträgt.

Alle vier Wochen oder aller vier Wochen?

Bei periodisch wiederkehrenden Handlungen antwortet auf die Frage: wie oft? der Genitiv von alle mit einem Zahlwort, z. B.: aller vierzehn Tage, aller vier Wochen, aller zwei Stunden, aller halben Jahre, aller Vierteljahre, aller hundert Jahre, ja sogar ohne Zahlwort: aller Augenblicke. Wenigstens in Mitteldeutschland, namentlich in Sachsen und Thüringen, ist dieser Genitiv allgemein, bei Hoch und Niedrig, im Gebrauch. Nicht bloß die Leipziger Straßenjugend spottete von der Leipziger Pferdebahn: und aller fünf Minuten, da bleibt de Karre stehn – auch die gebildete Mutter sagt zu ihrem Kinde: bleib doch nicht aller zehn Schritte stehen, oder: du bleibst ja aller drei Zeilen hängen, oder: so was kommt nur aller Jubeljahre einmal vor (wobei der Zahlbegriff in Jubel steckt: 25, 50, 100), ja sogar: komm doch nicht aller Nasen lang gelaufen, oder: du störst mich aller Augenblicke, und der Arzt schreibt auf das Rezept: aller zwei Stunden einen Eßlöffel voll zu nehmen. Mit dem Akkusativ, wie er in Nord- und Süddeutschland üblich ist, erscheint uns nicht das Periodische, die Wiederkehr der Handlung in gleichen Zeitabständen, ausgedrückt. Wenn ich sage: das kann ich alle Augenblicke tun, oder von einem geladnen Geschoß: geh zurück! es kann alle Augenblicke losgehen, so heißt das nichts andres als: jeden Augenblick, jederzeit, sogleich, sofort. Sage ich dagegen: es blitzt aller Augenblicke, so heißt das (natürlich mit einer starken Übertreibung): es blitzt in regelmäßigen Abständen von je einem Augenblick. Wenn sich jemand beklagt, er habe vierzehn Tage an einem langweiligen Badeorte sitzen müssen, so kann ich ihn fragen: bist du denn alle vierzehn Tage dort gewesen? Das ist eine Zeitdauer, keine Wiederholung. Wenn sich aber die Landpfarrer in regelmäßigen Zwischenräumen von je vierzehn Tagen zu einer Konferenz in der Stadt zusammenfinden, so kommen sie nicht alle, sonder aller vierzehn Tage. Eine Berliner Zeitschrift verspricht ihren Lesern auf dem Umschlag alle sieben Tage ein Heft. Sie hält aber ihr Versprechen nicht, denn sie bringt nur aller sieben Tage eins. Wenn ich sage: ich reise alle Jahre nach Italien, so kann ich das einemal im März, das andremal im Mai, das drittemal im Oktober reisen. Will ich dagegen sagen, daß ich die Reise in genauen Abständen von je einem Jahre mache, so würde ich zwar nicht sagen: aller Jahre (das ist nicht gebräuchlich), wohl aber, wo es auf eine genaue Bestimmung einer periodisch wiederkehrenden Handlung ankommt: aller zwölf Monate.[122]

Da es sich bei diesem eigentümlich gefärbten „distributiven“ Genitiv, wie man ihn treffend genannt hat, keineswegs um einen niedrigen Provinzialismus handelt, sondern um eine mundartliche Feinheit, deren das Norddeutsche wie das Süddeutsche entbehrt, so kann es uns niemand verdenken, wenn wir ihn nicht dem unklaren, doppelsinnigen Akkusativ zuliebe fallen lassen. Wir bleiben fest bei unserm aller vier Wochen!

Donnerstag und Donnerstags – nachmittag und nachmittags

Auch auf die Frage: wann? muß bei periodisch wiederkehrenden Handlungen stets der Genitiv stehen. Auf die Frage: wann ist der Eintritt ins Museum frei? kann nur geantwortet werden: Montags und Donnerstags, wenn damit gesagt sein soll, daß es jeden Montag und jeden Donnerstag so sei. Ebenso bezeichnet morgens, mittags, vormittags, nachmittags, abends Handlungen, die jeden Morgen, jeden Mittag usw. geschehen. Die einmalige Handlung dagegen wird durch den Akkusativ ausgedrückt. Aber auch hier herrscht jetzt Verwirrung. Genitive wie Sonntags, Montags gelten jetzt lächerlicherweise manchen beim Schreiben für unfein, und umgekehrt drängt sich wieder der Genitiv dahin, wo er nicht hingehört. In der Umgangssprache wird er schon ganz anstandslos auch von einmaligen Handlungen gebraucht: kommst du mittags zurück? Nein, ich komme erst abends zurück. Es muß heißen: zu Mittag und am Abend oder mit dem bloßen Akkusativ: Mittag, Abend. Also: ich bin heute mittag in Berlin, aber heute abend schon wieder in Leipzig; dagegen: ich bin mittags stets in Berlin, abends stets in Leipzig.[123] Ganz abscheulich ist es, zu schreiben: anfangs April, anfangs Dezember, anfangs der fünfziger Jahre, anfangs der Spielzeit, es muß unbedingt heißen: Anfang April, Anfang Dezember, wie Mitte Dezember, Ende Dezember. Auch Anfang, Mitte, Ende sind hier Akkusative, Dezember ein (natürlich schlechter!) Genitiv (vgl. [S. 8]). Anfangs kann immer nur allein als Adverbium stehen, im Gegensatze zu dann, später, endlich (anfangs wollt ich fast verzagen).

Drei Monate – durch drei Monate – während dreier Monate

Ein widerwärtiger Mißbrauch, der aber auch neuerdings für vornehm gilt – natürlich! es klingt ja französisch –, ist der Gebrauch, auf die Frage: wie lange? mit während zu antworten: wir waren während dreier Monate in der Schweiz – dieses Geräusch blieb während einiger Minuten hörbar – man sprach während einiger Wochen von nichts als von dieser Unternehmung – die Prüfungskommission, der Gottfried Kinkel während einer Reihe von Jahren angehört hat – die Lehren, die während achtzehn Jahrhunderten als die Grundlage rechtgläubigen Christentums angesehen worden sind – der Clavigo wurde während weniger Tage in einem Gusse geschaffen – die Naturaldienste wurden nur während weniger Tage im Jahre geleistet.

Während kann nie auf die Frage: wielange? antworten, sondern immer nur auf die Frage: wann? Vielleicht ist es nicht allen Lesern in der Erinnerung, wie die Präposition während entstanden ist. Noch im achtzehnten Jahrhundert schrieb man währendes Frühlings, währendes Krieges. Allmählich wurde dieser absolute Genitiv mißverstanden, eine Zeit lang wußte man nicht recht, ob man währendes oder während des hörte, und schließlich sprang der Partizipialstamm von der Endung ab und wurde – tatsächlich also durch ein Mißverständnis, durch eine Sprachdummheit – zu einer Präposition. Trotzdem erhielt sich bei richtiger Anwendung der ursprüngliche Sinn: es wird ein Vorgang zusammengestellt mit einem andern Vorgange, mit dem er entweder ganz oder teilweise zeitlich zusammenfällt; er lag während des Kriegs im Lazarett – während des Vortrags darf nicht geraucht werden – während des Gewitters waren wir unter Dach und Fach. Der Krieg, der Vortrag, das Gewitter sind Vorgänge, Ereignisse. Aber ein Tag, ein Monat, ein Jahr, ein Jahrhundert sind bloße Zeitabschnitte oder Zeitmaße. Er lag während dreier Monate im Lazarett – ist völliger Unsinn, denn drei Monate sind kein Ereignis, womit der Aufenthalt im Lazarett zeitlich verglichen würde, sondern sie bedeuten einfach die Zeitdauer; diese kann aber nur ausgedrückt werden durch den Akkusativ drei Monate oder drei Monate lang. Der Clavigo wurde nicht während weniger Tage, sondern in wenigen Tagen geschaffen. Aber kann man denn nicht sagen: während des Tags? Gewiß kann man das; aber dann ist Tag nicht als Zeitmaß gebraucht, sondern als Erscheinung der Nacht gegenübergestellt: während des Tags scheint die Sonne. Die Sonne hat nur während eines Tags geschienen – das ist Unsinn; die Sonne hat während meiner Ferien nur einen Tag geschienen – das hat Sinn. Aber alle Romanschreiber und besonders alle Romanschreiberinnen spreizen sich jetzt mit diesem albernen, dem französischen pendant nachgeäfften Mißbrauch.