Durch fünfzehn Monate endlich, durch lange Zeit, durch fünf Minuten, wie die Zeitungen jetzt auch gern auf die Frage: wielange? schreiben (die heldenmütigen Frauen, die durch fünfzehn Monate mit ihren Kindern im Buschwalde umherirrten – dieses Gefühl war durch lange Zeit künstlich genährt worden – das Publikum lärmte und applaudierte durch wenigstens fünf Minuten), ist ganz undeutsch. Es ist ein gedankenlos dem Lateinischen nachgebildeter Austriazismus, der aus österreichischen Zeitungen in unsre Sprache geschleppt worden ist.
Am (!) Donnerstag den (!) 13. Februar
Ein abscheulicher Fehler, der wieder recht ein Zeichen der immer mehr zunehmenden Verrohung unsers Sprachgefühls ist, ist die gemeine Zusammenkoppelung des Dativs und des Akkusativs, die neuerdings bei Datenangaben aufgekommen ist und mit unbegreiflicher Schnelligkeit um sich gegriffen hat. Fast alle Behörden, alle Berichterstatter, alle Programme, alle Einladungen schreiben: am Donnerstag, den 13. Februar. Sogar die amtlichen stenographischen Berichte des Reichstags sind so überschrieben!
Jede von beiden Konstruktionen für sich allein wäre richtig. Auf die Frage: wann ist das Konzert? kann ebensogut mit dem bloßen Akkusativ geantwortet werden: den Donnerstag, wie mit an und dem Dativ: am Donnerstag.[124] Aber beide Konstruktionen zusammenzukoppeln, einen Akkusativ als Apposition zu einem Dativ zu setzen, ist greulich. Fühlt man das gar nicht? Was glaubt man denn, daß es für ein Kasus sei, wenn auf die Frage: wann wird er zurückkehren? geantwortet wird: Donnerstag. Ist man so stumpfsinnig geworden, daß man hier den Akkusativ nicht mehr fühlt, auch wenn der Artikel nicht dabeisteht? wenn bloß geschrieben wird: Donnerstag, den 13. Februar? Nun meinen ja manche den Fehler zu vermeiden und ihre Sache sehr gut zu machen, wenn sie schreiben: am Donnerstag, dem 13. Februar. Aber da kommen sie aus dem Regen in die Traufe! (vgl. [S. 253]). Nein nein, es gibt nur ein Heilmittel: man lasse das dumme am wieder weg, und alles ist in Ordnung.
Man schreibt aber auch schon: vom Ende Februar, vom Dienstag, den 6. dieses Monats ab. Das ist fast noch abscheulicher. Die Akkusative Ende Februar, Dienstag, den 6. gelten für den Satzbau genau so viel wie jedes Adverbium der Zeit, das auf die Frage wann? antwortet, wie gestern, heute, morgen usw. Ebenso nun wie auf die Fragen: von wann? und bis wann? geantwortet wird: von heute bis morgen, ebenso muß auch geantwortet werden: von Ende Februar, von Dienstag, den 6. bis Donnerstag, den 8. April. Denn nicht Ende oder der Artikel den hängt von der Präposition von ab, sondern die ganze, wie ein Adverbium der Zeit aufzufassende Formel: Dienstag, den 6.
Derselbe Fall kommt auch bei Ortsbestimmungen vor. Zuhause, das auf die Frage wo? antwortet, wird für die Konstruktion ganz zum Ortsadverbium, wie hier, dort, oben, unten u. a. Auf die Frage: wo kommst du her? ist es also durchaus nicht falsch, zu antworten: von zuhause. Wir in Mitteldeutschland sagen immer so (nicht wie der Norddeutsche sagt: von Hause, das uns fremdartig und geziert klingt), ebenso wie wir auch sagen: er spricht viel von zuhause, er denkt den ganzen Tag an zuhause. (Goethe: ich freue mich recht auf nachhause!)
Bindewörter. Und
Auch der Gebrauch der Bindewörter hält sich jetzt nicht frei von Fehlern und namentlich nicht frei von Geschmacklosigkeiten, die sich aber natürlich gerade deshalb, weil sie so geschmacklos sind, besondrer Beliebtheit erfreuen. Richtig angewandt werden ja im allgemeinen die geläufigen Verbindungen: nicht nur – sondern auch, sowohl – als auch, entweder – oder, weder – noch; doch kann man bisweilen auch Sätze lesen, wo falsch nicht nur – aber auch gegenübergestellt sind. Feiner und weniger geläufig ist die Verbindung nicht sowohl – als vielmehr. Bei den vorhergehenden Verbindungen sind entweder beide Glieder bejahend oder beide verneinend; hier ist das erste verneinend und das zweite bejahend. Mit dieser Verbindung wissen manche nicht recht umzugehn; sie möchten sich aber doch auch gern damit zieren und schreiben dann: nicht sowohl was die Anzahl, sondern mehr was die Bedeutung der Stücke betrifft.
Aber selbst bei dem einfachen und werden Fehler gemacht. Ein sehr gewöhnlicher Fehler entsteht dadurch, daß sich der Schreibende nicht genügend klar darüber ist, wieviel Glieder er vor sich hat. Da schreibt z. B. einer – gleich auf dem Titelblatt eines Buches! –: Geschichte der Seuchen, Hungers- und Kriegsnot im Dreißigjährigen Kriege. Wieviel Glieder sind das, zwei oder drei? Der Schreibende hat es für drei gehalten, es sind aber nur zwei. Das erste Glied ist Seuchen, das zweite ist Hungers- und Kriegsnot, und dieses besteht selber wieder aus zwei Gliedern. Folglich fehlt die Verbindung zwischen dem ersten und dem zweiten Gliede. Vielleicht fürchtet man sich vor einem doppelten und – es spielt da wieder der Aberglaube herein, daß man nicht kurz hintereinander zweimal dasselbe Wort gebrauchen dürfe! –, aber die Logik verlangt es hier unbedingt. Beseitigen wir noch den zweiten groben Fehler, daß der Plural der vor Seuchen zugleich als Singular auf Hungersnot bezogen ist, so lautet das Ganze richtig: Geschichte der Seuchen und der Hungers- und Kriegsnot usw. Ähnliche Beispiele, wo überall ein und fehlt – wo? deuten die Klammern an –, sind folgende: Ex-Libris, Zeitschrift für Bücherzeichen- [] Bibliothekskunde und Gelehrtengeschichte – die Beziehungen zum Hofe von Alexandrien [] zur alexandrinischen Kunst und Wissenschaft – das Material entnimmt er seinen eignen Erinnerungen [] Aufzeichnungen und Briefen aus dem schleswig-holsteinischen Archiv – ein gemeinsames Münz-, Maß- [] Gewichtssystem [] Patent- und Markenschutzrecht – Hundegeschirre, Hand- [] Kinderwagen und Rollstühle – ein Gärtchen, in dem er Gemüse baute [] Blumen und Bienen pflegte – das schlechte Essen [] Trinken und die lästigen Fliegen – wer lesen, schreiben [] rechnen kann und täglich seine Zeitung liest. In allen diesen Fällen liegen nur zwei (oder drei) Glieder vor, von denen aber das eine selbst wieder aus zwei oder mehr Gliedern besteht, und in den meisten Fällen fehlt das und gerade da, wo die beiden Hauptglieder miteinander verbunden werden müssen. Es ist genau so, wie wenn jemand schreiben wollte: die Räuber, Kabale und Liebe anstatt: die Räuber und Kabale und Liebe. Derselbe Fehler findet sich auch bei oder: z. B. die Beeinträchtigung eines künstlerisch bedeutungsvollen Platzes [], Straßen- oder Stadtbildes. Hier muß auch hinter Platzes unbedingt noch ein oder stehen.
Eine rechte Dummheit ist es, wenn auf Buchtiteln, in Buchhändleranzeigen, auf Konzertprogrammen usw. von zwei Männern, die, entweder gleichzeitig oder nacheinander, der eine vielleicht nach dem Tode des andern, an einem Werke gearbeitet haben, die Namen durch Bindestriche miteinander verbunden werden, z. B.: kritische Ausgabe von Lachmann-Muncker, Quellenkunde von Dahlmann-Waitz, Phantasie von Schubert-Liszt, der Denkmalsentwurf von Schmitz-Geiger. Zwei Namen so zu verbinden hat allenfalls Sinn, wenn der Mann zu seinem Namen den der Frau oder (wie in der Theaterwelt) die Frau zu dem ihrigen den des Mannes fügt. Aber zwei (!) Personen durch einen solchen Doppel- und Koppelnamen zu bezeichnen ist doch sinnwidrig. Warum denn nicht: kritische Ausgabe von Lachmann und Muncker? Wozu solches Telegrammgestammel, wo es gar nicht nötig ist? Aber die Franzosen reden doch auch von Erckmann-Chatrian. Das wars! das muß doch wieder nachgemacht werden. Aber es ist wieder nur gedankenlose Nachäfferei, denn diese beiden wollten doch den Schein erwecken, daß sie nur eine Person wären![125]