In dem Gebrauche der Verneinungen ist es zunächst eine häßliche Gewohnheit der Amts- und Zeitungssprache, statt keiner und nichts immer zu sagen: einer nicht, etwas nicht, z. B. dieser Orden wird auch an solche Personen verliehen, die einen Hofrang nicht besitzen – diesem Unterschied ist eine größere Tragweite nicht beizumessen – wenn nachgewiesen wird, daß dieser Versuch einen günstigen Erfolg nicht gehabt hat – von der Opposition hatte sich ein Redner, um diese scharfen Angriffe zurückzuweisen, nicht gemeldet – das Patent schließt sich der Ansicht an, daß in dem vorgelegten Maschinenteil eine wesentliche, zur Erleichterung der Anwendung beitragende neue Erfindung nicht gemacht sei – den auf die Tagesordnung zu stellenden Vorträgen wird eine Erörterung nicht folgen – die Deputation fand gegen alles dieses etwas nicht einzuwenden – durch die neuerlichen (!) Bestimmungen wird im übrigen an den bestehenden Einrichtungen etwas nicht geändert (was mag dieses Etwas sein?). Eine solche Trennung – eine Nachahmung des Lateinischen – ist nur dann am Platze, wenn das Hauptwort betont und einem andern Hauptworte gegenübergestellt wird, z. B.: ein Erfolg ist bis jetzt nicht zu beobachten gewesen – wo Erfolg vorangestellt und vielleicht den vorher besprochnen Bemühungen gegenübergestellt ist.[126]

Eine doppelte Verneinung gilt jetzt fast allgemein in der guten Schriftsprache als Bejahung. Es ist das aber – dessen wollen wir uns bewußt bleiben – eine ziemlich junge „Errungenschaft“ des Unterrichts. In der älteren Sprache bestand, wenn auch nicht geradezu die Regel, so doch weit und breit die Gewohnheit, daß man den Begriff der Verneinung, um ihn zu verstärken, verdoppelte, ja verdreifachte. Diese Gewohnheit hat sich, auch bei den besten Schriftstellern, bis weit in das achtzehnte Jahrhundert erhalten, und der Volksmund übt sie zum Teil noch heute. Nicht bloß Luther schreibt: ich habe keinem nie kein Leid getan,[127] auch Lessing schreibt noch: keinen wirklichen Nebel sahe Achilleus nicht, auch Goethe noch: man sieht, daß er an nichts keinen Anteil nimmt, auch Schiller noch: nirgends kein Dank für diese unendliche Arbeit, und der Volksmund fragt noch heute: hat keener kee Streichhelzchen nich? Wir mögen es bedauern, daß unter dem Einflusse der lateinischen Grammatik diese – falsche darf man nicht sagen, sondern nur andre Art, zu denken, ganz verdrängt worden ist, auch in der Volksschule, die hier ebenfalls unter dem Banne der lateinischen Grammatik steht; aber nachdem das einmal geschehen ist, und die doppelte Verneinung fast allgemein wie im Lateinischen (nemo non) als Bejahung empfunden wird, ist es auch unmöglich, sie noch in der alten Weise zu verwenden. Das gilt besonders auch bei den Nebensätzen, die mit ehe, bevor, bis und ohne daß anfangen, und bei Infinitivsätzen nach einem verneinten Hauptsatze. Es ist also entschieden anstößig, zu schreiben, wie es so oft geschieht: die Hauptfrage kann nicht erledigt werden, ehe nicht (oder: bis nicht) die Vorfrage erledigt ist (wenn nicht oder solange nicht wäre richtig) – es gehört keine große Menschenkenntnis dazu, das nicht auf den ersten Blick zu sehen. Namentlich hinter warnen erscheint ein verneinter Infinitiv, wie in den bekannten Zeitungsanzeigen: ich warne hiermit jedermann, meiner Frau nichts zu borgen u. dgl., unsinnig, denn warnen, d. h. abraten, abmahnen, enthält ja schon den Begriff der Verneinung.

Daß eine Verneinung eines mit un zusammengesetzten Hauptworts oder Eigenschaftsworts (kein Unmensch, nicht ungewöhnlich, nicht unmöglich, nicht unwahrscheinlich) nur eine Bejahung, und zwar eine eigentümlich gefärbte vorsichtige Bejahung ausdrücken kann, darüber ist sich wohl jedermann klar. Man sollte aber mit dieser doppelten Verneinung, der sogenannten Litotes (Einfachheit), wie man sie mit einem Ausdrucke der griechischen Grammatik bezeichnet, recht sparsam sein. Es gibt Gelehrte – es sind dieselben, die auf jeder Seite zwei-, dreimal meines Erachtens lispeln, als ob nicht alles, was sie sagen, bloß ihr „Erachten“ wäre! –, die nicht den Mut haben, auch nur eine einzige Behauptung, ein einziges Urteil fest und bestimmt hinzustellen, sondern sich um alles mit dem ängstlichen nicht un– herumdrücken. Es gibt aber auch Leute, die so in diese Litotes verliebt sind, daß sie sie gedankenlos sogar da brauchen, wo sie die Verneinung meinen, z. B.: das wirkt nicht unübel – dieser Effekt war ein von dem Juden nicht unerwarteter – endlich fand sich ein Tag, an welchem (wo!) keiner der drei Herren unbehindert war – es ist das kein unverächtlicher Zug – die Leistungen zeigen eine nicht ungewöhnliche Begabung – ein gewisser Mangel an Nichtachtung des Lehrerstandes und ähnl. Ist es doch sogar einem so scharfen Denker wie Lessing begegnet, daß er in der Emilia Galotti geschrieben hat: nicht ohne Mißfallen (wo er schreiben wollte: nicht ohne Wohlgefallen, oder: nicht mit Mißfallen). Sehr häufig, viel häufiger, als es bei unserm heutigen hastigen und gedankenlosen Lesen bemerkt wird, findet sich namentlich die törichte Verbindung nicht unschwer: der Leser wird nicht unschwer erkennen – es wird das nicht unschwer zu beweisen sein – man wird sich nicht unschwer vorstellen können. Schon unschwer allein ist ein dummes Wort, wie alle solche unnötig gekünstelten Verneinungen.[128] Nun vollends nicht unschwer! Und das soll heißen: leicht! Erscheint nicht ein solches Hineinfallen in einen logischen Fehler wie eine gerechte Strafe für törichte Sprachziererei? Auch wenn jemand schreibt: der Besitzer sieht in dieser Bronze nichts weniger als ein Werk des Lysipp, es ist aber nur eine römische Nachahmung – so schreibt er gerade das Gegenteil von dem, was er sagen will; er will sagen: der Besitzer sieht in der Bronze nichts geringeres als ein Werk des Lysipp, es ist aber nichts weniger als das, es ist nur eine römische Nachahmung. Auch wenn man gespreizt sagt: das ist nicht zum geringsten Teile der Tätigkeit unsers Vereins zu danken (anstatt einfach: zum größten Teile), kann man sich nicht beschweren, wenn ein Schalk das Gegenteil von dem heraushört, was man sagen will.

Wenn von zwei Verneinungen die zweite gesteigert werden soll, so geschieht das durch geschweige denn, z. B. der Bau kann in vier Jahren nicht ausgeführt werden, geschweige denn in zweien. Ist das erste Glied positiv, so kann geschweige denn nicht angewendet werden. Falsch ist also folgender Satz: diese Bestrebungen können nur mit universalgeschichtlichen Kenntnissen gepflegt, geschweige denn gefördert werden. Hier muß es entweder statt geschweige denn heißen: und vollends (vgl. [S. 132]), oder das erste Glied muß ebenfalls negativ eingekleidet werden: diese Bestrebungen können ohne universalgeschichtliche Kenntnisse nicht gepflegt, geschweige denn gefördert werden.

Besondere Fehler. Der Schwund des Artikels

Im Niederdeutschen ist es gebräuchlich, bei Verwandtschaftsbezeichnungen den Artikel wegzulassen wie bei Personennamen und zu sagen: Vater hats erlaubt, Mutter ist verreist, Tante ist dagewesen. Wenn das neuerdings auch in Mitteldeutschland viele nachmachen, weil es aus Berlin kommt, so ist das Geschmacksache; schön ist es nicht, nicht einmal traulich. Eine widerwärtige Unsitte aber ist es, diese niederdeutsche Gewohnheit auszudehnen auf Wörter wie: der Verfasser, der Berichterstatter, der Referent, der Rezensent, der Angeklagte, der Kläger, der Redner, der Vorredner (!), der Vorsitzende usw. Es wird aber jetzt fast allgemein geschrieben: in dieser Schrift bietet Verfasser eine Anthologie aus den Hauptwerken der Klassiker der Staatswissenschaft – die Veröffentlichung dieses Buchs hat für Referenten ein besondres Interesse gehabt (für alle Referenten?) – Berichterstatter bekennt gern, daß er eine solche Bemerkung nie zu hören bekommen hat – Schreiber dieser Zeilen hat das selbst beobachtet.

Einen zweiten Fall, wo der Artikel jetzt unberechtigterweise weggelassen wird, vergegenwärtigen Ausdrücke wie: Denkmale deutscher Tonkunst, die erste Blütezeit französischer Plastik, eine ältere Epoche deutscher Geschichte, Fragen auswärtiger Politik, die Freude an heimischer Vergangenheit, eine Tat evangelischen Bekenntnisses. Sind denn die deutsche Tonkunst und die französische Plastik früherer Zeiten Dinge wie französischer Rotwein und deutscher Käse, die unaufhörlich vertilgt und neu fabriziert werden? Es sind doch ganz bestimmt umgrenzte Mengen dauernder Erzeugnisse der menschlichen Geistestätigkeit. Welcher Unsinn, denen den bestimmten Artikel zu rauben! Man denke sich, daß Overbeck seine Geschichte der griechischen Plastik Geschichte griechischer Plastik genannt hätte!

Ein dritter Fall endlich – ungefähr von derselben Art – ist die Geschmacklosigkeit, den bestimmten Artikel in Überschriften von Aufsätzen und in Buchtiteln wegzulassen. Aber auch das ist jetzt sehr beliebt. Man nimmt eine Monatsschrift zur Hand und findet im Inhaltsverzeichnis: Ballade. Von X. Ei der tausend! denkt man, ist dein guter Freund X unter die Balladendichter gegangen? und schlägt begierig auf. Was findet man? Einen Aufsatz über die Geschichte der Ballade! Der kann aber doch vernünftigerweise nur überschrieben werden: Die Ballade. Ein bekannter Kunstsammler hat über seine Schätze ein Prachtwerk veröffentlicht unter dem Titel: Sammlung Schubart. Ja, so konnte er ins Treppenhaus über die Tür seines Museums schreiben, aber der Buchtitel kann nur lauten: Die Sammlung Schubart (wenn durchaus französelt sein muß!). Namentlich Romane, Schauspiele und Zeitschriften werden jetzt gern mit solchen artikellosen Titeln versehen (Heimat, Jugend, Sonntagskind u. ähnl.), aber auch andre Werke, wie: Stammbaum Becker-Glauch (das soll heißen: der Stammbaum der Familien Becker und Glauch!). Ein bekanntes Werk von Guhl und Koner hat fünf Auflagen lang das Leben der Griechen und Römer geheißen; der neue Herausgeber der sechsten hat es wahrhaftig verschönert zu: Leben der Griechen und Römer. Zu einer wahren Seuche ist dieses Weglassen des Artikels in den sogenannten „Spitzmarken“ der Zeitungen ausgeartet: Frecher Diebstahl, Aufgefundener Leichnam, Fahrrad gestohlen, Mädchen vermißt.[129]

In formelhaften Verbindungen wie: Haus und Hof, Land und Leute, Frau und Kinder bleibt der Artikel stets weg, aber nur dann, wenn die beiden so verbundnen Hauptwörter gar keinen Zusatz haben. Falsch ist es, zu sagen, wie es jetzt oft geschieht: der Verunglückte hinterläßt Frau und drei unmündige Kinder. Er hinterläßt Frau – das ist kein Deutsch, denn niemand sagt: ich habe Frau, hast du Frau?

Es gibt aber auch Fälle, wo der Artikel gesetzt wird, obwohl er nicht hingehört. Gleich unausstehlich sind zwei Anwendungen des Artikels – das einemal des unbestimmten, das andremal des bestimmten – bei Personennamen. Für Leute von Geschmack bedarf es wohl nur folgender Beispiele, um ihren ganzen Abscheu zu erregen: Heyse hat nie die ruhige Größe eines Goethe erreicht – welcher unsrer großen Schriftsteller, selbst ein Lessing und ein Goethe, wäre von Fehlern freizusprechen! – und: von den Franzosen kamen die Dumas Sohn und Genossen herüber – die Neigung und Schätzung der Haupt, Jahn und Mommsen – die tiefeindringende Ästhetik der Hebbel und Ludwig. Der zweite Fall ist ja ein gemeiner Latinismus; den ersten aber sollte man dem Untersekundaner überlassen, der seinen ersten deutschen Aufsatz über ein literargeschichtliches Thema schreibt, ja nicht einmal dem, denn wie soll er sonst seinen Ungeschmack loswerden?