Natürliches und grammatisches Geschlecht

Viel Kopfzerbrechen hat schon manchem die Frage gemacht, ob man auf Wörter wie Weib, Mädchen, Fräulein, Mütterchen mit es, das und sein zurückweisen müsse, oder auch mit sie, die und ihr zurückweisen dürfe, mit andern Worten: ob bei solchen Wörtern das grammatische oder das natürliche Geschlecht vorgehe. Auch bei Backfisch kann die Frage entstehen. Nun, um das Ob braucht man sich nicht zu sorgen, es ist eins so richtig wie das andre; die Schwierigkeit liegt nur in dem Wo und Wie, und hierüber läßt sich keine allgemeine Regel geben, es muß das dem natürlichen Gefühl des Schreibenden überlassen bleiben. Klar ist, daß das grammatische Subjekt solcher Wörter um so eher festgehalten werden darf, je dichter das Fürwort auf das Hauptwort folgt, also besonders bei dem relativen Fürwort, das sich unmittelbar an das Hauptwort anschließt, ebenso, wenn beide sonst nahe beieinander in demselben Satze stehen, z. B.: das Mädchen hatte frühzeitig seine Eltern verloren. Es ist aber auch nicht das geringste dagegen einzuwenden, wenn jemand schreibt: die Dekoration stand dem Mütterchen Moskau gut zu ihrem alten Gesicht. Auch bei Goethe heißt es: dienen lerne beizeiten das Weib nach seiner Bestimmung, denn durch Dienen allein gelangt sie endlich zum Herrschen. Je später das Fürwort auf das Hauptwort folgt, desto mehr schwächt sich die Kraft des grammatischen Geschlechts ab, und die Vorstellung des natürlichen Geschlechts verstärkt sich. Deshalb ist es auch abgeschmackt zu schreiben: die jüngere Tochter ist ein Ausbund von Anmut und Gescheitheit, um den sich die tanzenden Herren förmlich reißen, wenn er in der Gesellschaft erscheint. Namentlich in einer längeren Reihe von Sätzen hintereinander das grammatische Geschlecht solcher Wörter pedantisch festzuhalten, kann unerträglich werden.

Die Frage, ob es heißen müsse: Ihr Fräulein Tochter (Schwester, Braut) oder Ihre Fräulein Tochter, ist sehr leicht zu beantworten. Das besitzanzeigende Adjektivum gehört in diesen Verbindungen nicht zu Fräulein, sondern natürlich zu Tochter, Schwester, Braut, wozu Fräulein, gleichsam in Klammern, als bloßer Höflichkeitszusatz tritt (vgl. [S. 15] die Herren Mitglieder). Es darf also nur heißen: Ihre [Fräulein] Braut – empfehlen Sie mich Ihrer [Fräulein] Tochter!

Seitdem die Universitäten den Titel „Doktor“ (als ob er eine Versteinerung wäre, von der kein Femininum gebildet werden könnte!) an Damen verleihen, liest man auf Büchertiteln: Dr. Hedwig Michaelson. Setzt man davor noch Fräulein, so hat man glücklich drei Geschlechter nebeneinander: Fräulein (sächlich) Doktor (männlich) Hedwig (weiblich). Freilich ist dabei eigentlich nichts verwunderliches. Die Verschrobenheit der Sprache ist ja nur das Abbild von der Verschrobenheit der Sache. Vielleicht druckt man auch noch: Fräulein Studiosus medicinae Klara Schulze.

Mißhandelte Redensarten

Für eine große Anzahl von Tätigkeitsbegriffen fehlt es im Deutschen an einem geeigneten Zeitwort; wir können sie nur durch Redensarten ausdrücken, die aus einem Zeitwort und einem Hauptwort bestehen. Oft ist aber auch ein geeignetes Zeitwort vorhanden, und doch geben viele, weil sie die Neigung haben, sich breit auszudrücken, einer umschreibenden Redensart den Vorzug. Solche Redensarten – unentbehrliche und entbehrliche – sind z. B.: Fühlung haben, Gebrauch machen, Klage führen, Rechenschaft ablegen, Kenntnis nehmen, Platz greifen, Wandel schaffen, Lärm schlagen, Dank wissen, in Kenntnis setzen, zur Verfügung stellen und hundert andre.

Diese Redensarten haben nun meist etwas formelhaftes. Da sie einfache Verbalbegriffe ersetzen, so werden sie auch wie einfache Verba gefühlt. Daraus folgt aber mit Notwendigkeit zweierlei: erstens, daß sie in passivischen Sätzen und in Nebensätzen, wo das Zeitwort am Ende steht, nicht zerrissen werden dürfen; zweitens, daß sie, ebenso wie wirkliche Verba, nur mit Adverbien bekleidet werden können. Gegen beide Gesetze wird fort und fort verstoßen.

Da schreibt man z. B.: er wurde in Kenntnis von dem Geschehenen gesetzt. Falsch! Es muß heißen: er wurde von dem Geschehenen in Kenntnis gesetzt, denn die Redensart in Kenntnis setzen vertritt ein einfaches Verbum und darf nicht zerrissen werden. Andre Beispiele solches gefühllosen Zerreißens sind: wenn eine der brennenden Fragen in Beziehung zur technischen Hochschule gesetzt wurde – es ist nicht mehr als billig, daß wir einen Begriff von Talenten wie Kjelland erhalten – weil die Regierung nicht die Hand zu einer dauernden Spaltung in den Münchner Künstlerkreisen bieten wollte – wenn auch dieser Realismus die Brücke zwischen der Dichterin und der großen Menge schlug – wer sich eine Vorstellung von der eigentümlichen Persönlichkeit Stiers machen will. Der Fehler ist um so störender, als durch das Zerreißen der Redensart der Ton von dem Hauptwort auf das Zeitwort verlegt wird (die Hand bieten, anstatt: die Hand bieten – die Brücke schlug, anstatt: die Brücke schlug), auf das Zeitwort, das meist ziemlich bedeutungslos und nur ein äußerliches Hilfsmittel zur Bildung der Redensart ist. Läßt man die Redensart zusammen, so bleibt auch der Ton an der richtigen Stelle.

Die andre Art, solche Redensarten zu mißhandeln, besteht darin, daß man das Hauptwort herausreißt und mit einem Attribut bekleidet, anstatt die Redensart zusammenzulassen und sie als Ganzes mit einem Adverb oder einem adverbiellen Ausdruck zu bekleiden. Der häufigste Fall ist der, daß man zu dem Hauptwort ein Adjektiv setzt, z. B. es ist sehr zu befürchten, daß er dabei ernstlichen Schaden nehmen werde. Schaden nehmen ist eine Redensart, die einen einfachen passiven Verbalbegriff vertritt (geschädigt werden, beschädigt werden). Man kann nicht ernstlichen, man kann nur ernstlich Schaden nehmen, wie man nur ernstlich geschädigt werden kann. Mit andern Worten: nicht der Schade ist ernstlich, sondern das Schadennehmen, der ganze Begriff. Der Minister nahm von den Einrichtungen der Schule eingehende Kenntnis – derselbe Fehler! Kenntnis nehmen ist eine Redensart, die einen einfachen aktiven oder passiven Verbalbegriff vertritt (kennen lernen, belehrt werden, unterrichtet werden). Man kann von einer Sache weder eingehende, noch gründliche, noch flüchtige, noch oberflächliche Kenntnis nehmen, man kann nur eingehend, gründlich, flüchtig, oberflächlich Kenntnis nehmen. In folgenden Beispielen soll das Richtige immer gleich in Klammern hinzugesetzt werden: bittere Klagen führen (bitter Klage führen) – gebührende Notiz nehmen (gebührend Notiz nehmen) – seiner Abneigung unverhohlenen Ausdruck geben (unverhohlen Ausdruck geben) – wir werden sein Andenken stets in hohen Ehren halten (hoch in Ehren halten) – sie nahm immer noch einen merkwürdigen Anteil an dem Herrn (merkwürdig Anteil) – der Rat wolle zu diesem Plane wohlwollende Stellung nehmen (wohlwollend Stellung nehmen) – es ist nicht leicht, zu dieser Frage richtige Stellung zu nehmen (richtig Stellung zu nehmen) – gegen das Rabattwesen wurde scharfe Stellung genommen (scharf Stellung genommen) – der König besuchte das Geschäft, um die Geschenke in kritischen Augenschein zu nehmen (kritisch in Augenschein zu nehmen) – von seinen literarischen Arbeiten legen die Briefe ausgiebige Rechenschaft ab (ausgiebig) – sie denken nicht daran, mit diesen Hirngespinsten ernsthafte Politik zu treiben (ernsthaft Politik zu treiben) – über meine Tätigkeit war ein entstellender Bericht erstattet worden (entstellend Bericht erstattet worden) – die ausgestellten Gegenstände kommen nicht zu rechter Geltung (recht zur Geltung) – die Stimme des Unmuts im Lande soll nicht zu weiterm Ausdruck (weiter zum Ausdruck) kommen – wir können diesen Gerüchten keinen rechten Glauben schenken (nicht recht Glauben schenken) – allen gröbern Ausschreitungen muß ein energisches Halt geboten werden (energisch Halt geboten) – die gegnerische Presse hat gewaltigen Lärm geschlagen (gewaltig Lärm geschlagen) – das Gottesgnadentum hatte unter seinem Vater trostlosen Schiffbruch gelitten (trostlos Schiffbruch gelitten) – hier wäre Grund vorhanden, bessernde Hand anzulegen (bessernd Hand anzulegen) – die Zeit schafft oft unerwartet schnellen Wandel (schnell Wandel) – er brachte die Angelegenheit zum ausführlichen Vortrag (ausführlich zum Vortrag) – ich erlaube mir, meinen schönen Garten mit Kolonnaden in empfehlende Erinnerung zu bringen (empfehlend in Erinnerung zu bringen).

Ebensowenig wie Eigenschaftswörter dürfen natürlich Zahlwörter oder besitzanzeigende Adjektiva in solche Redensarten eingefügt werden. Da schreibt einer über die Tagespresse: man muß zwischen ihren Zeilen lesen. Unsinn! Man muß bei ihr zwischen den Zeilen lesen! Denn zwischen den Zeilen lesen ist eine formelhafte, unveränderliche Redensart, die nur durch einen adverbiellen Zusatz (bei ihr) näher bestimmt werden kann. Ein andrer schreibt: der erste Sturm sollte gegen das Großkapital gelaufen werden. Doppelter Unsinn! Erstens weil der Sturm gezählt, zweitens weil die Redensart zerrissen ist. Es muß heißen: zuerst sollte gegen das Großkapital Sturm gelaufen werden. Ebenso ist doppelt fehlerhaft: wir müssen fleißigern Gebrauch von der Rute machen (richtig: wir müssen fleißiger von der Rute Gebrauch machen) – die Zeit, wo der Fürst noch unmittelbare Fühlung mit dem Volke hatte (richtig: unmittelbar mit dem Volke Fühlung hatte) – besonderen Dank wird der Leser dem Herausgeber für die kurzen Einleitungen wissen (richtig: besonders wird der Leser dem Herausgeber für die kurzen Einleitungen Dank wissen) – besondre Obacht mußte darauf gegeben werden, daß sich keiner der Buße entzog (richtig: besonders mußte darauf Obacht gegeben werden) – von konservativer Seite wird laute Klage über die antisemitischen Demagogen geführt (richtig: wird laut über die antisemitischen Demagogen Klage geführt).[130]