Ein Attribut kann ja aber auch in der Form eines abhängigen Genitivs erscheinen; auch in dieser Form kommt der Fehler sehr oft vor. Da schreibt man: die Ärzte müssen die ganze Nacht zur Verfügung der Wache stehen – sämtliche Verhafteten wurden zur Verfügung des französischen Botschafters gestellt – wenn sich die Kammer zur Verfügung der größten Schwindelei des Jahrhunderts stellt (muß heißen: der Wache zur Verfügung stehen usw.) – die Streitfragen, die auf der Tagesordnung ihrer Wissenschaft stehen (muß heißen: in ihrer Wissenschaft auf der Tagesordnung stehen) – es sollen ganz bestimmte Gegenstände zur Beratung der Konferenz gestellt werden – (muß heißen: der Konferenz zur Beratung gestellt werden) – die Dame, in deren Mund die Erzählung gelegt ist (muß heißen: der die Erzählung in den Mund gelegt ist). Auch in diesen Fällen wird überdies die Redensart zerrissen, in den meisten entsteht ein Gallizismus (mettre à la disposition de quelqu’un).
Sowenig aber das Hauptwort einer solchen formelhaften Redensart mit einem Attribut bekleidet werden kann, so wenig kann es endlich mit einem Relativsatz behängt werden. Auch ein Relativsatz kann sich immer nur an den Gesamtbegriff der Redensart, aber nicht an den Bestandteil anschließen, den das Hauptwort bildet. Aber auch dieser Fehler, der große Unbeholfenheit verrät, ist etwas sehr gewöhnliches, wie folgende Beispiele zeigen: die Versuche blieben nicht ohne Eindruck, der (!) aber durch die nachfolgenden Ereignisse bald wieder verwischt wurde – namentlich waren die Schöpfungen der Pariser Architektur auf ihn von Einfluß, der (!) bis zu seinen letzten Werken nachhaltend geblieben ist – ein solches Unternehmen muß in Einzelheiten Widerspruch hervorrufen, der (!) dann auch auf die Beratung des Ganzen Einfluß übt – da stand er nun in Verlegenheit, an die (!) er gar nicht gedacht hatte – auf seine Bitten erhielt er in dieser Sprache Unterricht, den (!) er selbst so anziehend geschildert hat – die Scheune geriet in Brand, der (!) erst nach einer Stunde gelöscht wurde – Vischer redet sich alle Galle vom Herzen, das (!) im deutschen Bruderkriege 1866 blutete.
Etwas erträglicher wird der Fehler, wenn man das Hauptwort der Redensart mit einer Art von Anaphora wiederholt, z. B.: man hat den Eindruck, daß beide in dem Augenblick der Entscheidung Friede gemacht haben, einen Frieden, der auch dem unterliegenden Teile zugute kommt. Schwache Gemüter können hier zugleich rein äußerlich sehen, worauf es ankommt: in der Redensart erscheint das Hauptwort ohne Artikel, in der Anaphora mit Artikel; bezeichnend ist dabei der Unterschied, den der Schreibende (unwillkürlich?) zwischen der ältern und der jüngern Form Friede und Frieden gemacht hat. Oft berühren sich nämlich solche unveränderliche formelhafte Redensarten nahe mit andern Wendungen, die nichts formelhaftes haben, sondern im Augenblick gebildet sind und jeden Augenblick anders gebildet werden können. Die sind aber dann von formelhaften Wendungen leicht zu unterscheiden, äußerlich gewöhnlich schon dadurch, daß in der Formel das Hauptwort keinen Artikel hat. Eine zweifellos formelhafte Redensart ist: zu Ohren kommen. Daher wird niemand sagen: es ist zu meinen Ohren gekommen, oder es ist zu Ohren des Ministers gekommen, sondern: es ist mir zu Ohren gekommen, es ist dem Minister zu Ohren gekommen. Zweifeln kann man dagegen, ob auch zur Kenntnis kommen formelhaft sei. Der Vorgang kam zu meiner Kenntnis oder zur Kenntnis des großen Publikums dürfte ebensogut sein wie: er kam mir zur Kenntnis oder dem Publikum zur Kenntnis. Die Grenze ist hier manchmal schwer zu ziehen; wer Sprachgefühl hat, wird meist ohne weiteres das Richtige treffen, wer keins hat, wird auch bei aller Belehrung danebentappen.
Das Tollste ist es, das Hauptwort aus einer solchen Redensart herauszunehmen und in einem besondern Satze zu verwenden. Aber auch das geschieht. Da schreibt z. B. einer: rührend war der Abschied, der genommen wurde, ein andrer: wichtig war für meine spätern Neigungen die Bekanntschaft mit den Zeitungen, die ich schon in meinen Kinderjahren machte. Das soll heißen: rührend war es, als Abschied genommen wurde, wichtig war, daß ich schon in meinen Kinderjahren mit den Zeitungen Bekanntschaft machte. Solche Sätze liegen schon dicht an dem Wege, der zu den bekannten Späßen Wippchens führt, wie: gebt mir einen Haufen, damit ich den Feind darüberwerfen kann.
Vertauschung des Hauptworts und des Fürworts – ein schwieriger Fall
Einen eigentümlichen Fehler, dem man sehr oft begegnet, zeigen in zwei verschiednen Spielarten folgende Beispiele (das Richtige soll wieder gleich in Klammern danebengesetzt werden): die Lage Deutschlands inmitten seiner wahrscheinlichen Gegner mache es ihm zur Pflicht (seine Lage macht es Deutschland zur Pflicht) – das Zartgefühl des Fürsten erlaubte ihm nicht die Annahme des Opfers (sein Zartgefühl erlaubte dem Fürsten nicht) – leider hat die enge Begabung des Dichters ihm nicht ermöglicht (leider hat seine enge Begabung dem Dichter) – der Haß des Berichterstatters gegen Textor hat ihn zu Übertreibungen geführt (sein Haß hat den Berichterstatter) – die Krankheit des Papstes hat ihn zu einer andern Lebensweise veranlaßt (seine Krankheit hat den Papst) – man hatte gleich nach dem ersten Auftreten Raimunds ihn verdächtigt (man hatte gleich nach seinem ersten Auftreten Raimund verdächtigt) – es stellt sich dabei heraus, daß die eignen Kenntnisse des Kritikers ihn zu diesen Angriffen nicht berechtigen (daß seine eignen Kenntnisse den Kritiker) – die Romanschreiber, die im Vertrauen auf die Dummheit der Gesellschaft dieser den Spiegel vorhalten (die der Gesellschaft im Vertrauen auf deren Dummheit) – nach ältern Beschreibungen des Kodex war er früher in roten Sammet gebunden (nach ältern Beschreibungen war der Kodex) – die Begleiter des Kranken vermochten ihn nicht zu überwältigen (die Begleiter vermochten den Kranken) – zur Zeit der Ausweisung des Ordens aus dem Deutschen Reiche zählte er innerhalb desselben sechzehn Niederlassungen (zweimal der Fehler in einem Satze! es muß heißen: zur Zeit seiner Ausweisung zählte der Orden innerhalb des Deutschen Reichs usw.) – angesichts der Macht dieser Gesetze dieselben (!) auf ihre Annehmbarkeit zu prüfen ist dem Gesetzgeber nicht eingefallen (angesichts ihrer Macht diese Gesetze zu prüfen) – wie war es möglich, daß der Besitzer dieses Schatzes denselben so geheim hielt (der Besitzer diesen Schatz) – man wollte trotz der von den Gehilfen beschlossenen Kündigung des Tarifs an letzterm (!) festhalten (trotz der beschlossenen Kündigung an dem Tarif festhalten) – wir betrauern den Heimgang des liebenswürdigen Kollegen, der seit Gründung der Ärztekammer derselben angehört (der der Ärztekammer seit ihrer Gründung angehört) – wegen Reinigung der großen Ratsstube bleibt dieselbe (!) nächsten Montag geschlossen (wegen Reinigung bleibt die große Ratsstube) – wegen Neubaues der Schleuse in der Zentralstraße bleibt letztere (!) für den Fahrverkehr gesperrt (wegen Neubaus der Schleuse bleibt die Zentralstraße) – sie heiratet darauf den Grafen Tr., dessen Frau ihm kurz vorher durchgegangen ist (dem seine Frau) – der Bedauernswerte, dessen Eltern ihm gestern einen Besuch zugedacht hatten (dem seine Eltern) – der Vorwurf trifft nur den, dessen Männerstolz ihm nicht gestattet (dem sein Männerstolz) – der Verfasser, dessen Bescheidenheit ihn bis in sein Greisenalter zögern ließ, seine Arbeit zu veröffentlichen (den seine Bescheidenheit) – Scharnhorst ist einer jener schicksalvollen Männer, deren Genius sie zu Dolmetschern eines ganzen Volkes gemacht hat (die ihr Genius) – es wird das auch von solchen bestätigt, deren Auftrag sie zu möglichst gründlicher Prüfung verpflichtet (die ihr Auftrag) – Menschen, deren Halbbildung sie unempfänglich macht (die ihre Halbbildung) – die Italiener, deren Freude an der farbigen Oberfläche der Dinge sie abhält, in den Chor der Naturalisten einzustimmen (die ihre Freude).
In allen diesen Sätzen ist ein Begriff doppelt da: das einemal in Form eines Hauptworts (in den zuletzt angeführten Relativsätzen in Form eines relativen Fürworts), das andremal in Form eines persönlichen Fürworts (wozu hier auch derselbe und letzterer gerechnet werden müssen). Der Fehler liegt nun darin, daß beide am falschen Platze stehen: sie müssen ihre Plätze wechseln, wenn der Satz richtig werden soll. Warum? Weil das Hauptwort in allen diesen Sätzen nur in einem Attribut (meist in einem abhängigen Genitiv) und damit gleichsam im Hintergrunde, im Schatten, das persönliche Fürwort dagegen als Subjekt oder Objekt im Vordergrunde, im vollen Lichte des Satzes steht. Gerade umgekehrt muß es sein: das Hauptwort gehört in den Vordergrund, der bloße Ersatz dafür, das Fürwort, in den Hintergrund. Nicht selten kann nach dem Platzwechsel das Fürwort ganz wegfallen. Wer lebendiges Sprachgefühl hat, bildet solche Sätze von selber richtig, ohne zu wissen, warum. Andern wird die Sache vielleicht auch durch diese Erklärung nicht deutlich geworden sein. Es ist wirklich ein etwas schwieriger Fall.
Die fehlerhafte Zusammenziehung
Ein Fehler, der die mannigfachsten Spielarten zeigt, obwohl er im Grunde immer derselbe ist, entsteht durch jene äußerliche Auffassung der Sprache, die nicht nach Sinn und Bedeutung, sondern nur nach dem Lautbilde der Wörter fragt. Kehrt dasselbe Lautbild wieder, so glaubt es der Papiermensch das zweitemal ohne weiteres unterdrücken zu dürfen, obwohl es dieses zweitemal vielleicht einen ganz andern Sinn hat als das erstemal. Eine Abart dieses Fehlers ist schon früher besprochen worden: die Vernachlässigung des Kasuswechsels beim Relativpronomen ([S. 130]). Hierher gehört es aber auch, wenn man einen Fügewortsatz oder Fragesatz zugleich als Objekt und als Subjekt verwendet, z. B.: daß der Verfasser ein Jurist ist, kann man mit Händen greifen, hält ihn jedoch nicht ab – ob das Wort schon früher in Gebrauch war, können wir nicht feststellen, ist auch ohne Belang. Oder wenn man ein Zeitwort gleichzeitig als selbständiges Zeitwort (oder Kopula) und als Hilfszeitwort verwendet und schreibt: er hatte sich aus kleinen Verhältnissen emporgearbeitet und wirklich das Zeug zu einem tüchtigen Künstler – er war vor kurzem erst ins Dorf gezogen und ein kleiner, kugelrunder Mann – er wurde später sächsischer Minister und in den Freiherrnstand erhoben – jeden Morgen, wenn der Kaiser rasiert und der Kopf Habys am Fenster sichtbar wird – oder gar: wenn ein Grenzstein verrückt oder unkenntlich geworden ist (anstatt: verrückt worden oder unkenntlich geworden) – glauben Sie nicht, daß eine Errungenschaft darin liegen würde, wenn Frauen medizinisch gebildet und praktizieren würden? (anstatt: gebildet würden und praktizierten)[131]. Ferner wenn man ein persönliches Fürwort zugleich als Dativ und als Akkusativ verwendet, z. B.: sich stets betastend und die Hände reichend – die Gelegenheit, sich kennen zu lernen, bzw. (!) näher zu treten – kurz alle Fälle, wo ein Wort gleichzeitig in zwei verschiednen Auffassungen gebraucht wird, also auch z. B.: in Halle ist er gestorben und begraben (wo das Perfektum das einemal einen Vorgang, das andremal einen Zustand bezeichnet) – die Pferde stürzten so unglücklich, daß die Deichsel brach, das eine Pferd aber den Oberschenkel – er war darauf angewiesen, sein Leben, an das er große Ansprüche machte, durch erbitterten Kampf gegen die Konkurrenz zu gewinnen (wo Leben das einemal als Lebensweise, das andremal als Lebensunterhalt gemeint ist).
Eine der häufigsten, aber auch widerwärtigsten Spielarten dieses groben logischen Fehlers ist es, ein Femininum und einen Plural unter demselben Artikel, Fürwort oder Adjektivum zusammenzukoppeln (vgl. englisch: the life and times) und zu schreiben: die Höhe und Formen des Gitters – die Umrahmung und Seitenflügel des Altarbildes – die Metalle und Spektralanalyse – die Verbreitung und Ursachen der Lungenschwindsucht – die Stellung und Ansprüche des Zentrums – die Sicherung der Post und Transporte – die Analyse der Gestalten und Kunst Shakespeares – Handbuch der Staatswissenschaften und Politik – das Gebiet der Mathematik und Naturwissenschaften – die Angaben der Bevölkerungsdichtigkeit und Temperaturverhältnisse – seine Reue und Gewissensbisse – im Kreise seiner Frau und drei Kinder – durch ihre Taten und Hingebung – eine Darstellung ihrer Schicksale und Bauart – die Bühne, die keine Dekoration und Kulissen kannte – die Gegner der deutschen Landwirtschaft und Getreidezölle – zur Erforschung vaterländischer Sprache und Altertümer – trotz der papistischen Gesinnung und Bestrebungen des Herzogs usw.[132]