Aber auch da, wo Geschlecht und Numerus zweier Begriffe dieselben sind, ist es eine grobe Nachlässigkeit, sie unter einem Artikel unterzubringen und zu schreiben: die Zustimmung des Bundesrats und Reichskanzlers – der Direktor der Bürger- oder Bezirksschule – eine Sitzung des Bau-, Ökonomie- und Finanzausschusses – ein Ausflug nach dem Süßen und Salzigen Seeder Rote und Schwarze Kocherdas alte und neue Buchhändlerhausdie katholische und evangelische Kircheder Renaissance- und Barockstildas sächsische und schlesische Gebirgedie religiöse und weltliche Poesie der Juden – die weiße und rote Rosedas Sol- und Seebad – der Wert der klassischen und modernen Sprachen – die Knochen waren nicht die Überreste eines Frauen- und Kinderskeletts, sondern eines Ferkel- und Kaninchengerippes! Auch in diesen Fällen muß der Artikel unbedingt wiederholt werden; wird er nur einmal gesetzt, so erweckt das die Vorstellung, als ob sichs nur um einen Begriff handelte. Niemand kann erraten, daß der Bau-, Ökonomie- und Finanzausschuß drei verschiedne Ausschüsse sind. Der König von Preußen und Kaiser von Deutschland – das ist richtig, denn beides ist dieselbe Person; das belgische und deutsche Herrscherpaar – das ist falsch, denn das sind zwei verschiedene Paare.

Die Nachlässigkeit wird um so störender, wenn durch das im Plural stehende Prädikat oder auf irgendeine andre Weise noch besonders deutlich fühlbar gemacht wird, daß es sich um mehrere Begriffe handelt, z. B.: der deutsche Handel war bedeutender als der englische und amerikanische zusammender Nominativ und Vokativ sind eigentlich keine Kasus – die erste und letzte Strophe zerfallen in zwei Hälften – der lyrische und epische Dichter bedürfen dieses Mittels nicht – 1830 starben der Bruder und Vater – westlich davon stehen die Thomas- und Matthäikirche – an der Nordseite befinden sich der Dresdner, Magdeburger und Thüringer Bahnhof – die Anlage, die die Mit- und Nachwelt an Bismarck zu bewundern alle Ursache habenzwischen (!) dem 13. und 15. Grade südlicher Breite – der Unterschied zwischen (!) den staatlichen und kirchlichen Einrichtungen – wo ist die Grenze zwischen (!) der Wahrheit, die man mitteilen, und [der!], die man nicht mitteilen darf – die deutsche Umgangssprache schwankt zwischen dem Extrem barscher Kürze und bedientenhafter Redseligkeit – das Zentrum möchte einen Keil treiben zwischen den rechten und linken Flügel des Blocks. Wie kann etwas „zwischen“ einem Grade liegen, „zwischen“ einem Extrem schwanken, „zwischen“ einen Flügel getrieben werden?

Bei mehr als zwei Gliedern kann die sorgfältige Wiederholung des Artikels freilich etwas schleppendes bekommen, und wo mehr aufgereiht als gegenübergestellt wird, da schreibe man getrost: mit den Geruchs-, Geschmacks- und Gefühlsnerven, die Gewohnheiten des Fastens, Beichtens und Betens, ein Schatz des Wahren, Guten und Schönen. Wo aber unterschieden und gegenübergestellt wird, da muß auch der Artikel wiederholt werden. Darum steht auch auf dem Titelblatte dieses Buches: Grammatik des Zweifelhaften, des Falschen und des Häßlichen, denn jeder dieser drei Begriffe bezeichnet eine andre Art von Fällen. Manche glauben genug zu tun, wenn sie den Artikel bei einem Wechsel des Geschlechts wiederholen, und schreiben: die Gelübde der Armut, Keuschheit und des Gehorsams. Ganz irrig! Die Gleichmäßigkeit verlangt den Artikel bei jedem Gliede der Reihe.

Kein grammatischer, aber ein grober Denkfehler liegt vor in Verbindungen wie: Lager von Schneider- und Schuhartikeln – Fabrik von Bambus-, Luxus- und Rohrmöbeln. Der Schneider kann nicht den Schuhen, Bambus oder Rohr nicht dem Luxus gegenübergestellt werden, denn Bambus und Rohr geben den Stoff an, Luxus den Zweck (oder die Zwecklosigkeit). Man könnte ebensogut Kaffee-, Porzellan- und Teetassen verbinden.

Tautologie und Pleonasmus

Während die fehlerhafte Zusammenziehung aus einem irregeleiteten Streben nach Kürze entsteht, beruht ein andrer Fehler auf dem Streben nach Breite und Wortreichtum: der Fehler, einen Begriff doppelt oder gar dreifach auszudrücken. Man bezeichnet ihn mit Ausdrücken der griechischen Grammatik als Tautologie (Dasselbesagung) oder Pleonasmus (Überfluß).

In den seltensten Fällen will man durch die Verdopplung etwa den Ausdruck verstärken,[133] gewöhnlich fällt man aus bloßer Gedankenlosigkeit hinein. Zu den üblichsten Tautologien gehören: bereits schon, ich pflege gewöhnlich, einander gegenseitig oder gar sich einander gegenseitig.[134] Aber es gibt ihrer von den verschiedensten Arten. Auch in Verbindungen wie: schon gleich (die Bedenken fangen schon gleich beim Lesen der ersten Seite an), auch selbst, nach abwärts, nach dieser Richtung (statt: nach dieser Seite oder in dieser Richtung), nach verschiednen Richtungen (!), unsre Gegenwart (statt: unsre Zeit oder die Gegenwart), unsre deutsche Jugend, unser deutsches Vaterland, mein mir übertragnes Amt, rückvergüten, gemeinschaftliches Zusammenwirken, etwas näher bei Lichte besehen, nicht ganz ohne jede gute Regung, Personen beiderlei Geschlechts (statt beider Geschlechter), Hilfeleistungen weiblicher Schwestern, es kann möglich sein, ich darf mit Recht beanspruchen, das Lob, das ihm mit Recht gebührt, man muß von einem Geschichtschreiber verlangen, die Forderung ist unerläßlich, er hat Anspruch auf gebührende Beachtung, ehe das Einschreiten zur zwingenden Notwendigkeit wird, die Innung geht mehr und mehr dem Rückgange entgegen, die Übung der Denkkraft, die angeblich durch die Mathematik erzielt werden soll – überall ist hier ein Begriff ganz unnötigerweise doppelt da. Es genügt, zu sagen entweder: mein Amt oder: das mir übertragne Amt, entweder: man kann von einem Geschichtschreiber verlangen, oder: ein Geschichtschreiber muß, entweder: die Übung, die angeblich erzielt wird, oder: die erzielt werden soll. In Leipzig werden immer noch Dinge meistbietend versteigert – das soll heißen: an den, der das Meiste bietet, was doch schon in dem Begriffe des Versteigerns liegt –, und dann natürlich gegen sofortige Barzahlung! Auch Zusammensetzungen wie Rückerinnerung, vollfüllen und loslösen sind nichts als Pleonasmen; ebenso die beliebten Partizipzusätze, die zum Teil aus schlechtem lateinischem Unterricht stammen: auf erhaltnen mündlichen Befehl – nach gehaltner Frühpredigt – die erfahrne unwürdige Behandlung – ohne vorhergehende Beschaffung geeigneter Verkehrsmittel – nach einer vorhergehenden Fermate – bis zur getroffnen Entscheidung – die angestellte Untersuchung ergab – meine Erörterung gründet sich auf schon gemachte Erfahrungen – die Aussteller sind in der Reihe ihrer erfolgten Anmeldung aufgeführt. Man streiche die Partizipia, und der Sinn bleibt derselbe, der Ausdruck aber wird knapper und sauberer (vgl. auch, was [S. 167] über stattgefunden und stattgehabt gesagt ist).

Der häufigste Pleonasmus aber und der, der nachgerade zu einer dauernden Geschwulst am Leibe unsrer Sprache zu werden droht und trotzdem allgemein als Schönheit, ja als eine Art von Bedürfnis empfunden zu werden scheint, ist der, nach den Begriffen der Möglichkeit und der Erlaubnis, der Notwendigkeit und der Absicht beim Infinitiv diese Begriffe durch die Hilfszeitwörter können, dürfen, wollen, sollen, müssen zu wiederholen, also zu schreiben: niemand schien geeigneter als Ranke, dieses Werk zur Vollendung bringen zu können – die Leichtigkeit, die gepriesensten Punkte Süditaliens erreichen zu können – die Möglichkeit, die Sozialdemokratie mit gleichen Waffen bekämpfen zu können – auf diese Weise ist es möglich, während des Umbaus den Verkehr aufrecht erhalten zu können – die Fähigkeit, über sich selbst lachen zu können – die Mittel, an Ort und Stelle mit Nachdruck auftreten zu können – es ist Gelegenheit gegeben, auch am Polytechnikum Vorlesungen hören zu können – er hatte genügendes Kapital, etwas ausführen zu können – die Finanzwirtschaft ist gar nicht imstande, das Kreditwesen des Staates entbehren zu können – ich getraute mir nicht, das Gespräch mit ihm aufrecht erhalten zu können – wenn es mir gelingen sollte, hierdurch meine Verehrung an den Tag legen zu können – es ist zu beklagen, daß so aufrichtige Naturen sich nicht anders zur Kirche stellen zu können vermögen (!) – der Thronfolger kann von Glück sagen, wenn es ihm erspart bleibt, seine Herrscherautorität nicht erst durch die Schärfe des Schwerts erkämpfen zu brauchen[135] – es sei mir gestattet, einen Irrtum berichtigen zu dürfen – der Biograph hat das schöne Recht, Enthusiast sein zu dürfen – eine Stellung, die ihm erlaubte, ohne Frage nach dem augenblicklichen Erfolg produzieren zu dürfen – einer Deputation war es vergönnt, Glückwünsche darbringen zu dürfen – die Freiheit, seiner innern Eingebung folgen zu dürfen – der Anspruch, Universalgeschichte sein zu wollen – er sprach seine Bereitwilligkeit aus, auf diesem Wege vorgehen zu wollen – die Absicht, blenden oder über ihre Verhältnisse leben zu wollen – er hat versprochen, in den ruhmreichen Bahnen seines Großvaters fortwandeln zu wollen – die Aufgabe, die Akademie reformieren zu sollen – es gehört zu den schönsten Aufgaben, das Leben eines Zeitgenossen beschreiben zu wollen (!) – die Zumutung, Gott ohne Bilder anbeten zu sollen – ein Volk, das sich dazu erwählt glaubt, große Dinge erfüllen zu müssen – die Verhältnisse zwangen den König, auf die Führung seines Heeres verzichten zu müssen.

Statt in Nebensätzen die Hilfszeitwörter sein und haben wegzulassen, wo sie oft ganz unentbehrlich sind (vgl. [S. 137]), bekämpfe man lieber diese abscheuliche Gewohnheit; die unnützen können, dürfen, wollen, sollen und müssen sind wirklich wie garstige Rattenschwänze.[136]

Die Bildervermengung