Eine vollständige Verschiebung scheinen manche jetzt unter den Hilfszeitwörtern (können, mögen, wollen, dürfen, sollen, müssen) durchsetzen zu wollen. Und warum? Aus bloßer Ziererei, nur, um es einmal anders zu machen, als es bisher gemacht worden ist. Da schreibt einer: es mag für ältere Mitglieder von Interesse sein die Mitgliederliste kennen zu lernen. Nun denkt man, er werde fortfahren: aber für die jüngern hat es kein Interesse, und darum teile ich sie nicht mit. Nein, er teilt sie mit! Er hat also sagen wollen: die Liste kann oder wird vielleicht von Interesse sein, darum will ich sie mitteilen. Eine Zeitschrift macht bekannt: Abonnenten wollen die Fortsetzung bei der Expedition bestellen – ein Realschuldirektor schreibt: Neuphilologisch geschulte Bewerber wollen ihre Gesuche bis zum 1. Dezember einreichen. Das ist doch nichts als Nachäfferei des Französischen (veuillez); deutsch kann es nur heißen: mögen sie einreichen, oder wenn das nicht höflich genug scheint, werden gebeten, werden ersucht, sie einzureichen. Noch alberner ist es, ein solches wollen mit dem Passivum zu verbinden: die Redaktion wolle angewiesen werden (statt: es wird gebeten, die Redaktion anzuweisen) – das Testament wolle in Verwahrung genommen werden – das Öffnen der Fenster wolle den Schaffnern aufgetragen werden – es wolle sich gefälligst des Tabakrauchens enthalten werden. Sehr beliebt ist es auch jetzt, zu schreiben: ich darf endlich noch hinzufügen – hier darf zum Schluß noch angeführt werden usw. Darf? Wer erlaubt es denn? Der Schreibende erlaubt es sich doch selber, er nimmt es sich heraus. Er kann also doch nur sagen: hier darf wohl zum Schluß noch angeführt werden; mit dem wohl sucht man sich höflich der Zustimmung des Lesers zu versichern. Ganz abgeschmackt ist der Mißbrauch, der jetzt mit sollen getrieben wird. Da wird geschrieben: eines nähern Eingehens auf diese Punkte glaube ich mich enthalten zu sollen – wir glauben, diesen Satz auf das ganze Werk ausdehnen zu sollen – der Heilige Vater glaubt dich ermuntern zu sollen, in der begonnenen Arbeit fortzufahren – wir glaubten die Eröffnung nicht vornehmen zu sollen, ohne die maßgebenden Persönlichkeiten dazu einzuladen – im Interesse des Publikums hat die Behörde geglaubt, den Betrieb nicht in städtische Regie nehmen zu sollen. Sollen bezeichnet einen Befehl, einen Auftrag. In den angeführten Beispielen aber handelt sichs entweder um eine Möglichkeit oder eine Notwendigkeit. Weshalb also nicht können, müssen, dürfen? Es ist nichts als dumme Ziererei.

Der Dritte und der Andre

Viele Menschen können jetzt tatsächlich nicht mehr „bis drei zählen“, sondern lassen auf den Ersten gleich den Dritten folgen. Sie schreiben: bei allem, was ich unternommen habe, hat mich nichts verleiten können, das Recht eines Dritten zu verletzen – an einer neuen Entdeckung ging er gleichgiltig vorbei; sobald sie aber durch einen Dritten verballhornt war, erhob er den Kopf – mein Bauplan würde ganz umsonst gemacht sein, wenn dann ein Dritter den Bauplatz bekäme – bei einer solchen Verpachtung würde die Stadtgemeinde das Eigentumsrecht behalten und nur auf eine Reihe von Jahren einem Dritten ein Benutzungsrecht einräumen – auch der Künstler, der aus innerm Drange schafft, wird früher oder später erlahmen, wenn er fortwährend zusehen muß, wie Dritte den ihm zukommenden Ruhm genießen – die juristische Wissenschaft zeigt dem Verwaltungsbeamten die Schranken, die seinem Handeln durch entgegenstehende Rechte Dritter gesetzt sind – ich hätte die Aufgabe ohne die freundliche Hilfe Dritter nicht bewältigen können – das Mißtrauen in (!) seine Begabung, unter dem er durch Dritte zu leiden hatte – die Anerkennung, die sich als Ausbeutung seines geistigen Eigentums seitens (!) Dritter darstellt – die sekundäre Art der Komposition, über Themen Dritter zu phantasieren – Akten über innere Verwaltungssachen und Verträge mit Dritten werden nicht mitgeteilt – da die Mitglieder entfernt wohnen, so lag es nahe, ihre Befugnisse auf dritte Personen zu übertragen – wegen des Zeitverlustes, den mir die Arbeit an dritter Stelle machen würde, bitte ich mir die Bücher in meine Wohnung zu senden. Ein Lokalrichter macht bekannt, er habe Waren im Auftrage eines Dritten zu versteigern – eine Zeitung berichtet, daß ein Klempner von einem Baugerüst gefallen, ein Verschulden Dritter an dem Unglücksfall aber ausgeschlossen sei – eine andre erzählt: der junge Mann besuchte darauf ein Restaurant, wo möglicherweise dritte Personen von seinem Gelde Kenntnis erlangten.

Der Unsinn stammt natürlich aus Juristenkreisen. Die Herren Juristen sind so daran gewöhnt, mit zwei Parteien zu tun zu haben, zu denen dann irgend ein „Dritter“ kommt, daß ihnen schließlich der Dritte auch da in die Feder läuft, wo gar nicht von zweien die Rede gewesen ist; er vertritt schon vollständig die Stelle des Andern. Und andre Leute machen es gedankenlos nach.

Verwechslung von Präpositionen

Mancherlei Verwirrung herrscht auch auf dem Gebiete der Präpositionen. So werden z. B. sehr oft durch und wegen verwechselt, obwohl sie doch so leicht auseinanderzuhalten wären, denn durch gibt das Mittel, wegen den Grund an. Da wird z. B. geschrieben: das Buch ist durch seine prachtvolle Ausstattung ein wertvolles Geschenk – die Marienkirche enthält viele durch Kunst und Geschichte bemerkenswerte Sehenswürdigkeiten – der Streit ist durch seine lange Dauer von mehr als bloß örtlicher Bedeutung gewesen – durch die verkehrte Methode seines Lehrers machte er lange Zeit keine Fortschritte – Falb, der durch seine kritischen Tage vielgenannte Wetterprophet – die Mißernten bleiben dann nur noch durch Regen zu fürchten – durch körperliches Leiden ist als sicher anzunehmen, daß sie sich ein Leid angetan hat – durch sein liebenswürdiges und aufrichtiges Wesen werden wir stets seiner in Ehren gedenken. In allen diesen Sätzen muß es wegen heißen, denn man fragt hier nicht: wodurch? sondern weshalb oder warum? Ebenso werden für und vor, für und zu, für und über oft vertauscht. Früher hatte man Liebe zu jemand, faßte Neigung zu jemand, hegte Achtung vor etwas, hatte Sinn, Gefühl, Interesse für etwas; jetzt gilt es für fein, das alles durch für zu erledigen: daher seine merkwürdige Neigung für alle Verkommnen und Gescheiterten – wir haben Achtung für den realistischen Geist – der Sozialismus hat wenig Achtung für rein geistige Arbeit. Eine Stadtgemeinde gibt Verwaltungsberichte heraus für das abgelaufene Jahr. Nein, Kalender und Adreßbücher druckt man für ein Jahr, Berichte schreibt man über ein Jahr. Früher sagte man: von heute an. Jetzt liest man nur noch: von heute ab, von Montag ab, vom 1. Januar ab. Warum denn ab? Man bildet sich doch nicht etwa ein, ab könne hier in dem Sinne stehen wie auf den Eisenbahnfahrplänen, wo es den Ausgangspunkt bezeichnet? Nein, es bedeutet die Richtung. Von Kindesbeinen an – das will sagen, daß der Weg von der Kindheit in die Höhe führe (vgl. hinan, bergan); noch deutlicher sagt es: von Jugend auf. Bei dem neumodischen vonab hat man immer die Vorstellung, als ob alles, was jetzt unternommen wird, von Anfang an dazu verurteilt wäre, bergab zu gehen.

Besonders anstößig ist es, wie oft sich – offenbar unter dem Einflusse des Lateinischen – die Präposition in an Stellen drängt, wo sie nicht hingehört. In gutem Deutsch hat man Vertrauen zu jemand, Hoffnung auf jemand und Mißtrauen gegen jemand. Das wird jetzt alles durch in besorgt: man hat Vertrauen in die Kriegsleitung (scheußlich!), verliert die Zuversicht in sich selbst, ist ohne jedes persönliche Mißtrauen in die Behörden und setzt seine Hoffnung in die Zukunft. Ja die Juristen reden sogar von einer Vollstreckung in verschuldeten Besitz, einer Zwangsvollstreckung in Liegenschaften und verurteilen einen Angeklagten in die Kosten. Das alles ist schlechterdings kein Deutsch, es ist das offenbarste Latein. Früher ging man auch auf einem Wege vorwärts, und nur wenn einen auf diesem Wege jemand hinderte, sagte man: er tritt mir in den Weg, er steht mir im Wege, er mag mir aus dem Wege gehen. Unsre Juristen aber möchten nur noch im Wege vorwärtsgehen oder vielmehr „vorschreiten“, sei es nun im Wege der Gesetzgebung oder im Wege der Polizeiverordnung oder im Wege der einstweiligen Verfügung oder im Wege des Vergleichs oder im Wege der Güte oder im Wege der Anregung. Man denkt sich die Herren unwillkürlich in einer Schlucht oder einem Hohlwege stehen, „rings von Felsen eingeschlossen“, wenn sie so „im Wege vorschreiten“. In der Juristensprache bedeutet aber doch wenigstens das Wort den eingeschlagnen Weg, das Verfahren; der Jurist beschreitet ja auch den Klageweg oder verweist einen Klienten auf den Beschwerdeweg. Wenn aber gar eine Bibliothek berichtet, daß ihr Bücher zugegangen seien im Wege der Schenkung, des Tauschs oder des Kaufs, so ist das doch völlig abgeschmackt, denn da ist doch nur von der Art und Weise die Rede: die Bücher sind ihr durch Schenkung, Tausch oder Kauf zugegangen.

Im Buchdruck und Buchhandel, wo man sich gegenwärtig durch Absonderlichkeiten aller Art zu überbieten sucht – in der Wahl der Schriften, in der Einrichtung der Kolumnen, in der Fassung und Anordnung der Titel, in der Angabe des Verlags –, müssen auch die Präpositionen mit herhalten: ein Buch wird nicht mehr von jemand herausgegeben und verlegt, sondern herausgegeben wird es durch jemand (herausgegeben durch Hans Helmolt) und verlegt wird es bei jemand (verlegt bei Eugen Diederichs). Gedruckt bei – das hat Sinn. Aber verlegt bei – da fragt man doch: verlegt es denn der Herr nicht selbst? wer sind denn die Hintermänner, die es bei ihm verlegen?

Zu den neuesten Dummheiten gehört es auch, daß man die Präposition nach gebraucht in einem Falle, wo sie nicht hingehört, und sie nicht gebraucht in einem Falle, wo sie hingehört. Man schreibt nicht mehr: nach der und der Zeitung oder dem und dem Telegramm ist das und das geschehen, sondern: zufolge (!) der Zeitung oder des Telegramms, als ob die Zeitung oder das Telegramm die Ursache, die Veranlassung des Ereignisses wäre. Da ist hier eine Ministerkrisis ausgebrochen, dort ein Luftschiffer verunglückt, hier beim Rennen ein Pferd gestürzt, dort ein Leprafall vorgekommen, alles zufolge von Zeitungen! Es ist zu dumm. Man kann es aber alle Tage lesen. Andrerseits geht man aber nicht mehr zu Schulze, sondern nach Schulze, ja man schreibt sogar nach Schulze und schickt einen Brief nach Schulze (statt: an Schulze). In meiner Kindheit ging man noch zu Hause, so gut wie man zu Tische und zu Bette ging, und wie der Krug so lange zu Wasser geht, bis er bricht. Dann hieß es auf einmal: zu Hause auf die Frage wohin? sei nicht fein, man müsse sagen: nach Hause. Vielleicht wird auch nach Schulze noch fein. Feine Leute schicken aber auch ihre Kinder nicht mehr in die Schule, sondern zur Schule. Geht Ihre Kleine schon zur Schule? heißt es. Da wird sie nicht viel lernen, wenn sie bloß zur Schule geht; sie muß hineingehen!

Hin und her