Auch für den Unterschied von hin und her scheinen nur wenig Menschen noch ein Gefühl zu haben; daß hin die Richtung, die Bewegung von mir weg nach einem andern Orte, her die Richtung, die Bewegung von einem andern Orte auf mich zu bedeutet – man vergleiche geh hin! mit komm her! –, wie wenige wissen das noch! In ihrem Sprachgebrauch wenigstens, dem mündlichen wie dem schriftlichen, wird hinein und herein, hinaus und heraus, hinan und heran, hinauf und herauf fortwährend zusammengeworfen. Ein klassisches Beispiel dieser Verwirrung ist die gemeine Redensart: er ist reingefallen. Daß jemand in eine Grube hereingefallen sei, kann man doch nur sagen, wenn man selber schon drinliegt. Die aber, die mit Vorliebe diese Redensart im Munde führen, fühlen sich doch stolz als draußen stehend, sie stehen oben am Rande der Grube und blicken schadenfroh auf das Opfer, das unten liegt. Das Opfer ist also hineingefallen oder neingefallen. Wer auf der Straße bleibt, kann nur sagen: Geh hinauf und wirf mir den Schlüssel herunter! Wer oben am Fenster steht, kann nur fragen: Willst du heraufkommen, oder soll ich dir den Schlüssel hinunter werfen? Aber der Volksmund, auch der der Gebildeten, drückt jetzt beides durch rauf und runter aus, es gilt das jetzt offenbar für feiner als nauf und nunter. Wenn auch niemand drin ist, ich will doch mal reinsehen – so sagen auch gebildete Leute. Wenn zwei an einem Graben stehen, der eine hüben, der andre drüben, so kann jeder von beiden fragen: Willst du herüberspringen, oder soll ich hinüberspringen? Heute springen beide nur noch rüber: Willst du rüberspringen, oder soll ich rüberspringen? Die Herren von der Feder aber machens nicht besser, auch sie verwechseln hin und her. Nicht bloß der Zeitungschreiber schreibt: bis in die jüngste Zeit hinein, auch der Historiker: auf die Sturm- und Drangzeit folgte die klassische Periode, die in unser Jahrhundert hineinragt. Jeder ist aber doch drin in seinem Jahrhundert! In einem Raum oder Zeitraum, worin wir uns befinden, kann doch etwas nur hereinragen. Etwas andres ist es, wenn von einer Erscheinung des sechzehnten Jahrhunderts gesagt wird, sie lasse sich bis ins siebzehnte Jahrhundert hinein verfolgen; das ist richtig, denn wir sind nicht drin im siebzehnten Jahrhundert. Umgekehrt aber wird geschrieben: wir fragen nicht, was in das Bild alles hereingeheimnist ist (hinein!) – über das Zellensystem kommt der Architekt nun einmal nicht heraus (hinaus!) usw.
Nun ist es freilich eine merkwürdige Erscheinung, daß bei allen Zeitwörtern mit übertragner Bedeutung, bei denen man die Vorstellung einer äußern Richtung nur noch undeutlich oder gar nicht mehr hat, hin vollständig durch her verdrängt worden ist; man sagt z. B.: sich herablassen, mit Verachtung herabblicken, den Preis herabsetzen, ein Buch herausgeben, in seinen Vermögensverhältnissen herunterkommen u. a. Die Neigung, her dem hin vorzuziehen, ist also augenscheinlich in der Sprache vorhanden. Man sollte aber doch meinen, daß überall da, wo noch deutlich eine äußere Richtung ausgedrückt wird, eine Verwechslung unmöglich sei. Wie kann man also sagen, daß die Steuern heraufgeschraubt werden? Wir stehen doch unten und möchten auch gern unten bleiben; also werden die Steuern hinaufgeschraubt. Wir erhielten Befehl, an den Feind heranzureiten – wer kann so schreiben? Der Feind kann wohl an uns heranreiten, wir aber an den Feind doch nur hinan. Eine bittre Pille oder einen Vorwurf – schluckt man sie herunter oder hinunter? Da man sein Ich lieber im Kopfe denkt als im Magen, so kann man sie doch nur hinunterschlucken. Er sah zu mir hinauf – Unsinn! Ich und mein Kopf, wir sind doch oben.
Auch sonst, nicht bloß bei hin und her, wird der örtliche Gegensatz jetzt oft verwischt. Hüben und drüben wird allenfalls noch unterschieden, aber haußen und hinnen getraut sich kaum noch jemand zu schreiben; jetzt heißt es: sie holen von draußen, was drinnen fehlt. Aber wo bin ich denn, der Schreibende? Irgendwo muß ich mich doch denken!
Ge, be, ver, ent, er
Wenn auf solche Weise Wörter mißverstanden und miteinander verwechselt werden können, deren Sinn und Bedeutung man sich mit ein wenig Nachdenken noch klarmachen kann, um wieviel mehr sind Wörter dem Mißverständnis und dem Mißbrauch ausgesetzt, wie die kleinen Präfixe ge, be, ver, ent, er, deren Bedeutung nicht mehr klar zutage liegt, sondern nur noch mehr oder weniger dunkel gefühlt wird! Wie oft wird brauchen und gebrauchen verwechselt! Und doch heißt das eine nötig haben, das andre anwenden. Wie oft liest man das dumme belegen sein (ein Haus ist in der oder der Straße belegen), wie oft das gespreizte beheben (die Hindernisse werden sich hoffentlich beheben lassen), wie oft das widersinnige beeidigen (die Zeugen wurden beeidigt)! Man kann eine Aussage beeidigen, aber nicht einen Zeugen. Im gewöhnlichen Leben sagt man: hier wird Trottoir gelegt; sowie es aber eine Tiefbauverwaltung besorgt, dann wird es verlegt. Warum denn ver? Was man verlegt hat, das findet man doch nicht wieder. Wie oft muß man das lächerliche entnüchtern lesen (statt ernüchtern), auch schon entwehren (statt erwehren)! Wird jemand entledigen und erledigen verwechseln? Wie abgeschmackt ist der Gebrauch von entfallen und entlohnen, mit dem sich jetzt täglich die Zeitungen spreizen! Fabrikarbeiter werden ja nicht mehr bezahlt, sie werden nur noch entlohnt, der deutsche Lehrerstand hat stets die Ideale treu gepflegt trotz kärglicher Entlohnung, und von der Fernsprechstelle Berlin-Wien, die 660 Kilometer beträgt, entfallen 430 auf österreichisches und 230 auf deutsches Gebiet. Warum denn ent? Wem entfallen sie denn? Es wird aber auch nichts mehr gehofft, sondern alles nur erhofft (der erhoffte Erfolg blieb aus.) Das allerschönste aber ist erbringen, das in keiner Zeitungsnummer fehlt. Beweise und Nachweise, die früher gebracht oder geliefert wurden und im Volksmunde noch jetzt gebracht werden, in der Zeitung werden sie nur noch erbracht. Ja selbst Tatsachen werden schon erbracht (die neue Verhandlung hat eine ganze Reihe neuer Tatsachen erbracht), Beispiele (Koschat erbringt dafür ein lebendes Beispiel – schreibt der Musikschwätzer), Erträge (die Staatsforsten erbringen einen Ertrag von einer Million Mark) und sogar Spuren (von einem Sinken des Richterstandes ist bis jetzt noch keine Spur erbracht). Warum denn er? was heißt denn er?
Er ist verwandt mit ur, wie erlauben neben Urlaub zeigt, und beide bedeuteten aus. Diese ursprüngliche Bedeutung von er ist in vielen zusammengesetzten Zeitwörtern noch sehr gut zu fühlen: gewöhnlich bedeuten sie den Anfang oder das Ende einer Handlung, wie auch das Wort ausgehen beides bedeutet (vgl. wir sind davon ausgegangen, und: die Sache ist übel ausgegangen). Den Anfang einer Handlung bezeichnet er z. B. in erblühen, den Endpunkt dagegen in erlangen, erreichen, erfinden, erfüllen, ertrinken, ersticken. Weislingen im Götz sagt mit bewußter Unterscheidung: ich sterbe und kann nicht ersterben. Was da erhoffen bedeuten soll, ist unverständlich; es könnte doch nur heißen: so lange auf etwas hoffen, bis es eintritt. Jedenfalls ist es ein Widerspruch, zu sagen: der erhoffte Erfolg blieb aus, es genügt der gehoffte. Auch ein Brief kann nicht eröffnet werden, wie die Post sagt (amtlich eröffnet!), sondern einfach geöffnet; eine Aussicht wird mir eröffnet, ein Beschluß der Behörde, auch ein neues Geschäft; dann wird es aber jeden Morgen nur geöffnet. Auch weshalb die Eisenbahndirektion Sonntags einen Sonderzug erstellt, ist nicht einzusehen; man ist doch schon zufrieden, wenn sie ihn stellt. Das törichtste aber sind die erbrachten Beweise, Nachweise, Belege, Beispiele, Erträge und Spuren. Einen Beweis oder Nachweis erbringen könnte zur Not einen Sinn haben, wenn man damit den durchgeführten, bis aufs letzte Tüpfelchen gelungnen Beweis im Gegensatz zu dem bloß versuchten bezeichnen wollte. Aber daran ist in den seltensten Fällen zu denken, erbringen wird mit ganz gedankenlosem Gespreiz für bringen gesagt. In bringen liegt ja schon der Begriff des Vollendens, des Beendigens; bringen verhält sich zu tragen wie treffen zu werfen. Man könnte schließlich auch sagen: Kellner, erbringen Sie mir ein Glas Bier!
Ent (urverwandt mit dem lateinischen ante und dem griechischen ἀντί, vgl. Antlitz, Antwort) bedeutet eigentlich vor, gegen, gegenüber. Mit Zeitwörtern zusammengesetzt, drückt es daher zunächst aus, daß sich von einem Ganzen ein Teil ablöst und ihm als ein selbständiges Ganze gegenübertritt, so in entstehen, entspringen. Daraus entwickelt sich dann überhaupt der Begriff der Trennung, Lösung, Befreiung und auch Beraubung, wie in entkommen, entfliehen, entwenden, entlehnen, entkleiden, enthüllen, entblättern, entkräften, entthronen, entfesseln, entlarven, und endlich, bei gänzlicher Verblassung der eigentlichen Bedeutung, eine bloße Verstärkung des Verbalbegriffs, wie in entlassen, enttäuschen, entfremden. Wenn man neuerdings entrechten und enthaften gebildet hat, so ist dagegen nichts weiter einzuwenden, als daß das zweite Wort recht überflüssig ist. Entlohnen aber kann doch nur heißen: einem seinen Lohn wegnehmen (wahrscheinlich hat der Schöpfer des Wortes zugleich an lohnen und entlassen gedacht) und entnüchtern nur: einen betrunken machen, und was das ent in einem Satze wie: auf den Quadratkilometer entfallen 200 Seelen – bedeuten soll, ist gänzlich unverständlich. Man könnte ebensogut sagen: auf den Quadratkilometer entkommen 200 Seelen.[159] Auch wenn Bibliotheken um gütige Entleihung oder Entlehnung eines Buches gebeten werden, so ist das sinnwidrig; die Bibliothek verleiht ihre Bücher, der Leser aber leiht oder entleiht sie.
Lebhafter Streit ist darüber geführt worden, ob es richtig sei, zu sagen: er entblödete sich nicht. Das Grimmische Wörterbuch erklärt die Verneinung bei sich entblöden für falsch. In der Tat liegt es auch am nächsten, sich entblöden mit Zeitwörtern wie entbehren, enthüllen, entschuldigen, entführen, entwischen zu vergleichen, sodaß es bedeuten würde: die Blödigkeit (d. h. Schüchternheit) ablegen, sich erdreisten, sich erfrechen. Dann wäre natürlich die Verneinung falsch, denn sich erdreisten – das will man ja gerade mit sich nicht entblöden sagen. Neuerdings ist aber darauf aufmerksam gemacht worden, daß die Vorsilbe ent hier gar nicht verneinenden (privativen) Sinn habe, sondern wie in entschlafen, entbrennen, entzünden, entblößen das Eintreten in einen Zustand bezeichne, sodaß sich entblöden bedeuten würde: sich schämen, sich scheuen, und die Verneinung davon: sich erdreisten. Die Unsicherheit über die eigentliche Bedeutung des Wortes bestand schon im achtzehnten Jahrhundert. Wieland schreibt bald: Verwegner, darfst du dich entblöden (d. h. dich erfrechen), bald: du solltest dich entblöden (d. h. dich schämen). Das Klügste wäre, man gebrauchte eine Redensart überhaupt nicht mehr, die so veraltet und in ihrer Bedeutung so verblichen ist, daß ihr niemand mehr unmittelbar anfühlt, ob sie mit oder ohne Verneinung das ausdrückt, was man ausdrücken will.
Ver gibt dem Zeitwort meist einen schlimmen Sinn, es bezeichnet, daß gleichsam ein Riegel vor eine Sache geschoben ist, daß sie nicht wieder rückgängig gemacht werden kann, und schließlich auch, da man doch manche eben gern wieder rückgängig machen möchte, daß sie falsch gemacht worden ist. Man denke an: versichern, versprechen, verbinden, verpflichten, verkaufen, verpfänden, sich verlieben, sich verloben, sich verheiraten, verstellen, verdrehen, verrücken, verlieren, verderben, vergiften, verschwinden, verschlimmern, versauern (allerdings auch: verbessern, vergrößern, verfeinern, verschönern, veredeln, versüßen). Für meinen also zu sagen vermeinen, wie es der Amtsstil liebt, wäre eigentlich nur dann am Platze, wenn die Meinung als irrig bezeichnet werden sollte (vgl. vermeintlich), und von jemand, der einfach seine Wohnung oder seinen Aufenthalt gewechselt hat, zu sagen: er ist nach Dresden verzogen, ist geradezu lächerlich, denn es klingt das, als ob er damit verschwunden und gänzlich unauffindbar geworden wäre. Ebenso unverständlich aber ist es, warum, wie in Leipzig, Trottoirplatten, Straßenbahngleise und elektrische Kabel immer verlegt werden, oder, wie in Hamburg, Kaffee verlesen wird, oder, wie in Magdeburg, Rüben verzogen werden. Es genügt doch, wenn sie gelegt, gelesen und gezogen werden.
Am meisten verblaßt ist die Bedeutung von be und ge. Be ist aus bei abgeschwächt; ge, in der ältern Sprache ga (wie noch in Gastein), ist urverwandt mit dem lateinischen con und bedeutet einen Zusammenhang, eine Vereinigung. Am deutlichsten ist sein Sinn noch in Bildungen wie gerinnen, gefrieren, Gedicht, Gebüsch, Gehölz, Gewölk, Gebirge, Gerippe, Gefühl, Gehör, Gewissen (vgl. scientia und conscientia). Aber wenn sich auch die ursprüngliche Bedeutung noch so sehr abgeschwächt hat, so kann man doch immer noch durch umsichtige Vergleichung dahinterkommen, weshalb es unnötig ist, zu sagen: einem die Möglichkeit benehmen, Geld zu beschaffen, oder: ein Haus beheizen, wie unsre Techniker jetzt sagen (sie meinen wohl: beöfnen, mit Öfen versehen), oder: die bei Goslar belegnen geistlichen Stiftungen, weshalb es lächerlich ist, wenn Schmerzen, Krankheiten, Hindernisse immer behoben werden (statt gehoben). Auch für gründen wird jetzt oft unnötigerweise begründen gesagt: die Begründung des Deutschen Reiches. Nein, begründet werden nur Meinungen, Behauptungen, Urteile; aber Reiche, Staaten, Städte, Anstalten, Schulen, Geschäfte, Zeitungen werden gegründet. Befremdlich klingt es auch, wenn Juristen davon reden, daß ein Zeuge beeidigt werden müsse, oder wenn Berichterstatter über Gerichtsverhandlungen einen Beklagten auftreten lassen. Ein Zeuge kann seine Aussage beeidigen (vgl. beschwören), aber er selbst kann nur vereidigt werden (vgl. verpflichten). Beklagen kann man aber nur den, dem ein Unglück zugestoßen ist; vor Gericht kann einer nur verklagt oder angeklagt werden. Wer angeklagt wird, kommt vor den Strafrichter, wer verklagt wird, vor den Richter in bürgerlichen Streitigkeiten. Und ebenso läßt sich endlich recht gut fühlen, weshalb es unnötig ist, zu sagen, die 1883 gebornen haben sich heuer zu gestellen.[160]