Groß in solchen Verschiebungen und Vertauschungen sind namentlich die Kanzleimenschen und die Techniker. Sie suchen etwas darin, und sie verblüffen auch wirklich die große Masse mit diesem wohlfeilen Mittelchen.[161]
Der Unterricht kann sehr viel tun, das abgestorbne Sprachgefühl in solchen Fällen wieder zu beleben. Wem die Bedeutung von ent und er einmal auseinandergesetzt worden ist, der wird nie wieder entnüchtern statt ernüchtern schreiben, er wird aber auch bald alle die Leute auslachen, die sich immer mit entfallen und erbringen spreizen.
Neue Wörter
Kein Tag vergeht, ohne daß einem in Büchern oder Zeitungen neue Wörter entgegenträten. Nun wird niemand so töricht sein, ein neues Wort deshalb anzufechten, weil es neu ist. Jedes Wort ist zu irgendeiner Zeit einmal neu gewesen; von vielen Wörtern, die uns jetzt so geläufig sind, daß wir sie uns gar nicht mehr aus der Sprache wegdenken können, läßt sich nachweisen, wann und wie sie ältern Wörtern an die Seite getreten sind, bis sie diese allmählich ganz verdrängten. Wohl aber darf man neuen Wörtern gegenüber fragen: sind sie nötig? und sind sie richtig gebildet?
Neue Gegenstände, neue Vorstellungen und Begriffe verlangen unbedingt auch neue Wörter. Ein neu erfundnes Gerät, ein neu ersonnener Kleiderstoff, eine neu entdeckte chemische Verbindung, eine neu beobachtete Krankheit, eine neu entstandne politische Partei – wie sollte man sie mit den bisher üblichen Wörtern bezeichnen können? Sie alle verlangen und erhalten auch alsbald ihre neuen Namen. Aber auch alte Dinge fordern bisweilen neue Bezeichnungen. Wörter sind wie Münzen im Verkehr: sie greifen sich mit der Zeit ab und verlieren ihr scharfes Gepräge. Ist dieser Vorgang so weit fortgeschritten, daß das Gepräge beinahe unkenntlich geworden ist, so entsteht von selbst das Bedürfnis, die abgenutzten Wörter gegen neue umzutauschen. Und wie bei abgegriffnen Münzen leicht Täuschungen entstehen, so auch bei vielbenutzten Wörtern; sehr leicht verschiebt sich nämlich ihre ursprüngliche Bedeutung. Hat sich aber eine solche Verschiebung vollzogen, dann ist für den alten Begriff, der durch das alte Wort nun nicht mehr völlig gedeckt wird, gleichfalls ein neues Wort nötig. In vielen Fällen büßen die Wörter, ebenso wie die Münzen, durch den fortwährenden Gebrauch geradezu an Wert ein, sie erhalten einen niedrigen, gemeinen Nebensinn. Dieser „pessimistische“ Zug, wie man ihn genannt hat, ist gerade im Deutschen weit verbreitet und hat mit der Zeit eine große Masse von Wörtern ergriffen; man denke an Pfaffe, Schulmeister, Komödiant, Literat, Magd, Dirne, Mensch (das Mensch, Küchenmensch, Kammermensch), Elend, Schimpf, Hoffart, Gift, List, gemein, schlecht, frech, erbärmlich. Ihnen allen ist ursprünglich der verächtliche Nebensinn fremd, der im Laufe der Zeit hineingelegt worden ist. Sobald sie aber einmal damit behaftet waren, mußten sie, wenn der frühere Sinn ohne Beigeschmack wieder ausgedrückt werden sollte, durch andre Wörter ersetzt werden. So wurden sie verdrängt durch Geistlicher, Lehrer, Schauspieler, Schriftsteller, Mädchen, Fremde, Scherz, Hochherzigkeit, Gabe, Klugheit, allgemein, schlicht, kühn, barmherzig.
Die andre Forderung, die man an ein neu aufkommendes Wort stellen darf, ist die, daß es regelrecht, gesetzmäßig gebildet sei, und daß es mit einleuchtender Deutlichkeit wirklich das ausdrücke, was es auszudrücken vorgibt. Diese Forderung ist so wesentlich, daß man, wo sie erfüllt ist, selbst davon absieht, die Bedürfnisfrage zu betonen. Verrät sich in einem neu gebildeten Wort ein besonders geschickter Griff, zeigt es etwas besonders schlagendes, überzeugendes, eine besondre Anschaulichkeit, und das alles noch verbunden mit gefälligem Klang, so heißt man es auch dann willkommen, wenn es überflüssig ist; man läßt es sich als eine glückliche Bereicherung des Wortschatzes gefallen.
Aber wie wenige von den neuen Wörtern, mit denen unsre Sprache jetzt überschwemmt wird, erfüllen diese Forderungen! Die meisten werden aus Eitelkeit oder aus – Langerweile gebildet. Schopenhauer hat einmal mit schlagender Kürze ausgesprochen, was er von einem guten Schriftsteller verlange: er gebrauche gewöhnliche Wörter und sage ungewöhnliche Dinge! Heute machen es die meisten umgekehrt und hoffen, der Leser werde so dumm sein, zu glauben, sie hätten etwas neues gesagt. Wie quälen sich unsre ästhetischen Schwätzer, ihren Trivialitäten den Schein des Geistreichen zu geben, indem sie sich neue Wörter aussinnen! Eine Art von „Jugendstil“ möchten sie auch in die Sprache einführen. Wie quälen sich unsre Musik- und Theaterschreiber, den tausendmal gesagten Quark einmal mit andern Worten zu sagen! Wie quälen sich die Geschäftsleute in ihren Anzeigen, dem „Konkurrenten“ durch neue Wörter und Wendungen den Rang abzulaufen!
Jahrzehntelang hat man von Zeitungsnachrichten gesprochen; jetzt heißt es: Blättermeldungen! Das eine verhält sich zum andern ungefähr wie der Essenkehrer zum Schornsteinfeger oder der Korkzieher zum Pfropfenheber. Verfallen sein kann auf Blättermeldung nur einer, dem Zeitungsnachricht zu langweilig geworden war. Was soll Jetztzeit? Es ist schlecht gebildet, denn unsre Sprache kennt keine Zusammensetzungen aus einem Umstandswort und einem Hauptwort,[162] es klingt auch schlecht mit seinem tztz und ist ganz überflüssig, denn Gegenwart hat weder etwas von seiner alten Kraft eingebüßt noch seine Bedeutung verschoben. Gepflogenheit hat man gebildet, um eine Schattierung von Gewohnheit zu haben; ist aber nicht Brauch so ziemlich dasselbe? Ein abscheuliches Wort ist Einakter (für einaktiges Schauspiel). Freilich haben wir auch Einhufer, Dreimaster und Vierpfünder; würde aber wohl jemand ein Distichon einen Zweizeiler nennen? Um für Lehrer und Lehrerin ein gemeinschaftliches Wort zu haben, hat man Lehrperson gebildet – eine gräßliche Geschmacklosigkeit. Den Arbeiter nennt man jetzt Arbeitnehmer in plumpem Gegensatz zum Arbeitgeber! Statt voriges Jahr sagt man jetzt Vorjahr; alle Jahresberichte spreizen sich damit. Man hat das aus dem Adjektivum vorjährig gebildet, wie man auch aus alltäglich und vormärzlich gedankenloserweise Alltag und Vormärz (!) gemacht hat, aus freisinnig eine Partei, die man den Freisinn nennt, und neuerdings gar aus überseeisch Übersee: aus Europa und Übersee (die Übersee oder das Übersee?) – die Briefe gehen nach Übersee (warum denn nicht einfach und vernünftig: über See?). Vorjahr ist aber auch dem Sinne nach anstößig. Die mit Vor zusammengesetzten Hauptwörter bedeuten (wenn es nicht Verbalsubstantiva sind, wie Vorsteher, Vorreiter, Vorsänger, Vorbeter) ein Ding, das einem andern Dinge als Vorbereitung vorhergeht, wie Vorspiel, Vorrede, Vorgeschichte, Vorfrühling, Voressen, Vorgeschmack. Die Leipziger Messe hatte sonst eine Vorwoche, die der Hauptwoche vorausging. Wie kann man also jedes beliebige Jahr das Vorjahr des folgenden Jahres nennen! Dann könnte auch der Lehrer im Unterricht fragen: Was haben wir in der Vorstunde behandelt? Mit dem Vortag fängt man aber auch schon an: trotz des schlechten Wetters am Vortage – das Befinden des Monarchen war diese Woche besser als am Vortage. Ebenso verfehlt wie das Vorjahr ist natürlich der Vorredner – man vergleiche ihn nur mit dem Vorsänger und dem Vorbeter. Wenn ein Schiff eine Reise antritt, so nennt man das jetzt nicht mehr abreisen, sondern ausreisen: der Tag der Ausreise rückte heran. War das Wort wirklich nötig, das so lächerlich an ausreißen anklingt? Für die zeichnenden Künste hat neuerdings jemand das schöne Wort Griffelkunst erfunden, das die Kunstschreiber schon fleißig nachgebrauchen. Nun verstand man ja unter den zeichnenden Künsten auch den Kupferstich und die Radierung, die mit dem Griffel arbeiten. Unter der Griffelkunst aber soll man nun auch die Bleistift-, die Feder- und die Tuschzeichnung verstehen, die nicht mit dem Griffel arbeiten. Was ist also gewonnen? Und wollen wir die Malerei vielleicht nun Pinselkunst nennen?
Zu recht verunglückten Bildungen hat neuerdings öfter das Streben geführt, einen Ersatz für Fremdwörter zu schaffen. Dazu gehören z. B. der Fehlbetrag (Defizit), die Begleiterscheinung (Symptom), der Werdegang (Genesis) und die Straftat (Delikt). Auch das Lebewesen kann mit angereiht werden. Ein Verbalstamm als Bestimmungswort einer Zusammensetzung bedeutet meist den Zweck des Dinges (vgl. Leitfaden, Trinkglas, Schießpulver und [S. 73]).[163] Ein Fehlbetrag ist aber doch nicht ein Betrag, der den Zweck hat, zu fehlen, sondern es soll ein fehlender Betrag sein (ganz anders gebildet sind Fehlbitte, Fehltritt, Fehlschuß, Fehlschluß; hier ist fehl nicht der Verbalstamm, sondern das Adverbium), ebenso soll Lebewesen ein lebendes Wesen, Begleiterscheinung eine begleitende Erscheinung bedeuten. In Werdegang vollends soll der Verbalstamm den Genitiv ersetzen (Gang des Werdens); es scheint nach Lehrgang gebildet zu sein, aber es scheint nur so, denn Lehrgang ist mit Lehre zusammengesetzt. Überdies wird es lächerlicherweise auch schon für Geschichte gebraucht; man redet nicht bloß von dem Werdegang einer Kellnerin, sondern auch von dem Werdegang der mittelalterlichen Pergamenthandschriften! Die verunglückteste Bildung ist wohl Straftat – wer mag die auf dem Gewissen haben! Das Wort ist gebildet, um eine gemeinschaftliche Bezeichnung für Vergehen und Verbrechen zu haben. Was soll man sich aber dabei unter Straf- denken? das Hauptwort oder den Verbalstamm? Eins ist so unmöglich wie das andre. Im ersten Falle würde das Wort auf einer Stufe stehen mit Freveltat, Gewalttat, Greueltat, Schandtat, Wundertat. Alle diese Zusammensetzungen bezeichnen eine Eigenschaft der Tat und zugleich des Täters; in Straftat aber würde – die Folge der Tat bezeichnet sein! Im zweiten Falle würde es auf einer Stufe stehen mit Trinkwasser, und das wäre der helle Unsinn, denn dann wäre es eine Tat, die den Zweck hätte, bestraft zu werden! Freilich sind solche ungeschickte Wörter auch früher schon als Übersetzung von Fremdwörtern „von plumpen Puristenfäusten geknetet“ worden, man denke nur an Beweggrund (für Motiv), Fahrgast (für Passagier) und ähnliche.
Unter den Eigenschaftswörtern sind ebenso geschmacklose wie überflüssige Neubildungen: erhältlich (in allen Apotheken erhältlich), erstklassig (ein erstklassiges Etablissement, ein erstklassiges Restaurant, ein erstklassiges Pensionat, eine erstklassige Firma, erstklassiges Personal, erstklassige Spezialitäten usw.), erststellig und zweitstellig (eine erststellige Beleihung, eine zweitstellige Hypothek), innerpolitisch (die innerpolitische Lage), treffsicher (eine treffsichere Charakteristik), parteilos (für unparteiisch), lateinlos (die lateinlose Realschule!); unter den Adverbien: fraglos, debattelos (es wurde debattelos genehmigt), verdachtlos (ein Fahrrad wurde verdachtlos gestohlen – abgesehen davon, daß hier weder das grammatische Subjekt, das Fahrrad, noch das logische Subjekt, der Dieb, einen Verdacht haben kann). Nach jahrein jahraus hat man tagein tagaus gebildet – ganz töricht! Das Jahr ist ein großer Ring oder Kreis, in den tritt man ein und wieder aus; die kurzen Tage aber gleichen einzelnen Schritten, darum sagt man richtiger: Tag für Tag, wie Schritt für Schritt.