Besonders gern werfen die Techniker unnötige neue Wörter in die Sprache. Wenn man auf einen Gegenstand Licht fallen läßt, so nannte man das früher beleuchten. Das hat aber den Photographen nicht genügt, sie haben sich das schöne Wort belichten ausgedacht. Ein Ding, womit man ein Zimmer heizt, nannte man früher einen Ofen, und ein Ding, womit man ein Zimmer beleuchtet, einen Leuchter (Armleuchter, Kronleuchter) oder eine Lampe. Jetzt nennt man das eine Heizkörper, das andre Beleuchtungskörper. Lehrperson und Heizkörper – eins immer schöner als das andre! Denen, die sich für Krematorien begeistern, will doch das Wort Leichenverbrennung nicht gefallen, obwohl es die Sache schlicht und ehrlich bezeichnet. Daher haben sie zur Einäscherung ihre Zuflucht genommen, oder gar zur Feuerbestattung, ja sie reden sogar davon, daß jemand feuerbestattet worden sei. Nur schade, daß bei der Leichenverbrennung der Verstorbne eben nicht bestattet, d. h. mit einer Grabstätte versehen wird, und daß man wohl von Gasbeleuchtung und Wasserheizung sprechen, aber nicht sagen kann: ich gasbeleuchte, du wasserheizest.
Modewörter
Verbreitet werden neue Wörter namentlich durch die Jugend und durch die Ungebildeten, die keine Spracherfahrung haben, die nicht wissen, ob ein Wort alt oder neu, gebräuchlich oder ungebräuchlich ist; dann werden sie oft in kurzer Zeit zu Modewörtern. Daß es Sprachmoden gibt so gut wie Kleidermoden, und Modewörter so gut wie Modekleider, Modefarben, Modefrisuren und Modesitten, darüber kann gar kein Zweifel sein. In meiner Kinderzeit fragte man, wenn man jemand nicht verstanden hatte: Was? Dazu war natürlich zu ergänzen: hast du gesagt? Dann hieß es plötzlich: Was sei grob, man müsse fragen: Wie? Dazu sollte man ergänzen: meinen Sie? In neuerer Zeit kamen dann dafür die schönen Fragen auf: Wie meinen? (vgl. [S. 92]) und Wie beliebt? (was immer wie Bibeli klingt), und das Allerneueste ist, daß man den andern zärtlich von der Seite anblickt, das Ohr hinhält und fragt: Bötte?
Nun kommt ja unleugbar auch bisweilen eine hübsche Kleidermode auf, aber im allgemeinen wird doch die Mode gemacht von Leuten, die nicht den besten Geschmack haben. Oft ist sie so dumm, daß man sich ihre Entstehung kaum anders erklären kann, als daß man annimmt, der Fabrikant habe absichtlich etwas recht dummes unter die Leute geworfen, um zu sehen, ob sie darauf hineinfallen würden. Aber immer fällt die ganze große Masse darauf hinein, denn Geschmack ist, wie Verstand, „stets bei wenigen nur gewesen“. Ähnlich ist es mit den Modesitten. Kann es etwas dümmeres, lächerlicheres geben, als den Stock in die Rocktasche zu stecken oder ans Knopfloch zu hängen? etwas unritterlicheres, ja roheres, als daß der Mann auf der Straße die Frau nicht mehr führt, sondern sich bei ihr einhakt und sich von ihr schleppen läßt oder sie vor sich herschiebt? Aber mindestens neunzig von hundert Frauen sind darauf hineingefallen. Zuletzt, wenn eine Mode so gemein (d. h. allgemein) geworden ist, daß sie auch dem Beschränktesten als das erscheint, was sie für den Einsichtigen von Anfang an gewesen ist, als gemein (d. h. niedrig), verschwindet sie wieder, um einer andern Platz zu machen, die dann denselben Lauf nimmt. Vornehme Menschen halten sich stets von der Mode fern. Es gibt Frauen und Mädchen, die in ihrer Kleidung alles verschmähen, was an die jeweilig herrschende Mode streift; und doch ist nichts in ihrem Äußern, was man absonderlich oder gar altmodisch nennen könnte, sie erscheinen so modern wie möglich und dabei so vornehm, daß alle Modegänschen sie darum beneiden könnten.
Genau so geht es mit gewissen Wörtern und Redensarten. Man hört oder liest ein Wort – entweder ein neugebildetes oder, was noch öfter geschieht, ein bereits vorhandnes in neuer Bedeutung! – irgendwo zum erstenmal, bald darauf zum zweiten, dann kommt es öfter und öfter, und endlich führt es alle Welt im Munde, es wird so gemein, daß es selbst denen, die es eine Zeit lang mit Vergnügen mitgebraucht haben, widerwärtig wird, sie anfangen, sich darüber lustig zu machen, es gleichsam nur noch mit Gänsefüßchen gebrauchen, bis sie es endlich wieder fallen lassen. Aber es gibt immer auch eine kleine Anzahl von Leuten, die, sowie ein solches Wort auftaucht, von einem unbesiegbaren Widerwillen dagegen ergriffen werden, es nicht über die Lippen, nicht aus der Feder bringen. Und da ist auch gar kein Zweifel möglich; wer überhaupt die Fähigkeit hat, solche Wörter zu erkennen, erkennt sie sofort und erkennt sie alle. Er sagt sich sofort: das Wort nimmst du nie in den Mund, denn das wird Mode. Und wenn zwei oder drei zusammenkommen, die den Modewörterabscheu teilen, und sie vergleichen ihre Liste, so zeigt sich, daß sie genau dieselben Wörter darauf haben – ein Beweis, daß es an den Wörtern liegt und nicht an den Menschen, wenn manche Menschen manche Wörter unausstehlich finden. Ihrer Ausdrucksweise merkt aber trotzdem niemand an, daß sie die Wörter vermeiden, die klingt so modern wie möglich, niemand vermißt die Modewörter darin. Gewiß gibt es auch unter den Modewörtern einzelne, die an sich nicht übel sind. Aber das Widerwärtige daran ist, daß es eben Modewörter sind, daß sie eine Menge andrer guter Wörter, die bisher im Gebrauch waren, verdrängen, schließlich sogar in völlig unpassendem Sinn angewandt werden und doch das bißchen Reiz, daß sie im Anfange hatten, sehr schnell verlieren.
Im folgenden sollen einige Wörter zusammengestellt werden, die entweder überhaupt oder doch in der Bedeutung, in der sie jetzt fast ausschließlich angewandt werden, unzweifelhaft Modewörter sind. Die meisten davon stehen jetzt in vollster Blüte; einige haben zwar ihre Blütezeit schon hinter sich, sollen aber doch nicht übergegangen werden, weil sie am besten zeigen können, wie schnell dergleichen veraltet.
Darbietung. Als solche wird jetzt alles bezeichnet, was in einem Konzert oder an einem Vereinsabend geredet, gespielt oder gesungen wird: die gelungenste Darbietung des Abends – die Darbietungen des diesjährigen Pensionsfondskonzerts – das Programm enthielt auch einige solistische Darbietungen – die literarischen Darbietungen im Stil der freien Bühne usw.
Ehrung. Für Ehrenbezeigung oder Auszeichnung. In Ehrungen wird jetzt ungemein viel geleistet.
Note. Wofür? Ja, wer das sagen könnte! man schwatzt von einer eignen, einer besondern, einer persönlichen, einer intimen Note: das Leipziger Barock besitzt eine eigne Note – was dem Buche noch eine besondre Note gibt, ist, daß es ein späterer Papst geschrieben hat – ein Haus gibt seine intime Note an ein andres Haus weiter – wenn auch die Sammlung meist Kunstwerke enthält, so fehlt doch auch die Note des Absonderlichen nicht – mit dem fußfreien Rock hat die Modedame ihre Erscheinung auf die Note des Mädchenhaften gestimmt. Das letzte Beispiel ist völliger Unsinn, denn hier ist außerdem noch Note mit Ton verwechselt.
Prozent oder Prozentsatz. Für Teil. Aus der Sprache der Statistik. Man sagt nicht mehr: über die Hälfte aller Arbeiter, sondern: über fünfzig Prozent aller Arbeiter, nicht mehr: ein ganz geringer Teil der Künstler, sondern: ein ganz geringer Prozentsatz der Künstler darf hoffen, als Bildhauer oder Maler vorwärts zu kommen. Man sagt nicht: ein großer Teil der Studenten ist faul, sondern man klagt über den Unfleiß (!) eines großen Prozentsatzes der „Studierenden“.