Rückschluß, Rückschlag und Rückwirkung. Für Schluß, Einfluß und Wirkung. Schlüsse und Wirkungen gibt es nicht mehr, nur noch Rückschlüsse und Rückwirkungen. Von Rück- ist aber meist gar nicht die Rede.

Unstimmigkeit. Törichte Neubildung für Widerspruch, Meinungsverschiedenheit, Mißhelligkeit. Es gibt einstimmige und vierstimmige Lieder, es gibt auch Einstimmigkeit bei Abstimmungen, aber es gibt weder Stimmigkeit noch Unstimmigkeit.

Verfehlung. Mattherzig bemäntelndes Wort für Verbrechen, Vergehen. Für Betrügereien, Unterschlagungen, Fälschungen, Bilanzverschleierungen, betrügerische Bankerotte, Ehebrüche u. dgl. sehr beliebt.

Bedeutsam. Aufs unsinnigste mißbrauchtes Wort. Goethe sagt in seiner Beschreibung von dem Selbstbildnis des jungen Dürer, der Maler halte das Blümlein Mannstreu bedeutsam in der Hand. Das heißt so viel wie bedeutungsvoll: der Maler habe damit sinnbildlich oder symbolisch etwas andeuten wollen. Von dieser schönen ursprünglichen Bedeutung des Wortes ist heute nicht der leiseste Hauch mehr zu spüren. Kein zweites Wort ist binnen wenigen Jahren so heruntergebracht, so scheußlich entwertet worden wie dieses schöne Wort. Für alles mögliche muß es herhalten, für groß, wichtig, bedeutend, hervorragend, wertvoll, brauchbar usw. Wenn man über eine Sache nichts, gar nichts zu sagen weiß, so nennt man sie bedeutsam. Man schreibt: der Verfasser hat auch über Luther, Kant, Fichte und Hegel bedeutsame Bücher geschrieben – diese Zusammenstellung ist nicht bloß sprachgeschichtlich, sondern auch kulturgeschichtlich bedeutsam – das Buch wird der Erkenntnis Bahn brechen, daß die Bildhauerei des damaligen Deutschlands eine (!) bedeutsame war – für den Buchstaben G lagen schon aus Hildebrands Nachlaß bedeutsame Ergänzungen vor – auch in dem Holzschnittwerk des Meisters findet sich eine bedeutsame Nummer – in Amerika sind für die deutsche Sprache bedeutsame Ereignisse zu verzeichnen – die Thronrede mußte um so bedeutsamer wirken, als Österreich jetzt im Brennpunkt des Interesses steht – daß diese Gedanken von einer Frau ausgesprochen wurden, schien dem Herausgeber bedeutsam genug, um (!) sie hier mitzuteilen. Man schwatzt von bedeutsamen Bekanntschaften, Erfolgen, Aufgaben, Funden, Kunstwerken, von einer für die Kulturgeschichte bedeutsamen Veröffentlichung, von einer bedeutsamen Umgestaltung des Schulwesens, von dem bedeutsamsten Teil der Wettinischen Lande, von einem bedeutsamen Hinweis auf Pflanzenstudien, von bedeutsamen Probeleistungen einer Kunstgewerbeschule, von bedeutsamen politischen Momenten (was mag das sein?), ja sogar von einem bedeutsamen Mozartinterpreten (!), von kunstvollen, bzw. (!) durch (!) die Namen ihrer einstigen Besitzer bedeutsamen Armbrüsten und von der bedeutsamen Stellung, die in der Kundschaft der Fleischer die Schänkwirte einnehmen. Jammerschade um das einst so sinnvolle, gehaltvolle Wort!

Belangreich und belanglos. Zwei herrliche Wörter, obgleich kein Mensch sagen kann, was Belang ist, und ob es der Belang oder das Belang heißt.

Besser. Wird jetzt mit Vorliebe nicht mehr als positive Steigerung von gut, sondern als negative Steigerung von schlecht gebraucht, also in dem Sinne von weniger schlecht. Herrschaften suchen täglich in den Zeitungen bessere Mädchen, und Mädchen natürlich nun auch bessere Herrschaften oder auch, wenn sie sich verheiraten wollen, bessere Herren. Ein Zeitungsverleger versichert, daß seine Zeitung in allen bessern Hotels und Cafés ausliege, und ein Geheimmittelfabrikant, daß sein Fabrikat in allen bessern Apotheken und Drogengeschäften „erhältlich“ sei. Folglich ist gut jetzt besser als besser.

Eigenartig. Äußerst beliebt als Ersatz für das Fremdwort originell und zugleich für eigentümlich, worunter man jetzt nur noch so viel wie wunderlich oder seltsam zu verstehen scheint. Oft auch bloßer Schwulst für eigen (vgl. [S. 400]): ein eigenartiger Reiz, ein eigenartiger Zauber, eine eigenartige Weihe usw.

Einwandfrei. Schöner neuer Ersatz für tadellos und zugleich für unanfechtbar: gesunde, frische, einwandfreie Milch – ein sittlich einwandfreier Priester – eine absolut einwandfreie Berliner Familie. Daß man nur von Dingen frei sein kann, die einem auch anhaften können (vgl. fehlerfrei, fieberfrei), daran wird gar nicht gedacht.

Erheblich. Altes Kanzleiwort, das man schon für tot und begraben gehalten hatte, das aber seit einiger Zeit wieder hervorgesucht und nun, als Adjektiv wie als Adverb, zum Lieblingswort aller Juristen, Beamten und Zeitungschreiber geworden ist (für groß, wichtig, bedeutend, wesentlich). Es gibt nichts in der Welt, was nicht entweder erheblich oder unerheblich oder – nicht unerheblich wäre: eine Wunde, ein Schadenfeuer, eine Gehaltsverbesserung, eine Verkehrsstörung, alles ist erheblich. So heißt es auch vor Komparativen nicht mehr viel, sondern nur noch erheblich: erheblich besser, erheblich größer usw.

Froh und viele Zusammensetzungen damit: arbeitsfroh, bildungsfroh, genußfroh, sangesfroh, kunstfroh, farbenfroh, fleischfroh (der fleischfrohe Rubens!), wirklichkeitsfroh, namentlich in der Kunstschreiberei jetzt äußerst beliebt. Wir leben in einer kunstfrohen Zeit, in der es viele novitätenfrohe Kunstfreunde gibt.