Glatt. Modewort von der mannigfachsten Bedeutung: leicht, schnell, sicher, offenbar usw.: der Verkehr wickelte sich glatt ab – er fiel mit seinem Antrage glatt ab – es steht zu hoffen, daß die Heilung der Wunde glatt erfolgen wird – es liegt ein ganz glatter Betrug vor – sogar: das liegt auf glatter Hand (statt: auf flacher)!
Großzügig. Neues Glanzwort, das alle Welt berauscht oder wenigstens berauschen soll. Wenn man sich früher bei einer Darstellung auf große Züge beschränkte, so wurde sie gewöhnlich oberflächlich. Nun kann man ja in anderm Sinne auch von den großen Zügen (Linien) einer Gebirgslandschaft, also allenfalls auch von einer großzügigen Gebirgslandschaft reden. Was soll man sich aber darunter denken, wenn es heißt: ein großzügiges Regierungsprogramm wird aufgerollt (!) – es fehlt dem Wahlkampf an einer großzügigen Bewegung – einen Zufall gibt es für diesen Standpunkt (!) großzügiger Auffassung nicht – die protestantischen Völker verfolgen großzügig ihre Ziele – seiner großzügigen Persönlichkeit entsprechend hat Begas sein Lehramt ohne Pedanterie verwaltet – das Denkmal ist eine großzügige deutsche Tat, auf die Leipzig stolz sein kann – G. verrät in seinen Porträtköpfen eine großzügige Eigenart – zeichnerische Genialität und malerische Kraft paaren sich mit großzügigem Realismus? Was soll man sich unter einer großzügigen Stadtverwaltung, unter großzügigen Straßennetzen, Bebauungsplänen und Bauschöpfungen, einem großzügig redigierten Familienblatt, unter der großzügigen Formensprache des Barock und der imposanten Großzügigkeit seiner Fassaden vorstellen? Was sind das für „Züge“, an die man dabei denken soll? Gemeint ist bald einfach groß oder großartig, bald reich, kräftig oder schwungvoll, bald geistreich oder geistvoll, bald weitherzig oder weitblickend. Das alles soll jetzt das alberne großzügig ausdrücken! Es ist ein ganz infames Klingklangwort, ohne allen Sinn und Inhalt, so recht für die gedankenlose, groß–mäulige Schwätzerei unsrer Tage ersonnen, namentlich für die Kunstschwätzerei, aus deren Kreisen es höchstwahrscheinlich auch stammt.
Hochgradig. Für hoch oder groß; aus der Sprache der Ärzte: hochgradiges Fieber. Dann auch hochgradige Erregung, hochgradige Erbitterung usw.
Jugendlich. Modeersatz für jung, das vollständig in Verruf gekommen ist. Hat namentlich seit der Thronbesteigung des jetzigen Kaisers um sich gegriffen. Den wagte man nicht jung zu nennen – wahrscheinlich hielt man das für eine Majestätsbeleidigung –, man sagte immer: unser jugendlicher Kaiser, und genau so ging es dann wieder mit dem jugendlichen Kronprinzen. Welch großer Unterschied zwischen jung und jugendlich ist, welch erfreuliche Erscheinung z. B. ein jugendlicher Greis, welch klägliche ein junger Greis ist, dafür hat man gar kein Gefühl mehr, fort und fort redet man von jugendlichen Arbeitern, jugendlichen Übeltätern, Verbrechern, Dieben, Brandstiftern, einer jugendlichen Sängerschar, sogar jugendlichen, unter sechzehn Jahren alten Mädchen; den siebenjährigen Knaben Mozart nennt man den jugendlichen Mozart und den sechzehnjährigen Studenten Goethe den jugendlichen Goethe und betont das jugendliche Alter, in dem er die Universität bezog! Überall ist jung gemeint, und jugendlich wird gesagt und geschrieben.
Minderwertig. Verhüllender Ausdruck für schlecht, wertlos, unbrauchbar. Irgendeinen Menschen oder eine Sache schlecht zu nennen, hat man nicht mehr den Mut; man spricht nur noch von minderwertigem Fleisch, minderwertigen Kartoffeln, minderwertigen Existenzen, sogar von minderwertigen Referendaren.
Offensichtlich. Lieblingswort der Zeitungschreiber, zusammengebraut aus sichtlich und offenbar: die offensichtliche Gefahr, offensichtliche Mängel, mit offensichtlichem Stolz usw.
Schneidig. Blühendes Modewort zur Bezeichnung der eigentümlichen Verbindung von äußerlicher Schniepelei und innerlicher Roheit, Fatzkentum und Landsknechtswesen, in der sich ein Teil unsrer jungen Männerwelt jetzt gefällt. Zum Glück im Rückgange begriffen.
Selbstlos. Kühne Bildung. Eine Zeit lang sehr beliebt zur Bezeichnung des höchsten Grades von Uneigennützigkeit und Opferwilligkeit. Hat aber auch schon ziemlich abgewirtschaftet.
Tiefgründig. Neues Modewort. Man spricht von tiefgründiger, das soll heißen: in die Tiefe gehender Arbeit und Forschung, aber auch von tiefgründigen, das soll heißen geheimnisvollen Kunstwerken: Klingers Werke sind viel zu tiefgründig (!), um dem unvorbereiteten Betrachter schnell ihren Gehalt zu offenbaren – endlich aber auch schon von tiefgründiger (statt tiefer!) Vaterlandsliebe.
Tunlich und angängig. Lieblingswörter der Kanzleisprache für möglich: mit tunlichster Bälde.