Bedeuten. Gespreizter Ersatz für sein, für die ganz einfache „Kopula“: sein Tod bedeutet für die gesamte Kunst einen schweren Verlust – eine dreiköpfige Leitung würde eine äußerst bedenkliche Einrichtung bedeuten – die Schülerfahrt nach Weimar soll für jeden Teilnehmer ein unvergeßliches Erlebnis bedeuten – welche Ermäßigung das gegenüber dem jetzigen Tarif bedeuten würde, mag folgendes Beispiel zeigen – diese Art der Einordnung bedeutet einen willkürlichen Anachronismus – Gobineaus letzte Lebensjahre bedeuten den Schlußakt eines erschütternden Trauerspiels – der Tod der Königin bedeutete für Southampton das Ende der Kerkerhaft. (Vgl. darstellen.)

Begrüßen. Neuerdings sehr beliebt statt: willkommen heißen. Begrüßen ist aber ein neutraler Begriff; man kann etwas mit Freuden, mit Jubel, dankbar, aber auch kühl, gleichgiltig, mit sauersüßer Miene begrüßen. Es ist also nichtssagend, wenn geschrieben wird: es wäre zu begrüßen, wenn solche Untersuchungen weiter angestellt würden – daß Bach mit Chorälen vertreten ist, kann man nur begrüßen – wir müssen es immer begrüßen, wenn ein Mann der Wissenschaft die Gabe volkstümlicher Darstellung besitzt (!).

Bekannt geben. Für bekannt machen, weil machen nicht mehr für fein gilt. Freilich wird ein bißchen viel gemacht: ein Mädchen macht sich erst die Haare, dann macht sie die Betten, dann macht sie Feuer usw. Sonntags macht der Leipziger sogar nach Dresden. Trotzdem ist bekannt geben eine Abgeschmacktheit.

Sich beziffern. Statt betragen, sich belaufen. Aus der Statistik, die ja keine Zahlen kennt, sondern nur Ziffern (obwohl sich Ziffer zu Zahl verhält wie Buchstabe zu Laut und Note zu Ton): Bevölkerungsziffer, Durchschnittsziffer – ich kann Ihnen noch einige Ziffern vorlegen – das Personal beziffert sich auf hundert Köpfe – der Verlust beziffert sich auf 30000 Mann usw.

Darstellen. Schauderhaft gespreizter Ersatz für bilden in dem Sinne von sein (vgl. bedeuten). Schon bilden war überflüssige Ziererei, wenn man an seine eigentliche Bedeutung denkt. Nun vollends darstellen! Und doch wird jetzt nur noch geschrieben: ein Staatspapier, wie es unsre Konsols bisher darstellten – der Jahresbericht, den die zweite Lieferung des Buches darstellt – das Geschwader stellt eine bedeutende Streitmacht dar – die Zusammenkünfte sollen ein kollegiales Bindemittel darstellen – diese Bahn stellt den nächsten Landweg von Mitteleuropa nach Indien dar – diese Beschäftigung stellt keine ausreichende Tätigkeit dar – die Menschheit, die trotz aller Mängel doch nicht bloß eine Schar von armen Sündern darstellt – Bücherschätze, die ein herrliches Zeugnis für die Freigebigkeit früherer Jahrhunderte darstellen – die Akademie stellt einen zusammenhängenden Organismus dar – ein Gebiet, das an dem großen Baume des Kunstgewerbes nur einen Ast darstellt – ein Unternehmen, bei dem die hochtönenden Namen offenbar die Hauptsache darstellen – das Fleisch der Seefische stellt auch für den Arbeiter ein vollwertiges Nahrungsmittel dar – unterliegt ein Volk seinem Gegner, so bleibt nur der Schluß, daß es einen weniger lebensfähigen Typ (!) repräsentiert (!), als ihn der Sieger darstellt (d. h. nicht so lebensfähig ist wie der Sieger!). Kann es einen alberneren Sprachschwulst geben?

Einschätzen. Es wird nichts mehr geschätzt, beurteilt, für etwas gehalten, sondern alles wird eingeschätzt: ein Buch, das der Kritiker dieses Blattes hoch einschätzt – ein Parteifreund, der die ultramontane Gefahr minder hoch einschätzt – man muß sich selbst beobachten und studieren, um seine Fähigkeiten richtig einzuschätzen – sie nahm zu einem Manne ihre Zuflucht, dessen Charakter sie falsch einschätzte – auch die Einschätzung der künstlerischen Tätigkeit ist dem Wechsel der Zeiten unterworfen – 1849 gab es nicht einen Menschen, der Goethes Wert richtig einschätzte – das Buch ermöglicht uns eine richtige Einschätzung der Verhältnisse unsers Grenznachbars – ein Diplomat, der die Gewähr bietet, daß er Stimmungen und Personen aus eigner Anschauung einzuschätzen weiß – sein Idealismus schätzte den Opfermut seiner Landsleute zu hoch, die Schwierigkeiten zu niedrig ein – Zöllners Musik zur Versunknen Glocke ist höher einzuschätzen als seine Faustmusik. Warum denn ein-? Eingeschätzt wird man bei der Steuer, sonst nirgends. Dort hat das ein- seinen guten Sinn, denn man wird durch die Schätzung in eine bestimmte Steuerklasse gesetzt, und daran hängt die Verpflichtung, eine bestimmte Steuer zu bezahlen. Irgendein dummer Kerl hat das Wort für schätzen, beurteilen gebraucht, und die gescheitesten Leute sind darauf hineingefallen. Hat man gar kein Gefühl mehr für die Bedeutung eines Wortes, daß man solchen Unsinn sagt, wie hohe Einschätzung der Kunst? Muß man denn auf Schritt und Tritt an den Steuerzettel erinnert werden?

Einsetzen. Seit einigen Jahren großartiges Modewort für anfangen und beginnen, und gleichfalls eins der schlagendsten Beispiele von der Gedankenlosigkeit, mit der solche Wörter nachgeplärrt werden. Das Wort ist von den Musikschreibern in die Mode gebracht worden. In einer Fuge setzen die einzelnen Stimmen hintereinander ein, jede Stimme nämlich in das, was die vorhergehende schon singt. Das hat guten Sinn. Aber die erste Stimme – setzt die auch ein? Nein, die beginnt oder fängt an, denn sie ist eben die erste. Und das ist nun der Blödsinn, und diesen Blödsinn haben die Musikschreiber selbst aufgebracht, daß einsetzen als Modewort ausschließlich für das wirkliche anfangen oder beginnen gebraucht wird, außerdem aber noch für viele andre Wörter, auf die man zu faul ist sich zu besinnen. Bücher und Zeitungen wimmeln von Beispielen: die Untersuchungen über die Grenzen der Instrumentalmusik setzen erst nach Beethoven ein – die Festspiele haben Mittwoch mit Don Juan unter sehr günstigem Stern eingesetzt – ihre greifbarste Gestalt haben diese Bestrebungen in dem Einsetzen (Entstehung, Gründung) der deutschen Liedertafeln – die Verhandlungen setzten sehr ruhig ein – überaus heftig setzte alsbald die Kritik ein – groß und vielversprechend setzt Klingers Schaffen ein – die Kampftage waren vorüber, das Strafgericht setzte mit alter Herzlosigkeit ein – die Romantik setzt in Dresden früh und mit Entschiedenheit ein – damit hat Uhlfeldt sein Schicksal besiegelt, und die fallende Handlung setzt ein – die Kunst kann erst einsetzen, wenn dem Schauspieler die Seele der dargestellten Person in Fleisch und Blut übergegangen ist – die Mode, bei Abendgesellschaften farbige Schuhe zu tragen, hat schon eingesetzt – hier hört der Historiker auf, und der Theolog setzt ein – Paul Krügers Memoiren setzen mit seiner Jugend ein – die aufbewahrten Schreiben von Freytags Hand setzen mit dem Jahre 1854 ein – die heutige Verhandlung setzte mit einem Briefe Schmidts ein – dogmatische Spekulation setzte schon zur Zeit der Entstehung der Evangelien ein – in dieser Zeit scheinen seine Bemühungen um eine Professur einzusetzen – die Scheidung der Mundarten hat bereits im sechzehnten Jahrhundert eingesetzt – der wirtschaftliche Niedergang setzte im Jahre 1901 ein – im Frühjahr setzt regelmäßig eine stärkere Bautätigkeit ein – das Erdbeben setzte 5 Uhr 30 Minuten ein – die schon früh einsetzende Dunkelheit erhöht die Gefahr – als ob die Brauchbarkeit der Halle bewiesen werden sollte, setzte am Nachmittag ein gelinder Regen ein – ja sogar: für die diesjährige Saison haben die Fabrikanten mit billigen Preisen eingesetzt (!) – die Diskussion in der Presse beginnt (!) bereits einzusetzen – es beginnt (!) hier eine Entwicklung einzusetzen, die möglicherweise zu irrigen Schlüssen führen könnte. Wem diese Beispiele den Appetit noch nicht verdorben haben, der sammle in den nächsten drei Tagen selber weiter, bis ihm der Appetit vergeht. Vernünftigen Sinn hat es, wenn man schreibt: Hier muß die Wissenschaft einsetzen, wenn sie zu einer befriedigenden Lösung der Frage kommen will; denn hier schwebt ein ganz andres Bild vor, nämlich das vom Einsetzen oder Ansetzen des Hebels. Aber Unsinn ist es wieder, zu schreiben: Hier will mein Buch einsetzen (für eingreifen, einspringen, in die Lücke treten).

Einstellen. Aus der Sprache des Photographen, der die Camera einstellt: der Blick, die Aufmerksamkeit muß auf diesen Punkt eingestellt werden. Warum denn nicht: gelenkt, gerichtet, geleitet?

Entgegennehmen. Spreizwort für annehmen. Anfangs nahm bloß der Kaiser das Beglaubigungsschreiben des Botschafters eines auswärtigen Souveräns entgegen. Das entgegen malte das Zeremoniell der feierlichen Handlung. Jetzt werden auch Geldbeiträge für öffentliche Sammlungen, Blumenspenden für Begräbnisse, Anmeldungen neuer Schüler, Inserate für die nächste Nummer, Bestellungen auf das nächste Quartal nur noch entgegengenommen – immer feierlich, herablassend. Sogar die Kürschnergesellen nehmen ihren Jahresbericht entgegen, und der Angeklagte nimmt das Todesurteil gefaßt, das Publikum aber nimmt es mit tiefem Schweigen entgegen.

Erübrigen und sich erübrigen. Ein schlagendes Beispiel dafür, welche Verwirrung durch überflüssige und halbverstandne Neubildungen angerichtet werden kann. Erübrigen war bisher ein transitives Zeitwort und bedeutete so viel wie sparen, zurücklegen: ich habe mir schon ein hübsches Sümmchen erübrigt. Das hat man neuerdings angefangen intransitiv zu gebrauchen in dem Sinne von übrig bleiben: es erübrigt noch, allen denen meinen Dank auszusprechen – es erübrigt nur noch, besonders darauf hinzuweisen usw. Andre aber, die das Wort wohl hatten klingen hören, aber nicht auf den Zusammenhang geachtet hatten, fingen gleichzeitig an, es in dem Sinne von überflüssig sein zu gebrauchen: auf die ganze Tagesordnung erübrigt es heute einzugehen – hier erübrigt jedes weitere Wort – es erübrigt für mich jede weitere Bemerkung – ein ausdrücklicher Verzicht erübrigt von selbst. Noch andre endlich machten das Wort in der zweiten Anwendung zum Reflexiv und schrieben: die Ratschläge, deren Wiedergabe sich erübrigt – alle weitern Schritte erübrigen sich hierdurch – es erübrigt sich wohl, noch besonders darauf hinzuweisen – es erübrigt sich, auch nur ein Wort darüber zu verlieren. In solchen Quatsch gerät man, wenn man vor lauter Modenarrheit zwei guten, deutlichen Ausdrücken wie übrig bleiben und überflüssig sein aus dem Wege geht.