Zahllos sind die Fälle, wo ein einfaches Verbum ganz unnötigerweise durch eine Redensart umschrieben wird, wie Folge leisten, Verzicht leisten, Abbitte leisten u. ähnl., oder durch eine schleppende Weiterbildung verdrängt wird. Geld wird nicht mehr eingenommen und ausgegeben, sondern nur noch vereinnahmt und verausgabt. Die Kosten einer Sache werden nicht mehr so und so hoch angeschlagen, sondern veranschlagt. Prozente werden nicht abgezogen, sondern verabzugt, Porto wird nicht ausgelegt, sondern verauslagt, und ein kluger, aufgeweckter Junge heißt nicht mehr glücklich angelegt, sondern beanlagt oder veranlagt. Lauter fürchterliche Wörter – aus dem Zeitwort ist ein Hauptwort gebildet, und aus dem Hauptwort dann wieder ein Zeitwort! Freilich sind sie nicht schlimmer als beauftragt, beaufsichtigt (vgl. Aufseher), beansprucht (statt angesprochen), bevorzugt (statt vorgezogen), beeinflußt, bewerkstelligt (man überlege sich einmal, was Werkstelle heißt!), Wörter, an die wir uns längst gewöhnt haben, und die bei ihrem ersten Auftauchen für feinfühligere Ohren gewiß ebenso fürchterlich gewesen sind wie für uns heute vereinnahmt und verauslagt; aber es ist doch gut, sich des Schwulstes bewußt zu werden. Auch in der Häufung der Präfixe und Präpositionen vor den Zeitwörtern können sich manche nicht genug tun. Da wird ein Stipendium nicht ausgezahlt, sondern ausbezahlt, da werden anlangen und betreffen beide zu anbelangen und anbetreffen verlängert, man lebt sich in einen Gedanken hinein (statt ein), man führt ein Musikwerk mit Hinweglassung des Chors auf (statt: ohne Chor), vor allen Dingen aber bildet sich nichts mehr aus, sondern alles bildet sich heraus: schon lange vor Einführung der Buchdruckerkunst hatte sich bei der Kirche die Sitte herausgebildet usw. Woherrraus denn? Der Ausdruck hat etwas so gewaltsames, daß man die Sitte wie aus einem Krater hervorbrodeln sieht. Am Ende werden noch Trinksprüche hinausgebracht und einem ein paar Hiebe hinaufgezählt. Und welcher Schwulst, wenn jedes auch durch ebenfalls oder gleichfalls, jedes viel durch zahlreich, jedes oft durch häufig, jedes nur durch lediglich, jedes viel vor dem Komparativ (viel weniger) durch bedeutend, unvergleichlich, unverhältnismäßig oder womöglich gar unendlich ersetzt, jedes sehr und mehr umschrieben wird durch: in hohem Grade, in ausgedehntem Maße, in höherm Grade, in erhöhtem Maße, jedes so durch: auf diese Art und Weise, wenn für näher, weiter, länger, breiter, öfter immer geschrieben wird: des nähern (oder gar näheren), des weitern, des längern, des breitern, des öftern, oder wenn jemand Bericht erstattet nicht als Rektor oder Vorsitzender, sondern in seiner Eigenschaft als Rektor, in seiner Eigenschaft als Vorsitzender, wenn schwere Bedenken oder Vorwürfe zu schwerwiegenden Bedenken und Vorwürfen, eine schwere Aufgabe zu einer mit Schwierigkeiten verbundnen, eine erste Aufführung und eine erste Einrichtung zu erstmaligen gemacht werden (die erstmalige Zusammenkunft der deutschen Architekten fand 1842 in Leipzig statt),[170] oder wenn immer von Vorahnung, Voranschlag, Vorbedingung, Rückerinnerung, Beihilfe, Herabminderung geredet wird, als ob man Bedingungen auch hinterher stellen, sich an ein Erlebnis auch voraus erinnern oder einen Aufwand hinaufmindern könnte! Wie der Schwulst immer mehr zunimmt, mag folgendes Beispiel zeigen: der Fall ist sehr verwickelt – der Fall liegt sehr verwickelt – der Fall ist sehr verwickelt gelagert – die Lagerung des Falls ist sehr verwickelt – die Lagerung des Falls ist eine sehr verwickelte. Weiter gehts nicht! In solchem Deutsch spricht man aber jetzt mit Vorliebe in Vereinsversammlungen, schreibt man in Jahresberichten, ja man unterhält sich darin schon am Biertisch, denn so schreiben die Leitartikelschreiber und die Reporter des Lokalblatts, und das sind ja die Lehrmeister des Volks auch in Sprachdingen.
Rücksichtnahme und Verzichtleistung
Erzeugnisse des Sprachschwulstes sind unter den Substantiven besonders die Zusammensetzungen mit nahme, die in neuerer Zeit so beliebt geworden sind: Parteinahme, Stellungnahme, Rücksichtnahme, Einsichtnahme, Anteilnahme, Abschriftnahme, sogar Einflußnahme und Rachenahme! Einige dieser Bildungen sind ganz überflüssig. Oder könnte es wirklich mißverstanden werden, wenn jemand sagt: er handelte ohne Rücksicht auf seine Freunde – lege mir die Papiere zur Einsicht vor – ich erhielt von ihm die Tafeln zur Abschrift? Wozu das -nahme? Offenbar soll es die Handlung ausdrücken. Aber die liegt doch schon in Rücksicht, Einsicht und Abschrift, fühlt man das gar nicht mehr? Recht töricht ist Einflußnahme, denn Einfluß hat man entweder, oder man gewinnt ihn, man kann ihn auch zu gewinnen suchen, sich ihn sogar anmaßen, aber man „nimmt“ ihn nicht. Anteilnahme (in Leipzig Ahnteilnahme ausgesprochen) ist nichts als eine häßliche Verbreiterung von Teilnahme. Man scheint sich jetzt einzubilden, Teilnahme sei auf traurige Ereignisse, Unglücksfälle, Todesfälle u. dgl. zu beschränken, in allen andern Fällen müsse es Anteilnahme heißen. Ein vernünftiger Grund zu einer solchen Unterscheidung liegt nicht vor. Es wäre doch lächerlich, wenn nicht auch bei einem freudigen Ereignis meine Teilnahme genügte; Parteinahme und Stellungnahme scheinen auf den ersten Blick unentbehrlich zu sein, aber doch nur deshalb, weil man immer in ein Substantiv zusammenquetschen zu müssen glaubt, was man mit dem Verbum sagen sollte.
Wie mit Rücksichtnahme aber verhält sichs auch mit Hilfeleistung und Verzichtleistung; Hilfe und Verzicht sagen genau dasselbe.
Anders, andersartig und anders geartet
Ein entsetzlicher Schwulst greift neuerdings unter gewissen Eigenschaftswörtern um sich: man fühlt nicht mehr oder tut so, als ob man nicht mehr fühlte, daß diese Eigenschaftswörter eben die Art, die Eigenschaft eines Dinges bezeichnen, sondern glaubt, das noch besonders ausdrücken zu müssen, indem man das Wort Art zu Hilfe nimmt. Bildungen wie gutartig, bösartig und großartig sind ja schon alt und haben mit der Zeit einen Sinn angenommen, der sich von dem einfachen gut, böse und groß unterscheidet, wiewohl zwischen einem bösen Hund und einem bösartigen Hund, einer großen Auffassung und einer großartigen Auffassung ein recht geringer Unterschied ist. Aber schon fremdartig und verschiedenartig ist doch oft nichts als eine überflüssige Verbreiterung von fremd und verschieden. Oder wäre es wirklich nicht mehr deutlich, wenn man sagt: es ist dem innersten Wesen des Deutschen fremd – oder wenn man Gaslicht und elektrisches Licht verschiednes Licht nennt? Vollends unnötiger Schwulst aber ist in den meisten Fällen das neumodische andersartig für anders. Oder ist es etwa nicht mehr zu verstehen, wenn jemand sagt: die Befriedigung, die wir aus der Kunst schöpfen, ist eine ganz andre als die, die uns die Natur gewährt? (Vgl., was [S. 370] über eigen und eigenartig gesagt ist.)
Man begnügt sich aber schon nicht mehr mit den Zusammensetzungen von artig – es scheint das noch nicht schwülstig genug zu sein –, sondern hat das herrliche Partizip geartet erfunden und schreibt nun nicht bloß von einer anders gearteten Zeit und anders gearteten Verhältnissen, sondern auch von einer so gearteten Begabung (statt von einer solchen), von ähnlich gearteten Unternehmungen (statt von ähnlichen) usw. Ist der heutige Sextaner anders geartet als der frühere? – man sah der Ausführung zwar mit anders gearteter, aber nicht geringerer Spannung entgegen – wären alle Deutschen Österreichs so geartet wie die Siebenbürger Sachsen – das Schöffengericht hat in einem ganz ähnlich gearteten Falle auf Freisprechung erkannt (vgl. [S. 408] den gelagerten Fall!) – mit der besondern Veranlassung war auch eine besonders geartete Zuhörerschaft gegeben – so spreizt man sich, und dabei ist man womöglich noch stolz auf seinen Scharfsinn, der den Unterschied zwischen ähnlich und ähnlich geartet ausgediftelt hat.
Vielleicht erleben wirs noch, daß auch anders geartet nicht mehr genügt, daß man sagt: die Befriedigung, welche (!) wir aus der Kunst schöpfen, ist eine ganz andersartig geartete als diejenige, welche (!) uns die Natur gewährt. Breiter könnte dann der Ausdruck beim besten Willen nicht genudelt werden.
Haben und besitzen
Wohin es führt, wenn man ein kurzes Zeitwort immer gedankenlos und aus bloßer Neigung zur Breite durch ein längeres ersetzt, zeigt am besten der heutige Mißbrauch von besitzen für haben. Auch er ist, wie der Mißbrauch des Zeitworts bedingen (vgl. [S. 398]), zu völliger Verrücktheit ausgeartet.