Man übertreibt nicht, wenn man den gegenwärtigen Gebrauch von bedingen etwa so bezeichnet: wenn der Deutsche eine dunkle Ahnung davon hat, daß zwei Dinge in irgendeinem ursächlichen Zusammenhange stehen, aber weder Neigung noch Fähigkeit, sich und andern diesen Zusammenhang klarzumachen, so sagt er: das eine Ding bedingt das andre. In welcher Reihenfolge er dabei die Dinge nennt, ober sagt: Kraft bedingt Wärme oder: Wärme bedingt Kraft, ist ganz gleichgiltig; der Leser wird sich schon irgend etwas dabei denken.

Soll man sich denn aber nicht darüber freuen, daß dieses Wort eine so bewundernswürdige Verwandlungsfähigkeit erlangt hat? Wenn es vor fünfzig Jahren, wie die Wörterbücher zeigen, nur einen kleinen Bruchteil der zahlreichen Bedeutungen hatte, die es heute hat, so ist das doch ein Beweis für die wunderbare Triebkraft, die noch in unsrer Sprache lebt. Aus einem einzigen Wort entfaltet sie noch jetzt einen solchen Reichtum! – Die Sache ist doch wohl anders anzusehen. Wenn zwanzig sinn- und lebensvolle Wörter und Wendungen, die zur Verfügung stehen, und die die feinste Schattierung des Gedankens ermöglichen, verschmäht werden einem hohlen, ausgeblasnen Wortbalg wie diesem bedingen zuliebe, so ist das weder Reichtum noch Triebkraft, sondern nur eine alberne Mode und zugleich ein trauriges Zeichen von der zunehmenden Verschwommenheit unsers Denkens.

Richtigstellen und klarlegen

Höchst merkwürdig ist es, daß man gleichzeitig mit bedingen, diesem abstraktesten aller Zeitwörter, jetzt Ausdrücke mit möglichst sinnlicher, handgreiflicher Bedeutung liebt. Die Fähigkeit, sich etwas vorzustellen (die Phantasie), ist zurückgegangen; alles will man sehen, alles betasten, alles mit Händen greifen. Nur so erklärt sich die außerordentliche Vorliebe für die Zusammensetzungen mit stellen und legen, die jetzt statt früherer Abstrakta Mode geworden sind. Stellen und legen – dazu braucht man keine geistige Anstrengung, das macht man mit den Händen. So wird denn jetzt niemand mehr befriedigt, sondern zufriedengestellt, nichts mehr vollendet, berichtigt, gesichert, geklärt, sondern alles wird fertiggestellt, richtiggestellt, sichergestellt, klargestellt, klargelegt, festgelegt usw. Der Nervenarzt spricht sogar von Ruhigstellung des Gehirns, statt von Beruhigung. Oder soll das Gehirn in dem Sinne ruhig gestellt werden, wie die Suppe warm und der Wein kalt gestellt wird?

Auf den ersten Blick scheint es ja, als ob sich die Wörter durch eine gewisse Anschaulichkeit empföhlen. Bei richtigstellen soll man wohl nicht an die Zeiger der Uhr denken, sondern eher an ein Bild, das falsch beleuchtet gewesen ist und nun in die richtige Beleuchtung gestellt wird, oder an Gerätschaften im Zimmer, die durcheinander geraten sind und wieder auf ihren Platz gestellt werden; ähnlich, kann man sagen, werden Tatsachen, die verschoben sind, zurechtgerückt oder ins rechte Licht gestellt. Das läßt sich hören. Aber was soll fertigstellen sein? Das Wort kann doch vernünftigerweise nichts andres bedeuten, als eine Sache so lange hin und her rücken, so lange an ihr gleichsam herumstellen, bis sie – steht. Das will man aber doch gar nicht sagen, das Wort wird einfach für fertigmachen, beendigen oder vollenden gebraucht; von einem Romanmanuskript, einem Gemälde oder einem Antikenmuseum so gut wie von einem Denkmal oder einem Straßenpflaster heißt es: es ist fertiggestellt.[168] Ganz törichte Wörter sind klarlegen und klarstellen. Klar kann in sinnlicher Bedeutung nur von der Luft und von Flüssigkeiten gebraucht werden.[169] Wie soll man die auf eine feste Unterlage legen oder stellen? Beide Wörter sind gedankenlos gebildet nach freistellen und bloßstellen, freilegen, bloßlegen und lahmlegen. Gerade diese aber können den Unterschied zeigen: wie richtig sind sie gebildet! Wie anschaulich wird gesagt: den Dom freilegen (nämlich durch Wegreißen der Nachbarhäuser), oder: einen Schaden bloßlegen – unwillkürlich denkt man an den Arzt, der Haut und Muskeln auf die Seite legt, bis der verletzte Knochen bloßliegt, oder: einen in seiner Tätigkeit lahmlegen – denn wer gelähmt ist, der ist ja zum Liegen verurteilt! Besser ist festlegen gebildet; man redet z. B. davon, daß die Ostertage festgelegt werden sollen. Bisher hatten wir nur feststellen und festsetzen, aber beides drückt doch das nicht recht aus, was man sagen will: etwas bewegliches gleichsam aufschrauben, daß es sich nicht mehr rühren kann, etwa wie die Pfote eines Hündchens bei der Vivisektion. Gräßliches Bild! Aber man geht vielleicht nicht fehl damit, wenn man nach der Herkunft von festlegen sucht. Das Neueste ist – leerstellen und offenstellen. Ein Leipziger Baubeamter schreibt: den Bewohnern ist schon gekündigt; sowie die Gebäude leergestellt sein werden, sollen sie zum Abbruch gebracht (!) werden. Und ein Zeitungschreiber berichtet: Fabrikbesitzer haben Gärten für ihre Arbeiter geschaffen, aber auch für die übrigen Bewohner offen gestellt. Natürlich, die guten Wörter räumen und öffnen sind den Leuten nicht eingefallen; aber sie haben einmal davon gehört, daß ein Haus leer steht und ein Garten offen steht, da muß man sie doch auch leer stellen und offen stellen können. Und so wird die Stellerei wohl fröhlich weitergehen.

Fort oder weg?

Nichts weiter als eine Modeziererei ist es auch, daß man das Adverbium weg zu verdrängen und überall fort an seine Stelle zu setzen sucht. Die Mode stammt aus dem Niederdeutschen, hat sich zunächst in das Berliner Deutsch eingedrängt und dann von da aus weitergefressen.

Unleugbar gibt es eine Anzahl von Zeitwörtern, bei denen es keinen fühlbaren Unterschied macht, ob sie mit weg oder mit fort zusammengesetzt werden. Aber ebenso sicher gibt es eine Anzahl andrer, bei denen bisher in der Anwendung von weg und fort nicht bloß ein feiner, sondern ein ziemlich grober Unterschied gemacht worden ist, den alle guten Schriftsteller beobachtet haben und noch beobachten. Fort nämlich (verwandt mit vor und vorn) steht in dem Sinne von vorwärts, wobei stets ein bestimmtes Ziel vorschwebt, wenn es auch nicht genannt ist; es wird überdies nicht bloß vom Raume, sondern auch von der Zeit gebraucht. Weg dagegen (dasselbe wie Weg) wird nur räumlich gebraucht und bedeutet: aus dem Wege, auf die Seite, wobei man nicht an ein Ziel, sondern an ein Verschwinden denkt. Wer verreisen will, kann sagen: mein Koffer ist glücklich fort, in einer Stunde fahre ich; es kann aber auch vorkommen, daß er sagen muß: ich kann nicht fahren, mein Koffer ist weg. In einer Volksmasse wird jemand mit fortgerissen, d. h. in die Strömung hinein, auch von Begeisterung wird jemand fortgerissen, z. B. dem hohen Ziele zu, zu dem uns der Künstler führen will; aber eine Mauer, ein Haus, ein Damm wird weggerissen. Wer aus der großen Stadt auf ein einsames Dorf zieht, kommt sich anfangs wie weggesetzt vor, aber nicht wie fortgesetzt. Der Bruder sagt zur Schwester: setze deine Malerei (das Malgerät) jetzt weg, wir wollen Klavier spielen: nach einer Stunde aber: es ist genug, setze deine Malerei (das Malen) nun fort. Wenn ich ein Bild abzeichne, auf dem auch ein Sperling dargestellt ist, so kann ich den Sperling weglassen; wenn ich aber einen lebendigen Sperling in der Hand habe, so kann ich ihn fortlassen. Auf sumpfiger Landstraße kann man schlecht fortkommen, aber bei einem gewagten Geschäft kann man schlecht wegkommen. Von zwei Hunden, die aus einem Napfe saufen sollten, kann ich sagen: der große hat dem kleinen alles weggesoffen; ein bekannter § 11 aber lautet: es wird fortgesoffen. Wie jemand das Bedürfnis nach diesen Unterscheidungen verlieren kann, ist unbegreiflich. Aber die Zahl derer, die sich einbilden, weg sei gemein, fort sei fein, wird immer größer; man sagt nur noch: die beiden letzten Sätze der Symphonie wurden fortgelassen – wo wurden sie denn hingelassen? die Mauern auf der Akropolis sind fortgebrochen worden – wo sind sie denn hingebrochen worden? Sie hatte das Bild fortgeschlossen – der Damm wurde durch Überschwemmung fortgerissen – es ist eine nicht fortzuleugnende (!) Tatsache – ich habe darüber fortgelesen (!) – meine Bleistifte kommen mir immer fort (!) – er hat mir meine Mütze fortgenommen (!) – so ist es richtig Berlinisch, und wer ein feiner Mann sein will, der schwatzt es nach. Vielleicht setzt man sich auch noch über einen schweren Verlust fort oder spricht sich fortwerfend über jemand aus, und in den Berliner Gymnasien singt man vielleicht nächstens in Uhlands Gutem Kameraden: ihn hat es fortjerissen, er liegt mir vor den Füßen.

Schwulst

Daß die Sprachmode wie die Kleidermode auch den Schwulst liebt, ist kein Wunder. Schon die bisherigen Beispiele haben es zum Teil gezeigt, aber es gibt noch viele andre. Auch die Sprache hat ihre Reifröcke, ihre Schinkenärmel, ihre Schleppen; die Sucht, sich möglichst breit auszudrücken, geht durch unsre ganze Schriftsprache. Wo für einen Begriff zwei Wörter zur Verfügung stehen, ein kurzes und ein langes, da wird gewiß das lange vorgezogen. Man schreibt nicht sein, haben, können, kommen, geben, sehen, sondern sich befinden (z. B. in großer Verlegenheit), besitzen, vermögen (die Hälfte der Bevölkerung vermag weder zu lesen noch zu schreiben), gelangen, verleihen (Ausdruck wird immer verliehen, nicht gegeben), erblicken. Und doch, wie unpassend ist das oft! Erblicken z. B. bezeichnet ja den Augenblick, wo ich etwas zu sehen anfange (vgl. [S. 355]), wo mir etwas ins Auge fällt, mag ich es nun vorher gesucht haben oder nicht: eine Stunde lang hatte ich mich in dem Menschengewühl nach ihm umgesehen, endlich erblickte ich ihn. Aber: ich erblicke darin einen großen Fehler, oder: darin ist ein großer Fortschritt zu erblicken – wie jetzt immer geschrieben wird –, oder: die meisten haben sich verleiten lassen, in dem Märchen eine Verherrlichung des Freimaurertums zu erblicken – ist doch sinnwidrig; denn hier handelt sichs ja um eine dauernde Ansicht, und die kann nur durch das schlichte, einfache sehen ausgedrückt werden.