Derselbe Unfug wie mit dem Gesichtspunkt hat aber neuerdings nun auch mit dem Standpunkt begonnen. Niemand hat mehr eine Ansicht oder eine Meinung, alle Welt hat nur noch einen Standpunkt. Eine Meinung kann man ändern, eine Ansicht berichtigen – das ist nichts. Aber ein Standpunkt – alle Hochachtung! – das ist etwas. Ein Standpunkt ist unverrückbar, der kommt gleich nach der Weltanschauung. Man steht auf einem Standpunkt, stellt sich auf einen Standpunkt, vertritt einen Standpunkt usw., und das schönste dabei ist, daß man von dem Worte Standpunkt (ganz so wie früher von Meinung) einen Objektsatz abhängig macht, ja sogar einen Infinitiv, als ob es soviel bedeutete wie Regel oder Grundsatz, und schreibt: ich stehe auf dem Standpunkte, daß man dieses Verbot wieder aufheben sollte – ich stehe auf dem Standpunkte, daß man zwischen Leipzig und Berlin ohne umzusteigen fahren können müßte – die Gesellschaft steht auf dem Standpunkte, daß die Stadtgemeinde berechtigt sei, unentgeltliche Abtretung der Straßenfläche zu verlangen – der Standpunkt, daß ein Reisender, der auf derselben Linie zurückfährt, durch eine Preisermäßigung belohnt werden müsse, ist ein (!) völlig antiquierter – wir haben stets den Standpunkt vertreten, daß zwischen Deutschland und England kein vernünftiger Grund zur Feindschaft vorliege – man findet heute oft den Standpunkt vertreten, daß das Kleinbürgerhaus eine überwundne Form bedeute (sei!) – wir stellen uns auf den gewiß empfehlenswerten Standpunkt, in schwankenden Fällen das überflüssige Binde-s zu vermeiden. Man sieht: auch der Standpunkt ist nahe daran, zum Gassenhauer zu werden; in Vereinssitzungen wie in öffentlichen Versammlungen ergreift niemand das Wort, der nicht sofort erklärte, daß er auf irgendeinem Standpunkt stehe.
Das Können und das Fühlen
Eine richtige Modenarrheit ist es, gewisse Hauptwörter immer durch einen substantivierten Infinitiv zu umschreiben – wenns nicht manchmal bloßes Ungeschick ist! Und bloßes Ungeschick ist wohl anzunehmen, wenn jemand statt Ende schreibt: das Aufhören, oder statt Mangel: das Fehlen. Eine Modenarrheit aber liegt ohne Zweifel in der Art, wie jetzt das Wissen, das Können, das Wollen, das Fühlen und das Empfinden gebraucht wird – Wörter wie Kenntnis, Fähigkeit, Fertigkeit, Geschick, Absicht, Gefühl, Empfindung scheinen ganz vergessen zu sein. Den Anfang hatte wohl das Streben gemacht,[166] dann kam das Wissen: er hat ein ganz hervorragendes Wissen. Jetzt spricht man aber auch von dichterischem Wollen: anfangs ein Dorfgeschichtenerzähler, wurde Rosegger allmählich ein Poet von großem Wollen – auch diese Kompositionen zeigen die künstlerische Zielbewußtheit (!) seines Wollens. Und in höchster Blüte steht das Können und das Fühlen: folgendes Gedicht mag das Können des Dichters veranschaulichen – das Konzert lieferte einen glänzenden Beweis für das künstlerische (!) Können des Vereins – Beethoven widmete ihr die Cis-moll-Sonate, kein geringes Zeugnis für das musikalische Können der Angebeteten – die Dame hat sich unter dieser vortrefflichen Leitung bereits ein achtunggebietendes Können angeeignet – die Schüler sollen mit einem solchen Können des Deutschen aus der Schule gehen – Herr W. hat damit eine neue Probe seines bedeutenden gärtnerischen (!) Könnens gegeben (es handelt sich um ein Teppichbeet) – die Gedichte zeigen ein gesundes, ursprüngliches Fühlen – in allen Briefen gibt er nur dem einen Fühlen Ausdruck – Tilgner hat den Geist (!) des österreichischen Empfindens am besten zum Ausdruck gebracht – zu der Verehrung für das große Wollen und Können des Meisters gesellt sich das Mitleid mit dem leidenden Menschen – die Pyramiden der Ägypter erzählen uns von dem Fühlen und Wollen ihrer Erbauer und deren Zeitepoche (!). Das Neueste aber ist das Erinnern, das Erleben und das Verstehen: er bewahrte ihm ein dankbares Erinnern – für uns moderne Menschen pflegt Italien das größte Erleben unsers Daseins zu sein – ein Mann, in dessen Erleben sich ein ganzes Stück deutscher Geschichte spiegelt – Böcklin konnte von dem künstlerischen Erleben abstrahieren, bei Klinger erschließt erst die Persönlichkeit das Geheimnis (!) seiner Werke – das Buch ist von tiefem Verstehen für den geheimnisvollen (!) künstlerischen Trieb des Meisters durchtränkt – sie erfreute ihn durch warmes geistiges Verstehen – nimm dieses Buch in dein treues und zartes Verstehen auf! Es kann einem ganz schlimm und übel dabei werden.
Bedingen
Wie unter den Hauptwörtern das Wort Gesichtspunkt, so ist unter den Zeitwörtern das am unsinnigsten mißbrauchte Modewort jetzt bedingen.[167] Der erste Band von Grimms Wörterbuch (1854) erklärt bedingen durch aushalten, bestimmen, ausnehmen. Im Sandersschen Wörterbuche (1860) sind folgende Bedeutungen aufgezählt und belegt: verpflichten, festsetzen, ausmachen, beschränken, von etwas abhängig machen, außerdem eine Anwendung, die bei Grimm noch fehlt: eine Sache bedingt die andre, oder passiv: eine Sache ist oder wird durch die andre bedingt; das Aktivum erklärt Sanders hier durch notwendig machen, erheischen, erfordern, das Passivum durch abhängig sein von etwas.
Nun vergleiche man damit den heutigen Sprachgebrauch (der Sinn, in dem das Wort gebraucht ist, soll stets in Klammern hinzugefügt werden). Da schreiben die einen: eine Laufbahn, die akademische Vorbildung bedingt (voraussetzt, verlangt, erfordert, erheischt, notwendig macht) – der große Aufwand, den die Aufführung dieser Oper bedingt (ebenso) – die angegebnen Preise bedingen die Abnahme des ganzen Werkes (machen zur Pflicht) – die Ausgaben für Saalmiete, Beleuchtung und Annoncen bedingen einen Berg von Kosten (verursachen) – unsre ganzen Zeitverhältnisse bedingen den zurückgegangnen Theaterbesuch (sind die Ursache, bringen mit sich, sind schuld an) – die Lage der Bergarbeiter zu studieren, ist es nötig, auch die Verhältnisse zu berühren, die diese Lage bedingen (schaffen, hervorbringen, hervorrufen, erzeugen) – der Sand- und Lehmboden bedingt eine besondre Flora (ebenso) – dieses Korsett bedingt eleganten Sitz (!) des Kleides (schafft, bewirkt) – der humanistische Charakter des akademischen Studiums bedingt das ganze Wesen unsrer Universitäten (ist von Einfluß auf) – bei Lessing bedingte stets die kritische Einsicht das dichterische Schaffen (ebenso) – Tatsache ist, daß gewisse Affekte den Eintritt des Stotteranfalls bedingen (herbeiführen) – die Stellung der Türen in den Wänden bedingt wesentlich die Nutzbarkeit der Räume (von ihr hängt ab) – nur körperliches Leiden (Laokoongruppe!) bedingt eine so gewaltsame Anspannung aller Muskeln (macht erklärlich, macht begreiflich) – dieser Zweck bedingt sowohl die Mängel als die Vorzüge des Werkes (aus ihm erklären sich) usw.
Nun der passive Gebrauch. Da wird geschrieben: die hohen Ränder des Sees und der dadurch bedingte Reichtum malerischer Wirkungen (geschaffne) – diese durch die Lage Englands bedingte Gunst des Glückes (ebenso) – durch die Verkehrserleichterungen ist ein Rückgang des Kommissionsgeschäfts bedingt worden (bewirkt worden, herbeigeführt worden) – die durch die Großstadt bedingte Vermehrung der Arbeitsgelegenheit (bewirkte, verursachte) – rascher Fortschritt wird durch zahlreiche Mitarbeiter bedingt (entsteht) – der Ausfall der Wahlen ist durch unzählige nicht in der Macht der Regierung liegende Verhältnisse bedingt (hängt ab von) – die Zulassung zur Fakultät war durch den Nachweis des philosophischen Magistergrades bedingt (hing ab von) – der Erfolg des Mittels war durch die Zuverlässigkeit der Leute bedingt (ebenso) – die Überholung Leipzigs durch Berlin ist durch die Macht der äußern Verhältnisse bedingt (ist die Folge) – diese Aussichtslosigkeit war durch die seit drei Jahren gemachte Erfahrung bedingt (war entstanden, war die Folge) – Glück wird durch Leistungsfähigkeit bedingt (entsteht) – die Gefahr für den innern Frieden ist durch den Gegensatz zwischen Besitz und Besitzlosigkeit bedingt (liegt in, beruht auf, entsteht aus) – die durch den Reichtum bedingten Lebensgenüsse (ermöglichten) usw.
Überblicken wir die angeführten Beispiele, so ergibt sich folgendes. Die einen gebrauchen bedingen in dem Sinne von: zur Voraussetzung haben. A bedingt B – das heißt: A hat B zur Voraussetzung, A hängt von B ab, A ist undenkbar, wenn nicht B ist, A verlangt also, erheischt, erfordert B. Das ist die vernünftige und berechtigte Anwendung des Wortes: aus ihr erklärt sich das Wort Bedingung. Die Aufführung der Oper bedingt großen Aufwand – das versteht jedermann; es heißt: die Oper ist ohne großen Aufwand nicht aufführbar, der Aufwand ist die Voraussetzung, die Bedingung einer guten Aufführung.
Nun gebrauchen aber andre das Wort in dem Sinne von bewirken und den zahlreichen sinnverwandten Wörtern (schaffen, erzeugen, hervorbringen, hervorrufen, verursachen, zur Folge haben). A bedingt B – das heißt dann: A ist die Ursache von B. B wird durch A bedingt heißt: B ist die Folge von A. Wie dieser Bedeutungswandel möglich sein soll, ist unverständlich, es ist schlechterdings nicht einzusehen, wie der Begriff der Voraussetzung zu dem der Hervorbringung soll werden können.
Es wird aber noch ein weiterer Schritt getan, namentlich in der passivischen Anwendung des Wortes. B wird durch A bedingt – das heißt nicht bloß: B wird durch A bewirkt, sondern B wird nur (!) durch A bewirkt, es kann durch nichts andres entstehen als durch A, also mit andern Worten: B hat A zur Voraussetzung. Und da wären wir denn glücklich bei der vollständigen Verrücktheit angelangt. Denn wenn es ganz gleichgiltig ist, ob jemand sagt: A hat B zur Voraussetzung, oder B hat A zur Voraussetzung, B ist die Voraussetzung von A, oder A ist die Voraussetzung von B, wenn das beides (!) mit dem Satze ausgedrückt werden kann: A bedingt B (oder passiv: B wird durch A bedingt), mit andern Worten: wenn es ganz gleichgiltig ist, ob jemand sagt bedingen oder bedingt werden, so ist das doch die vollständige Verrücktheit. Auf diesem Punkte stehen wir aber jetzt. Geschrieben wird: Glück wird durch Leistungsfähigkeit bedingt – die Zulassung zur Fakultät wurde durch den Magistergrad bedingt, also aktiv ausgedrückt: Leistungsfähigkeit bedingt Glück – der Magistergrad bedingte die Zulassung zur Fakultät. Gemeint ist aber: Glück bedingt (d. h. ist nicht denkbar ohne) Leistungsfähigkeit – die Zulassung zur Fakultät bedingte (d. h. war nicht zu erlangen ohne) den Magistergrad.