Vorab und vornehmlich. Beide gleich beliebter Ersatz für besonders, namentlich und hauptsächlich. Das sechzehnte, vorab das siebzehnte Jahrhundert – die Künstler vorab hatten sein herzliches Wohlwollen erfahren – Briefe Wielands, vornehmlich an Sophie La Roche – vornehmlich habe ich die Syntax von Grund aus umgestaltet. (Vgl. vornehm [S. 374]).
Weitaus. Modezusatz zum Superlativ: weitaus der beste – in weitaus den meisten Fällen.
Außer solchen allgemein gebräuchlichen Modewörtern und Modephrasen gibt es aber noch eine Masse andrer, die auf einzelne Kreise beschränkt sind. In der Sprache der Geschäftsleute, der Zeitungschreiber, wohin man blickt: Mode, nichts als Mode. Kaufleute reden nicht mehr von Preisen, sondern nur noch von Preislagen, an die Stelle der frühern Sorten sind die Qualitäten, die Marken und die – Genres getreten (bitte, probieren Sie meine Spezialmarke!). Wer einen kleinen Laden gemietet und ein Geschäftchen darin eröffnet hat, nennt das jetzt ein Haus; der eine hat ein Schokoladenhaus, der andre ein Porzellanhaus, ein dritter ein Havannahaus, ein Seidenhaus, ein Leinwandhaus, ein Lodenhaus. Vor etlichen Jahren fiel es einem Schneider in Leipzig ein, über seine Ladentür statt Schneidermeister zu schreiben: Herrenmoden. Das war natürlich fürchterlicher Unsinn, denn ein Schneider ist keine Mode und fertigt auch keine Moden, sondern Kleider. Als das aber die andern Schneider gesehen hatten, da kam für die Firmenschreiber gute Zeit. Sämtliche Schneider ließen ihre Schilder ändern, und heute gibt es in ganz Leipzig keinen Schneidermeister mehr. Der kleinste Flickschneider im Hinterhause vier Treppen hoch hat vorn an der Haustür sein Schildchen prangen: Wilhelm Benedix, Herrenmoden! Vor etlichen Jahren fiel es auch einmal einem Bierwirt in Leipzig ein, von einem Militärkonzert anzukündigen, daß es unter persönlicher Leitung des Herrn Musikdirektors X stattfinden würde – als ob in andre Wirtschaften der Herr Musikdirektor seinen Stiefelputzer schickte. Große Aufregung unter den Bierwirten! Binnen vier Wochen fanden alle Konzerte unter persönlicher Leitung statt. Aus nichts als Modewörtern und Modephrasen ist die Sprache der Reporter zusammengesetzt. Da ist eine Gesellschaft stets illustre (wenigstens in Leipzig), ein Kapellmeister stets genial, ein Geschenk stets sinnig, Orgelspiel stets weihevoll. Wird irgendwo ein Vortrag gehalten, so wird er von musikalischen und gesanglichen Darbietungen umrahmt; von einer Festlichkeit wird stets versichert, sie habe einen würdigen (!) Verlauf genommen. Ein Revolverschuß wird stets abgegeben, und flieht der Täter, so wird sofort die Verfolgung aufgenommen; sich selbst aber schießt man eine Kugel niemals zum Vergnügen sondern immer in selbstmörderischer Absicht in den Kopf. Wenn es in einer Familie oder zwischen einem Liebespaar zu Zank und Streit, Mord und Totschlag gekommen ist, so heißt das ein Familiendrama oder eine Liebestragödie. Wer ein Jubiläum feiert, kann stets auf eine 25jährige oder 50jährige Tätigkeit zurückblicken, und ist es ein Verein, so blickt er auf ein 25jähriges Bestehen zurück; wer pensioniert wird, tritt in den wohlverdienten Ruhestand, und stirbt er, so werden an seinem Sarge Lorbeerkränze niedergelegt. Wenn einer von einem Dache herabstürzt, so bleibt er tot (als ob er es schon vorher gewesen wäre!). Leichen von Verunglückten werden nicht gefunden, sondern stets geborgen (hätte man die Lebenden besser „geborgen“, so wären sie nicht verunglückt!), und wenn sie im Wasser gelegen haben, so werden sie geländet; wird aber einer glücklich noch lebend aus dem Wasser gezogen, so wird er dem nassen Element entrissen. Kommt ein Fürst zu Besuch, so steigt er nicht aus dem Wagen, sondern er ent(!)steigt dem Waggon und schreitet dann, und zwar stets elastischen Schrittes, die Front der Ehrenkompagnie ab. Man begreift nicht, warum nicht die Zeitungen für gewisse besonders oft wiederkehrende wichtige Ereignisse, wie die Ankunft eines Fürsten, die Eröffnung einer Ausstellung, die Enthüllung eines Denkmals, das Jubiläum eines Geschäfts, das Begräbnis eines Kommerzienrats und dergleichen, für ihre Berichterstatter Formulare drucken lassen, worin sie dann bloß Tag, Stunde und Namen auszufüllen hätten.
Aber auch die niedrige Umgangssprache ist voll von Modewörtern, die immer wechseln. Man könnte sie die Gassenhauer der Sprache nennen. Zu ihnen gehört das schöne selbstredend, das eine Reihe von Jahren für selbstverständlich gesagt wurde (übrigens stets falsch betont: selbstrédend, wie auch tatsächlich, wunderbár, ekelháft, tadellós). Neuerdings ist wieder selbstverständlich durchgedrungen (aber auch das wieder falsch betont: selbstverständlich). Augenblicklich ist der beliebteste Gassenhauer: ausgeschlossen, ganz ausgeschlossen, völlig ausgeschlossen. Unwahrscheinlich, unmöglich, undenkbar, sogar unnötig – das alles gibt es nicht mehr. Ausgeschlossen – bums! fertig! In der Unterhaltung am Biertisch hört man nichts weiter als: selbstverständlich (für ja) und: ausgeschlossen (für nein). Andre neue Gassenhauer sind: totsicher, totschick, Ton (für Wort): er hat mir nicht einen Ton davon gesagt –, auf Wiederschaun, und ausgerechnet (für gerade, genau oder dgl.): das muß ausgerechnet Bebel begegnen!
Eine feine Nase für Modewörter hat gewöhnlich der Student. Die Studentensprache wimmelt von Modewörtern; sowie ein neues aufkommt, wird es ihr sofort „einverleibt“. Aber der Student spricht sie fast alle mit Gänsefüßchen, er macht sich lustig über sie, während er sie gebraucht. Die Sache hat nur nicht bloß eine lustige, sie hat auch eine sehr ernste Seite. Jedes neu aufkommende Modewort verdrängt eine Anzahl sinnverwandter Wörter mit ihren fein abgetönten Unterschieden, und schließlich wird es gedankenlos auch für Wörter gebraucht, die einen ganz andern Sinn haben. So ist mit jedem neuen Modewort eine zunehmende Verarmung der Sprache und eine zunehmende Oberflächlichkeit und Unklarheit des Denkens verbunden.
Wie alle Modedummheiten haben aber auch die Sprachmoden ihre Zeit. Sie verschwinden alle wieder, die einen früher, die andern später. Darum ist ein Kampf gegen sie eigentlich überflüssig.[165] Verteidigt werden sie immer nur von solchen, die darauf hineingefallen sind, ohne es zu merken; die ärgern sich dann über den, der es gemerkt hat, und bestreiten die Berechtigung seiner Angriffe. Jeder gute Schriftsteller aber wird sich vor ihnen hüten. Denn jeder gute Schriftsteller hat doch den Wunsch, nicht gar zu schnell zu veralten. Dazu gehört aber, daß das, was er schreibt, nicht bloß einen dauerhaften Inhalt, sondern auch eine dauerhafte Form habe.
Der Gesichtspunkt und der Standpunkt
Ein Modewort, mit dem ein ganz törichter Mißbrauch getrieben wird, der zu einer Unmasse von Bildervermengungen führt, ist Gesichtspunkt. Das Wort bedeutet den Punkt, von dem aus man etwas ansieht, wie Standpunkt den Punkt, auf den man sich gestellt hat, um etwas anzusehen. Beides ist so ziemlich dasselbe. Man sollte doch nun meinen, das Bild, das in diesen Ausdrücken liegt, wäre so klar und deutlich, daß es gar nicht vergessen werden könnte: Standpunkt und Gesichtspunkt bedeuten durchaus etwas räumliches, einen Punkt im Raume. Da ist es nun schon verkehrt, wie es manche sehr lieben, von großen oder allgemeinen Gesichtspunkten zu reden. Man kann sich weder unter einem großen noch unter einem allgemeinen Punkt etwas denken. Offenbar wird hier der Gesichtspunkt mit dem Gesichtskreise verwechselt. Wenn ich mich hoch aufstelle und die Dinge von oben betrachte, so überblicke ich mehr, als wenn ich unten mitten unter den Dingen stehe. Es ändert sich dann auch der Maßstab der Betrachtung: was mir unten groß, im übertragnen Sinne wichtig, bedeutend erschien, schrumpft zusammen, ja verschwindet vielleicht ganz, wenn ich es von oben betrachte. Man kann also wohl von hohen und niedrigen Gesichtspunkten reden, aber nicht von großen und kleinen. Der Geist ist klein, der sich nicht zu höhern Gesichtspunkten aufschwingen kann, auch der Gesichtskreis eines solchen Geistes ist klein, aber ein Punkt ist und bleibt – ein Punkt, er kann weder klein noch groß sein.
Was muß sich aber der Gesichtspunkt sonst noch alles gefallen lassen! Er wird nicht nur berührt, dargelegt, ausgeführt, er wird auch beachtet, ins Auge gefaßt, betont, hervorgehoben, geltend gemacht, aufgestellt, herausgestellt, in den Vordergrund gestellt, zur Diskussion gestellt, verworfen, er wird eröffnet, zugrunde gelegt, gewonnen, er wird in die Wagschale geworfen, und zwar so, daß er ins Gewicht fällt, er ist maßgebend, er berührt sich mit etwas, man tut etwas unter ihm, es wird etwas von ihm abgeleitet, es entspringt ihm etwas usw. Der Leser schüttelt den Kopf? Hier sind die Beispiele: zum Schluß möchte ich noch zwei Gesichtspunkte berühren – er legte die Gesichtspunkte dar, die den Ausschuß veranlaßt hätten, die Versammlung zu berufen – es würde mich zu weit führen, wenn ich den angedeuteten Gesichtspunkt näher ausführen wollte – die Prügelstrafe ist nicht nur brutal, sie ist auch ehrenrührig, und diesen wichtigen Gesichtspunkt muß man vor allen Dingen beachten – diesen Gesichtspunkt faßte Kurfürst August jetzt ins Auge – als der Redner diesen Gesichtspunkt scharf betonte – erfreulich ist es, daß der Herzog für das Gefühl vaterländischer Ehre empfänglich ist und bei der Berücksichtigung der Muttersprache diesen Gesichtspunkt besonders hervorhebt – neue Gesichtspunkte wurden in der Debatte nicht geltend gemacht – es sind hier Gesichtspunkte aufgestellt, die in der Tat zur Diskussion gestellt werden müssen – er wußte immer sofort die höhern Gesichtspunkte herauszustellen – man kann den Mittelstand sehr verschieden abgrenzen, je nach den Gesichtspunkten, die man in den Vordergrund stellt – auch der Gesichtspunkt, daß (!) man mit einer stattlichen Schrift dem Auslande imponieren müsse, ist nicht zu verwerfen – diese Bestimmung eröffnet für die Geschichte der Innung einen neuen Gesichtspunkt – überhaupt möchten wir auf den Gesichtspunkt hinweisen, den alle Gerichte ihren Rechtsprechungen auf diesem Gebiete zugrunde zu legen haben – ich hoffe, daß sich aus meiner Darlegung gesunde (!) Gesichtspunkte werden gewinnen lassen – hier fallen finanzielle (!) Gesichtspunkte schwer ins Gewicht – diese Frage bildet den maßgebenden Gesichtspunkt, von dem aus wir dem Problem näher treten – dieser Gesichtspunkt der Theaterdirektion berührt sich in mannigfacher Beziehung mit dem Interesse des Publikums – der Theologie wandte er nur unter dem Gesichtspunkte, jederzeit brauchbare Kirchendiener zu haben, seine Fürsorge zu – die allgemeinen Gesichtspunkte, aus denen sich der kritische Vorrang der Originaldrucke lutherischer Schriften ableiten läßt, sind folgende – eine innere Kolonisation, die den oben gekennzeichneten Gesichtspunkten entspringt usw. In allen diesen Sätzen ist von dem Bilde, das in dem Worte Gesichtspunkt liegt, keine Spur mehr zu finden. Es bedeutet etwas ganz andres, es steht für Umstand, Tatsache, Grund, Ansicht, Gedanke, ja bisweilen steht es für – gar nichts, es wird als bloßes Klingklangwort gebraucht. Oder bedeutet der Satz: neue Gesichtspunkte wurden nicht geltend gemacht – irgend etwas andres als: neue Gedanken wurden nicht vorgebracht? der Satz: zum Schluß möchte ich noch zwei Gesichtspunkte berühren – irgend etwas andres als: zum Schluß möchte ich noch zweierlei berühren? Das völkerpsychologische Moment (!) ist für ihn der maßgebende Gesichtspunkt – kann man einen einfachen und einfach auszudrückenden Gedanken in einen unsinnigern Wortschwall einhüllen? Von solchen Sätzen wimmelt es aber jetzt in Büchern, Broschüren und Aufsätzen; Tausende lesen darüber weg, haben das dumpfe Gefühl, irgend etwas gelesen zu haben, aber denken können sie sich gar nichts dabei.
Infolge des fortwährenden Mißbrauchs ist es geradezu dahin gekommen, daß dieses gute Wort, das ein so klares und deutliches Bild enthält, und das bisweilen gar nicht zu entbehren ist, einen lächerlichen Beigeschmack angenommen hat, sodaß man es in der Unterhaltung kaum noch anders als spöttisch gebrauchen kann. Eine weitere Folge ist, daß nun gewisse Leute, um das Wort zu vermeiden, es durch Gesichtswinkel ersetzt haben, das freilich gleich von vornherein mit Recht dem Spott verfallen ist.