Unrettbar dem Schwulst verfallen sind unsre Präpositionen. Als Präpositionen gebrauchte man früher eine Menge kleiner Wörtchen, die aus zwei, drei, vier Buchstaben bestanden. In unsern Grammatiken findet man sie auch jetzt noch verzeichnet, dieses lustige kleine Gesindel: in, an, zu, aus, von, auf, mit, bei, vor, nach, durch usw.; in unserm Amts- und Zeitungsdeutsch aber fristen sie nur noch ein kümmerliches Dasein, da sind sie verdrängt und werden immer mehr verdrängt durch schwerfällige, schleppende Ungetüme wie: betreffs, behufs, zwecks, seitens, angesichts, mittelst, vermittelst, vermöge, bezüglich, hinsichtlich, rücksichtlich, einschließlich, ausschließlich, anläßlich, gelegentlich, inhaltlich, ausweislich, antwortlich, abzüglich, zuzüglich, zusätzlich, vorbehältlich usw. Wie lange wird es dauern, so wird in unsern Grammatiken auch der Abschnitt über die Präpositionen vollständig umgestaltet werden müssen; alle diese Ungetüme werden als unsre eigentlichen Präpositionen verzeichnet, die alten, wirklichen Präpositionen in die Sprachgeschichte verwiesen werden müssen.

Früher wurde einer, der mit einem Messer gestochen worden war, mit einer Droschke ins Krankenhaus gebracht; so wird auch heute noch – gesagt. In der Zeitung geschieht es aber nur noch vermittelst eines Messers und vermittelst einer Droschke. Ein herrliches Wort, dieses vermittelst! Dem Anschein nach eine Superlativbildung, aber wovon? Ein Adjektivum vermittel gibt es nicht, nur ein Zeitwort vermitteln. Daran ist aber doch bei vermittelst nicht zu denken. Offenbar ist das Wort in schauderhafter Weise verdorben aus mittels,[173] dem Genitiv von Mittel, der in ähnlicher Weise zur Präposition gepreßt worden ist wie behufs und betreffs, zu denen sich neuerdings noch zwecks, mangels und namens gesellt haben – lauter herrliche Erfindungen.[174] Das Zwischenglied wäre dann mittelst, das es ja auch gibt; fürstliche Personen reisen stets mittelst Sonderzugs, und ein „Etablissement“, das früher mit oder durch Gas erleuchtet wurde, wird jetzt natürlich mittelst Elektrizität erleuchtet, Handelsartikel, die früher mit der Hand hergestellt wurden, werden jetzt mittelst Maschinen gewonnen; ja es kommt sogar vor, daß ausgediente Mannschaften mittelst Musik auf den Bahnhof gebracht werden!

Daß zu unter anderm auch den Zweck bezeichnet, ist dem Beamten und dem Zeitungschreiber gänzlich unbekannt. Früher verstand man es sehr gut, wenn einer sagte: er ist der Polizeibehörde zur Einsperrung überwiesen worden – die Nummern sind zur Registrierung beigefügt; jetzt heißt es nur noch: behufs oder noch lieber zwecks Einsperrung, zwecks (oder zum Zwecke) der Registrierung, zwecks Feststellung der Krankenkassenbeiträge, zwecks Stellungnahme usw. Behufs Bildung einer Berufsgenossenschaft – behufs Wahrung des Prestiges der italienischen Flagge – ein Bündnis Englands mit Rußland zwecks Niederhaltung Deutschlands – die Leiche wurde zwecks Verbrennung nach Gotha überführt (!) – die Bank hat zwecks Erweiterung ihrer Räume das Nachbarhaus angekauft – die Schülerinnen sollen zwecks Schonung ihrer Augen acht Tage vom Unterricht dispensiert werden und dann zwecks erneuter Untersuchung sich wieder in der Schule einfinden – so hufst und zweckeckeckst es durch die Spalten unsrer Zeitungen.

Einen Brief fing man früher an: auf dein Schreiben vom 17. teile ich dir mit –; jetzt heißt es nur noch: antwortlich (oder in Beantwortung oder Erwiderung) deines Schreibens (vgl. [S. 173]). Früher verstand es jedermann, wenn man sagte: nach der Betriebsordnung oder nach den Bestimmungen der Bauordnung, nach dem Standesamtsregister, nach Paragraph 5; das Volk spricht auch heute noch so. In den Bekanntmachungen der Behörden aber heißt es nur: auf Grund der Betriebsordnung, inhaltlich der Bestimmungen der Bauordnung, ausweislich des Standesamtsregisters, und was das Allerschönste ist: in Gemäßheit von Paragraph 5, in Gemäßheit des Beschlusses der Stadtverordneten. Also statt einer einsilbigen Präposition ein so fürchterliches Wort wie Gemäßheit, flankiert von zwei Präpositionen, in und von! Früher sagte man: nach seinen Kräften, bei der herrschenden Verwirrung, durch den billigen Zinsfuß – jetzt heißt es: nach Maßgabe seiner Kräfte, angesichts der herrschenden Verwirrung, vermöge des billigen Zinsfußes. Eine Festschrift erschien früher zum Geburtstag eines Gelehrten, beim Jubiläum eines Rektors, zur Enthüllung eines Denkmals, jetzt nur noch aus Anlaß oder anläßlich des Geburtstags, gelegentlich des Jubiläums, bei Gelegenheit der Enthüllung. Bei dem Auftreten der Influenza hat sich gezeigt – in den Verhandlungen über den Entwurf wurde bemerkt – auf der Weltausstellung in Sydney traten diese Bestrebungen zuerst hervor – versteht das niemand mehr? Es scheint so, denn jetzt heißt es: gelegentlich des Auftretens der Influenza – gelegentlich der über den Entwurf gepflognen (!) Verhandlungen – bei Gelegenheit der Weltausstellung in Sydney. Für wegen wird aus Anlaß gesagt: der Botschafter X hat sich aus Anlaß einer ernsten Erkrankung seiner Gemahlin nach B. begeben. Für über heißt es betreffs oder bezüglich: das letzte Wort betreffs der Expedition ist noch nicht gesprochen – die Mitteilung der Theaterdirektion bezüglich der Neueinstudierung des Don Juan war verfrüht. Früher verstand es jeder, wenn gesagt wurde: mit der heutigen Versammlung sind dieses Jahr zehn Versammlungen gewesen, ohne die heutige neun; jetzt heißt es: einschließlich der heutigen Versammlung, ausschließlich der heutigen Versammlung. Unsre Kaufleute reden sogar davon, was eine Ware zu stehen komme, zuzüglich der Transportkosten, abzüglich der Fracht oder zusätzlich der Differenz, statt: mit den Transportkosten, ohne die Fracht, samt der Differenz, was man doch auch verstehen würde, und ein Verein macht bekannt, daß er den Jahresbeitrag zuzüglich der dadurch entstehenden Kosten durch Postauftrag erheben werde, statt samt oder nebst den Kosten. Ein Betrüger ist mit 10000 Mark entflohen – ist das nicht deutlich? Der Zeitungschreiber sagt: unter Mitnahme von 10000 Mark! Endlich: mit Zuhilfenahme von, unter Zugrundelegung von, in der Richtung nach, in Höhe von, an der Hand von (jetzt sehr beliebt: an der Hand der Statistik), was sind alle diese Wendungen anders als breitspurige Umschreibungen einfacher Präpositionen, zu denen man greift, weil man die Kraft und Wirkung der Präpositionen nicht mehr fühlt oder nicht mehr fühlen will. Ohne Zuhilfenahme von fremdem Material – was heißt das anders als: ohne fremdes Material? Der Staatsanwalt machte an der Hand einer Reihe von Straftaten (!) die Schuld des Angeklagten wahrscheinlich – was heißt das anders als: mit oder an einer Reihe? Ist es nötig, daß in Bekanntmachungen einer Behörde geschrieben wird, daß ein gewisser Unternehmer eine Kaution in Höhe von 1000 Mark zu erlegen habe, daß eine Straße neu gepflastert werden solle in ihrer Ausdehnung von der Straße A bis zur Straße B? Sind wir so schwachsinnig geworden, daß wir eine Kaution von 1000 Mark nicht mehr verstehen, uns bei dem einfachen von – bis keine Strecke mehr vorstellen können? Muß das alles besonders ausgequetscht werden? Rührend ist es, wenn der „Portier“ auf dem Bahnhof ausruft: Abfahrt in der Richtung nach Altenburg, Plauen, Hof, Bamberg, Nürnberg usw. Der Bureaumensch, der das ausgeheckt hat, verdiente zum Geheimen Regierungsrat ernannt zu werden! Er wird es längst sein. Bei einem bloßen nach könnte sich ja ein Reisender beschweren und sagen: Ich wollte nach Gaschwitz, das ist aber nicht mit ausgerufen worden, nun bin ich sitzen geblieben. Aber in der Richtung nach – da kann sich niemand beschweren.

Seitens

Der größte Greuel aber auf dem Gebiete unsers ganzen heutigen Präpositionenschwulstes ist wohl das Wort seitens; es ist zu einer wahren Krankheit am Leibe unsrer Sprache geworden.

Zunächst ist es schon eine garstige Bildung. In den vierziger und fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts schrieben die Beamten und Zeitungschreiber beim passiven Verbum mit Vorliebe von Seiten statt des einfachen von (ebenso auf Seiten statt bei). Das war natürlich unnötiger Schwulst, aber es war doch wenigstens richtig, ja man konnte sich sogar über den schwachen Dativ Seiten freuen, den sich heute niemand mehr zu bilden getrauen würde. Mit der Zeit wurde aber doch selbst den Kanzlei- und Zeitungsmenschen dieses ewige von Seiten zu viel. Statt nun das einzig vernünftige zu tun und wieder zu dem einfachen von zurückzukehren, ließ man das von weg und sagte nur noch seiten. Aber das dauerte auch nicht lange. Kaum war die Neubildung fertig, so wurde sie einer abermaligen Umbildung unterzogen, man hängte gedankenlos, verführt durch Genitive wie behufs, betreffs, ein unorganisches s an den schwachen Dativ,[175] und so entstand nun dieses Jammerbild einer Präposition, das heute das Leib- und Lieblingswort unsrer Amts- und Zeitungssprache ist. Sowie man eine Zeitung in die Hand nimmt, das erste Wort, das einem in die Augen fällt, ist: seitens. Die kleinen Pfennignotizen der Lokalreporter fangen gewöhnlich gleich damit an; wenn nicht, dann stehts gewiß auf der zweiten oder dritten Zeile. Da es die Zeitungssprache immer mehr verlernt, ein Ereignis im Aktivum mitzuteilen, da sie mit Vorliebe im Passivum erzählt, sodaß das Objekt zum grammatischen Subjekt und das logische Subjekt zum äußerlichen Agens wird, von beim Passiv ihr aber gänzlich unbekannt geworden ist, so kann sie tatsächlich nicht die kleinste Mitteilung mehr machen ohne seitens. Die Regierung, der Bundesrat, das Ministerium, das Gericht, der Magistrat, die Polizeidirektion, das Stadtverordnetenkollegium – sie alle tun nichts mehr, sondern alles wird getan, alles geschieht, erfolgt, findet statt seitens der Regierung, seitens des Bundesrats, seitens des Ministeriums, seitens des Gerichts, seitens des Magistrats, seitens der Polizeidirektion usw. Dem fortschrittlichen Kandidaten konnte seitens der Gegner nichts nachgesagt werden – die Maschinen können seitens der Interessenten jederzeit besichtigt werden – gegen solche Unart muß endlich einmal mit Ernst vorgegangen werden, seitens der Schule, seitens der Polizei, aber auch seitens des Publikums – es liegt darin etwas verletzendes, auch wenn dies weder seitens des Dichters, noch seitens der Darsteller beabsichtigt sein sollte; das Stück wurde seitens des Publikums einstimmig abgelehnt – anders wird nicht geschrieben. Aber auch bei aktiven Verben heißt es: zahlreiche Klagen sind seitens (!) einflußreicher Personen eingelaufen – seitens des Herrn Polizeipräsidenten ist uns nachstehende Bekanntmachung zugegangen – seitens der Kurie hat man (!) sich noch nicht schlüssig gemacht – seitens der Regierung gibt man (!) sich der bestimmten Hoffnung hin. Und hier wird seitens auch für bei gebraucht: dabei stieß er seitens des Gouverneurs auf große Schwierigkeiten (statt: bei dem Gouverneur!) – wie er denn auch vielfache Anerkennung seitens der wissenschaftlichen Welt (bei der wissenschaftlichen Welt!) gefunden hat – er erfreute sich des größten Vertrauens seitens seines Chefs (bei seinem Chef!) – das Werk wird dadurch an Teilnahme und Gunst seitens der Berliner (bei den Berlinern!) nichts einbüßen. Für den garstigen Gleichklang, der entsteht, wenn hinter seitens nun immer wieder Genitive auf s kommen, für dieses unaufhörliche Gezisch hat der Papiermensch kein Ohr. Will er ja einmal abwechseln, auf das einfache, vernünftige von oder gar auf das Aktivum verfällt er gewiß nicht; dann schreibt er lieber: englischerseits, staatlicherseits, kirchlicherseits, päpstlicherseits, ministeriellerseits, landwirtschaftlicherseits, ja sogar unterrichteterseits oder: regierungsseitig, eisenbahnseitig, gerichtsseitig, prinzipalseitig: die Gehilfenschaft hatte die Frage in ein Gleis gebracht, an dem sich prinzipalseitig nichts aussetzen ließ! Ein Tierarzt macht darauf aufmerksam – die Judenfeinde behaupten – wie simpel! Der Zeitungschreiber sagt: tierärztlicherseits wird darauf aufmerksam gemacht – antisemitischerseits (

) wird behauptet. So klingts vornehm!

Damit ist aber die Anwendung des garstigen Wortes noch nicht erschöpft. Seitens wird nicht nur mit Verben, es wird auch mit Verbalsubstantiven verbunden. Da schreibt man: die Beiträge zur Unfallversicherung seitens der Arbeitsherren – die Vorführung eines Spritzenzugs seitens des Branddirektors – die Behandlung der Frauen seitens der Männer – die Aufnahme des Gesandten seitens des Königs – die Abneigung gegen die Angestellten seitens der Einwohnerschaft – der Übergang über die Parthe seitens der Nordarmee – die allgemeine Benutzung der Lebensversicherung seitens der ärmern Klassen – ein Opfer von 3000 Mark seitens der Stadt – die Besitznahme dieses Küstengebiets seitens der Franzosen – die Unsitte des Trampelns im Theater seitens der Studenten – der schädigende Einfluß der Verletzung der Glaubenspflichten seitens eines Kirchenmitgliedes – das Dementi der Nachricht von der Audienz des Herrn H. beim Kaiser seitens der Konservativen Korrespondenz – Zeitungen wie Bücher sind voll von solchen Verbindungen! Wie soll man sie aber vermeiden? in allen diesen Beispielen ist doch ohne seitens gar nicht auszukommen. Nun, wie ist man denn früher ohne das Wort ausgekommen? Entweder durch vernünftige Wortstellung: die Beiträge der Arbeitsherren zur Unfallversicherung – der Übergang der Nordarmee über die Parthe – ein Opfer der Stadt von 3000 Mark; oder dadurch, daß man Sätze bildete, anstatt, wie es jetzt geschieht, ganze Sätze immer in Substantiva zusammenzuquetschen. Zu einem Zeitwort kann man ein halbes Dutzend näherer Bestimmungen setzen, da hat man immer freie Bahn und kommt leicht vorwärts; sowie man aber das flüssige Zeitwort in das starre Hauptwort verwandelt, verbaut man sich selbst den Weg, und dann werden solche Angstverbindungen fertig wie: mit der Beherrschung von Raum und Kraft seitens der Menschen wäre es zu Ende (statt: die Menschen würden Raum und Kraft nicht mehr beherrschen) – der redliche Erwerb (!) der Kleidungsstücke seitens des Angeklagten ließ sich zum Glück nachweisen (statt: daß er sie redlich erworben hatte).