Nun aber das Tollste: diese Angstverbindungen von Substantiven mit seitens sind den Leuten schon so geläufig geworden, und man ist so vernarrt in das schöne Wort, daß man es auch da anwendet, wo gar keine Nötigung dazu vorliegt, daß man geradezu – den Genitiv damit umschreibt! Man sagt nicht mehr: der Besuch des Publikums, die Anregung des Vorstandes, eine Erklärung des Wirts, die freiwillige Pflichterfüllung eines Einzelnen, sondern: der Besuch seitens des Publikums, die Anregung seitens des Vorstandes, eine Erklärung seitens des Wirts, die freiwillige Pflichterfüllung seitens eines Einzelnen. Überall laufen einem jetzt solche Genitive über den Weg, man braucht nur zuzugreifen: ich wollte damit etwaigen Einreden seitens der Gegner vorbeugen – der glänzende Erfolg, den der Verfasser dem ausgezeichneten Vortrage seitens des Rezitators zu danken hat – ein ähnliches Beispiel einer starken Willkür seitens eines Herausgebers – er wurde die Zielscheibe vieler Angriffe seitens der Klerikalen – ein höherer Gehilfe kann nicht ohne Vertrauen seitens des Handelsherrn angestellt werden – die Frau war wegen fortgesetzter Roheiten seitens ihres Mannes ins Elternhaus zurückgekehrt – der Gesandte hatte die Stirn, zu fragen, ob man denn auch des Friedensbruchs seitens Frankreichs gewiß sei – es fehlt ihm die Anerkennung seitens der Großmächte – das Urteil klingt hart, beruht aber auf sorgfältiger Prüfung seitens eines Unbefangnen – es bedarf nur der Aufforderung seitens eines geeigneten Mannes – sie wählten diese Wohnungen, um sich gegen Überraschungen seitens ihrer Feinde zu sichern – ohne die freundliche Unterstützung seitens zahlreicher Bibliotheksverwaltungen würde es nicht gelungen sein – es trifft ihn die Verachtung seitens seiner Mitmenschen – es kostete große Anstrengungen seitens der bekümmerten Verwandten – an der Tafel fehlte es nicht an herzlichen Reden und Gegenreden seitens der Arbeiter und Prinzipale – der Straßenhandel hat zu Beschwerden seitens der Einwohnerschaft geführt – eine Trauung, bei der es an aufrichtig frommer Gesinnung seitens der Brautleute fehlte. Für einzelne dieser Beispiele scheint es ja einen Schimmer von Entschuldigung zu geben. Das Hauptwort, von dem der Genitiv abhängen würde, ist meist ein Verbalsubstantiv, und da kann der Zweifel entstehen, ob man die Handlung, die es ausdrückt, als aktiv oder als passiv auffassen soll. Der Besuch des Publikums – das könnte ja auch heißen, das Publikum sei besucht worden; der Besuch seitens des Publikums – das ist nicht mißzuverstehen, da hat das Publikum besucht. Angriffe der Klerikalen – da könnte man auch denken, die Klerikalen wären angegriffen worden; Angriffe seitens der Klerikalen – da haben sie natürlich angegriffen. Die Untersuchung des Arztes – da könnte man ja denken, der Arzt wäre untersucht worden; die Untersuchung seitens des Arztes – nun hat der Arzt untersucht. Sollte es aber wirklich Leser geben, die so beschränkt wären, dergleichen mißzuverstehen?
Bez. beziehungsweise bezw.
Ein Juwel unsrer Papiersprache endlich, der Stolz aller Kanzlisten und Reporter, der höchste Triumph der Bildungsphilisterlogik ist das Bindewort bez. oder bezw.
Vor fünfzig Jahren gab es noch im Deutschen das schöne Wort respektive, geschrieben: resp.; man sagte z. B.: der Vater resp. Vormund – der Rektor der Schule, resp. dessen Stellvertreter – nachlässige, resp. rohe Eltern. Was wollte man mit dem Worte? Warum sagte man nicht: der Vater oder Vormund? Hätte man das nicht verstanden? I nun, der gesunde Menschenverstand des Volks hätte es schon verstanden; aber der große Logiker, der Kanzleimensch, sagte sich: ein Kind kann doch nicht zugleich einen Vater und einen Vormund haben, es kann doch nur entweder einen Vater oder (oder aber! sagte der Kanzleimensch) einen Vormund haben. Dieses Verhältnis kann man nicht mit dem bloßen oder ausdrücken, für dieses feine, bedingte oder: der Vater oder (wenn nämlich das Kind keinen Vater mehr haben sollte!) Vormund gibt es im Deutschen überhaupt kein Wort, das läßt sich nur durch – respektive sagen, dadurch aber auch „voll und ganz“.
Als man nun auch im Kanzleistil den Fremdwörterzopf abzuschneiden anfing, erfand man als Übersetzung von respektive das herrliche Wort beziehentlich oder beziehungsweise: be-zieh-ungs-wei-se! Das war natürlich etwas zu lang, es immer zu schreiben und zu drucken, und so wurde es denn zu bez. „beziehungsweise“ bezw. abgekürzt. Daß das Wörtchen oder auch nur vier Buchstaben hat und dabei ein wirkliches Wort ist, kein bloßer Wortstummel wie bezw., auf diesen naheliegenden Gedanken verfiel merkwürdigerweise niemand. Und doch, was bedeutet in folgenden Beispielen das bezw. anders als oder: in einer Zeit, wo man alles den einzelnen Kreisen bezw. Staaten überließ – alles weitere ist Spezialsache bezw. Aufgabe der spätern Jahre – über den Mord bezw. Raubmord in R. ist noch immer nichts genaues festgestellt – Windschirme mit japanischer Malerei bezw. Stickerei – der Zusammenschluß zu einem genossenschaftlichen bezw. landschaftlichen Kreisverbande – die wieder bezw. neu gewählten Stadtverordneten – ein angebornes bezw. durch Überlieferung geschultes Geschick – die Bänder haben Wert als geschichtliche bezw. kulturgeschichtliche Erinnerungsstücke – nicht benutzte bezw. nicht abgeholte Bücher werden wieder eingestellt – es wird mit dem Kellergeschoß bezw. Erdgeschoß angefangen – zwei Dachstuben von je drei Meter Breite und drei bezw. vier Meter Länge – jede Serie umfaßt 15 bezw. 12 Hefte – die Bemerkung befindet sich in dem Vor- bezw. Nachwort der Ausgabe – W. A. Lippert, welcher flüchtig ist bezw. sich verborgen hält – da die Anstalt nur solche Kinder aufnimmt bezw. behält, die eine Besserung erwarten lassen – wo Jahnsdorf liegt bezw. gelegen hat, ist ungewiß – viele Personen sind außerstande, selbst bei langsamem Gange des Wagens auf- bezw. abzuspringen – jeder Fachmann wird die Schrift beiseite bezw. in den Papierkorb werfen – es ist anziehend, zu sehen, wie sich dieser Kreis im Laufe der Sprachentwicklung verengert bezw. erweitert – die Weigerung der Prinzessin ist hauptsächlich bezw. ausschließlich auf diesen Umstand zurückzuführen. Und in folgenden Beispielen, was bedeutet da bezw. anders als und: ein Haus an der Beethoven- bezw. Rhodestraße – französische Bonnen bezw. Gouvernanten haben seit Jahrhunderten in Deutschland eine Rolle gespielt – zwei Kinder im Alter von fünf bezw. drei Jahren – K. und T. wurden zu viermonatiger bezw. zweimonatiger Gefängnisstrafe verurteilt – später verfaßte er pädagogische bezw. Schulbücher – alle Bestellzettel bezw. Quittungsformulare sind mit Tinte auszufüllen – Anfragen bezw. Anmeldungen sind an den Vorstand des Kunstvereins zu richten – zur Rechten bezw. Linken des Kaisers saßen der Reichskanzler und der Staatssekretär – die Zinsen werden zu Ostern bezw. zu Michaeli bezahlt – großen Einfluß auf die Zahl der Dissertationen bezw. Promotionen über den pekuniären Anforderungen, die die einzelnen Universitäten bezw. Fakultäten stellen – wann die noch übrigen Befestigungsreste der Burg bezw. Stadt entstanden sind, läßt sich nicht mit Sicherheit angeben – der König tritt eine mehrwöchige Reise nach München bezw. Stuttgart an – die Zehnpfennigmarken und die Fünfpfennigmarken sind von roter bezw. grüner Farbe – in A. sind letzte Nacht zwei Personen, ein Maler und ein Strumpfwirker, die in einem Schuppen bezw. einem Stalle nächtigten, erfroren.
Der große Logiker, der so schreibt, denkt natürlich wenn er und gebrauche, so könnte ihn jemand auch so verstehen, als ob „sowohl“ die Zehnpfennigmarken „als auch“ die Fünfpfennigmarken zweifarbig wären, nämlich beide Arten rot und grün, als ob „sowohl“ der Maler „als auch“ der Strumpfwirker in zwei Räumlichkeiten, nämlich gleichzeitig in einem Schuppen und in einem Stalle genächtigt hätte. Solchen Gefahren wird natürlich durch bezw. vorgebeugt; nun weiß man genau, daß die Zehnpfennigmarken rot und die Fünfpfennigmarken grün sind, daß der Maler in einem Schuppen, der Strumpfwirker in einem Stalle genächtigt hat. Maler: Schuppen = Strumpfwirker: Stall – darin liegt die tiefe Bedeutung von bezw.! Ein unübertreffliches Beispiel ist folgender Zeitungssatz: alle Musik- bezw. Trompeterkorps und alle Spielmannszüge bliesen bezw. schlugen den Präsentiermarsch bezw. die Paradepost.
Aber damit ist der große Logiker noch nicht auf dem Gipfel seines Scharfsinns angelangt. Sein schlauestes Gesicht steckt er auf, wenn er schreibt: und (!) bezw. Die Besitzer und bezw. Pächter der Grundstücke werden darauf aufmerksam gemacht – die Eltern und bezw. Erzieher der schulpflichtigen Kinder werden hiermit aufgefordert – ich bitte mir angeben zu wollen, ob diese Ausgabe und beziehungsweise oder (!) andre Ausgaben auf der Bibliothek vorhanden sind usw. Sogar solche Dummheiten werden jetzt geschrieben „und bezw.“ gedruckt, und die, die sie leisten, bilden sich dabei noch ein, sie hätten sich wunder wie fein und scharf ausgedrückt! Leider ist das widerwärtige Wort, das übrigens neuerdings oft mit bezüglich vermengt wird,[176] aus der Papiersprache bereits in die lebendige Sprache eingedrungen. Nicht nur in Sitzungen und Verhandlungen muß man es hören, es ertönt auch immer häufiger auf Kathedern, und da es der Professor gebraucht, gebrauchts natürlich der Student mit, und selbst der Kaufmannsdiener sagt schon am Biertische: Sie erhalten Sonnabend abend beziehentlich (oder bezüglich!) Sonntag früh Nachricht. Schließlich wird noch der Herr Assessor, der für seine Kinder zu Weihnachten Spielzeug eingekauft hat, zur Frau Assessorin sagen: ich habe für Fritz und Mariechen eine Schachtel Soldaten beziehungsweise eine Puppe mitgebracht!
Provinzialismen
Für Provinzialismen ist in der guten Schriftsprache kein Raum, mögen sie stammen, woher sie wollen. Man spricht jetzt viel davon, daß unser Sprachvorrat aus den Mundarten aufgefrischt, verjüngt, bereichert, befruchtet werden könnte. O ja, wenn es mit Maß und Takt geschähe, warum nicht? Überzeugende Proben davon hat man aber noch nicht viel gesehen. Ein böses Mißverständnis wäre es, wenn man jeden beliebigen Provinzialismus für geeignet hielte, unsern Sprachvorrat zu „bereichern“. Meist liegt kein Bedürfnis darnach vor, man legt sich dergleichen aus Eitelkeit zu, um Aufmerksamkeit zu erregen, etwa wie irgend ein Hansnarr zu einem gut bürgerlichen Anzug einen Tiroler Lodenhut mit Hahnenfeder aufsetzt.
Namentlich sind es österreichische Ausdrücke und Wendungen (Austriazismen), die jetzt durch wörtlichen Abdruck aus österreichischen Zeitungen in unsre Schriftsprache hereingeschleppt, dann aber auch nachgebraucht werden.