Leider tauchen nur an Stelle veraltender Fremdwörter immer auch wieder neue auf. Wer hat vor dreißig Jahren etwas von Milieu gewußt? Als es aufkam, mußten auch gebildete Leute das Wörterbuch aufschlagen, um sich zu belehren, was eigentlich damit gemeint sei. Und was war es schließlich? Weiter nichts, als was man bis dahin als Hintergrund (einer Handlung, einer Erzählung) bezeichnet hatte. Neue Schiffe werden jetzt nicht mehr nach einem Muster gebaut, sondern nur noch nach einem Typ, ebenso auch schon Automobile und Orgeln. Unsre Frauen und Mädchen tragen keine Kleider oder Anzüge mehr, sondern nur noch Kostüme, die es früher nur auf dem Theater oder auf Maskenbällen gab. Wagen wurden bisher in eine Remise gestellt; die Automobile müssen natürlich etwas besondres haben, sie werden in die Garage gebracht; aber auch das ist nichts weiter als ein Schuppen. Ein neues Eigenschaftswort, das man seit kurzem täglich hört und liest, ist markant: eine markante Erscheinung, ein markanter Unterschied, eine markante Persönlichkeit, die markanteste Linie des Gesichts. Eine feine, leicht auf der Zunge zergehende Schokolade heißt im Französischen chocolat fondant; fondre heißt schmelzen. Was haben die deutschen Fabrikanten daraus gemacht? Fondantschokolade! Warum denn nicht Schmelzschokolade? Wer hat vor dreißig Jahren etwas von chic gewußt? Es ist nichts andres als unser geschickt, das nach Frankreich gegangen und in der Form chic zurückgekehrt ist und nun für fein, hübsch, nett gebraucht wird. Der Plural davon wird von unsern Geschäftsleuten chice geschrieben: chice Hüte, chice Kleider, chice Schuhe, was man wohl schicke aussprechen soll, aber doch nur schitze aussprechen kann (vgl. Vice). Zum Glück ist es neuerdings schon wieder aus der Mode gekommen. Zu einem greulichen Modewort dagegen ist eventuell geworden. Es bedeutet ja: vorkommendenfalls, ferner nötigenfalls oder möglichenfalls, je nachdem, dann immer mehr verblassend: möglicherweise, vielleicht, etwa, wohl und endlich: gar nichts. Es gibt aber eine Menge Leute, die heute kaum noch einen Satz sagen können, worin nicht eventuell vorkäme: wir könnens ja eventuell auch so machen – ich kann eventuell schon um sieben kommen. Wenn man auf der Straße aus der Unterhaltung Vorübergehender zehn Worte aufschnappt, das Wort eventuell ist sicher darunter. Aber auch der Musikschreiber sagt: etwas mehr Fülle des Tons hätte eventuell den Vortrag noch mehr unterstützt; ein Buchhändler schreibt: umstehenden Bestellzettel bitten wir eventuell direkt an die Verlagsbuchhandlung gelangen zu lassen, und Zeitungen schreiben: ein Mensch, der eine Volksschule und eventuell eine höhere Schule besucht hat – der Kreuzer X erhielt Befehl, sich eventuell zur Ausreise (!) bereit zu halten – die Regierung hat alle Maßregeln getroffen, um für einen eventuellen (!) Streik gerüstet zu sein – es war Schutzmannschaft aufgestellt, um einen eventuellen Tumult zu verhüten – der Platz soll zur eventuellen (!) Bebauung liegen bleiben. Fast überall kann man eventuell streichen, und der Sinn bleibt genau derselbe. Eine ganz neue Aufgabe erfüllt das Zeitwort interpretieren. Aus der Sprache der Philologie, wo es immer mehr zurückgegangen ist, ist es in die der Musik- und Theaterschreiber eingedrungen. Eine Rolle auf der Bühne wird nicht mehr gespielt, ein Musikstück nicht vorgetragen, ein Lied nicht gesungen – es wird alles interpretiert: Strauß wird die Lieder selbst dirigieren, Frau B. wird Interpretin sein – der Künstler hat durch die Interpretation dieses Liedes einen Beweis seines hervorragenden Könnens (!) erbracht(!) usw. An Stelle der Sensationen sind neuerdings die Attraktionen getreten, das Konzertprogramm hat man zwar in Vortragsordnung „übersetzt“, aber in dieser „Vortragsordnung“ erscheint nun statt des ehemaligen Potpourris die Selektion, und dafür hat man den guten Theaterzettel in Theaterprogramm verwandelt, wenigstens in Leipzig, wo die Jungen jetzt abends am Theater ausrufen: Deeaderbroogramm gefällig? Kunst- und Kunstgewerbemuseen veranstalten jetzt mit Vorliebe retrospektive Ausstellungen. Wieviele Leute, die in solche Ausstellungen laufen, mögen wissen, was retrospektiv heißt? Ein Friedhof hat in Sachsen seit einiger Zeit keine Leichenhalle mehr, sondern eine Parentationshalle! Wieviel Leute, auch gelehrte Leute, mögen wissen, was parentare und parentatio heißt, wissen, daß das heidnische Begriffe sind, die auf unsre Friedhöfe gar nicht passen?
Ganz widerwärtig ist es, wie unsre Sprache neuerdings mit englischen Sprachbrocken überschüttet wird. Da wird das kleine Kind Baby genannt, und die Bedürfnisse für kleine Kinder kauft man im Babybasar, ja im zoologischen Garten ist sogar ein Elefantenbaby zu sehen! Ein Frauenkleid, das der Schneider gemacht hat, wird als tailor-made bezeichnet, eine Schauspielerin oder Sängerin, die Aufsehen erregt, wird als Star gefeiert, Buchhändler reden von Standard-Werken, unsre Schuhe werden aus Boxcalf gemacht (wenn nicht noch lieber aus Chevreau), an allen Mauern, Wänden und Schaufenstern schreit uns das Wort Sunlight-Seife entgegen, das die Fabrikanten den deutschen Dienstmädchen zuliebe neuerdings sogar in Sunlicht-Seife (!) geändert haben, ein andrer Fabrikant preist seine Safety-Füllfedern an, und an den Anschlagsäulen heißt es, daß in dem oder jenem Tingeltangel fife sisters oder fife brothers auftreten werden. Und dabei rühmt eine bekannte Fabrik von Teegebäck in Hannover, daß ihr Fabrikat der (!) beste Buttercakes sei! Eine deutsche Mutter sollte sich schämen, ihr Kind Baby zu nennen. Was würden unsre guten Freunde, die Engländer, sagen, wenn ein englischer Fabrikant wagen wollte, Sonnenlicht Soap anzupreisen!
Unsre Kanzleisprache hat sich im Laufe eines Jahrhunderts gewaltig gereinigt. Noch 1810 konnte ein deutsches Stadtgericht an das andre schreiben: „Ew. Wohlgeboren werden in subsidium juris et sub oblatione ad reciproca ergebenst ersucht, die anliegende Edictalcitation in Sachen des Kaufmanns R. daselbst loco consueto affigiren zu lassen und selbige effluxo termino cum documentis aff- et refixionis gegen die Gebühr zu remittiren.“ Heute hat sich, wenigstens unter den höhergebildeten Beamten, doch fast allgemein die Einsicht Bahn gebrochen, daß das beste und vornehmste Amtsdeutsch das sei, das die wenigsten Fremdwörter enthält. Nur der kleine Unterbeamte, der Folium und Volumen, Repositorium und Repertorium nicht unterscheiden kann, der eine Empfangsbescheinigung eine Rezepisse nennt und vom Makulatieren der Akten redet, weil er einmal von Makulatur gehört hat, tut sich noch etwas zugute auf ein sub oder ad (das gehört unter sub A, sagt er), auf ein a. c. (anni currentis), ein eodem die, ein s. p. r. (sub petito remissonis), ein cf. pg. (confer paginam) u. dgl.; er fühlt sich gehoben, wenn er solche geheimnisvolle Zeichen in die Akten hineinmalen kann.
Wundern muß man sich, daß die Männer der Wissenschaft, bei denen man doch die größte Einsicht voraussetzen sollte, fast alle noch in dem Wahne befangen sind, daß sie durch Fremdwörter ihrer Sache Glanz und Bedeutung geben könnten. Auf den Universitätskathedern und in der fachwissenschaftlichen Literatur, da steht die Fremdwörterei noch in voller Blüte. Der deutsche Professor glaubt immer noch, daß er sich mit editio princeps, terra incognita, eo ipso, bona fide, Publikation, Argumentation, Modifikation, Akquisition, Kontroverse, Resultat, Analogie, intellektuell, individuell, identisch, irrelevant, adäquat, edieren, dokumentieren, polemisieren, modifizieren, identifizieren, verifizieren vornehmer ausdrücke als mit den entsprechenden deutschen Wörtern. Er fühlt sich wunderlicherweise auch gehoben (wie der kleine Rats- und Gerichtsbeamte), wenn er lexikalisches Material sagt statt Wortschatz, wenn er von heterogenen Elementen, intensiven Impulsen, prägnanten Kontrasten, approximativen Fixierungen oder einer aggressiven Tendenz, einem intellektuellen oder moralischen Defekt, einem Produkt destruktiver Tendenzen redet, wenn er eine Idee ventiliert, statt einen Gedanken zu erörtern, wenn er von einem Produkt der Textilkunst die Provenienz konstatiert, statt von einem Erzeugnis der Weberei die Herkunft nachzuweisen, wenn er schreibt: es kommt fast nie vor, daß gutartige Polypen recidivieren (statt: wiederkehren) – die Autopsie konstatierte die Existenz eines sanguinolent tingierten Serums im Perikardium (statt: bei der Öffnung der Leiche zeigte sich, daß der Herzbeutel blutig gefärbte Flüssigkeit enthielt).[179] Und der Student macht es ihm leider meist gedankenlos nach; die wenigsten haben die geistige Überlegenheit, sich darüber zu erheben. In der Sprache aller Wissenschaften gibt es ja gewisse Freimaurerhändedrücke, an denen sich die Leute von der Zunft erkennen. Wie stolz ist der Student der Kunstgeschichte, wenn er zum erstenmale Cinquecento sagen kann! Zwei Semester lang tut er, als ob er sechzehntes Jahrhundert gar nicht mehr verstünde. Wie stolz ist er, wenn er das Wort konventionell begriffen hat! Mit der größten Verachtung blickt er auf die gesamte Kunst aller Zeiten und Völker herab, denn mit Ausnahme der Kunst der letzten drei Jahre ist ja alles – konventionell. Und wenn er dann sein Dissertatiönchen baut, wie freut es ihn, wenn er alle die schönen vom Katheder aufgeschnappten Wörter und Redensarten darin anbringen kann! Man kennt den Rummel, man ist ja selber einmal so kindisch gewesen. Dabei begegnet es aber auch sehr gelehrten Herren, daß sie die Verneinung von normal frischweg anormal bilden, also das sogenannte Alpha privativum des Griechischen vor ein lateinisches Wort leimen, statt anomal (griechisch!) oder abnorm (lateinisch!) zu sagen. Was ist in der letzten Zeit von anormalem Denken, anormalem Empfinden, anormalen Trieben geschwafelt worden! Es begegnet auch sehr gelehrten Herren, daß sie von Prozent ein Eigenschaftswort prozentuell bilden (als ob centum „nach der vierten“ ginge, einen u-Stamm hätte wie accentus!), statt prozentisch zu sagen, daß sie indifferent schreiben, wo sie undifferenziert meinen u. dgl.
Besonders stolz auf ihre Fremdwörterkenntnis sind gewöhnlich die Herren „Pädagogen“, d. h. die Volksschullehrer, die sich nicht mit dem Seminar begnügt, sondern nachträglich noch ein paar Semester an den Brüsten der Alma mater gesogen haben. Schon daß sie sich immer Pädagogen nennen, ist bezeichnend. Lehrer klingt ihnen nicht wichtig genug. Daß ein Pädagog etwas ganz andres ist als ein Lehrer, daran denken sie gar nicht. Wenn so ein Pädagog einen Vortrag hält oder einen Aufsatz schreibt über die Aufgaben oder vielmehr die Probleme (!) des Unterrichts in der Klippschule, dann regnet es nur so von exakt, theoretisch, empirisch, empiristisch, didaktisch, psychisch, psychologisch, ethisch, Lustrum, Dezennium, Koedukation usw. Aus diesen Kreisen ist dann auch in andre Kreise der Unsinn verpflanzt worden, von Klavier- und Gesangpädagogen zu reden. Wieck, der Vater der Klara Schumann, der bekanntlich in Leipzig Klavierstunden gab, wird stets „der hervorragende Klavierpädagog“ genannt. Vielleicht erleben wir auch noch Geigen-, Posaunen- und Fagottpädagogen.
Weniger zu verwundern ist der Massenverbrauch von Fremdwörtern bei den Geschäftsleuten. Sie stecken infolge ihrer Halbbildung am tiefsten in dem Wahne, daß ein Fremdwort stets vornehmer sei als das entsprechende deutsche Wort. Weil auf sie selbst ein Fremdwort einen so gewaltigen Eindruck macht, so meinen sie, es müsse diesen Eindruck auf alle Menschen machen. Ein Kapitel, das von Jahr zu Jahr beschämender für unser Volk wird, bilden die Warennamen, die, wohl meist von den Fabrikanten der Waren oder von ebenso unfähigen Helfern ersonnen, uns täglich in Zeitungen und Wochenblättern anschreien. Namentlich auf dem Gebiete der Arznei- und Toilettenmittel, aber auch auf andern Gebieten, wie dem der Beleuchtungsmittel, der Kraftfahrzeuge, der Musikmaschinen, der photographischen Artikel, der „alkoholfreien“ Getränke usw., wimmelt es davon. Von vernünftigen Sprachgesetzen, nach denen sich doch auch solche Namen bilden ließen, ist gar keine Rede mehr. Die Zeiten, wo ein Chemiker oder ein Techniker, der einen neuen Namen brauchte, einen Philologen zu Rate zog, sind längst vorüber. Jeder Fabrikant hält sich heute für berechtigt und befähigt, solche Namen zu bilden; er nimmt ein paar – Stämme oder Wurzeln, kann man gar nicht sagen, sondern Stammsplitter oder Wurzelfetzen – von irgendwelchen griechischen oder lateinischen Wörtern und leimt sie aneinander, klebt auch vielleicht noch eine der aus der Chemie bekannten oder sonst beliebten Endungen daran (ol, il, it, in usw.), und der Name ist fertig. Man denke nur an Wörter wie Odol, Pektol, Javol, Virisanol, Antirheumol, Pomeril, Frutil, Fortisin, Antinervin, Bioferrin, Hämoglobin, Sanatogen, Kantophon, Solvolith, Photonox, Humidophor, Pianola, nicht zu reden von solchen Albernheiten wie Velotrab, Biomalz, Abrador, Waschifix u. a.[180] Die Verrücktheit geht so weit, daß man sogar die Namen der Orte zu Hilfe nimmt, wo die Waren fabriziert werden, und Namen bildet wie Thürpil (Thüringer Pillen!), ja daß man die Anfangsbuchstaben des in der Regel ja sehr breitspurigen Namens der Anstalt oder Fabrik, aus der die Ware hervorgeht, oder anderer beliebiger Wörter zu einem scheinbaren Wort aufreiht, das in Wahrheit nichts als ein bloßer Lauthaufe ist, ja daß man sogar aus ganz beliebigen Lauten solche Lauthaufen bildet! Tet roia aga simi dalli perco aok degea ohno pilo agfi wuk afpi tita maggi oxo ciba pebeco densos – klingt das nicht wie Sprache der Herero oder der Wahehe? Das alles sind deutsche Warennamen! Ein Glück, daß die meisten nur ein kurzes Dasein fristen. Sie flackern zu irgendeiner Zeit plötzlich auf, verlöschen aber bald wieder wie Lämpchen, denen das nötige Öl fehlt. Leider drängen sich aber an die Stelle jedes verschwindenden sofort wieder zwei oder drei neue. Man kann nur hoffen, daß der ganze Blödsinn schließlich einmal an sich selber zugrunde gehen werde.
Eine Menge Fremdwörter schleppen sich in der Zeitungssprache fort. In der Zeit der Befreiungskriege redete man viel von Monarchen; bei Leipzig erinnert noch der Monarchenhügel daran. Heute dient der Monarch nur noch dem Zeitungschreiber zur Abwechselung und als Ersatz für das persönliche Fürwort er, das er sich von einem gekrönten Haupte nicht zu gebrauchen getraut: heute vormittag empfing der Kaiser den Prinzen X; bald darauf stattete der Monarch dem Prinzen einen Gegenbesuch ab – der Katarrh des Kaisers ist noch im Zunehmen begriffen, doch ist das Befinden des Monarchen befriedigend – es steht jetzt fest, daß die angedeutete Besprechung des Königs nicht stattgefunden hat, der Monarch also gar nicht in der Lage gewesen ist, sich zu äußern – der König nahm heute an der Familientafel teil, nach der Tafel besuchte der Monarch die Gartenbauausstellung – der König wurde aufs Rathaus geleitet, wo der Bürgermeister den Monarchen erwartete – Frl. R. überreichte dem König ein Bukett, wofür der Monarch freundlich dankte. Lieblingswörter der Zeitungssprache sind: Individuum, Panik, Affäre, Katastrophe. Wenn ein Kerl einen Mordversuch gemacht hat, heißt er stets ein Individuum. Ein großer Schrecken in einer Volksmasse oder im Theater wird stets als Panik bezeichnet; ob der Zeitungschreiber wohl eine Ahnung davon hat, woher das Wort stammt? Einen großen Unglücksfall nennt er stets eine Katastrophe: da gibt es Eisenbahn-, Schiffs- und Bootskatastrophen, Erdbeben- oder Vulkankatastrophen, Brandkatastrophen, Überschwemmungskatastrophen, Grubenkatastrophen, sogar Unglückskatastrophen! Er redet auch stets von einer Duellaffäre, einer Säbelaffäre, einer Messeraffäre, einer Giftmordaffäre. Einen gemeinen Betrüger bezeichnet er vornehm als Defraudanten. Wenn sich einer in einem Hotel erschießt, so gibt das stets eine Detonation, dann findet man das Projektil, das Motiv der Tat ist aber gewöhnlich unbekannt. Gerade gegenwärtig schwelgen die Zeitungschreiber wieder – im Leitartikel wie im Feuilleton – ärger denn je in Fremdwörtern. Es ist, als ob es ihnen förmlich Spaß machte, die Puristen zu ärgern und ihnen zu zeigen: wir scheren uns den Kuckuck um eure Bestrebungen! Der Kohlenkonsum figuriert bei der Rentabilität als Bagatelle – von solchen Sätzen sind die Zeitungen wieder voll. Es war schon einmal besser geworden.
Könnte man doch nur den Aberglauben loswerden, daß das Fremdwort vornehmer sei als das deutsche Wort, das momentan vornehmer klinge als augenblicklich, transpirieren vornehmer als schwitzen (der Hufschmied bei seiner Arbeit schwitzt bekanntlich, aber der Herr im Ballsaal transpiriert!), professioneller Vagabund vornehmer als gewerbsmäßiger Landstreicher, ein elegant möbliertes Garçonlogis vornehmer als ein fein ausgestattetes Herrenzimmer, konsequent ignorieren vornehmer als beharrlich unbeachtet lassen, daß ein Eleve etwas vornehmeres sei als ein Lehrling (Apotheker, Banken usw. suchen stets Eleven!), ein Collier etwas vornehmeres als ein Halsband oder eine Halskette![181] Schon der Umstand, daß wir für niedrige, gemeine Dinge so oft zum Fremdwort greifen, sollte uns von diesem Aberglauben befreien. Oder wäre perfid, frivol, anonymer Denunziant nicht zehnmal gemeiner als treulos, leichtfertig, ungenannter Ankläger? Und stehen noble Passionen nicht tief unter edeln Leidenschaften? Um etwas niedriges zu bezeichnen, dazu sollte uns das Fremdwort gerade gut genug sein.[182]
Aber auch unklar, verschwommen, vieldeutig sind oft die Fremdwörter. Was wird nicht alles durch konstatieren ausgedrückt! Feststellen, behaupten, erklären, wahrnehmen, beobachten, nachweisen – alles legt man in dieses alberne Wort! Da ist wieder etwas überraschendes zu konstatieren – was heißt das anders als: da macht man wieder eine überraschende Wahrnehmung oder Beobachtung?[183] Was soll intensiv nicht alles bedeuten: groß, stark, lebhaft, heftig, eifrig, kräftig, genau, scharf, straff! Man nutzt die Zeit intensiv aus, lernt ein Volk intensiv kennen, bespricht eine Rechenaufgabe intensiv usw. Was soll direkt nicht alles bedeuten! Bald unmittelbar (die direkte Umgebung von Leipzig, eine Ware wird direkt bezogen, einer ist der direkte Schüler des andern, ein Aufsatz wird unter direkter Beteiligung des Kanzlers geschrieben), bald gleich (sie gingen direkt von der Arbeit ins Wirtshaus), bald dicht oder nahe (der Gasthof liegt direkt am Bahnhof), bald gerade (die Straße führt direkt nach der Ausstellung), bald geradezu (die Verschiedenheit der Darstellung wird als direkt störend empfunden – die Stelle wirkt in dieser Fassung direkt erschütternd – die Dichtung ist in ihrer Art direkt klassisch – die evangelische Kirche ist hier in direkt falschem Licht dargestellt), bald genau (soll ich denn direkt um sieben kommen?), bald wirklich (bist du in Berlin gewesen, direkt in Berlin?), bald nur (Ihre Bibliothek hat also direkt wissenschaftliche Werke?). Eine Berlinerin ist imstande, zu ihrem ungezognen Bengel zu sagen: was hast du da gemacht? das ist direkt ein Fettfleck! oder: wirst du direkt folgen? wirst dus direkt wieder aufheben? Was für ein unklares Wort ist Konsequenz! Bald soll es Folge heißen (die Konsequenzen tragen), bald Folgerung (die Konsequenzen ziehen). Was für ein unklares Wort ist Tendenz! Bald soll es Bestrebung bedeuten, bald Absicht, bald Richtung, bald Neigung. Was für ein unklares Wort ist System! Man spricht von einem philosophischen System und meint eine Lehre oder ein Lehrgebäude, von einem Röhrensystem und meint ein Röhrennetz, von einem Festungssystem und meint einen Festungsgürtel, von einem Achsensystem und meint ein Achsenkreuz, von einem Sternsystem und meint eine Sterngruppe, von einem Verwaltungssystem und meint die Grundsätze der Verwaltung, von einem Sprengwagen System Eckert und meint die Bauweise, ja man kann nicht ein Hemd auf den Leib ziehen, ohne mit einem System in Berührung zu kommen, entweder dem System Prof. Dr. Jäger (!) oder dem System Lahmann oder dem System Kneipp – was mag sich die Verkäuferin im Wolladen unter all diesen Systemen denken? Man sagt: hier fehlt es an System, und meint Ordnung oder Plan, man spricht von systematischem Vorgehen und meint planmäßiges. Dazu wird System fort und fort verwechselt mit Prinzip und mit Methode (auf derselben Seite spricht derselbe Schriftsteller bald von Germanisierungssystem, bald von Germanisierungsmethode). Wie kann man den Reichtum des Deutschen so gegen die Armut des Fremden vertauschen! Das Erstaunlichste von Vieldeutigkeit und infolgedessen völliger Inhaltlosigkeit sind wohl die Wörter Interesse, interessant und interessieren. Vor kurzem hat jemand in einer großen Tabelle alle möglichen Übersetzungen dieser Wörter zusammengestellt. Da zeigte sich, daß es kaum ein deutsches Adjektiv gibt, das nicht durch interessant übersetzt werden könnte! Ein so nichtssagendes „Bummelwort“ sollte doch anständigerweise in keinem Buche und keinem Aufsatze mehr vorkommen.
Aus der Unklarheit, die durch die Fremdwörter großgezogen wird, entspringen dann auch so alberne Verbindungen wie: vorübergehende Passanten, dekorativer Schmuck, neu renovierter Saal, Grundprinzip, Einzelindividuum, Attentatsversuch, defensive Abwehr, numerische Anzahl, gemeinsame Solidarität, charakteristisches Gepräge (in der Kunst und Literaturschreiberei äußerst beliebt!), ausschlaggebendes Moment u. ähnl. Nicht einmal richtig geschrieben werden manche Fremdwörter. Wir Deutschen lassen uns keine Gelegenheit entgehen, über den Fremden zu spotten, der ein deutsches Wort falsch schreibt. Aber machen wir es denn besser? Nicht bloß der kleine Handwerker setzt uns eine Vetterage oder eine Lamperie auf die Rechnung statt einer Vitrage oder eines Lambris, sondern auch der Zeitungschreiber schreibt beharrlich Plebiscit, Diaspora, Atmosphäre (sogar Athmosphäre), Proſelyten statt Plebiſcit, Diaſpora, Atmoſphäre, Proselyten. Wer Griechisch versteht, dem kommt doch Diaspora und Proſelyten so vor, wie wenn einer Schnürstiefel und Halſtuch schriebe! Auf Leipziger Ladenschildern liest man in zehn Fällen kaum einmal richtig Email, überall steht Emaille, ein Wort, das es gar nicht gibt! Drogue und Droguerie werden sogar amtlich in der „neuen Orthographie“ Droge und Drogerie geschrieben, als ob sie wie Loge und Eloge ausgesprochen werden sollten; man ließe sich noch Drogerei gefallen, aber -erie ist doch eine französische Endung! Wie lange wird man noch posthum mit dem törichten h schreiben! Man kann darauf wetten, daß die meisten dabei nicht an postumus, sondern an humus denken. Ganz glücklich sind die Leute, wenn sie in einem Fremdwort ein y anbringen können; gewöhnlich tun sies aber gerade an der falschen Stelle, wie in Sphynx, Syphon, Logogryph usw.