Manche Fremdwörter berauschen die Menschen offenbar durch ihren Klang, wie glorreich (in Leipziger Festreden chlorreich gesprochen), historisch, Material, Element, Moment, Faktor, Charakter, Epoche und die zahlreichen Wörter auf ion. Material wird in ganz abscheulicher Weise gebraucht: man redet nicht bloß von Pferdematerial, sondern auch von Menschenmaterial, Kolonistenmaterial, sogar Referendarmaterial! Streicht man das Material, so bleibt der Sinn derselbe und der Ausdruck verliert zwar seine klangvolle Breite, aber auch seinen ganz unnötig geringschätzigen Nebensinn. Zu den nichtsnutzigsten Klingklangwörtern gehören Element, Moment (das Moment!) und Faktor, sie werden ganz sinnlos mißbraucht. Es sind ja eigentlich lateinische Wörter (elementum, momentum, factor); wenn man aber einen Satz, worin eins von ihnen vorkommt, in wirkliches Latein übersetzen wollte, könnte man meist gar nichts besseres tun, als die Wörter einfach – weglassen. Liberale Elemente, bedenkliche, unzuverlässige, gefährliche Elemente – das ist doch nichts andres als Männer, Menschen, Leute. Glücklicherweise bildeten die anständigen Elemente die Majorität – das heißt doch nichts weiter als: die anständigen Leute bildeten die Mehrheit. Moment wie Faktor aber bedeutet in den meisten Fällen weiter nichts als res, aliquid, und auch mit Element ist es oft nicht anders. Da will einer sagen: trotz aller Erfahrungen im Seekrieg ist der Torpedo noch immer etwas neues. Das drückt er so aus: trotz aller Erfahrungen im Seekrieg ist der Torpedo noch immer ein neues Element oder ein neues Moment oder ein neuer Faktor – nun klingt es! Hier sind drei Momente zu berücksichtigen, oder hier wirken drei Faktoren zusammen – bei Lichte besehen ist es weiter nichts als: dreierlei (tria). Das wichtigste Moment – es ist schlechterdings nichts andres als das Wichtigste. Der Stock hat von jeher Freud und Leid mit den Menschen geteilt: dies Moment findet in der Glocke einen ergreifenden Ausdruck – wenn diejenigen Momente in den Vordergrund gestellt werden, die für die Technik von Wert und Interesse sind – die Feinhörigkeit ist von osteologischen Momenten abhängig – die Studentenauffahrt mit ihren bunten, malerischen Momenten entrollte ein interessantes akademisches (!) Bild – die gestrige Stadtverordnetensitzung bot verschiedne interessante Momente – bei jedem entstehenden Reichtum ist die Arbeit ein mitwirkender Faktor – sind nicht Moment und Faktor hier ganz taube, inhaltleere Wörter? Bisweilen kann man wohl Moment durch Umstand, Tatsache, Zug, Seite wiedergeben, ebenso Faktor bisweilen durch Macht, Kraft, Mittel, aber in den meisten Fällen ist es nichts als: etwas; ein beunruhigendes Moment, ein differenzierendes Moment – es sind doch nur gespreizte wichtigtuerische Umschreibungen von Beunruhigung und Unterschied.[184] Nicht viel anders ist es mit Charakter. Diese Festlichkeiten haben deshalb einen wertvollen und interessanten Charakter – was bedeutet das anders als: sie sind deshalb wertvoll? Die Raumbildung ist der wesentlichste Faktor, der dem Architekten zur Verfügung steht. Daneben ist ein zweiter, sehr wichtiger Faktor, um (!) einem Raum individuellen Charakter zu geben, die Art seiner Beleuchtung. Das dritte Charakterisierungsmoment, das dem Architekten zur Verfügung steht, ist die Farbengebung. In solch albernem Schwulst wird jetzt der einfache Gedanke ausgedrückt: der Architekt wirkt durch drei Mittel: Raum, Licht und Farbe! Historisch (d. h. geschichtlich oder geschichtswissenschaftlich) wird jetzt unsinnigerweise für alt oder altertümlich gebraucht. Man gibt Konzerte mit historischen Blasinstrumenten (zu dumm!), schießt auf der Schützenwiese mit historischen Armbrüsten, bildet Fanfarenbläser in historischer Tracht ab, schwärmt von der alten, historischen Markgrafenstadt Meißen und preist die althistorischen Sehenswürdigkeiten von Augsburg an. Ganz arg ist auch der Mißbrauch, der mit Epoche getrieben wird, namentlich in den Schriften neuerer Geschichtschreiber. Epoche (ἐποχή) bedeutet Haltepunkt, in der Geschichte ein Ereignis, das einen wichtigen Wendepunkt gebildet hat. So brauchen noch unsre Klassiker bisweilen das Wort. Schiller nennt noch ganz richtig die Geburt Christi eine Epoche, das Ereignis selbst, nicht etwa die Zeit des Ereignisses! Die Epoche der Weltliteratur ist an der Zeit – sagte Goethe zu Eckermann. Daher stammt ja auch die Verbindung epochemachend, d. h. einen Wendepunkt bezeichnend. Das Wort ist dann auf die Zeit selbst übertragen worden – worin allerdings schon der alte Goethe erkleckliches geleistet hat –, und heute bezeichnet man jeden beliebigen Zeitabschnitt, klein oder groß, wichtig oder unwichtig, als Epoche. Für Zeit kennen unsre Geschichtschreiber gar kein andres Wort mehr, sie verwechseln es auch fortwährend mit Periode,[185] reden sogar von Zeitepoche, unaufhörlich pochpochpocht es durch ihre Darstellungen! Aber auch die Jahre, in denen ein tüchtiger Rektor eine Schule geleitet hat, werden schon eine der inhaltreichsten Epochen der Schule genannt! Auch Generation hats den Leuten angetan, obwohl es zu den zahlreichen unklaren Fremdwörtern gehört, denn es bedeutet ja Geschlecht und auch Menschenalter; man kann zuweilen geradezu lesen von der Generation, die vor drei Generationen gelebt hat! Aber es klingt, und das ist die Hauptsache. Wenn sich bei einer großen Festtafel nach dem zweiten Gange, wo der Wein schon zu wirken anfängt, einer erhebt, und nachdem er einigemal mit glorreiche Epoche, Moment, Faktor, zielbewußt, unentwegt um sich geworfen hat, schließlich, ehe er „in diesem Sinne“ sein Glas leert, noch einmal donnert: von Generatiooon zu Generatiooon! so muß ja alles auf dem Kopfe stehen vor Entzücken. Von Geschlecht zu Geschlecht – damit tut man keine Wirkung.

Im Grunde ist die Fremdwörterfrage eine Frage der Bildung und des guten Geschmacks. Man könnte mit Rücksicht auf den Gebrauch unnötiger Fremdwörter die Deutschen in drei Bildungsklassen einteilen: die unterste Klasse gebraucht die Fremdwörter falsch, die mittlere gebraucht sie richtig, die oberste gebraucht sie – gar nicht. Daneben gibts natürlich Misch- und Zwischenklassen, aber die Hauptklassen sind doch diese drei.

Der gewöhnliche Mann aus dem Volke weiß in den meisten Fällen gar nicht, daß er Fremdwörter gebraucht. Woher sollte ers auch wissen? In eine fremde Sprache hat er nie hineingeblickt, über seinen Wortschatz macht er sich keine Gedanken, entweder versteht er ein Wort, oder er versteht es nicht – die Fremdwörter versteht er meist nicht; ob die Wörter, die er gebraucht, deutsch sind oder einer fremden Sprache angehören, vermag er nicht zu beurteilen. In Leipzig ist z. B. dem kleinen Handwerker und Krämer, dem untern Beamten, dem Kutscher, dem Packträger, dem Kellner das Wort zurück fast unbekannt. Wenns ers gedruckt liest, versteht ers wohl, aber seinem Wortschatze gehört es nicht an, er kennt nur das Wort reduhr (retour), das ist für ihn deutsch! Er sagt: ich kriege zehn Fennche reduhr – schiebe mal de Karre reduhr – um zehne fahrmer reduhr – Müller is in seinem Jeschäfte redurjekommen (denn auch in Leipzig wird jetzt vielfach jesehen, jekommen gesagt). So gibt es noch eine Menge von Fremdwörtern aus dem täglichen Leben, die er ganz richtig gebraucht, die aber eben für ihn so gut wie deutsche Wörter sind, wie Gongerrenz (Konkurrenz), degerieren (dekorieren), mummendahn, orchinell u. a. Die meisten aber gebraucht er falsch oder halbfalsch: entweder er verdirbt oder verstümmelt ihre Form, oder er wendet sie in falscher Bedeutung an, oder er verwechselt zwei miteinander: er sagt absorbieren, wo er absolvieren meint (meine Tochter hat die höhere Töchterschule absorbiert), er fordert Reduzierung der Arbeitslöhne (statt Regulierung) und erbietet sich, wenn er eine Stelle sucht, Primadifferenzen vorzulegen, spricht von rabiater Geschwindigkeit (statt von rapider) und von der Gefahr, die es hat, wenn ein Schlaganfall repartiert (statt repetiert), verwechselt luxuriös und lukrativ (wir können nicht so lukrativ bauen wie die reichen Leute), versteht intakt als in Takt, gebraucht irritieren in dem Sinne von irre machen, stören, leitet affektiert von Affe ab, bringt überall ein bißchen „französische“ Aussprache an: Orschester, Sanktimeter, Parangthese, Deelephong, Biweh (Büfett!), Serwih (Service), Dabbeldooh und prophezeit von einem neuen Konzertsaal: wenn er ene gute Renässangs (Resonanz) kriegt, kriegt er ooch ene gute Augustik (Akustik).

Nun die mittlere Klasse. Das sind die, die sich so viel Kenntnis fremder Sprachen angeeignet haben, daß sie von einer großen Anzahl von Fremdwörtern die Ableitung, die eigentliche Bedeutung kennen, auf diese Wissenschaft (wenn sie sich mit den unter ihnen stehenden vergleichen, die Gratifikation und Gravitation verwechseln) sehr stolz sind und ihre hohe Bildung nun durch möglichst häufigen Gebrauch von Fremdwörtern an den Tag zu legen suchen. Das ist die gefährliche Klasse. Sie werfen sich in die Brust und meinen, sie hätten wunder was gesagt, wenn sie von lokalem Konsum reden, statt von örtlichem Verbrauch.

Über dieser aber gibt es noch eine dritte Klasse. Es ist ein Zeichen höchster und vornehmster Bildung, wenn man durch die Erlernung fremder Sprachen zugleich seine Muttersprache so hat beherrschen lernen, daß man die fremden Flicken und Lappen entbehren, daß man wirklich deutsch reden kann.

Alphabetisches Wortregister