Viktor hatte nichts davon verstanden. Er glaubte, die Erde drehe sich um eine lange Nadel, und der Äquator sei ein Ring, der ihren Umfang fest umschließe.
Mit Hilfe eines Atlas erklärte Pécuchet ihm Europa; doch war Viktor von so viel Linien und Farben wie geblendet und fand sich in den Namen nicht zurecht. Die Becken und Gebirge deckten sich nicht mit den Reichen, die politische Ordnung störte die physikalische. Das alles würde ihm vielleicht durch das Studium der Geschichte klar werden.
Es wäre am praktischsten gewesen, mit dem Dorfe anzufangen, darauf den Stadtkreis, den Verwaltungsbezirk, die Provinz vorzunehmen. Doch Chavignolles besaß keine Annalen, man mußte sich wohl oder übel an die allgemeine Geschichte halten. Da sie so mit Stoff überladen ist, darf man nur das Schönste auswählen. Aus der griechischen Geschichte kommt in Betracht: „Wir werden im Schatten kämpfen.“ Der Neidische, der Aristides verbannte, und das Vertrauen Alexanders zu seinem Arzt. Aus der römischen: die Gänse des Kapitols, der Dreifuß Scävolas, das Faß des Regulus. Das Rosenbett von Guatimozin ist für Amerika von Bedeutung. Frankreich dagegen hat die Vase von Soissons, die Eiche des heiligen Ludwig, den Tod der Jungfrau von Orleans, das „Huhn im Topf“ des Bearners: man hat nur die Verlegenheit der Wahl, ganz abgesehen von „A moi, Auvergne!“ und dem Untergang des „Vengeur“.
Viktor warf die Männer, die Jahrhunderte und die Länder durcheinander. Indessen mutete ihm Pécuchet keine feinsinnigen Betrachtungen zu, und die Unmenge der Tatsachen bildete ein wahres Labyrinth.
Er wandte sich dem Namenregister der französischen Könige zu. Viktor vergaß sie, da er die Daten nicht wußte. Doch da die Mnemotechnik Dumouchels ihnen nichts genützt hatte, was sollte sie ihm helfen! Schlußfolgerung: die Geschichte läßt sich nur durch vieles Lesen erlernen. Er sollte also lesen.
Das Zeichnen ist bei einer Menge von Gelegenheiten von Nutzen; nun hatte Pécuchet die Kühnheit, selbst nach der Natur Zeichenunterricht zu geben, wobei er sich sogleich an die Landschaft machte.
Ein Buchhändler in Bayeux übersandte ihm Papier, Gummi, zwei Zeichenblöcke, Bleistifte und Fixativ für ihre Werke, die hinter Glas und Rahmen das Museum schmücken sollten.
Sie erhoben sich bei Tagesanbruch und machten sich mit einem Stück Brot in der Tasche auf den Weg, und viel Zeit ging mit dem Suchen nach einem Motiv verloren. Pécuchet wollte zugleich wiedergeben, was sich unter seinen Füßen befand, den fernsten Horizont und die Wolken; aber die Ferne erdrückte immer den Vordergrund; der Fluß stürzte vom Himmel herab, der Hirt trat auf die Herde, ein schlafender Hund sah aus, als ob er davonliefe. Pécuchet selbst verzichtete auf das Zeichnen; er erinnerte sich, folgende Definition gelesen zu haben: „Die Zeichenkunst besteht aus drei Dingen: der Linie, der starken Schattierung, der feinen Schattierung, außerdem aus dem letzten vollendeten Strich. Doch diesen letzten vollendeten Strich vermag nur ein Meister hervorzubringen.“ Er verbesserte die Linie, leistete beim starken Schattieren Hilfe, überwachte die feine Schattierung und wartete auf die Gelegenheit, den letzten vollendeten Strich anzubringen. Sie kam niemals, so unverständlich war die Landschaft des Schülers.
Seine Schwester, die ebenso faul war wie er, gähnte beim Einmaleins. Fräulein Reine gab ihr Schneiderstunde, und wenn sie Wäsche zeichnete, hob sie ihre Finger so niedlich, daß Bouvard dann später nicht das Herz hatte, sie mit seiner Rechenstunde zu quälen. An einem der nächsten Tage würden sie wieder damit anfangen. Ohne Zweifel sind Rechen- und Schneiderkunst im Hauswesen notwendig; doch sei es grausam, so meinte Pécuchet, die Mädchen nur im Hinblick auf ihren späteren Gatten zu erziehen. Alle sind nicht für Hymens Bande bestimmt; wenn man will, daß sie später ohne Männer fertig werden sollen, muß man ihnen mancherlei beibringen.
Man kann Wissenschaft bei Gelegenheit der alltäglichen Dinge eintrichtern: zum Beispiel sagen, woraus der Wein besteht, und nachdem die Erklärung gegeben war, mußten Viktor und Viktorine sie wiederholen. Mit den Gewürzen, den Möbeln, der Beleuchtung hielt man es ebenso; aber das Licht war für die Kinder die Lampe, und sie hatte nichts mit dem Funken des Feuersteins, der Flamme einer Kerze, dem Schein des Mondes gemein.