Emma saß ihm gegenüber und beobachtete ihn. An seine Demütigung dachte sie nicht. Ihre Gedanken arbeiteten in andrer Richtung. Wie hatte sie sich nur einbilden können, daß sich ein Mann seines Schlages zu einer Leistung aufschwänge, wo sich seine Unfähigkeit doch schon mehr als ein dutzendmal erwiesen hatte!
Er lief im Zimmer auf und ab. Seine Stiefel knarrten.
„Setz dich doch!“ sagte sie. „Du machst mich noch ganz verrückt!“
Er tat es.
Wie hatte sie es nur fertig gebracht — wo sie doch so klug war! —, daß sie sich abermals so getäuscht hatte? Aber ja, ihr ganzer Lebenspfad war doch fortwährend durch das traurige Tal der Entbehrungen gegangen. Wie vom Wahnwitz geleitet! Sie rief sich alles einzeln ins Gedächtnis zurück: ihren unbefriedigten Hang zum Lebensgenuß, die Einsamkeit ihrer Seele, die Armseligkeit ihrer Ehe, ihres Hausstandes, ihre Träume und Illusionen, die in den Sumpf hinabgefallen waren wie verwundete Schwalben. Sie dachte an alles das, was sie sich ersehnt, an alles, was sie von sich gewiesen, an alles, was sie hätte haben können! Sie begriff den geheimen Zusammenhang nicht. Warum war denn alles so? Warum?
Das Städtchen lag in tiefer Ruhe. Plötzlich erscholl ein herzzerreißender Schrei. Bovary ward blaß und beinahe ohnmächtig. Emma zuckte nervös mit den Augenbrauen. Dann aber war ihr nichts mehr anzusehen.
Der da, der war der Schuldige! Dieser Mensch ohne Intelligenz und ohne Feingefühl! Da saß er, stumpfsinnig und ohne Verständnis dafür, daß er nicht nur seinen Namen lächerlich und ehrlos gemacht hatte, sondern den gemeinsamen Namen, also auch ihren Namen! Und sie, sie hatte sich solche Mühe gegeben, ihn zu lieben! Hatte unter Tränen bereut, daß sie ihm untreu geworden war!
„Vielleicht war es ein Valgus?“ rief Karl plötzlich laut aus. Das war das Ergebnis seines Nachsinnens.
Bei dem unerwarteten Schlag, den dieser Ausruf den Gedanken Emmas versetzte — er fiel wie eine Bleikugel auf eine silberne Platte —, hob sie erschrocken ihr Haupt. Was wollte er damit sagen, fragte sie sich. Sie sahen einander stumm an, gleichsam erstaunt, sich gegenseitig zu erblicken. Alle beide waren sie sich seelisch himmelweit fern. Karl starrte sie an mit dem wirren Blick eines Trunkenen und lauschte dabei, ohne sich zu regen, den verhallenden Schreien des Amputierten. Der heulte in langgedehnten Tönen, die ab und zu von grellem Gebrüll unterbrochen wurden. Alles das klang wie das ferne Gejammer eines Tieres, das man schlachtet. Emma biß sich auf die blassen Lippen. Ihre Finger spielten mit dem Blatt einer Blume, die sie zerpflückt hatte, und ihre heißen Blicke trafen ihn wie Brandpfeile. Jetzt reizte sie alles an ihm; sein Gesicht, sein Anzug, sein Schweigen, seine ganze Erscheinung, ja seine Existenz. Wie über ein Verbrechen empfand sie darob Reue, daß sie ihm so lange treu geblieben, und was noch von Anhänglichkeit übrig war, ging jetzt in den lodernden Flammen ihres Ingrimms auf. Mit wilder Schadenfreude genoß sie den Siegesjubel über ihre gebrochene Ehe. Von neuem gedachte sie des Geliebten und fühlte sich taumelnd zu ihm gezogen. Sein Bild entzückte und verführte sie in Gedanken abermals. Sie gab ihm ihre ganze Seele. Es war ihr, als sei Karl aus ihrem Leben herausgerissen, für immer entfremdet, unmöglich geworden, ausgetilgt. Als sei er gestorben, nachdem er vor ihren Augen den Todeskampf gekämpft hatte. Vom Trottoir her drang das Geräusch von Tritten herauf. Karl ging an das Fenster und sah durch die niedergelassenen Jalousien den Doktor Canivet an den Hallen in der vollen Sonne hingehen. Er wischte sich gerade die Stirn mit seinem Taschentuche. Hinter ihm schritt Homais, die große rote Reisetasche in der Hand. Beide steuerten auf die Apotheke zu.
In einem Anfall von Mutlosigkeit und Liebesbedürfnis näherte sich Karl seiner Frau: