„Gib mir einen Kuß, Geliebte!“

„Laß mich!“ wehrte sie ab, ganz rot vor Zorn.

„Was hast du denn? Was ist dir?“ fragte er betroffen. „Sei doch ruhig! Ärgere dich nicht! Du weißt ja, wie sehr ich dich liebe! Komm!“

„Weg!“ rief sie mit verzerrtem Gesicht. Sie stürzte aus dem Zimmer, wobei sie die Tür so heftig hinter sich zuschlug, daß das Barometer von der Wand fiel und in Stücke ging.

Karl sank in seinen Lehnstuhl. Erschrocken sann er darüber nach, was sie wohl habe. Er bildete sich ein, sie leide an einer Nervenkrankheit. Er fing an zu weinen im ahnenden Vorgefühl von etwas Unheilvollem, Unfaßbarem.

Als Rudolf an diesem Abend hinten in den Garten kam, fand er seine Geliebte auf der obersten Stufe der kleinen Gartentreppe sitzen und auf ihn warten. Sie küßten sich, und all ihr Ärger schmolz in der Glut der Umarmung wie der Schnee vor der Sonne.

Zwölftes Kapitel

Ihre Liebe begann von neuem. Oft schrieb ihm Emma mitten am Tage. Sie winkte sich Justin durch das Fenster her. Der legte schnell seine Arbeitsschürze ab und trabte nach der Hüchette. Rudolf kam alsbald. Sie hatte ihm nichts zu sagen, als daß sie sich langweile, daß ihr Mann gräßlich sei und ihr Dasein schrecklich.

„Kann ich das ändern?“ rief er einmal ungeduldig aus.

„Ja, wenn du wolltest!“