»Wieso?«
Die Männer, die Salambo bisher gesehen, flößten ihr allesamt Furcht ein mit ihrem wilden Lachen und ihren plumpen Gliedern.
»Taanach, bisweilen steigt aus der Tiefe meines Wesens heißer Hauch auf, schwüler als die Dämpfe eines Vulkans. Stimmen rufen mich. In meiner Brust rollt und kreist eine Feuerkugel. Ich ringe nach Atem und vermeine zu sterben. Dann aber durchströmen süße Schauer meinen Leib vom Kopfe bis zu den Füßen. Eine Liebkosung ist's, die mich umfängt. Ich fühle mich bedrückt, als ob ein Gott sich über mich legte. Ach, ich möchte mich verlieren im Nebel der Nächte, in der Flut der Quellen, im Safte der Bäume! Ich möchte meinen Körper verlassen. Möchte nur noch ein huschender Hauch sein, ein schimmernder Schein, und aufschweben zu dir, o Mutter!«
Sie hob die Arme, so hoch sie konnte, und bog sich zurück. In ihrem langen Gewande sah sie licht und leicht aus wie die Mondsichel selbst. Dann sank sie stöhnend auf das elfenbeinerne Bett. Taanach legte ihr eine Bernsteinkette mit Delphinzähnen um den Hals, ein Amulett gegen die Angst.
Mit fast erloschener Stimme gebot Salambo:
»Hol mir Schahabarim!«
Ihr Vater hatte weder zugegeben, daß sie in den Orden der Tanitpriesterinnen eintrat, noch daß sie mit der volkstümlichen Auffassung des Kults dieser Göttin bekannt wurde. Er sparte sie für irgendein Bündnis auf, das seine politischen Pläne fördern sollte. Darum lebte Salambo einsam im Schlosse. Ihre Mutter war schon lange tot.
In Klösterlichkeit, unter Fasten und frommen Zeremonien war sie aufgewachsen, immer umgeben von erlesenen und ernsten Dingen. Ihr Körper war von Parfümerien durchtränkt, ihre Seele erfüllt von Gebeten. Nie hatte sie Wein getrunken, nie Fleisch gegessen, nie ein unheiliges Tier berührt, nie das Haus eines Toten betreten.
Sie hatte noch keine unzüchtigen Götterbilder gesehen. Jeder Gott kann sich in verschiedener Gestalt offenbaren, und voneinander ganz verschiedene Kulte haben oft denselben Grundgedanken. Salambo betete die Göttin in ihrer Erscheinung als Himmelsgestirn an, und ihr jungfräulicher Leib stand in seinem Banne. Wenn der Mond abnahm, fühlte sie sich schwach. Den ganzen Tag über matt und müde, lebte sie immer erst abends auf. Während einer Mondfinsternis wäre sie beinahe gestorben.
Die eifersüchtige Göttin rächte sich für die ihrem Dienste entzogene Jungfrauschaft und suchte Salambo mit Anfechtungen heim, die um so stärker waren, je wesenloser sie blieben. Sie wurzelten im Glauben und wurden durch ihn genährt. Unaufhörlich ward Hamilkars Tochter von Tanit beunruhigt. Sie kannte der Göttin Abenteuer, ihre Wanderfahrten und alle ihre Namen, die ihr fortwährend über die Lippen kamen, ohne daß sie damit deutliche Vorstellungen verband. Um in die Tiefe dieses Kults einzudringen, begehrte sie im Allerheiligsten des Tempels das altertümliche Götterbild zu schauen, das den prächtigen Mantel trug, an dem Karthagos Geschick hing. Der Gottesbegriff wurde von seiner Verkörperung kaum getrennt. Wer ein Götterbild berührte oder auch nur ansah, raubte dem Gott einen Teil seines Wesens und gewann in gewisser Weise sogar Macht über ihn.