Hamilkar senkte langsam das Haupt.

Obwohl sie sich anschuldigen wollte, wagte sie doch nicht die Lippen zu öffnen. Dabei erstickte sie das Bedürfnis, sich zu beklagen und getröstet zu werden. Hamilkar kämpfte gegen den Drang, seinen Schwur zu brechen. Er hielt ihn aus Stolz oder aus Furcht, den Trost der Ungewißheit zu verlieren. Durchbohrend schaute er Salambo ins Antlitz, um zu ergründen, was sie in der Tiefe ihres Herzens verberge.

Von der Wucht dieses Blickes erdrückt, ließ Salambo mehr und mehr den Kopf sinken und seufzte tief auf. Jetzt war er überzeugt, daß sie in der Umarmung eines Barbaren schwach geworden war. Er bebte und hob beide Fäuste empor. Sie stieß einen Schrei aus und sank in die Arme ihrer Frauen, die sich eifrig um sie bemühten.

Hamilkar drehte sich auf den Absätzen herum. Die Schar der Verwalter folgte ihm nach.

Man öffnete das Tor des Speichers und betrat einen weiten runden Saal, von dem, wie die Speichen eines Rades von der Nabe, lange Gänge ausliefen, die zu andern Sälen führten. In der Mitte erhob sich eine Art steinernes Podium mit Einlagerungen für die Kissen, die auf den Teppich herabgeglitten waren.

Der Suffet ging anfangs mit großen raschen Schritten auf und ab. Er atmete geräuschvoll, stampfte mit dem Fuß auf den Boden und fuhr sich mit der Hand über die Stirn, wie ein Mensch, der von Fliegen geplagt wird. Dann schüttelte er das Haupt, und beim Anblick der aufgehäuften Schätze beruhigte er sich. Seine Gedanken, durch den Blick in die Gänge angeregt, schweiften zu den andern, mit noch selteneren Schätzen gefüllten Räumen. Erzplatten, Silberstangen und Eisenbarren standen neben Zinnblöcken, die über das Nebelmeer von den Zinninseln gekommen waren. Die Harze aus dem Lande der Schwarzen quollen aus ihren Säcken von Palmenbast hervor, und der Goldstaub, der in Schläuche gefüllt war, stäubte unmerklich durch die altersschwachen Nähte. Zwischen dünnen Fasern, aus Seepflanzen gewonnen, hingen Flachse aus Ägypten, Griechenland, Ceylon und Judäa. Am Fuße der Mauern starrten Korallen wie große Sträucher empor. Und über alldem schwebte ein unbestimmbarer Geruch: die Ausdünstung der Wohlgerüche, der Gewürze und der Straußenfedern, die in großen Büscheln von der Deckenwölbung herabhingen. Vor jedem Gange standen Elefantenzähne, mit den Spitzen aneinandergelegt, und bildeten einen Spitzbogen als Eingang.

Hamilkar bestieg das Podium. Die Verwalter standen alle mit gekreuzten Armen und gesenktem Haupte da. Nur Abdalonims spitze Mütze ragte stolz empor.

Hamilkar befragte zuerst den Verwalter der Schiffe, einen alten Seemann, dessen Lider die Winde zerzaust hatten. Weiße Haarflocken reichten bis zu seinen Hüften herab, als wäre ihm der Schaum der Wogen im Barte hängen geblieben.

Er antwortete, er habe ein Geschwader über Gades und Senegambien ausgesandt mit der Order, das Horn des Südens und das Vorgebirge der Gewürze zu umschiffen und Eziongaber in Arabien zu erreichen.

Andre Schiffe – so berichtete er – waren vier Monde lang gen Westen gefahren, ohne auf Land zu stoßen. Dann hemmte Seegras den Bug der Schiffe. Am Horizont donnerten unaufhörlich Wasserfälle. Blutrote Nebel verdunkelten die Sonne. Düftegeschwängerter Wind schläferte die Bemannung ein, und hinterher war das Gedächtnis der Leute so verworren, daß sie nichts zu berichten vermochten. Inzwischen war man die Flüsse der Szythen hinaufgefahren, bis nach Kolchis, war zu den Jugriern und Estiern gedrungen und hatte im Archipel fünfzehnhundert Jungfrauen geraubt. Alle fremden Schiffe aber, die man jenseits des Kaps Ostrymon gekreuzt, hatte man in den Grund gebohrt, damit das Geheimnis der Wege unbekannt bliebe. König Ptolemäos hatte den Weihrauch von Schesbar zurückbehalten. Syrakus, Älana, Korsika und die Inseln hatten nichts geliefert, und der alte Pilot senkte die Stimme, als er meldete, daß eine Trireme bei Rusikada von den Numidiern gekapert worden war: »denn sie halten es mit ihnen, Herr!«