Hamilkar runzelte die Stirn. Dann winkte er dem Verwalter der Karawanen, er solle Bericht ablegen. Er trug ein braunes, gürtelloses Gewand, und seinen Kopf umhüllte eine lange Binde aus weißem Stoff, die am Rande seines Mundes vorbeilief und ihm hinten über die Schulter fiel.

Die Karawanen waren planmäßig zur Winter-Tag- und Nachtgleiche abgegangen. Doch von fünfzehnhundert Leuten, die mit vortrefflichen Kamelen, neuen Schläuchen und Vorräten bunter Leinwand nach Hinter-Äthiopien den Marsch angetreten hatten, war nur ein einziger nach Karthago zurückgekehrt. Die übrigen waren den Strapazen erlegen oder im Wüstenschreck wahnsinnig geworden. Der Gerettete berichtete, er habe weit jenseits des schwarzen Harudsch, hinter den Ataranten und dem Lande der großen Affen, ungeheure Reiche angetroffen. Die geringsten Geräte seien dort aus lauterem Golde. Ferner habe er einen Strom gesehen von milchweißer Farbe, breit wie ein Meer, dann Wälder von blauen Bäumen, Berge von Gewürzen, Ungeheuer mit Menschengesichtern, die auf Felsen hausten, mit Augäpfeln, die sich wie Blumen entfalteten, wenn sie einen anblickten. Endlich hätte es hinter Seen, die von Drachen wimmelten, kristallne Berge gegeben, auf denen die Sonne schliefe. Andre Karawanen waren aus Indien zurückgekehrt, mit Pfauen, Pfeffer und seltsamen Geweben. Die jedoch, die den Weg nach den Syrten und zum Ammontempel eingeschlagen hatten, um Chalzedone zu kaufen, die waren ohne Zweifel im Sande umgekommen. Die Karawanen nach Gätulien und Phazzana hätten die gewöhnlichen Erzeugnisse von dort mitgebracht. Zurzeit – so schloß der Verwalter der Karawanen seinen Bericht – wage er keine neuen Expeditionen auszuschicken.

Hamilkar verstand ihn: die Söldner hielten die Ebene besetzt. Mit einem dumpfen Seufzer lehnte er sich auf den andern Ellbogen. Der Verwalter der Landgüter hatte nunmehr solche Furcht zu reden, daß er trotz seiner breiten Schultern und seiner dicken roten Augen entsetzlich zitterte. Sein Gesicht war stumpfnasig wie das einer Dogge. Auf dem Kopfe trug er ein Netz aus Rindenfasern, um die Hüften einen Gurt aus Leopardenfell, in dem zwei furchtbare Messer blinkten.

Sobald sich Hamilkar abwandte, begann er schreiend alle Götter anzurufen. Es wäre nicht seine Schuld! Er könne nichts dafür! Er hätte die Witterung, den Boden und die Sterne beobachtet, hätte die Anpflanzungen zur Zeit der Wintersonnenwende, die Ausholzungen bei abnehmendem Monde vorgenommen, die Sklaven beaufsichtigt, ihre Kleider geschont ...

Seine Geschwätzigkeit ärgerte Hamilkar. Er schnalzte mit der Zunge, aber der Mann mit den Messern fuhr hastig fort:

»Ach, Herr, sie haben alles geplündert! Alles durcheinandergeworfen! Alles zerstört! In Maschala sind dreitausend Fuß Bäume niedergeschlagen, in Ubada die Speicher zertrümmert und die Zisternen verschüttet. In Tedes haben sie achthundert Metzen Mehl fortgeschleppt, in Marazzana alle Hirten getötet, die Herden verzehrt und dein Haus eingeäschert, dein schönes Haus aus Zedernholz, wo du im Sommer zu verweilen pflegtest! Die Sklaven von Teburba, die Gerste schnitten, sind in die Berge geflohen, und die Esel, die Maulesel und Maultiere, die Rinder von Taormina und die oringischen Pferde, – nicht eins ist mehr da, alle sind geraubt! Es ist ein Fluch! Ich überlebe das nicht!« Weinend fuhr er fort: »Ach, wüßtest du, wie die Keller gefüllt waren, wie die Pflüge glänzten! Und ach, die schönen Widder! Ach, die schönen Stiere!«

Hamilkar erstickte fast vor Zorn. Dann wetterte er los:

»Schweig! Bin ich denn ein Bettler? Keine Lügen! Sprecht die Wahrheit! Ich will alles wissen, was ich verloren habe, alles bis auf Heller und Pfennig, bis auf Zentner und Scheffel! Abdalonim, bring mir die Rechnungen über die Schiffe, über die Karawanen, die Landgüter und den Haushalt! Und wenn euer Gewissen nicht rein ist, wehe euern Häuptern! – Geht!«

Alle Verwalter gingen rücklings hinaus, tief gebeugt, so daß ihre Hände den Boden berührten.

Abdalonim nahm aus dem Mittelfache eines Schrankes, der in die Mauer eingebaut war, mit Knoten bedeckte Schnüre, Leinen- und Papyrosrollen und Schulterblätter von Schafen, die mit feiner Schrift bekritzelt waren. Er legte sie Hamilkar zu Füßen, gab ihm einen Holzrahmen in die Hand mit drei eingespannten Fäden, auf denen Kugeln von Gold, Silber und Horn aufgereiht waren. Sodann begann er: