»Es gibt doch Freude – etwas, was golden an die Firmamente rollt – weshalb war ich verstoßen von allen wie ein Mensch mit der Pest? Weshalb muß ich weinen, wenn ein armer Affe im Zirkus aus einer künstlichen Tasse trinkt? Ich kenne die Qual der unfreien, der friedlosen Kreatur. Das ist gegen Gott! Du hast mir die Kleider verboten und mir die Haare geschoren, wenn ich aus glühender Eitelkeit sie anders wollte als du ... Soll ich noch weiter in diesem Schlunde wühlen, wo doch an tausend Zacken mein Fleisch klebt! ...«

Kurt-Georg hatte die Arme emporgeworfen wie in Freudenüberschwang. Dann plötzlich deckte er mit ungestümen Händen sein hageres Gesicht.

Jetzt erst schien ihnen meine Gegenwart Bewußtsein zu werden. Und dieser Umstand gebar eine tiefe Stummheit. Ich riß die Stille entzwei und sagte etwas über das kranke Pathos dieser zerquälten Jugend. Sie aber wiesen mich alle drei mit erstarrenden Blicken zurück. Und als ich weitersprechen wollte, bedeutete Ludwig mich hochgestreckten Gesichts, daß die Berechtigung dieses gegen alle Väter aufrufenden Stückes unerörterbar sei, und daß dieser urmoderne Konflikt dem früheren Geschlecht immer fern und unsympathisch sein müsse.

Ich wies auf den Sonderfall hin, den der Dichter zum Anhalt seines Stückes genommen hatte. Denn wem von ihnen und all ihren Schul- und Studiengenossen sei eine ähnlich lichtarme Jugend gegeben, wer von ihren Gefährten sei mit der Reitpeitsche gezogen worden? Ich zeigte ihnen das Übertriebene, die Kraßheiten des Schauspiels. Sie antworteten nicht mehr. Aber ihre jungen Lippen alterten unter einem Lächeln, das Abweisung und mitleidige Nachsicht sagte. Und wie mein bedrücktes Gefühl mich schweigen machte, hatten sie mich im Augenblick vergessen und der Strom ihrer Begeisterung trümmerte von neuem gegen die Dämme des stillen Nachthauses.

Ich schlich mit meiner dunklen Not in mein Zimmer heim und schmiegte mich in seine sachte Umarmung. Das Licht unter der verhangenen Lampe blühte hyazinthblau. Im breiten, unmodischen Kachelofen geigten die Winde. Aus den gläsernen Türen der Bücherschränke neigten sich in Vertrautheit die alten Freunde. Von Brettern, Tischen, aus geöffneten Mappen winkten meine Zeichnungen mir zu: »Hast du uns denn vergessen und des Heimlichkeitsglückes unserer Erschaffung?«

Ich griff in Verlangen nach einem Gedichtband, der tausend süße Wunder aufzuschließen wußte. Ich nahm ein träumerisches Pastell hoch. Mein Gefühl und Verstehen blieb ihnen so fern wie dem Philister der Zauber einer Reisenacht. Ich ging zum Fenster, das ein Stück finsteren Gartens umgriff. Der Sturm schlug die Bäume, daß sie sich in Schmerzen krümmten und verbogen. Er verknäuelte schwarzes Gewölk und zerzerrte es, bis es in Fetzen auseinanderfiel. Dahinter wieder nichts als gehäufte, düstere Wolkengebilde. Eine einzige, im Winde tränende Laterne warf ihr Licht auf das schwergraue Bild. Angezechte Burschen schoben sich vorüber. Ihrem heiseren Gejohle paarte sich das Aufkrächzen der Raben.

Der Sturm brüllte immer lauter. Immer gebieterischer ward sein Tun, bis alles ihm in Trotz oder Schwäche untertan blieb. Hin und her meldete die Stutzuhr von meinem Schreibtisch, daß wieder eine Stunde hingewelkt sei. In Zwischenräumen hörte ich die Knaben Verse hersagen und singen. Es war keine Müdigkeit in mir diese Nacht. Mit unabweisbarer Macht stieg der erschütternde Gedanke in mir, daß der verflossene Tag einen tiefen Einschnitt in mein Leben getan hatte, eine tiefere Kerbe, als alle bisherigen. Wie hieß das Neue, das von meinem Dasein Besitz ergreifen wollte? Und mit welchem Antlitz würde es mich anschauen?

Ich fröstelte ob dieser Ungewißheit. Und während die Winde die Mauern meines Hauses umpfiffen und verdorrte Zweige über die Gartengänge peitschten, während meine Kinder der Geburt einer neuen Welt entgegenjubelten, zündete ich meine Schreibtischlampe an und schrieb die Eindrücke dieses Tages in diese Blätter ein.

II.

Den 15. November 1918.