Zu Asche verbrannt auf dem Scheiterhaufen der Zeit und des Raumes
Stirbt jeden Augenblick, was im Augenblick Lebendem glich.
Schwarz, ein Grau'n, ist das Morgen. Schwarz, ein Weh, ist das Gestern.
Trügerisch bunt ist das Heute, ein Irrlicht auf schwarzem Moor.
Nur, was nie lebte, lebt. Nur du und die bleichen Schwestern,
Ihr schreitet unwandelbar schön, unvergänglich durch Traumes Tor.

*

Über alle diese Untätigkeit, die Qualen und Seligkeiten hinweg, kam der Tag, kam ein früher Morgen, der mich wieder an meiner Arbeitsstelle sah, mit Farben und Pinseln und Spachteln vor grauem Leinen. Wie hatte ich so viel Zeit verträumen und verlieren können über den Verwandlungen meiner Gesichte? Aber mit jedem Tage strömten mehr der Gestalten, lebten feinere Nuancen mir vom Hirn in die Finger. In Schauern, die mich fiebern machten, wuchs »der Revolutionsball« aus Vorstudien, Skizzen, Anfängen und inbrünstigem Fühlen groß, und schloß sie alle zu dem Gemälde ein, von dem ich wußte: es würde mein bestes sein.

Je mehr es zur Vollendung reifte, um so mehr vertiefte sich meine Erregtheit, mein Beglücktsein. Jubel durchbrauste mich. Ein Unfaßbares überstrahlte meine Körperlichkeit. Alle diese Gestalten, die ich geschaffen, aus dem Nichts geboren, in eine Welt gestellt, die laut und vernehmbar zu sprechen wußte, war das nicht Macht, die vieles überdauert?

»Du hast deine Kunst ... bist alt ...« sagtest du, Ludwig, nicht so?

»Ja, ich habe meine Kunst,« wollte ich dir entgegenschreien. »Aber weißt du, der Wissenschaftler erster Semester, der nüchterne Zergliederer des Schrifttums, daß sie es ist, die immer jung erhält, die mich vor müdem, blutleerem Abstieg bewahrt? Meine Haut kann gilben und runzeln, mein Körper siechen, mein Geisteslicht leiser werden: die Welt in mir, die Kraft meines Fühlens und meines Erträumens, die immer sich erneuernden Sehnsüchte, die starken Schmerzen, daraus Kunst sich nährt, machen die Jahre versinken, auch wenn das Werk ungeschaffen bleibt. Ja, Ludwig, du sagtest recht. Nur anders, als du es gedacht. Darf der um erdenkleine Dinge zagen, der die Unendlichkeit in sich trägt?«

XVI.

Den 25. Juli 1919.

Einmal wurde die Stunde, da meine Nerven, meine Hände, meine Augen, mein Hirn sich gegen die Gewalttätigkeit meines Willens auflehnten. Nur noch wenige Tage und ich hätte den Revolutionsball hinaussenden können. »Jetzt nicht gestreikt!« lächelte ich, »ich bewillige euch so viele Ferientage, bis ihr wieder zu arbeiten begehrt.«

Und ich ging hin zur Sommersee. Allein mit einem graubebärteten Fischer und seinem Knaben segelte ich über das traumhaft murmelnde Wasser. Bis dahin, wo das Weltende beginnt. Und nichts mehr übrigläßt, als seligen Himmel über den grünlichten Fluten. Keinen Laut als den trunkenen Einsamkeitsschrei der Möwen und das silberleise Wollustgeriesel der Fläche, wenn der Vögel Schwingen spielend über sie streifen. Wie weit war das Leben! Und wie hart seine Steine!