Und wie sie meiner ansichtig wurden, flohen, wie am ersten Revolutionstage, ihre Mienen und ihre Haltung hinter eine Schanze zurück. Und deutlich lesbar feindeten mich die Augen meiner Söhne an: »Was kommst du so taktlos unsere Entzückung töten, du, eine des einstigen, des gewesenen Menschenalters?«
Ich stammelte eine Entschuldigung, die der Störung galt und nahm, halb in Gedanken, einen überzähligen Dramenband – Annemarie war heute am Kommen verhindert – mit in mein Zimmer.
Wenn der Dichter alle zu zwingen gewußt hat, die Mengen in den Theatern der Großstädte, die Kritik, wenn er die sechs so verschieden gearteten Jugendlichen unter meinem Dache zu einer Anbetung gebeugt hatte, warum nur empfand ich das Werk als einen mißfälligen Ton? War es die kleinliche Regung der Mutter, der sich an jenem Tage zum ersten Male die Kluft zwischen den Lebensaltern öffnete, die sie von ihren Kindern trennte? Die Beschämung: Vergangenheit, Unverständnis, Gewesenes zu bedeuten?
Ich schlug den letzten Auftritt nach. Mir blieb wie im Theater Verwirrung und Abkehr vor so kreischendem Aufruhr. Wie will derselbe Dichter, der gebietet: »Klammre dich hinauf an den Gedanken – zu der Frage höchster Menschlichkeit,« seine Forderung erhalten sehen, wenn er das Geschöpf seines Geistes den Revolver auf den Vater richten heißt?
Ich wandte das Buch und las es bedächtig vom Anfang bis zum letzten Wort und fand so die Überraschung, daß der Verfasser – wie jeder wahre Dichter – vielerlei darin gesagt hatte, daß er mich mit manchem schmelzenden Wort gekost, mich mit leuchtenden Bildern gefangengehalten hatte. Verblüffend blühen an seinem Baum des Hasses und der Empörung so zarte Blüten auf: »Später werden Sie erfahren, wie schwer es ist, einen anderen zu lieben. Heute kennen Sie keinen als sich.« Und solche Weisheit kündet der neunzehnjährige Dichtersohn: »Wie kannst du ein Wort auf der Zunge bewegen und sagen: So ist es! Siehst du nicht stündlich den Tod in den Baracken und weißt nicht, daß alles anders ist in der Welt!« Und dann sagt einmal, auch ein Vater, der Kommissar: »Und wenn mein Sohn mir tausendfach unrecht tut – ich bin doch sein Vater! Soll er andere mehr lieben als mich? Wir Väter müssen erst unsere Söhne erringen, ehe wir wissen, was sie sind.«
Das Buch glitt vom Tische. Ich hielt es im Hinfallen bei einer Seite. Es war das Deckblatt und fühlte sich dicker an als die anderen. Und wie meine Finger es abtasteten, klaffte ein Spalt. Mein Messer trennte die zwei aneinandergeklebten Seiten. Da sah ich, daß kein Zufall sie verbunden hatte, denn die Steilschrift Annemarie Grünhagens kündete:
»Wir sechs Unterzeichnete geloben, gegen alle Tyrannen, so hoch sie anderen und so nahe sie uns stehen mögen, unerbittlichen Kampf zu führen, getreu dem Geiste dieses herrlichen Aufrufs!«
Den 12. November 1918.
Alle sechs Teilnehmer der Lesenachmittage hatten ihre Unterschrift hingesetzt.
Ich holte meinen Wettermantel und durchquerte lange den schwärzlichen Garten, der immer leiser und immer verlassener in den Winter wuchs.