Einmal, da matter Wintermond über dem Garten, dem Zimmer und den Dingen hing und die Mädchengesichter auf hellbepudertem Grunde hinblassen ließ, kam es, daß Ellinor mir zu Füßen glitt und geneigten Kopfes unaufhaltsam über meine Hände strich.
Kurt-Georg lehnte am Fenster, halb zum Zimmer, halb zum Garten gekehrt, seine Augen dürstend dem weiten, blinkenden Schimmer geöffnet, den Körper vorwärts gebogen, als suche er in Heimweh nach verlorenem Lande. Dann deckten schwere Lider das nasse Geglänz seiner Pupillen.
»So traumhaftes Nachtlicht erhellte mein Knabenkranksein ... wie alt, wie süß und fern!« flüsterte er, wie wenn er selbst sich im Traume bewege ...
»Kurt-Georg,« hauchte Annemarie, in Furcht, ihn aufzuschrecken, »Kurt-Georg, wir sind dir so nahe ... und ohne Schuld ... Weshalb fliehst du unser Haus? Komm wieder wie in Kindheitszeiten ...«
Lange schaute er zur weißen Schale am hohen Himmel auf, die das Land mit kranker Blässe begoß. Annemarie hatte die Hände wie in Frommheit zusammengelegt. Dann drehte sich sein Gesicht uns zu. Und stockend kam es: »Ich will ... euch ... wieder ... besuchen ...«
Der Mond beglänzte Annemaries Augen. Sie hoben sich in blinkender Verklärung aus dem unschönen Gesicht.
VI.
Den 29. Dezember 1918.
Henno beginnt in diesen allnächtlichen Schwelgereien Widersinn seines auf strenge Arbeit gestellten Lebens zu ahnen. Er hält Umschau unter den Veranstaltungen und Orten, bedacht und voll Sorgsamkeit, wählt die, welche er zu besuchen denkt, mit Geschmack aus, und verteidigt seine Arbeitsstunden gegen jede Außenstörung. Nie mehr bleiben seine Studien in der Kunstakademie zurück. Nach dem kurzbefristeten Ausflug zu Orgien, denen seine Jugend Zins entrichtete, kehrte er, besonnen wägend und abrechnend, wie ein alter Großhandelsherr, zu seiner Tätigkeit heim. Immer schon schien dies mir das Seltsame an seinen jungen Jahren und der Erzeugung seiner Malereien. Daß er seine Kunst nie von innerer Erleuchtung, packenden Gesichten oder überstarkem Empfinden abhängig machte, daß seine Sehnsucht nie die Erde verließ, daß er Kunst arbeitete mit Kopf und mit Hand, schweißbegossen, als leistete er Frondienst, daß er sie rechnete wie eine mathematische Aufgabe. Einen Achtzehnjährigen sah ich noch nie so kunstbesessen, so arbeitsnüchtern dabei wie Henno.
Ludwig ist nur noch Gast daheim. Irgendeine Nacht hat ihm jäh zwei ältere Schulkameraden wiedergegeben, beide bald nach ihrer Rückkehr von der Front. Zuweilen geleiten sie ihn zu unserem lautlosen Vorort hinaus und weilen ein wenig in meinem Gartenzimmer. Der langbeinige Gert Driesen, der über zwei Jahre lang im Osten gestanden, hat seine Jugend dort gelassen. Gewöhnlich sitzt er schweigend und zuhörend in einem Lehnstuhl, mit herabgezogenen Mundwinkeln und dünnen Fältchen rund um die Augen. Hin und her aber holt er Bilder aus tiefem Erinnern herauf, glitzernde, ausschweifende, atemnehmende. Man weiß nie, ob es Phantasie, ob Milderung oder Übertreibung eines wirklich Geschauten ist, was er da sprunghaft, eines das andere überdrängend, vorbringt. Die Lider decken sich auf die Pupillen. Und nur zuweilen, bei ganz krassen Stellen, flitzt ein schräger Blitz an den Zuhörenden entlang. Die Hände strecken sich und ziehen sich mit zeichnenden Gebärden vor und zurück. Um den Mond gespenstert ein Zug, der das Gesicht zum Widerspiel eines ausgepichten Schalks oder einer meisterlich gedämmten Erschütterung macht. So läßt er die Ahnung eines baltischen Schlosses aus dem Nichts erwachsen, mit marmornen Marställen, mit gläsernen Wintergärten und Gewächshäusern, durchsüßt von Ananasdüften, mit grauäugigen Schloßfrauen voll schweren Geblüts, mit weißen Abenden voll melancholischer Violinen und aufpeitschend alter Weine. Flüchtende Bilder schatten auf und hin, von östlichen Kleinstädten, darinnen alle Laster gegeneinander tollen, in Nächten, heiß und funkelnd von Feuersbrünsten, die garstige Lüste und zerrüttende Begier gebären und stillen und schwanger gehen mit jedem Verbrechen. Getöse erschrillt vor Bolschewistenlagern. Volkshaufen gären auf: eine wütende Menge drängt Lebensmitteldiebe zu einer Brücke. Tierhafte Schreie ... Regengepeitschtes Wasser spritzt hoch, strudelt über Menschenleibern, die langsam in graue Tiefe hinsinken. Und wieder, rasch hinskizziert, wilde Gelage, Tische mit rollendem Gold und Trunk und Speisen, deren Namen in Deutschland schon lange Jahre Sage und Verschollenheit bedeuten ...