»Nun, es ist doch schade, daß wir das Kind gestohlen haben. Wir werden es hier behalten müssen, denn der Bürgermeister hat soeben beschlossen, daß Kinderräuber jetzt mit dem Tode bestraft werden sollen. Das Kind soll nie wissen, woher es kommt. Es soll denken, daß es unser Kind ist, und wenn es groß genug ist, soll es auch Räuber werden. Aber jetzt muß es fünf oder sechs Jahre hier im Berge bleiben.«

Da die alte Frau doch zu alt war, um viel hinaus zu gehen, blieb sie auch im Berge mit dem Kinde. Der kleine Heinrich spielte, aß, trank und schlief da im Berge, und da er nichts anderes kannte, war er immer zufrieden. Die alte Frau, die ihm nicht nachgehen wollte, lehrte ihn die Finsternis fürchten, und so blieb er immer bei der Lampe und ging nie in die vielen Gänge. Als er größer wurde, spielte er oft mit dem jüngsten unter den Räubern, einem guten jungen Mann, der auch als Kind entführt (gestohlen) worden war, und rauben mußte, obgleich er es nicht gern that.

Dieser Jüngling war dem Kleinen gut, und jeden Morgen, wenn er wieder in die Höhle kam, brachte er dem Knaben ein Spielzeug. Er brachte ihm ein hölzernes Lamm, eine Schere und bunte Papiere, und lehrte ihn, Blätter und Blumen daraus zu schneiden.

Das Kind wurde sieben Jahre alt, und doch wußte es nichts von der schönen Welt draußen. Es kannte nichts als die Höhle, die Räuber, die alte Frau und das Leben im Berge.

Die alte Frau war jetzt so alt geworden, daß sie immer schlafen wollte, und wenn die Räuber fortgingen, war Heinrich so gut als allein. Oft sagte er zu dem Jüngling: »Ich möchte doch einmal mit Ihnen gehen, wenn Sie ein Licht nehmen und dort in die Finsternis gehen! Das Licht wird immer kleiner und kleiner, so klein, daß ich es endlich nicht mehr sehen kann.«

»Ach,« sagte der Jüngling. »Sie können nicht mitkommen. Bleiben Sie nur hier und machen Sie viele schöne Papierblumen.«

3. Der Einsiedler.

Eines Tages, als die alte Frau fest eingeschlafen war, und die Räuber alle fort waren, nahm der kleine Heinrich ein Licht und sagte zu sich selbst: »Ich will auch da in die Finsternis gehen! Ja, ich will gehen. Ich werde die Räuber bald finden!«

Er ging. Der Gang war sehr finster und sehr lang. Endlich kam er an einen Platz, wo zwei Gänge zusammenkamen. Da er nicht wußte, welchen Gang er nehmen sollte, nahm er den rechts, und ging wieder weiter. Aber das Licht war klein und endlich erlosch es.

Der arme kleine Heinrich konnte zuerst nichts sehen. Er war allein, und alles war so finster. Endlich aber sah er ein kleines mattes Licht. Er dachte: »Ach, da sind die Räuber, ich muß ihnen schnell nachlaufen.« Er lief schnell. Das Licht wurde immer größer, aber es war immer sehr matt. Endlich kam Heinrich dahin, wo der Gang ins Freie führte. Das Loch war klein, aber er kroch schnell hinaus und sah die Welt, die wunderschöne Welt zum erstenmal.